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Ergebnis und Erkenntnis in der Erfahrungswissenschaft

von Horst Gischer und Thomas Spengler

Die tabellenorientierte Bewertung von Forschung und Lehre hat sich in den letzten Jahren immer mehr durchgesetzt, erfährt gleichwohl aber vehemente Kritik. Wäre es nicht besser, Forschungs- und Personenrankings den kommerziell interessierten Organisationen zu überlassen? Sollten sich Wissenschaftler nicht primär auf wissenschaftliche Inhalte und Erkenntnissuche konzentrieren?

Ergebnis und Erkenntnis in der Erfahrungswissenschaft© Michael Ruehl - iStockphoto.comIst eine tabellenorientierte Bewertung von Forschung und Lehre möglich?
Das jüngste (sogenannte) Ranking der deutschsprachigen Hochschullehrer der Betriebswirtschaftslehre, durchgeführt von einer namhaften Tageszeitung, hat hohe Wellen geschlagen. Um es vorweg zu nehmen: Im Folgenden geht es nicht um dieses spezielle Ranglistenverfahren, sondern um die den inzwischen populär gewordenen "Leistungstabellen" vorgelagerte Ebene sowie den grundsätzlichen (Un-)Sinn derartiger, vorgeblich die Performance evaluierender, Methoden.

Erfahrungswissenschaften im Allgemeinen und die Wirtschaftswissenschaft im Besonderen zeichnet das spezifische Problem der mängelbehafteten "objektiven" Mess- bzw. Überprüfbarkeit von Hypothesen und Theorien aus. Empirische (Test-)Verfahren finden zwar regelmäßig Anwendung, sie unterliegen aber intrinsischen Vorbehalten hinsichtlich ihrer allgemeingültigen Aussagekraft. Primär modelltheoretischen Arbeiten fehlt dagegen häufig der praktisch relevante Anwendungsbezug.

Im Einzelfall ist daher höchst umstritten, was bei (singulären) Forschungsprojekten als belastbare "Idee" angesehen werden darf. Um ein Beispiel aus der (nicht-erfahrungswissenschaftlichen) Mathematik zu bemühen: Die Multiplikationsaufgabe "7 mal 7" liefert fraglos ein "Ergebnis": 49; bietet sie aber auch eine wissenschaftlich verwertbare "Erkenntnis"? Wohl eher nicht. Diese liegt vielmehr in der die Multiplikation definierenden Axiomatik der Zahlentheorie verborgen, durch die Rechenoperationen mit Ziffern und Zahlen "geregelt" werden. Das ausgewiesene Resultat "49" ist zweifellos "richtig" im Sinne der Theorie, aber von geringem Belang für (beliebige) andere Multiplikationsprobleme. Die belastbare "Idee" erweist sich mithin als wenig originell. Vieles in der zeitgenössischen ökonomischen Forschung lässt sich durch das wenig reflektierte Nebeneinander von "Ergebnis" und "Erkenntnis" (im vorstehend skizzierten Sinne) beschreiben. Motivation und Anreiz für ein derartiges Verhalten sind beinahe "ideologisch" vorgegeben: Orientiert sich nicht die marktwirtschaftliche Theorie, ebenso die auf dieser fußende Praxis, am Wettbewerbsprinzip? Ist es daher wirklich überraschend, dass ausgerechnet die Ökonomen an Ranglisten jedweder Art besonders interessiert sind? Aber gerade der Weg dorthin führt nicht selten in die Irre.

Um Rankings zu generieren, bedarf es messbarer Kriterien. Folgerichtig fällt der Blick auf die Publikationen der einzelnen Wissenschaftler. Nun stellt sich aber das Problem der qualitativen Vergleichbarkeit der jeweiligen Beiträge. Die "Lösung" ist naheliegend: eine Rangliste der einschlägigen Journale. Spätestens an diesem Punkt bewegt sich die Community am Rande des Zirkelschlusses - Zeitschriften sind "hochwertig", wenn besonders gute Beiträge publiziert werden, Papiere wiederum gelten als beachtenswert, wenn sie in angesehenen Journalen veröffentlicht wurden. Hinzu kommt die durch steigende Publikationsflut zunehmende Perzeptionsselektivität.

In von hoher Komplexität gekennzeichneten Situationen strebt der Mensch nach Entlastung und Vereinfachung. Dies ist verständlich und rational. Worauf es ankommt ist jedoch die Intensität der Komplexitätsreduktion. Übersimplifizierung und minderdimensionale Messung können jedenfalls nicht zielführend sein. Bei allen einschlägigen Abstufungsverfahren sollen Leistungsindikatoren gemessen werden. Präzision und Aussagegehalt der Messung hängen jedoch bekanntermaßen von der zugrunde gelegten Skala ab. Bei metrischen Skalen sind arithmetische Operationen zulässig, bei ordinalen hingegen nicht. Ähnlich wie Subjektives subjektiv bleibt, bleibt auch Ordinales ordinal. Rein ordinale Größen einer vermeintlichen Präzision wegen metrisieren zu wollen ist sinnlos und beschwört Fehlinterpretationen bzw. -implikationen herauf. Man hat sich also bei Rankings ernsthaft die Frage zu stellen, ob das, was gezählt wird, auch das ist, was gemessen werden soll.

Wie "werthaltig" diese Methodik ist, lässt sich an einem Beispiel aus dem Sportbereich illustrieren. Wenn wir z.B. die ehemaligen Fußballnationalspieler Georg Schwarzenbeck und Uwe Seeler vergleichen, so können wir feststellen, dass Schwarzenbeck wesentlich weniger Länderspiele bestritten hat als Seeler, allerdings eindeutig mehr (inter)nationale Erfolge zu verzeichnen hat. Der Ehrenspielführer der Nationalmannschaft Seeler galt jedenfalls in der Fachwelt unbestritten als begnadeter Fußballer. Wer von beiden war nun aber der bessere Fußballer? Reines Abzählen hilft bei der Beantwortung dieser Frage offensichtlich nicht weiter. Ganz abgesehen vom, für Erfahrungswissenschaften analogen, Problem, an welchen Kriterien "gute" Fußballer (resp. Forscher) letztendlich gemessen (nicht gezählt!) werden sollen.

Die ökonomische Zunft orientiert sich mithin seit geraumer Zeit an nur vermeintlich sinnvollen Signalen. In hoch gerankten Journalen publizierte Beiträge stehen für (sehr) gute Forschung, je schwächer die Zeitschrift, desto weniger wertvoll die akademische Leistung. Mitglieder von Berufungskommissionen kennen die einschlägige Vorgehensweise: statt zu lesen wird gezählt. Nicht die Inhalte sind entscheidend, sondern die Publikationsorgane, in denen sie veröffentlicht wurden. Solange diese Signale für Berufungen, Drittmittel oder Zielvereinbarungen relevant werden, ist es - insbesondere für junge Akademiker - zielführend, möglichst schnell möglichst viele Papiere in "hochwertigen" Journalen zu platzieren. Derartiges Verhalten von Kollektiven wird häufig anhand der negativ bzw. positiv konnotierten Methapern des Herdentriebs und der Schwarmintelligenz beschrieben. Beides ist in der ökonomischen Forschung erkennbar. Dysfunktionalitäten entstehen, wenn sich die Herde auf einen Paradigmen-, Theorien- und Methodenmonismus zubewegt und wenn einzelne Herdenmitglieder isoliert oder in die (geistige) Eremitage gedrängt werden. Intelligente Schwärme hingegen teilen sich auf, um auf diversen Wegen zum kollektiven Ziel (der Erkenntnisgewinnung) zu gelangen. Einschlägig ist in diesem Kontext auch der häufig zu Recht beklagte Rigor-Relevance-Gap. Die Ökonomie bedarf als gestaltungsorientierte Realwissenschaft sowohl der Grundlagen- als auch der Anwendungsforschung. Vor einseitiger Diskreditierung anwendungsorientierter (Transfer-) Leistungen sollte man sich folglich hüten.

Drei Empfehlungen erscheinen uns vor diesem Hintergrund erwägenswert: Zum einen sollte man Forschungs- und Personenrankings den (in dieser Hinsicht) kommerziell interessierten Organisationen überlassen, Wissenschaftler mögen sich primär auf wissenschaftliche Inhalte und Erkenntnissuche konzentrieren. Analoge Empfehlungen gelten für die Wissenschaftspolitik. Zum zweiten ist es ratsam, mühsame und langwierige Erkenntnis- nicht auf dem Altar kurzsichtiger Ergebnisorientierung zu opfern. Zum dritten empfiehlt sich die Beherzigung des Gauckschen Appells: "Freiheit ist eine notwendige Bedingung zur Gerechtigkeit."


Über die Autoren
Horst Gischer ist Professor für Monetäre Ökonomie und öffentlich-rechtliche Finanzwirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universtät Magdeburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorie von Finanzmärkten, Bankensysteme, Theorie und Regulierung unvollkommener Märkte sowie Industrieökonomik.

Thomas Spengler ist Professor für Betriebswirtschaftslehre, Unternehmensführung und Organisation an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Seine Forschungsgebiete sind u.a. Strategisches Management, Personalmanagement, moderne Organisationskonzepte und Fuzzy Control.

Aus Forschung & Lehre :: November 2012

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