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Epochenwende - Über die Zukunft der Universität


von Marcus Kracht

Die Gesellschaften sind weltweit in einem rapiden Umbruch, von Krise und Krisen ist allenthalben zu hören und zu lesen. Die Reformen der letzten Jahren scheinen eher dazu geeignet, die Universitäten distanzlos in die Umwälzungen hineinzuziehen. Dabei wäre kritische Distanz von Nöten. Die Universitäten müssten wieder zu einem Ort werden, an dem die Gesellschaft über sich nachdenken kann.

Epochenwende - Über die Zukunft der Universität© alphaspirit - Fotolia.comDie Zukunft der Universität sollte sich weniger an Strukturplänen als an den zukünftigen Herausforderungen orientieren
Die Reformen an den Universitäten haben vor allem zwei Dinge bewirkt. Zum einen hat sich die Bürokratie sprunghaft vermehrt und zum zweiten werden die Universitäten zunehmend den Prinzipien des Marktes unterworfen. Beide Entwicklungen sind höchst bedenklich, und sie sind deswegen auch verstärkt kritisiert worden. Ich denke aber, die Gefahren sind viel größer, als man sich vorstellt.
Denn die Reformen drohen, die Universitäten genau in dem Augenblick zu zerstören, wo sie dringend gebraucht werden. Nicht wegen der Technik sondern wegen ihres - vorhersagbaren - Rückzugs. Wir stehen nämlich am Anfang einer, um es milde zu sagen, Epochenwende. In dem vor ziemlich genau 40 Jahren erschienenen Buch "Grenzen des Wachstums" wurde ausgerechnet, dass der normale Verlauf der weltweiten Entwicklung mit einem etwa 40 Jahre andauernden Wachstum beginnen würde, der dann in eine lange Phase des Abstiegs mündet. Diese zweite Phase liegt also unmittelbar vor uns. Dennis Meadows sieht bisher keinen Grund, von den ursprünglichen Rechnungen abzurücken. Sie haben sich bisher bewährt.

Ein wichtiges Indiz ist der sogenannte Peak Oil. Peak Oil ist die welthistorisch maximale Förderungsrate an Öl. Bisher stieg die Ölförderung jedes Jahr an. Seit 2006 etwa ist sie in Stocken geraten und liegt bei etwa 75 Millionen Barrel pro Tag (nur Rohöl und Kondensate). Die Suche nach Alternativen hat noch hier und da Entlastung geschaffen, aber viele Experten meinen, dass in etwa zwei Jahren der Spielraum erschöpft sein wird. Dann werden uns die Einsparungen schneller abgezwungen werden, als wir sie "erwirtschaften" können. Was das bedeutet, kann man nur ansatzweise erahnen. Die Bundeswehr hat dazu eigens eine Studie in Auftrag gegeben, und die Ergebnisse sind ernüchternd.

Wer glaubt, dies sei nur ein technisches Problem, irrt gewaltig. Energiesparen ist bereits jetzt schlichte Notwendigkeit. Und zwar in der Größenordnung von mehreren Prozent pro Jahr. Das ist keine Kleinigkeit. Wir werden uns deswegen weniger leisten können. Hinzu kommt, dass den Herstellern von Autos und Flugzeugen (und nicht nur ihnen) massive Absatzprobleme ins Haus stehen, was für Deutschland eine mittlere Katastrophe wäre.

Die bisher vielfach geforderte Umkehr wird sich in Zukunft von selbst einstellen. Sie wird aber weitaus problematischer für die Gesellschaft, weil sie insgesamt eben nicht freiwillig kommt sondern durch hohe Preise erzwungen wird. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine materielle Verschlechterung für die meisten Menschen. Angesichts der aberwitzigen Summen, die gerade in irgendwelche Bankenrettungen gesteckt werden, stellt die Gesellschaft zunehmend die Gerechtigkeitsfrage. Demnächst wird sie wohl auch die Wirtschaftsordnung insgesamt infrage stellen.

Die Rolle der Universität

Was aber bedeutet das für die Universitäten? Die Universitäten sollten eigentlich der Ort schlechthin sein, wo solche Entwicklungen in all ihren Auswirkungen diskutiert werden. Denn Universitäten sind ein Ort der kritischen Reflektion, oder sollten es wenigstens sein. Universitäten halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Sie schauen hin, sie dokumentieren und deuten die Welt. So, wie der Mensch Orte der Meditation und des Nachdenkens braucht, so braucht die Gesellschaft Orte, wo sie über sich selbst nachdenken kann. Dazu gehören die Universitäten.

Von diesem Bild sind wir aber inzwischen meilenweit entfernt. Die Universität ist zu einem Paralleluniversum geworden, wo die eigene Existenzfrage losgelöst von der der Gesellschaft diskutiert wird. Es geht, wie überall auch, nur noch um Geld.

Aber Geldmangel alleine wäre noch nicht problematisch. Das Schlimme daran ist, dass das Sparen mit einem Zwangskorsett daherkommt, das völlig wissenschaftsfremd ist und zudem noch mit bombastischer Rhetorik verkauft wird. Die gegenwärtigen Umstrukturierungen passen überhaupt nicht zu dem eben entworfenen Bild. Der Trend zum "strukturierten Lernen" ist nämlich in der gegenwärtigen Praxis nichts weiter als der Versuch, das Lernen auf die vorgegebenen Inhalte zu fokussieren und so den Studienerfolg zu garantieren.

Dabei müssen sich gerade Universitäten immer wieder auf das Risiko des intellektuellen Scheiterns einlassen, eben weil sie in neue Richtungen denken sollen. Und sollen sie die Studierenden etwa nicht auf diese Reise mitnehmen dürfen?

Insofern ist die Idee, das alte Denken und die alten, bewährten Inhalte mit Hilfe von Strukturplänen auf Dauer zu zementieren, geradezu aberwitzig. Niemand kann heute voraussehen, welches Wissen morgen gebraucht wird. Warum also sollten wir dies fixieren? Wenn schon die Universitäten nicht mehr flexibel sein können, wer kann es dann noch?

Zweitens ist die Idee, die Universitäten sollten sich am Markt orientieren, in diesen Zeiten mehr als fragwürdig. Denn einerseits erschafft der Staat den Markt ohnehin überwiegend selbst. Andererseits aber ist der Markt selber unfähig, die anstehenden Probleme rechtzeitig zu sehen und sich darauf einzustellen. Im Gegenteil, wie Ernst-Ulrich von Weizsäcker betont, die Umsteuerung kann nur vom Staat kommen, indem er die Preisrelationen antizipatorisch zurechtrückt, indem er Energie und Rohstoffe entsprechend besteuert. Wenn der Staat sich aber von seinen Aufgaben zurückzieht und jetzt auch noch die Universitäten dazu zwingt, das Gleiche zu tun, dann spielt er vollends Vabanque.

Die Rolle der Intellektuellen

Ich bezweifle, dass die Politik sich dazu aufraffen wird, die Universitäten rechtzeitig aus dem Korsett der Marktkonformität zu befreien. Insofern ist es von enormer Wichtigkeit, dass die Lehrenden selber die Sache in die Hand nehmen. Dazu bedarf es eigentlich keiner großangelegten Aktion. Es würde schon reichen, wenn wir den Studierenden offen sagen, wie wir die Zukunft sehen und sie ermuntern, sich selber auf den Weg zu machen. Natürlich sind wir als Intellektuelle ebenso gefordert. Wir sollten zuerst einmal schonungslos reinen Tisch mit unseren Erwartungen an die Zukunft machen. Das würde schon von selbst viele Veränderungen bringen. Ich bin sicher, viele warten nur auf eine ehrliches Wort von uns.

Man beginne einfach mal mit dieser Frage: was wird das im Einzelnen bedeuten, dass die Wirtschaft real schrumpft und nicht wie bisher wächst? Dies alleine wirft schon zahllose Einzelfragen auf, die in fast jede Disziplin reichen. Es würde sich lohnen, sie zu thematisieren. Denn nicht nur wird man dann fragen, wie die Gesellschaft eine halbwegs gerechte Verteilung der Güter garantieren kann, sondern auch, wie sie mit den psychischenund sozialen Verwerfungen fertig wird. Nicht mehr Technik wird die Lösung bringen, sondern wahrscheinlich sogar viel weniger. Die Mediziner werden sich zum Beispiel fragen müssen, wie sie mit wenigen Mitteln den Menschen effektiv helfen können, wenn die teuren Therapien unerschwinglich werden.

Und auch die Universitäten werden ihre Prioritäten neu sortieren müssen. Nicht jedes Wissen lohnt sich noch anzuhäufen. Die Umwälzungen der kommenden Dekaden werden unsere Gewissheiten auf eine harte Probe stellen. Wir tun gut daran, sie schon jetzt gründlich zu prüfen. Die Universität muss ihre Verwantwortung dafür noch viel ernster nehmen, als sie es bisher schon tat. Dies - und nicht das Erfüllen irgendwelcher Bildungskennziffern - ist ihre eigentliche Aufgabe.


Über den Autor
Marcus Kracht lehrt theoretische Computerlinguistik und mathematische Linguistik an der Universität Bielefeld. Sein Spezialgebiet ist nichtklassische Logik und Semantik der natürlichen Sprache.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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