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Erst Philatelist, dann Philanthrop

VON CATALINA SCHRÖDER

Der Verkauf einer Briefmarkensammlung beschert ihm eine Million Dollar. Damit begründet er den Alternativen Nobelpreis.

Erst Philatelist, dann Philanthrop© World Future CouncilJakob von Uexküll setzt sich für die Lebensgrundlage von morgen ein
Er hat Menschen vor dem Tod bewahrt und Bauern das Tor zum Palast ihres Präsidenten geöffnet. Er hat eine spätere Friedensnobelpreisträgerin ausgezeichnet, als die Welt sie noch verspottete. Er war Abgeordneter des Europäischen Parlaments und half der britischen Regierung, das Erneuerbare-Energien-Gesetz einzuführen. Er berät Transparency International und war Vorstandsmitglied bei Greenpeace. 2005 kürte ihn das Time Magazine zum »European Hero«, vier Jahre später erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Wer ist dieser Mann? An einem Oktobertag zur Mittagszeit steht Carl Wolmar Jakob von Uexküll, groß gewachsen, aschblondes Haar, blau-schwarzgelb gestreifter Schlips, im Genfer Konferenzzentrum. Er sagt: »Wenn wir heute nicht dafür sorgen, dass unsere Umwelt morgen noch intakt ist, wird unsere Lebensgrundlage übermorgen zerstört sein.«

Draußen verausgabt sich die Sonne. Hier drinnen wartet Uexküll auf drei Damen: die First Lady von Burkina Faso, eine britische Wissenschaftlerin, die schon dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, und die Präsidentin des Panafrikanischen Parlaments, eine der mächtigsten Frauen des Kontinents. Für Uexküll ist es ein normaler Tag.

Die drei Frauen werden am Abend Gäste beim Future Policy Award sein. Uexküll hat den Preis 2007 kreiert. Damit will er Gesetze auszeichnen, die den Klimawandel aufhalten, die Gewalt in der Welt stoppen und den Hunger eindämmen. Vergeben wird er in diesem Jahr für Gesetze gegen Gewalt und Beschneidung von Mädchen und Frauen. US-Vizepräsident Joe Biden wird sie einige Tage später in einer Rede als »wegweisend« bezeichnen.

Berühmt geworden ist Uexküll aber mit einem anderen Preis, den er vor 35 Jahren ins Leben gerufen hat. Gemeint ist der Right Livelihood Award, auf Deutsch: ein Preis für gute Lebensführung, besser bekannt als Alternativer Nobelpreis.

Es ist ein Preis, der seine Träger und ihre Ideen zur Rettung des Planeten vom Schattendasein ins Rampenlicht der Welt rückt. Ein Preis, der von schwedischen Medien anfangs als CIA-Komplott verunglimpft wurde und heute wie sein Original im schwedischen Reichstag verliehen wird. Jedes Jahr zeichnet Uexküll damit Umweltschützer, Friedensaktivisten und Menschenrechtler aus. Er nennt sie »Boten der Zukunft«.

»Unsere Ideen haben sich ganz schön entwickelt«, sagt Uexküll. Er klingt verlegen, wenn er über seine Erfolge spricht. Die Wörter »ich« und »meine« benutzt er nur selten. Seit mehr als 30 Jahren reist Uexküll um die Welt, sammelt Spenden, hält Vorträge über den Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, berät Regierungen.

Angefangen hat alles allerdings ganz klein. Die besondere Geschichte von Jakob von Uexküll beginnt mit einer Waffe. Er ist neun Jahre alt, als sein Vater ihm eine Spielzeugpistole wegnimmt und sie gegen eine kleine, wertlose Briefmarkensammlung eintauscht. Der Vater, Journalist und Pazifist, half während des Zweiten Weltkriegs Juden bei der Flucht aus Deutschland und musste schließlich selbst vor den Nazis nach Schweden fliehen. In seinem Haus duldete er keine Waffen. Auch keine aus Plastik.

Beim Abendbrot diskutiert er mit dem Vater, warum Menschen hungern müssen

Uexküll wird 1944 im schwedischen Uppsala geboren. Als er mit elf Jahren mit seiner schwedischen Mutter, dem deutschen Vater und seiner Schwester nach Hamburg zieht, nimmt er die Briefmarkensammlung mit. Damals weiß er noch nicht, dass daraus einmal sein Lebenswerk entstehen wird.

Uexkülls Vater arbeitet als politischer Journalist für die ZEIT und die Welt. Beim Abendbrot diskutiert er mit seinem Sohn Fragen, die diesen noch heute umtreiben: Warum müssen Menschen hungern, obwohl es genug Nahrung gibt? Warum bekriegen sich Völker, obwohl alle in Frieden leben wollen? Heute sagt Uexküll: »Wir zerstören die Lebensgrundlage unserer Kinder und gucken seelenruhig dabei zu.«

Die Ferien verbringt Uexküll in Schweden, die Schulzeit in Hamburg. Schnell merkt er, dass deutsche Briefmarken in Schweden begehrt sind und umgekehrt. Als Zwölfjähriger verkauft er seine erste Marke. Er beginnt, Briefmarken im großen Stil zu sammeln und über Zeitungsanzeigen zu verkaufen.

Als Teenager fährt er zu Philatelistenbörsen, tauscht Marken mit Menschen aus der ganzen Welt. »Es waren nicht so sehr die Marken, die mich fasziniert haben, sondern die Länder und Menschen, die ich durch sie entdeckt habe.«

Mit 18 geht Uexküll nach Oxford, studiert Politik, Wirtschaft und Philosophie. Fast wöchentlich beschwert sich die Sekretärin, weil er mehr Post bekommt als der College-Direktor. Seine Briefmarkensammlung wächst. Aus einer überschaubaren Zahl werden Dutzende, aus Dutzenden wächst eine wertvolle Sammlung. Aus dem Hobbysammler Uexküll wird ein Profi-Philatelist.

Im Laufe der siebziger Jahre verkauft Uexküll einen Großteil seiner Sammlung für insgesamt eine Million Dollar. Es ist ein Geschäft, das sein Leben verändern wird, allerdings ganz anders, als er selbst es sich ausgemalt hat.

Im August 1980 schreibt Uexküll einen Brief, adressiert an die Nobelstiftung, Sturegatan 14, 10245 Stockholm, Schweden. Er schlägt den Mitgliedern des schwedischen Nobelkomitees vor, neben den vom Chemiker Alfred Nobel gestifteten Preisen einen weiteren einzuführen - für besondere Verdienste im Kampf gegen den Klimawandel. Den Grundstock für das Preisgeld wolle er selbst stiften: Er besitze eine Briefmarkensammlung und habe vor Kurzem einen Teil davon für die erfreuliche Summe von einer Million Dollar verkauft.

Noble Preise

Die Alternative
Der »Alternative Nobelpreis«, der seit 1980 vergeben wird, heißt korrekt Right Livelihood Award. In diesem Jahr geht er an den Whistleblower Edward Snowden für die Aufdeckung des NSA-Skandals. Dabei half ihm Alan Rusbridger, Chefredakteur der britischen Zeitung The Guardian, der dafür den Ehrenpreis erhält. Die Verleihung findet am 1. Dezember statt.

Die Preisträger
Meistens kommen die Preisträger des Livelihood Awards aus Entwicklungsländern. Aber auch fünf Deutsche wurden ausgezeichnet. Unter ihnen Petra Kelly, Mitgründerin der Grünen, und Hermann Scheer, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorkämpfer für erneuerbare Energien.

Das Vorbild
Der schwedische Dynamit-Erfinder Alfred Nobel stiftete vor seinem Tod einen Preis, um jene auszuzeichnen, die der Menschheit im zurückliegenden Jahr auf den Gebieten Medizin, Physik, Physiologie, Chemie, Literatur und Frieden den größten Nutzen gebracht hätten. Seit 1969 stiftet die Schwedische Reichsbank zusätzlich den Wirtschaftsnobelpreis.
Das Nobelkomitee lehnt ab. Begründung: Alfred Nobel habe so einen Preis nicht vorgesehen. Das Komitee sei nicht befugt, eigenmächtig einen neuen Preis einzuführen. »Da hatte ich aber schon zu vielen Freunden von meiner Idee erzählt«, sagt Uexküll. Vier Monate später verleiht Uexküll vor 100 Gästen in einem kleinen Stockholmer Lokal zum ersten Mal den Right Livelihood Award.

Einer der Preisträger ist der ägyptische Architekt Hassan Fathy. Statt Wellblechhütten, in denen sich die Menschen tagsüber vor Hitze kaum aufhalten können und nachts zu erfrieren drohen, lässt er für die Armen seines Landes Lehmziegelhäuser bauen.

Vier Jahre später bekommt die kenianische Politikerin und Umweltaktivistin Wangari Maathai den Preis für ihre Aufforstungsprojekte im kenianischen Wald. Uexküll wird dafür verspottet. Die Medien belächeln seine Preisträgerin als Bäumchenpflanzerin.

»Kaum jemand hatte verstanden, dass der Wald unser Klima schützt und das Klima unsere Erde bewahrt«, sagt Uexküll. 20 Jahre später verneigt sich die Welt vor Maathai: Sie erhält den Friedensnobelpreis. Immer wieder ist der Alternative Nobelpreis Lebensretter und Türöffner: Der Polizeichef eines lateinamerikanischen Landes erklärt der guatemaltekischen Menschenrechtsaktivistin und Preisträgerin Helen Mack Chang bei der Rückreise von der Preisverleihung in Schweden nach Guatemala: »Der Preis macht dich unantastbar.« Niemand könne es sich erlauben, ihr etwas anzutun. Der Preise rücke sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Zuvor hatte Chang um ihr Leben gefürchtet. Ihre Schwester war bereits vom guatemaltekischen Militär getötet worden.

Kolumbianische Bauern erhalten den Preis, weil sie es inmitten des Bürgerkriegs schaffen, ihre Region, in der mehr als 8.000 Einwohner leben, zu befrieden. Nach der Auszeichnung empfängt der damalige kolumbianische Präsident die Bauern. Zuvor hatte er ihre Leistung schlicht ignoriert.

Nobelpreisträger kommen fast immer aus der westlichen Welt, Träger des Alternativen Nobelpreises fast immer aus Entwicklungsländern. Alle Preisträger bekommen Geld, damit sie ihre Arbeit weiterführen und ihre Ideen verbreiten können. Die Dotierung des Preises hängt vom Spendeneingang ab: In diesem Jahr sind es knapp 163.000 Euro.

Für ein Privatleben bleibt Uexküll wegen seiner vielen Reisen lange keine Zeit. Erst mit Anfang 40 trifft er seine heutige Frau auf einer Fährfahrt von Frankreich nach England. Sie ist Britin. Eine ehemalige Tänzerin, die damals als Religionslehrerin arbeitete. Sie heiraten, ziehen nach Hampstead nördlich von London und bekommen einen Sohn, der heute Mitte 20 ist. Sieben Jahre später werden ihnen Zwillinge geboren.

Kritiker bemängeln, dass Uexkülls Preisträger häufig Aktivisten seien

Keines der drei Kinder will den Preis weiterführen, wenn Uexküll eines Tages aufhört. Spricht er darüber, legt sich seine Stirn in Falten. Es macht ihn traurig. Froh ist er darüber, dass sein Neffe Ole von Uexküll die Stiftung für den Alternativen Nobelpreis schon heute als Geschäftsführer leitet.

Jakob von Uexküll, Held so vieler Friedens- und Umweltaktivisten, steht auch in der Kritik: Hochschulen und Wissenschaftler bemängeln, dass bei den ausgezeichneten Forschern die Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus häufig fließend sei. Die Verleihung fuße nicht immer auf objektiven Kriterien. Uexküll lässt sich davon nicht beirren.

Längst ist Uexküll für Thinktanks, Parteien und Regierungen zum gefragten Berater geworden: Greenpeace berief ihn in den Vorstand, er berät die Antikorruptionsorganisation Transparency International, eine Legislaturperiode lang saß er für die Grünen im Europaparlament. Heute nennt er diese Zeit »lehrreich«, aber das sei nichts, das »dauerhaft zu mir passt«. Die politische Langsamkeit zehrt an ihm. Er wird Mitbegründer des Alternativen Weltwirtschaftsgipfels, der als Gegenveranstaltung zum G-7-Gipfel nachhaltiges Wirtschaftswachstum predigen will.

Uexküll sorgt dafür, dass Regierungen in der ganzen Welt - von Großbritannien über Botswana bis nach Marokko und Polen - das Konzept des Erneuerbare-Energien-Gesetzes kennenlernen. Er sagt: »Wenn ich mir den Zustand der Welt anschaue, werde ich ziemlich ungeduldig.« Er sagt aber auch: »Ich bin Possibilist - ich sehe durch meine Arbeit täglich, welche Möglichkeiten wir haben. Und ich bin überzeugt, dass es heute noch möglich ist, die Welt zu retten. Mit den richtigen Ideen.«

Aus DIE ZEIT :: 27.11.2014

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