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Erkenntnisgewinn durch Praxis: Neue Wege in der Doktorandenausbildung

von WILHELM KRULL und CORNELIA SOETBEER

Doktoranden werden während ihrer Promotion meist unzureichend auf außerwissenschaftliche Laufbahnen vorbereitet. Die VolkswagenStiftung hat deshalb eine Ausschreibung für Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften auf den Weg gebracht, die die Durchlässigkeit zwischen den Karrierewegen nach der Promotion stärkt, indem sie Praxiselemente in die Ausbildung integriert.

Erkenntnisgewinn durch Praxis. Neue Wege in der Doktorandenausbildung© Funkenschlag - photocase.deDie VolkswagenStiftung schlägt einen neuen Weg der Doktorandenausbildung ein
Globalisierte, digitalisierte und wissensbasierte Gesellschaften haben einen steigenden Bedarf an akademisch gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die beschleunigte Verwissenschaftlichung nahezu aller Lebensbereiche führt dazu, dass forschungserprobte Doktoranden in vielen Berufsfeldern auch außerhalb der Wissenschaft dringend benötigt werden. Interkulturelle Kompetenz, Mehrsprachigkeit, kritische Analyse sowie zumindest eine "Tiefenbohrung" mit der Dissertation sind Teil einer fundierten akademischen Ausbildung, die Promovierte für den Arbeitsmarkt grundsätzlich attraktiv machen. Doch wie sieht es mit der Qualifikation des Nachwuchses für Karrierewege außerhalb der Wissenschaft aus? Diese Frage stellt sich vor allem in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, da ihnen jenseits des Lehramts in der Regel kaum direkte Berufsfelder offenstehen und zudem zwischen Wissenschaft und Wirtschaft bislang nur eine geringe Durchlässigkeit existiert. In Ansätzen trifft dies auch für die Gesellschaftswissenschaften zu. Aber gerade für Absolventen dieser Disziplinen eröffnen sich durch die hohe Veränderungsdynamik neue Chancen, in der digital vernetzten Wissensgesellschaft eine ihren Qualifikationen entsprechende Tätigkeit zu finden.

Deshalb besteht auch grundsätzlich kein Anlass, in die mancherorts geäußerte Klage einzustimmen, es gäbe inzwischen zu viele Doktoranden, die man "nicht unterbringen" könne. Das Gegenteil ist der Fall: unter Promovierten ist die Arbeitslosenquote am niedrigsten. Es trifft jedoch für die ebenfalls stetig steigende Anzahl an Postdoktoranden zu, die oft allzu lange und ohne realistische Aussicht auf eine Professur in befristeten Arbeitsverhältnissen, meist auf Drittmittelstellen, beschäftigt sind. Somit ist die Promotionsphase für Geistes- und Kulturwissenschaftler auch ein sinnvoller Zeitpunkt zu entscheiden, ob man (mit dem Fernziel Professur) an der Universität bleiben oder sie verlassen möchte. Hier sollten die Promovierten so ausgebildet werden, dass ihnen beide Möglichkeiten offenstehen. Doch dies ist leider viel zu selten der Fall. Zwar hat sich in der Promotionsausbildung in den letzten 20 Jahren einiges getan: Der Schwerpunkt verlagerte sich weg von isolierten Einzelpromotionen hin zu strukturierten Programmen und übergreifenden Angeboten, etwa in Form von Graduiertenschulen. Auch macht man sich im Rahmen dieser Angebote durchaus Gedanken über den Verbleib von Absolventen und lädt Referenten aus verschiedenen Berufsfeldern zu Vorträgen ein oder bietet modularisierte Fortbildungsmöglichkeiten an, in denen zusätzliche Fertigkeiten erlernt werden können. Es handelt sich dabei jedoch in der Regel um unverknüpft nebeneinander herlaufende Stränge. Theorie und Praxis sind häufig nicht miteinander verzahnt - bleibt die Frage nach Alternativen.

Ausschreibung

Die VolkswagenStiftung möchte mit ihrer Ausschreibung "Wissenschaft und berufliche Praxis in der Graduiertenausbildung" einen anderen Weg einschlagen, der sich mehr an den "practice-based doctorates" im angelsächsischen Raum orientiert, wo Forschung und Praxis aufeinander bezogen sind und einander ergänzen. Erprobt hat sie das Format in den vergangenen Jahren mit der Pilotförderung von vier Forschungskollegs:
  • In dem Göttinger Kolleg Wertung und Kanon. Theorie und Praxis der Literaturvermittlung in der nachbürgerlichen Wissensgesellschaft (2006 bis 2010) haben zwölf Doktoranden verschiedener Philologien unterschiedliche Wertungs-, Kanonisierungs- und Vermittlungskulturen im wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich untersucht und miteinander verglichen. Zusätzlich haben sie halbjährige Praktika und Volontariate in renommierten Verlagen absolviert. Ziel der Praktika war zum einen ein inhaltlicher Impuls für die Promotionsvorhaben. Darüber hinaus sollten sie dazu dienen, die Verlagsbranche als mögliches Berufsfeld kennenzulernen.
  • Im ab 2009 geförderten Naumburg Kolleg. Interdisziplinäre Forschungen zur Baugeschichte, Ausstattung und Konservierung des Westchors des Naumburger Doms (2009 bis 2012) haben elf Doktoranden vor Ort den 1.250 errichteten kunstgeschichtlich bedeutenden Westchor des Doms erforscht. Das Naumburg Kolleg zeichnete sich dadurch aus, dass ein konkretes gemeinsames Objekt im Mittelpunkt stand, das von verschiedenen Seiten und Disziplinen simultan in den Blick genommen wurde.
  • Im Rahmen des Suhrkamp-Forschungskollegs (2012 bis 2016) haben sechs Doktoranden in Fallstudien die 2009 erworbenen Archive der Verlage Suhrkamp und Insel bereits im Erschließungsprozess erforscht. Flankiert wurde die Arbeit an den Dissertationen durch die Möglichkeit, Verlagspraktika zu machen und bei der Vorbereitung von Archivausstellungen zu den eigenen Dissertationsthemen mitzuarbeiten.
  • Das Kolleg Schreibszene Frankfurt (Förderbeginn 2016) setzt sich mit aktuellen literarischen Phänomenen des gegenwärtigen Literaturbetriebs auseinander. Acht junge Literatur- und Kulturwissenschaftler erhalten hier die Möglichkeit, aus vergleichenden Perspektiven und in konkreten Praxiszusammenhängen bewährte philologische Verfahren auf den Prüfstand zu stellen und neue Formen der Gegenwartsliteraturforschung zu erproben.

Mit ihren jeweiligen Praxisbezügen beschreiten die Kollegs paradigmatisch neue Wege in der Ausbildung junger Nachwuchswissenschaftler, vor allem in den Geistes- und Kulturwissenschaften, und tragen zu einer stärkeren Durchlässigkeit zwischen akademischen und außerakademischen Karrierewegen bei. Im Rahmen einer einmaligen Ausschreibung möchte die VolkswagenStiftung nun ihre Aktivitäten in diesem Bereich bündeln und deren innovativen Aspekten einen zusätzlichen, nachhaltigen Schub geben: Zum einen soll die Einrichtung weiterer kleiner Forschungskollegs mit Pilotcharakter in den Geistes- und Kulturwissenschaften initiiert werden, in denen die Kollegiaten sowohl für eine wissenschaftliche Laufbahn als auch durch den Einblick in verschiedene einschlägige Praxisfelder für Karrierewege außerhalb der Wissenschaft qualifiziert werden. Die Praxisfelder sind dabei von Anfang an in die wissenschaftliche Arbeit integriert, der Forschungsprozess ist auf sie ausgerichtet.

Die Kollegs sollen das exemplarische Gelingen einer Graduiertenausbildung ermöglichen, die bereits in ihrer thematischen Konzeption beide Laufbahnen in den Blick nimmt und gar nicht erst den Eindruck erweckt, dass von allen Kollegiaten das "Berufsziel Professur" erwartet wird. Voraussetzung für eine Förderung sind (promotions)themenbezogene Einblicke in die außerwissenschaftliche Berufspraxis bei gleichzeitiger hoher wissenschaftlicher Qualität und intensiven Betreuungsangeboten. Dabei sollen die Praxiselemente auch Impulse für das wissenschaftliche Arbeiten geben - ganz im Sinne einer gegenseitigen Durchlässigkeit der Sektoren. Dies gilt auch für die Postdoc-Stelle, die jedes Kolleg mit beantragen kann. Eine zweite Förderlinie zielt auf alle universitären Graduiertenschulen, auch in Verbindung mit außeruniversitären Einrichtungen, in den Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Sie können für ihre Promovenden je bis zu 15 Praxismodule von bis zu einem Jahr einwerben. Auf diese Weise soll das Modell in bereits bestehenden Graduiertenschulen exploriert werden und so die Promotionsphase insgesamt stärker auf Praxisfelder hin orientieren.

Ausblick

Die Diskussion um ein Zuviel oder Zuwenig an Doktoranden und Postdocs ist gemeinhin verbunden mit der schlechten Planbarkeit von Karrieren innerhalb der Wissenschaft aufgrund des Mangels an Professuren und unbefristeten Stellen an deutschen Universitäten. Die prominentesten Lösungsvorschläge machten zuletzt die Junge Akademie ("Nach der Exzellenzinitiative: Personalstruktur als Schlüssel zu leistungsfähigeren Universitäten", 2013), die Hochschulrektorenkonferenz ("Orientierungsrahmen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Promotion und akademischer Karrierewege neben der Professur", 2014) sowie das von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz im Mai 2016 angekündigte neue Förderprogramm, das bis 2032 1.000 neue Tenure-Track-Professuren einrichten möchte. Jedoch zielen all diese Vorschläge auf innerwissenschaftliche Lösungen ab. Die Karriereaussichten des wissenschaftlichen Nachwuchses an den Universitäten sollen verbessert werden. Außerwissenschaftliche Perspektiven werden nicht in den Blick genommen.

Der Ansatz der neuen Ausschreibung der VolkswagenStiftung ist ein anderer. Es handelt sich dabei mitnichten um eine Arznei für "gescheiterte" wissenschaftliche Laufbahnen, sondern um ein Plädoyer für die Vielfalt möglicher Karrierewege und den Wert einer fundierten wissenschaftlichen Ausbildung auch für andere Arbeitgeber als die Universität. Die Ausschreibung der Stiftung soll Signalcharakter für die künftige Doktorandenausbildung in den Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften haben. Es wäre wünschenswert, wenn sie dazu beitragen könnte, strukturverändernd in Richtung der Promotionskonzepte anderer Förderorganisationen zu wirken, insbesondere wenn es um die Finanzierung von Praxisanteilen während der Promotionszeit geht. Wünschenswert wäre zudem, wenn die Durchlässigkeit keine Einbahnstraße bliebe: Es täte dem Wissenschaftssystem sicher gut, wenn mehr Professuren mit Personen besetzt würden, die sich einige Zeit auch in anderen Umfeldern bewegt und andere Arbeitgeber als die Universität kennengelernt haben.

Mit ihrer neuen Ausschreibung können Promotionskollegs sowie ergänzende Praxismodule für Promovierende an universitären Graduiertenschulen beantragt werden.


Über die Autoren
Dr. Wilhelm Krull ist Generalsekretär der VolkswagenStiftung.
Dr. Cornelia Soetbeer leitet das Team "Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft" in der Förderabteilung der VolkswagenStiftung.

Aus Forschung & Lehre :: Oktober 2016

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