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Entzug des Doktorgrades mit Hilfe externer Gutachter - Pro

VON PETER FRANKENBERG UND JÜRGEN ZÖLLNER

Wenn eine Dissertation infrage gestellt wird, ist nicht nur die Reputation des Verfassers gefährdet. Auch die prüfende Hochschule muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ungenau geprüft zu haben. Darf die betroffene Universität daher den Plagiatsvorwurf selbst prüfen oder sollte dies ein externer Gutachter übernehmen? Pro und Contra im Überblick.

Entzug des Doktorgrades mit Hilfe externer Gutachter - Pro© melnichuk_ira - iStockphoto.comBei der Aberkennung des Doktorgrades stellt sich die Frage der Zuständigkeit
Das Promotionsrecht ist das vornehmste Privileg der Universitäten. Entsprechend sorgfältig und qualitätsorientiert müssen die Universitäten damit umgehen: mit der Verleihung, aber auch mit der Aberkennung von Doktorgraden. Unabhängig davon, ob die Aberkennungen im Einzelfall richtig oder falsch waren, hat sich eine große Unsicherheit im Verfahren gezeigt, in Einzelfällen wurden notwendige Qualitäts- und Rechtsmaßstäbe nicht beachtet.

Wenn eine Dissertation infrage gestellt wird, sind sowohl der Verfasser als auch die betreffende Universität Betroffene. Der Verfasser wegen möglicher unredlicher und oder unwissenschaftlicher Arbeitsweise, die Universität wegen mangelnder Betreuung der Promotion bzw. mangelnder Qualität des Überprüfungssystems. Grundsätzlich sollten für die Aberkennung der Promotion, also der Gültigkeit der Dissertation, die gleichen Maßstäbe gelten wie für das Anerkennungsverfahren. Es müssten also z.B. mindestens zwei fachnahe Gutachten erstellt werden. Ein fachfremdes Gutachten kann höchstens als weiteres Meinungsbild dienen. Da die Universität in einem Aberkennungsverfahren aber selbst Betroffene ist, müssen dabei zwei ungeschriebene Gesetze der Entscheidungsfindung in der Wissenschaft auf geeignete Art und Weise angewendet werden:
  • 1. Betroffene dürfen nicht über ihre Angelegenheit entscheiden.
  • 2. Derjenige, der inhaltlich beurteilt (Gutachter), darf nicht entscheiden.

Wie dieses sinnvoll und möglichst einheitlich für alle Universitäten geregelt werden kann, ist zuerst Sache der Wissenschaft. Wenn die Wissenschaft hier nicht zeitnah handelt, setzt sie ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Einige Eckdaten erscheinen unverzichtbar: Wenn schon nicht ein zentrales Gremium der Wissenschaft dafür zuständig werden sollte, so sollte in jedem Fall eine Universität nicht ausschließlich selbst eine Dissertation überprüfen, sondern müsste verpflichtet sein, unabhängigen fachlichen Sachverstand aus einer anderen Universität hinzuziehen. Der Verdacht der "Selbstreinwaschung" könnte andernfalls der Glaubwürdigkeit des Verfahrens schaden.

Dies gilt sowohl für das Gutachten eines fachnahen Wissenschaftlers als auch für das Gremium, das eine abschließende Bewertung trifft.

Wegen der Betroffenheit der Universität müsste dieses Gremium ebenfalls um externe fachnahe Wissenschaftler erweitert werden. In verschiedenen Verfahren der jüngsten Vergangenheit sind diese an sich selbstverständlichen Regeln negiert worden. Hier genügte der Universität ein Gutachten eines fachfremden Wissenschaftlers, dort wurde kein wirklich unabhängiger fachnaher Rat eingeholt oder Entscheidungsgremien entsprachen nicht wissenschaftlichen Anforderungen. Ob Gutmeinen, Unsicherheit, Selbstüberschätzung oder Interessenleitung: Solche Verfahren schaden der Reputation des Promotionswesens zumindest der betroffenen Universitäten, aber auch darüber hinaus. Dankenswerterweise hat sich der Wissenschaftsrat und wohl auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft dieses Problems angenommen. Es wäre gut, wenn die Empfehlungen sich nicht nur mit der Aberkennung befassen, sondern auch Regelungen enthalten, die sicherstellen, dass schon bei der Erstellung der Promotion Qualitätsstandards, gerade auch bei der Betreuung, eingehalten werden.


Über die Autoren
Peter Frankenberg ist ehem. Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg und ehem. Rektor der Universität Mannheim sowie im Vorstand der Heinrich-Vetter-Stiftung.
Professor Dr. Jürgen Zöllner ist ehem. Wissenschaftsminister des Landes Rheinland-Pfalz und ehem. Senator für Bildung sowie Wissenschaft und Forschung in Berlin, Vorstand der Stiftung Charité.

Aus Forschung & Lehre :: August 2014