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Erfinden am Fließband

Das Gespräch führte CHRISTOPH DRÖSSER

Nathan Myhrvold, einst Vordenker von Microsoft, erzeugt in seiner Firma systematisch kreative Ideen - und versucht sie zu verkaufen.

Erfinden am Fließband© www.intven.comNathan Myhrvold war bis 1999 Chief Technological Officer bei Microsoft
DIE ZEIT: Beim Erfinden geht es um Kreativität und Spontanität - kann man das planen?

Nathan Myhrvold: Es gibt diese Vorstellung, dass eine Erfindung wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt. Das passiert tatsächlich manchmal. Aber man kann die Kreativität auch fördern, indem man einen Haufen schlauer Leute mit unterschiedlichem Hintergrund in einem Raum versammelt und sie zu neuen Ideen stimuliert. Leute, die gar nicht ahnen, dass sie etwas zum Thema beizutragen haben, wissen häufig tatsächlich etwas Relevantes. Stellen Sie sich vor, man will eine Brücke über eine Schlucht bauen. Wenn Sie schon die ganze Brücke entwickelt haben, ist das kein Problem, aber das ist sehr selten. Tatsächlich baut man Brücken, indem man kleine Stücke zusammenfügt. Genau so verlaufen unsere Erfindungssitzungen. Jemand sagt: »Also, ich kann von hier bis da kommen.« Und dann kommt jemand anderes und sagt: »Also ich kann von da aus weiterbauen.«

ZEIT: Und dann hängt die Brücke in der Luft!

Myhrvold: Ja, manchmal hängt sie tatsächlich in der Luft, zuweilen bricht die ganze Konstruktion zusammen. Aber überraschend oft funktioniert es.

ZEIT: Wie oft machen Sie diese Sitzungen?

Myhrvold: Etwa einmal im Monat.

ZEIT: Sie waren lange bei Microsoft. Haben Sie dort Erfindungen gemacht?

Myhrvold: Oh ja. Ich hatte 14 oder 15 Patente, die alle mit Windows zu tun hatten. Die gehören heute natürlich Microsoft. Aber es gibt auch ein Patent über drahtlose Kommunikation. Daraus ist nie etwas geworden - ein gutes Beispiel für ein Patent, das Microsoft besser verkauft hätte. Es hatte nicht viel mit Softwaretechnik zu tun.

ZEIT: Ihre Firma gibt es seit zehn Jahren. Haben Sie schon ein Produkt auf dem Markt?

Myhrvold: Wir haben unsere Patente an viele Firmen lizenziert, aber wir werden nie selbst ein Produkt herstellen. Wir lizenzieren unsere Erfindungen an Firmen, die dabei sind, Produkte zu entwickeln, aber es ist noch keines auf den Markt gekommen. Vergleichen Sie es mit einem Film: Der wird von einem Drehbuchautor entwickelt, aber finanziert und vertrieben wird er von den großen Studios. Auf ähnliche Weise entwickeln wir die Ideen bis zu einem Punkt, an dem jemand anders sie in Produkte umsetzen kann.

ZEIT: Also nach dem Motto: »Lasst uns einen Film machen, wo man aus alter Dinosaurier- DNA furchterregende Tiere macht ...«?

Myhrvold: Genau, das war Michael Crichtons Beitrag, er hat sein geistiges Eigentum lizenziert. Steven Spielberg hat den Film produziert, und beide haben gut daran verdient.

ZEIT: Können Sie Beispiele von Patenten geben, die sie lizenziert haben?

Myhrvold: Wenn man erzählt, dass man Erfinder ist, dann denken die Leute an Küchengeräte oder einen neuartigen Laser. Die meisten unserer Beispiele sind da nicht sehr befriedigend. Wir erfinden in Dutzenden von Bereichen, in der Festkörperphysik, in der Medizintechnik, in der Softwarebranche.

ZEIT: Sie arbeiten viel auf dem Gebiet der Halbleitertechnik. Da ist die große Frage: Was kommt nach dem Silizium?

Myhrvold: Das weiß niemand, es kann sogar niemand wissen. Denn selbst wenn Sie alles über die heutigen Techniken wissen - woher wollen Sie wissen, was andere morgen erfinden? Sie müssen also nach dem besten Wissen von heute urteilen, aber auch in Erwägung ziehen, dass Sie sich irren könnten. Deshalb haben wir ein ganzes Portfolio von Erfindungen, von denen die meisten nichts wert sind. Man muss hoffen, dass man in den Fällen, in denen man richtig liegt, genug Geld macht, um die Fehlschläge auszugleichen.

ZEIT: Wie überzeugen Sie Erfinder, Ihnen ihre Patente zu überlassen?

Myhrvold: Das ist wie bei einer Lebensversicherung. Die akkumuliert das Risiko einer großen Zahl von Menschen - eine Lebensversicherung mit einem einzigen Kunden wäre kein gutes Modell. Man braucht eine gewisse Masse.

ZEIT: Sie befürworten Patente auf Software - die sind in der Computerindustrie stark umstritten.

Myhrvold: Die pharmazeutische oder biotechnische Industrie lebt von Patenten, die zweifeln ebenso wenig am Konzept des geistigen Eigentums wie Schriftsteller. In anderen Industrien hat man traditionell nichts mit Patenten zu tun gehabt, Software ist ein gutes Beispiel. Da ist zwar Copyright sehr wichtig, denn wenn die Leute deine Software kopieren, dann machst du kein Geschäft. Aber Patente gab es dort traditionell nicht.

ZEIT: Liegt das vielleicht auch daran, dass es in der Computerbranche schwerer zu definieren ist, was eine neue Idee ist?

Myhrvold: Ich finde das nicht überzeugend. Jede Idee baut irgendwie auf vergangenen Ideen auf. Jeder Satz, den ich schreibe, benutzt die gleichen Buchstaben wie alle anderen und wahrscheinlich auch dasselbe Vokabular. Bei Texten machen wir einen klaren Unterschied zwischen dem Material der Buchstaben und Wörter und einem eigenständigen Werk, das schützenswert ist.

ZEIT: Aber bei Texten ist nur der Wortlaut durch das Urheberrecht geschützt, nicht die Idee. Wenn ich die Idee habe, Nathan Myhrvold zu interviewen, dann kann auch jeder andere Journalist bei Ihnen anfragen.

Myhrvold: Aber Sie waren der Erste. Auf vielen dieser intellektuellen Marktplätze gibt es einen Anreiz, der Erste zu sein. Und so sind Sie der Erste, der ein Interview mit mir in einer größeren deutschen Zeitung hat.

ZEIT: Aber an der Idee verdiene ich nichts.

Myhrvold: Richtig, aber Ihr Name steht drunter, und Ihr Ruhm wird größer, und das zählt letztlich. Das ist in der Wissenschaft genauso. Es gibt einen Anreiz, der Erste zu sein, der eine Idee veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung bekommen Sie eine Art Eigentum an dieser Idee. Wir sprechen nicht umsonst von Newtons Gesetzen und Einsteins Gleichungen. Selbst wenn Newton vor 400 Jahren ein Patent bekommen hätte, wäre es längst abgelaufen, aber die Gesetze tragen immer noch seinen Namen. Für die Gesellschaft ist dieser Wettlauf gut, denn sonst würden Sie vielleicht jahrelang auf Ihren Ideen sitzen, und wir anderen würden keinen Nutzen davon haben. Patente sind auch so ein Anreiz, eine Idee als Erster vollständig zu beschreiben. Man bekommt dafür etwa 20 Jahre lang das Recht, die Idee auszubeuten, aber jeder kann sie gegen entsprechende Gebühr nutzen.

ZEIT: Reicht in der Softwareindustrie der Vorsprung, den man als Erster hat, nicht aus?

Myhrvold: In Software steckt viel Arbeit, und wenn diese Arbeit gut gemacht wird, kann sie sehr wertvoll sein. Das erfüllt nach meiner Meinung alle Kriterien für ein Patent.

ZEIT: 1945 schrieb Vannevar Bush den Artikel As We May Think, in dem er praktisch die Idee des Internets von heute entwickelte. Hat er sich das damals patentieren lassen?

Myhrvold: Ich glaube nicht. Aber selbst wenn - der Artikel ist von 1945, plus 20 Jahre macht 1965, und bis dahin war keines seiner Szenarien marktreif. Das wäre ein gutes Beispiel für etwas, das man zwar patentieren könnte, das aber während der Lebensdauer des Patents keinen Wert hätte.

ZEIT: Passiert das häufig, dass jemand etwas erfindet, bevor die Zeit dafür gekommen ist?

Myhrvold: Wenn Sie eine großartige Idee haben, und die ist sehr nah am Markt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass andere schon dieselbe Idee hatten. Wenn Sie sich andererseits etwas ausdenken, das zu weit weg ist, etwa eine Verbesserung des Warp-Antriebs für das Raumschiff Enterprise, dann werden Sie von dem Patent niemals profitieren. Zwischen diesen beiden Extremen muss man seinen Platz finden, wenn man ein erfolgreicher Erfinder sein möchte.

ZEIT: Bei Ihren Erfindungs-Sessions sitzen Patentanwälte mit am Tisch - wie machen die aus den informellen Ideen genehmigungsfähige Patente?

Myhrvold: Zunächst einmal darf die Idee keine magischen Schritte enthalten, von denen Sie nicht wissen, wie sie umzusetzen sind. Sie wissen vielleicht noch nicht, wie man die Idee effektiv umsetzt, aber Sie müssen den Weg prinzipiell kennen. Sie müssen beschreiben, wie die Idee tatsächlich genutzt wird. Und natürlich recherchieren wir auch, um sicherzugehen, dass niemand vor uns darauf gekommen ist.

ZEIT: Wenn wir uns die vergangenen 15 Jahre anschauen, den Internetboom, die Mobilfunktechnik - da haben große Firmen wie Microsoft die Entwicklung verschlafen. Können Sie sich vorstellen, dass in 15 oder 20 Jahren einige der wichtigsten neuen Ideen aus einer Erfindungssitzung gekommen sind, wie Sie sie machen?

Myhrvold: Die meisten großen Veränderungen sind von mehr als einer Person vorhergesehen worden. Nur verfolgen viele diese Idee nicht ernsthaft. Oder es dauert einfach viel zu lange. Vannevar Bush ist da ein gutes Beispiel. Seine Vision war völlig richtig, er stellte sich ein Gerät vor, das unser Gedächtnis und unseren Geist unterstützt. Was er nicht vorhersehen konnte, waren die Schritte, die nötig waren, um diese Idee umzusetzen. Es ist gut vorstellbar, dass wir bei einer Sitzung auf eine Idee kommen und dann sagen: »Nein, das ergibt keinen Sinn«, und kein Patent anmelden; und später stellt sie sich als eine fantastische Idee heraus. Und es wird auch das Gegenteil passieren: Wir haben eine Idee, halten sie für die beste, die wir je gehabt haben - und es stellt sich heraus, dass sie nicht funktioniert. Wenn man wirklich mehr Energie in Erfindungen steckt, wird man am Ende mit einigen sehr guten Ideen aufwarten. Sie können gern in 10 oder 15 Jahren wiederkommen und beurteilen, ob ich recht gehabt habe!

ZEIT: Einverstanden, ich komme wieder.


Zur Person
Nathan Myhrvold war bis 1999 Chief Technological Officer (CTO), eine Art Ober-Erfinder, bei Microsoft. Im Jahr 2000 gründete er zusammen mit seinem Microsoft-Kollegen Edward Jung Intellectual Ventures (IV). Die Firma will den Innovationsprozess systematisieren, indem sie Experten zu Brainstorming-Sessions zusammenführt. IV kauft zudem Patente von Einzelerfindern und Firmen auf, die mit den Patenten selbst nichts anfangen können oder wollen. Mehr als 20 000 Patente hat IV auf diese Weise bereits angesammelt. Zu den im eigenen Haus entwickelten Erfindungen gehört der Terra- Power-Reaktor, ein neuartiger Atommeiler, der über mehrere Jahrzehnte wartungsfrei und sicher laufen soll. Damit machte sich IV bei Umweltschützern ebenso unbeliebt wie mit Ideen zur Beeinflussung des Klimas (»Geo-Engineering«). Kritiker werfen Myhrvold vor, ein »patent troll« zu sein - die Firma würde ihre Patente nicht in der Absicht horten, sie zu nützlichen Produkten zu machen, sondern um Technologiefirmen mit Klagen wegen der Verletzung der Patente zu überziehen. Im vergangenen Dezember strengte die Firma die ersten Prozesse gegen Patentverletzer an.


Aus DIE ZEIT :: 03.02.2011

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