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Erfolgreiche Strategien für den Weg zur Professur

Interview von Anke Wilde

Das Karriereziel Professur ist hart umkämpft und sollte daher strategisch angegangen werden. Dr. Juliane Lorenz, Justitiarin und Bewerbungscoach beim Deutschen Hochschulverband (DHV) nennt Strategien, die den Weg zur Professur erleichtern.

Erfolgreiche Strategien für den Weg zur Professur© sör alex / photocase.de Wer eine Professur anstrebt, sollte auch strategisch vorgehen
academics: Die Promotion ist geschafft und das Karriereziel ist ganz klar: Ich will Professor werden. Welche Strategien sollte ich jetzt verfolgen?

Dr. Juliane Lorenz: Zunächst sollten Sie für sich klären, welche Professur Sie wahrnehmen möchten. Professoren an einer Fachhochschule müssen andere Qualifikationen und Leistungen vorweisen als Universitätsprofessoren. Ist diese grundsätzliche Frage geklärt, sollten Sie Ihr Profil entsprechend schärfen. Nutzen Sie Gelegenheiten zur eigenständigen Forschung oder auch Kooperation, publizieren Sie selbstständig oder gemeinsam mit anderen, halten Sie Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen und Kongressen. Seien Sie einfach präsent. Das ist etwas, das sich aus meiner Sicht auszahlt, weil diese Erfahrungen und Ihre Bekanntheit auch in Berufungskommissionen wahrgenommen werden.

academics: Es wird ja immer gesagt, dass man sich unbedingt ein wissenschaftliches Netzwerk aufbauen sollte. Was genau sollte so ein Netzwerk leisten?

Lorenz: Man sollte frühzeitig damit beginnen, ein solches Netzwerk aufzubauen, insbesondere auch um seinen eigenen wissenschaftlichen Qualifikationsweg begleiten zu lassen. Es ist gut, wenn man jemanden hat, mit dem man Informationen austauschen kann und Feedback bekommt, insbesondere zur persönlichen Weiterentwicklung, jedoch auch zur eigenen Wirkung.

academics: Aber wie erschließt man sich ein solches Netzwerk? Ich kann ja nicht zu einer Koryphäe in meinem Fach einfach hingehen nach der Art "Hoppla, hier bin ich, seien Sie fortan mein Mentor."

Lorenz: Das natürlich nicht. Aber Sie eröffnen sich Kontakte über gemeinsame Publikationen oder indem Sie eigene Kooperationen aufbauen. Insofern können Sie auch einmal nach einer fachlichen oder persönlichen Einschätzung fragen. Außerdem gibt es an den einzelnen Hochschulen Mentoring Programme für Nachwuchswissenschaftler. Davon sollte man unbedingt Gebrauch machen. Der Weg über wissenschaftliche Tagungen ist aus meiner Sicht auch denkbar.

academics: ... und der führt wahrscheinlich nicht über den gemeinsamen Tisch in der Kaffeepause...

Lorenz: Das kann sein, muss aber nicht. Hilfreich sind kleine Vorträge, um bspw. Interesse auf sich zu ziehen. Möglich wäre auch mit Wissenschaftlern anlässlich einer Fachtagung in den fachlichen Diskurs einzusteigen. Führen Sie ruhig einmal eine kontroverse wissenschaftliche Diskussion über ein interessantes wissenschaftliches Thema, das Sie selbst interessiert. Jemanden in der Kaffeepause anzusprechen und Interesse an einer Zusammenarbeit zu bekunden, kann auch einen Weg darstellen.

academics: Das heißt, auch wenn man schüchtern ist, sollte man über den eigenen Schatten springen und sich in der Fragerunde positionieren und eine kritische Nachfrage stellen?

Lorenz: In der Tat. Natürlich gibt es auch schüchterne Menschen. Das heißt aber nicht, dass sich in deren Köpfen nicht sehr viel bewegt und in ihnen keine leidenschaftlichen Wissenschaftler verborgen sind. Dies nach außen zu kehren ist etwas, was durch die kontinuierliche Präsenz auf derartigen Veranstaltungen erprobt und geübt werden muss. Sie können sich auch auf der schriftlichen Ebene messen, in Form von Publikationen und Beiträgen in Fachzeitschriften. Auf jeden Fall gilt: Zeigen Sie Ihre Leistung, zeigen Sie Ihr Engagement, bringen Sie sich in Erinnerung!

academics: Was sollte man denn bei der Wahl des Themas beachten?

Lorenz: Es sollte eines sein, das Ihnen wirklich liegt und dem Sie sich auch mit Leidenschaft widmen können. Sich zu verbiegen und ein Thema zu besetzen, das en vogue ist, Ihnen aber gar nicht liegt, ist keine gute Idee. Gegebenenfalls sollten Sie auch prüfen, ob ein Thema z.B. besonderes Zukunftspotenzial hat. In welche Richtungen entwickeln sich Hochschulen, welche Schwerpunktsetzungen oder Zukunftspläne gibt es möglicherweise? Derartige Aspekte können bei der Themenfindung durchaus unterstützend wirken. Gleichzeitig muss man aber auch aufpassen, dass man sich nicht verzettelt, weil einen viele Gebiete interessieren. Mentoren können helfen, die eigene fachliche Aufstellung kritisch zu hinterfragen.

academics: Bringt es etwas, mir im Vorhinein eine Professur auszugucken, die in absehbarer Zeit durch Emeritierung frei wird, und mich gezielt für diese Professur aufzustellen?

Lorenz: Das kann ein Weg sein, birgt aber auch die Gefahr, dass man sich zu eng aufstellt. Auch wenn in absehbarer Zeit eine Professur frei wird, ist zu bedenken, dass jede Professur grundsätzlich öffentlich auszuschreiben ist und das Bewerberfeld ggf. sehr groß sein kann. Es ist jedoch auch denkbar, dass die Hochschule die fachliche Ausrichtung der vormaligen Professur gar nicht weiterführen möchte, etwa weil sich die Struktur- und Entwicklungsplanung geändert hat. Die Professur würde dann ganz anders ausgeschrieben und die eigene, zu enge Ausrichtung für diese Professur wäre eher von Nachteil. Insofern sollte man sich ruhig breiter aufstellen, um insbesondere auch für andere Bewerbungsverfahren offen zu sein.

academics: Wie wichtig ist es, sich bereits nach der Promotion Gedanken über einen Plan B zu machen?

Lorenz: Das ist aus meiner Sicht ausgesprochen wichtig. So lässt sich dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013 entnehmen, dass auf drei Habilitationen rein rechnerisch im Durchschnitt eine Emeritierung einer Professorin bzw. eines Professors an der Universität kommt. Neben den Habilitierten streben jedoch beispielsweise auch Juniorprofessoren oder Nachwuchsgruppenleiter eine entsprechende Professur an. Das bedeutet, dass man seine Chancen auf eine Professur realistisch betrachten sollte. Man kann natürlich auch in die freie Wirtschaft wechseln oder in eine wissenschaftsnahe Organisation, aber gerade in diesen Bereichen bedarf es möglicherweise anderer Qualifizierungen bzw. Ausrichtungen. Insofern haben aus meiner Sicht auch die Hochschulen eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern bzw. Angehörigen.

academics: Wir springen jetzt ein paar Jahre vorwärts. Ich habe alles in meiner Kraft Stehende getan, um mich für mein Lebensziel Professur zu qualifizieren, und stehe nun an dem letzten entscheidenden Punkt: Der Bewerbung für eine Professur. Es gibt sogar schon eine Ausschreibung, die für mich passt. Was muss ich jetzt beachten?

Lorenz: Als erstes sollten Sie sehr genau den Ausschreibungstext lesen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf der anderen Seite des Tisches, als Mitglied der Berufungskommission. Wen wollen Sie für diese Professur gewinnen? Selbstverständlich eine interessante Forscherpersönlichkeit, aber was steckt dahinter? Deshalb ist es zwingend erforderlich, dass Sie über den Ausschreibungstext hinausgehen und sich mit der Fakultät und der Universität beschäftigen. Welche konkrete Entwicklungsplanung hat die Hochschule, gibt es neue Profilfelder und Schwerpunktsetzungen, an die Sie anknüpfen können? Möglicherweise gibt es auch Zielvereinbarungen zwischen der Hochschule und dem jeweiligen Landesministerium. Dies sind Aspekte, die sich beispielsweise auf der Internetseite der jeweiligen Einrichtung recherchieren lassen und die gegebenenfalls im Rahmen einer Bewerbung nützlich sein könnten.

academics: Die Berufungskommissionen erhalten ja mitunter etliche Bewerbungen. Wie gehen die bei der Sichtung vor, und wie schaffe ich es, dass meine nicht gleich zu Beginn aussortiert wird?

Lorenz: In Berufungskommissionen werden häufig Bewerbersynopsen als Hilfsmittel verwendet. Viele Hochschulen haben außerdem Berufungsleitfäden entwickelt, in denen das konkrete Berufungsverfahren skizziert wird. Mitunter enthalten diese auch einen Kriterienkatalog, der von der Kommission zu berücksichtigen ist. Als Kriterien kommen beispielswiese die Einschlägigkeit, inhaltliche Passung, Internationalität oder Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln in Betracht. Wenn Sie diese bereits im Vorfeld kennen, erleichtert das die Gestaltung Ihrer Unterlagen, weil Sie diese Punkte von Beginn an mit einbeziehen können. Diese Kriterien sollten Sie neben den weiteren Ausschreibungskriterien in Ihrem Bewerbungsschreiben in jedem Fall berücksichtigen. Maßstab für die Bewertung der Bewerberinnen und Bewerber ist letztlich jedoch immer das sogenannte "Bestenausleseprinzip", wonach Eignung, Befähigung und fachliche Leistung im Mittelpunkt stehen.

academics: Wie muss man es eigentlich mit der Anrede halten? Verwendet man noch Ausdrücke wie "Magnifizienz" oder "Spectabilis"?

Lorenz: Diese sind nur noch in seltenen Fällen gebräuchlich. Meist werden Bewerbungen an den Dekan geschickt. Sie sollten ihn dann auch namentlich ansprechen, beispielsweise in der Form "Sehr geehrter Herr Dekan, sehr geehrter Herr Professor XY".

academics: Wie erfahre ich, ob die Ausschreibung nur reine Formsache ist und ein Kandidat eigentlich schon feststeht?

Lorenz: Offiziell wird man so etwas nicht erfahren. Manchmal lässt sich das aus dem Ausschreibungstext herauslesen, wenn beispielsweise eine sehr enge Ausrichtung mit sehr speziellen Erfahrungen gewünscht wird. Aber selbst wenn die Indizien für eine reine Formausschreibung sprechen, kann eine Bewerbung dennoch lohnen. Zum einen sammelt man dadurch Erfahrungen. Zum anderen kann man die eigene Wirkung testen und ggf. erproben, wie sich bspw. ein "Vorsingen" anfühlt. Gerade die "Erprobung" in anderen Verfahren kann hilfreich sein, um im entscheidenden Verfahren den Ruf zu erhalten. Selbst wenn man jedoch einen zweiten oder dritten Listenplatz erzielt, kann dies positiv bewertet werden, denn diese Platzierungen können in weiteren Bewerbungen mit angegeben werden.

academics: Eine Situation beim Vorsingen - es ist spät am Nachmittag, alle sind schon schlapp von den vorherigen Vorträgen - wie gehe ich damit um?

Lorenz: So etwas kommt vor, sogar sehr häufig. Als Bewerber sollte man damit professionell umgehen und sich nicht verunsichern lassen. Versuchen Sie die Aufmerksamkeit der Kommission zu gewinnen - eine aussagekräftige Folie gleich zu Beginn, ein anregender und mitreißender Vortragsstil. Hier geht es ja darum, dass die Berufungskommission jemanden gewinnen will, der zu ihnen passt. Man kann auch mal einen Scherz am Rande machen, aber da rate ich immer zur Vorsicht, weil das je nach Situation unangenehm auffallen könnte.

academics: Wie wichtig ist es, dass ich jemanden in der Berufungskommission kenne?

Lorenz: Das kann vorteilhaft sein, kann aber auch von Nachteil sein. Vielleicht haben Sie damit einen Fürsprecher in der Kommission, der die gute Zusammenarbeit mit Ihnen hervorheben kann und sich für Sie einsetzt. Ein Bekannter in der Berufungskommission ist aber kein Garant für Berücksichtigung, im Gegenteil. Im Einzelfall, beispielsweise bei sehr engerer Kooperation, kann dies auch die Sorge von Befangenheit mit sich bringen. Dieses Mitglied dürfte dann ggf. im Auswahlverfahren auch nicht mehr mitwirken.

academics: Angenommen, ich habe den Eindruck, dass bei diesem Berufungsverfahren Befangenheiten das Prinzip der Bestenauswahl ausgehebelt haben - welche Rechtssicherheit habe ich eigentlich? Kann man sich auf einen Lehrstuhl klagen?

Lorenz: Berufungsverfahren sind mitunter intransparent. Bewerber erhalten zum Teil über einen längeren Zeitraum keine Informationen zum Verfahrensstand und manchmal bekommen Sie nicht einmal eine Eingangsbestätigung für Ihre Bewerbung. Es gibt jedoch auch andere Hochschulen, die den Stand des Verfahrens kommunizieren. Insgesamt gibt es in Berufungsverfahren aber keine umfassende Transparenzverpflichtung. Bewerber haben nur Anspruch darauf, kurz vor der geplanten Ernennung des Rufinhabers zu erfahren, dass geplant ist, den Rufinhaber XY zum Professor zu ernennen. Dann haben sie noch mindestens zwei Wochen Zeit, um als unterlegener Bewerber ein Konkurrentenstreitverfahren vor dem Verwaltungsgericht anzustrengen. Allerdings können Sie damit nur erreichen, dass die Rechtmäßigkeit des Verfahrens geprüft wird.

academics: Das heißt, das Verwaltungsgericht kann nicht sagen, dass die Bewerber X, Y und Z viel besser geeignet sind und auf die Berufungsliste gehören?

Lorenz: Nein, das kann es nicht, denn das Verwaltungsgericht kann keine Liste verabschieden und erteilt erst recht keinen Ruf. Die fachliche Entscheidung bleibt der Berufungskommission vorbehalten. Das Verwaltungsgericht kann Bewerbungsverfahren nur "zurückspulen". Die Hochschule kann sich dann aber auch entscheiden, die Professur mit einem anderen Profil neu auszuschreiben. Die Erfahrung jedenfalls zeigt, dass der Klagende zumeist nicht den Ruf erhält. Im Übrigen muss eine Klage auch immer sehr genau abgewogen werden, denn es besteht durchaus die Gefahr, den eigenen Ruf in der wissenschaftlichen Community zu beschädigen.

academics: Haben Sie abschließend einen generellen Tipp, den Sie jedem Ihrer Klienten/jedem Nachwuchswissenschaftler gern mitgeben würden?

Lorenz: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man sich Klarheit über die eigenen Ziele verschafft und sich im Rahmen von Bewerbungsverfahren perfekt vorbereitet, d.h. die Situation vor Ort umfassend analysiert und seine eigenen Erfahrungen und Qualifikationen entsprechend gut aufbereitet. Insofern kann es sehr hilfreich sein, sich beispielsweise auch als Mitglied des DHV umfassend beraten bzw. coachen zu lassen. Im Übrigen sollten Nachwuchswissenschaftler auf eine gute Work-Life-Balance achten, gerade angesichts der Länge und Unwägbarkeiten dieses Karriereweges.


Über die Interviewte:
Erfolgreiche Strategien für den Weg zur Professur © Deutscher Hochschulverband Juliane Lorenz ist Justitiarin beim Deutschen Hochschulverband (DHV) und Rechtsanwältin
Seit 2004 berät Dr. Juliane Lorenz Nachwuchswissenschaftler und Hochschullehrer. Ihre beruflichen Schwerpunkte liegen im gesamten Hochschul- und Beamtenrecht, in der strategischen Berufungsberatung und Beratung zur Karriereplanung sowie im Individual-Coaching für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Sie promovierte an der Universität zu Köln zum Thema "Leistungsorientierte Professorenbesoldung - Rechtliche Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten für die Gewährung von Leistungsbezügen der W-Besoldung". Darüber hinaus hält Frau Dr. Lorenz regelmäßig Vorträge zu hochschulrechtlichen und -politischen Themen und ist als Referentin in Seminaren des DHV tätig.

academics :: Januar 2016