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Erst studieren, dann zahlen

Von Stefan Winter

Studienbeiträge waren in den letzten Jahren bis heute eines der heißen Eisen der deutschen Hochschulpolitik. In Nordrhein-Westfalen eingeführt, will sie die neue Regierung wieder abschaffen. Befürworter betonen deren Notwendigkeit für die Finanzierung von Universitäten, Gegner sehen darin eine Hürde, die die soziale Selektion noch verschärfen würde.

Erst studieren, dann zahlen© giftgruen - Photocase.comStudiengebühren - eine Notwendigkeit für die Finanzierung von Universitäten oder eine Hürde, die die soziale Selektion noch verschärft?
Studiengebühren lassen sich in einer Art erheben, die die soziale Selektionswirkung nicht verschärft und gleichzeitig doch so erhebliche Geldbeträge einbringt, dass von der derzeitigen universitären Mangelverwaltung Abstand genommen werden kann, um zu einem echten Aufbau einer Wissensgesellschaft zu kommen. Dies kann durch nachgelagerte, rein einkommensabhängige Studiengebühren nach australischem Vorbild erreicht werden.

Ein Beispiel

Die grundsätzliche Konstruktion soll an einem einfachen Beispiel erläutert werden. Bei Einführung eines Systems nachgelagerter Studienbeiträge wird während des Studiums komplett auf die Erhebung von Studienbeiträgen verzichtet. Auch nach dem Studium werden Beiträge erst dann erhoben, wenn ein bestimmtes Mindesteinkommen überschritten wird. Dies hätte für Frau Maria Mustermann die folgenden Konsequenzen. Während ihres Studiums bezahlt sie keine Beiträge. Nach Abschluss Ihres Studiums ist sie zunächst vier Monate arbeitslos. Auch diese Zeit ist beitragsfrei. In ihrem ersten Anstellungsverhältnis verdient sie zunächst 28 000 Euro pro Jahr. Auch jetzt zahlt sie keine Beiträge, da die Freigrenze auf 32 000 Euro pro Jahr festgesetzt wurde. Nach sechs Jahren wird sie befördert. Ihr Einkommen steigt auf 39 000 Euro. Sie liegt damit um 7 000 Euro über der Freigrenze. Auf diesen Betrag wird ein Studienbeitrag von zehn Prozent erhoben, was einem jährlichen Beitrag von 700 Euro entspricht. Nach weiteren vier Jahren entscheidet sie sich für Kinder und setzt beruflich für drei Jahre aus. In dieser Zeit zahlt sie wiederum keine Beiträge. Nach Ihrer Rückkehr auf ihre alte Stelle nimmt sie auch die Zahlung ihrer Beiträge wieder auf. In jedem Fall enden die Gebührenzahlungen, wenn ein Höchstbetrag bezahlt ist. Da die Gebührenzahlungspflicht erst entsteht, wenn ein entsprechendes Einkommen realisiert wird, geht ein Studierender keine Kreditrisiken ein. Die Zahlungspflicht entsteht vielmehr erst durch die Zahlungsfähigkeit selbst.

Das australische System

Ein derartiges System wurde in Australien 1989 implementiert. Mit den eingenommenen Geldern von derzeit umgerechnet etwa einer Milliarde Euro jährlich konnte die Anzahl verfügbarer Studienplätze bis zum heutigen Zeitpunkt um etwa 80 Prozent aufgestockt werden. Besonders intensiv ist die Frage untersucht worden, ob durch die nachgelagerten Gebühren eine soziale Selektionswirkung eingetreten ist, was nicht der Fall ist. Am Aufschwung der Studienplatzzahlen haben Kinder aus benachteiligten Bevölkerungsschichten in gleichem Umfang partizipiert wie Kinder aus besser situierten Familien. Ein weiteres Argument gegen Studiengebühren besagt, dass die Gesellschaft von gut ausgebildeten Akademikern profitiere und deshalb deren Ausbildungskosten zu übernehmen habe. Durch die Einführung einer individuellen Zahlungspflicht komme es zur Abschreckung junger Menschen, da sie nun die Kosten ihres Studiums übernehmen müssten, während die Erträge der Gesellschaft zugute kämen.

In dieser Situation könnte es dazu kommen, dass sich zu viele Menschen entscheiden, nicht zu studieren, eben weil sie die Kosten allein tragen müssten, ein Teil der Erträge aber anderen zugutekäme. Dies sei an einem einfachen Beispiel erläutert. Angenommen, ein Hochschulstudium belastet Martina mit individuellen Kosten in Höhe von 10 000 Euro und führt für sie nach Aufnahme der Arbeit zu einer Einkommenssteigerung von 8 000 Euro. Zusätzlich wird durch die dann arbeitende Martina ein zusätzliches Steueraufkommen von 2 000 Euro erwirtschaftet und ein zusätzlicher Arbeitsplatz geschaffen, durch den Hans 5 000 Euro zusätzliches Einkommen erwirtschaften würde. Die gesamtgesellschaftlichen Erträge des Studiums belaufen sich somit auf 8 000 + 2 000 + 5 000 = 15 000 Euro. Diese Erträge liegen um 15 000 - 10 000 = 5 000 Euro höher als die Kosten des Studiums. Gesamtgesellschaftlich würde sich das Studium also lohnen, es sollte aufgenommen werden. Da Martinas individuelle Erträge aber um 2 000 Euro niedriger sind als die Kosten, würde es sich aus individueller Sicht für sie nicht lohnen, das Studium aufzunehmen.

Es käme also zu einer gesamtgesellschaftlich schädlichen Unterinvestition in Bildung. In dieser Situation könnte der Staat eingreifen und einen Teil der Kosten des Studiums übernehmen, im Beispiel müssten das mindestens 2 000 Euro sein. In diesem Fall würde das Studium Martina nur noch 8 000 Euro kosten, die durch ihr zusätzliches Einkommen gedeckt wären. Übernimmt der Staat Kosten in Höhe von 2001 Euro, würde sich das Studium für Martina sogar individuell explizit lohnen, da es ihr einen Gesamtvermögenszuwachs gegenüber der Situation ohne Studium in Höhe von einem Euro bescheren würde. Das Unterinvestitionsproblem wäre also gelöst. Für den deutschen Durchschnittsakademiker ist diese Art der Argumentation allerdings völlig unhaltbar. Ich selbst entspreche wirtschaftlich in etwa dem deutschen Durchschnittsakademiker. Ich verdiene in meinem Leben etwa 1,5 Mio. Euro netto nach Steuern mehr als der durchschnittliche deutsche Nichtakademiker. Diese Größenordnung stimmt mit den Befunden aus anderen entwickelten Volkswirtschaften überein. Ein Studium generiert daher im Durchschnitt derart hohe private Erträge, dass die Gefahr der Unterinvestition schlicht nicht existiert. Zumindest für Juristen, Ingenieure, Ärzte und Wirtschaftswissenschaftler kann man das Argument der Unterinvestition einfach vergessen.

Tatsächlich muss man anhand derartiger Einkommensvorteile von Akademikern die Schlussfolgerung eher umkehren: Wie will man bei derartigen privaten Erträgen rechtfertigen, dass Akademiker die Kosten ihres Studiums nicht mal teilweise bezahlen sollen, zumal wenn die Gebühren nur von denjenigen nachträglich eingezogen würden, die diese Einkommen auch tatsächlich verdienen? Die Nichtakademiker die Ausbildungskosten von Akademikern mitbezahlen zu lassen, ist bei den gegebenen Einkommensverhältnissen nichts anderes als eine Umverteilung von oben nach unten. Wenn die Nichtakademiker in diesem Land wüssten, welche enormen Einkommen durchschnittliche Akademiker verdienen, wäre die Gebührenfreiheit des Studiums gesellschaftlich wohl kaum noch mehrheitsfähig.

Wechselseitiger Vorteil

Man kann hier noch weitergehen: Adam Smith hat bereits Ende des 18. Jahrhunderts darauf hingewiesen, dass Arbeitsteilung und die dadurch mögliche Spezialisierung enorme Produktivitätszuwächse ermöglichen. In einer Gesellschaft aber, die durch hochgradige Arbeitsteilung gekennzeichnet ist, profitiert jeder durch die Spezialisierung der anderen. Es ist daher keineswegs so, dass nur Nichtakademiker von Akademikern profitieren, sondern der Vorteil ist wechselseitig. Das Argument, Akademiker seien für die Gesellschaft nützlich, weswegen die Gesellschaft auch die Ausbildungskosten zu tragen habe, lässt sich daher als arrogante akademische Selbstüberschätzung interpretieren. Und wenn man sich auf der Welt umsieht, dann gibt es durchaus noch funktionierende Gesellschaften ohne Akademiker, es gibt aber keine Gesellschaften ohne Nichtakademiker. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Frage, wer hier eigentlich wen dringender braucht.

Auch sei ein pragmatisches Argument nicht vernachlässigt. Würden die deutschen Akademiker ihre Ausbildungskosten wenigstens zu einem relevanten Teil selbst bezahlen, stünde für die Universitäten derart viel mehr Geld zur Verfügung, dass die Akademikerquote und die Ausbildungsqualität merklich erhöht werden könnten. Selbst bei pessimistischen Annahmen über die daraus resultierenden Effekte auf das Wirtschaftswachstum entstünde netto eine weitere Einkommenssteigerung auch für die Akademiker selbst und zwar nicht trotz, sondern wegen der Gebührenzahlung! Ferner ist es unangemessen, Studiengebühren jenseits anderer gesellschaftlicher Verteilungsprobleme und Finanzierungsengpässe zu diskutieren. Wir alle wünschen uns eine Welt ohne Staatsverschuldung mit genügend Geld für alles Gute. Fakt ist aber, dass unsere Schulen in teilweise desolatem Zustand sind, im Gesundheitswesen fehlt vorne und hinten das Geld, die Renten werden real immer kleiner und die Polizei ist personell unterbesetzt. Unsere Gesellschaft muss sich also zwangsweise für das eine oder das andere Übel entscheiden. Angesichts der enormen Einkommen von Akademikern ist die Erhebung nachgelagerter Studiengebühren das denkbar kleinste Übel. Ein Land, das Studienplätze kostenlos zur Verfügung stellt und gleichzeitig Kindergartengebühren verlangt, leistet faktisch den sozialpolitischen Offenbarungseid.

Das dann auch noch als soziale Gerechtigkeit verkaufen zu wollen, heißt die Menschen dieses Landes zu verhöhnen. Zumal die soziale Selektion eben in Kindergärten und Schulen stattfindet und nicht beim Übergang vom Abitur zur Universität. Wir haben keinen Mangel an Studierwilligen, wir haben einen quantitativen und qualitativen Mangel an Studienplätzen, siehe die derzeitige Klagewelle von Bachelor-Absolventen auf Zulassung zum Masterstudium. Australien und andere Länder haben uns gezeigt, dass junge Leute den Wert von Bildung verstehen und auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Statt weiter Mangelverwaltung zu betreiben, könnten wir aufbrechen in eine Zukunft mit mehr und besseren Studienplätzen. Soziale Gründe, die dagegen sprechen, existieren nicht.

Schließlich noch eine Aufforderung an die Kultusminister unserer Bundesländer. Gebühren sind Ländersache, Sie können mit dem wissenschaftlichen Aufbau Ihres eigenen Bundeslandes beginnen, ohne auf die Ewigkeit des Konsens zu warten. Und fürchten Sie sich nicht, Ihre Kollegen werden folgen, schneller als Sie denken! Als abschließende persönliche Randnotiz sei noch vermerkt. Ich habe meiner Hannoveraner Fakultät mitgeteilt, dass ich ab sofort mein Studium noch nachträglich bezahlen werde mit 100 Euro monatlich bis zu meiner Pensionierung im Jahre 2032. Das deckt die damaligen Kosten meiner Ausbildung zu 100 Prozent zuzüglich einer Verzinsung von 2,5 Prozent p.a. Ich bin nicht darauf angewiesen, mir mein Studium von den Verkäuferinnen und Automechanikern dieses Landes mitfinanzieren zu lassen. Ich bedauere allenfalls, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Die Leser von Forschung & Lehre fordere ich auf, es mir gleich zu tun. Denn es geht tatsächlich anders. Und wenn Sie es mir gleich tun, lassen Sie es mich bitte wissen!


Über den Autor
Professor Stefan Winter lehrt Human Resource Management an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Forschungsgebiete sind Personal- und Rechtsökonomik.


Aus Forschung und Lehre :: Februar 2011

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