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Es bleibt Familiengeheimnis

VON JOHANNES VOSWINKEL

Die russischen Behörden versuchen einen Forscher einzuschüchtern, der die Schicksale von Russlanddeutschen während der Stalinzeit dokumentieren will - ein Beispiel für die Nöte russischer Historiker.

Es bleibt Familiengeheimnis© Royce DeGrie - iStockphoto.comRussische Behörden erschweren dem Historiker Michail Suprun die Forschungsarbeiten über russlanddeutsche Stalinopfer
Es war ein absurdes Gerichtsspektakel, und kaum einer war dabei. Die Verhandlung in Archangelsk im Norden Russlands verlief hinter geschlossenen Türen, als berührte sie Staatsgeheimnisse. Auf der Anklagebank saßen ein Historiker und ein Archivar, die sich dafür verantworten mussten, dass sie ihren Beruf ausgeübt hatten. Der eine forschte im Archiv, der andere half ihm dabei. Manche Zeugen der Anklage erinnerten sich vor Gericht kaum mehr, warum sie als Geschädigte auftraten beziehungsweise auftreten sollten. Der Geheimdienst FSB präsentierte die Ergebnisse aufwendiger Ermittlungen: die Aussagen einer informellen Mitarbeiterin, die Bilder einer Videokamera, die im Arbeitszimmer des Historikers versteckt worden war, beschlagnahmte Daten-CDs. Worum ging es? Um einen Atomunfall? Um ein streng gehütetes militärisches Geheimnis? Um einen Kreml-Skandal? Nein. Es ging um ein Gedenkbuch für russlanddeutsche Stalinopfer.

Im Mai 2007 hatten das Deutsche Rote Kreuz und der Historische Forschungsverein der Deutschen aus Russland mit der Archangelsker Universität und dem Regionalarchiv des Innenministeriums eine Vereinbarung geschlossen: Der Archangelsker Historiker und Universitätsprofessor Michail Suprun sollte mit seinen Studenten im Regionalarchiv die Daten von etwa 40 000 deutschen und deutschrussischen Stalinopfern zusammentragen. Der Personenkreis war weit gefasst: Er reichte von Russlanddeutschen, die vor 1941 verbannt worden waren, über ehemalige Angehörige der Wehrmacht in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bis hin zu Russlanddeutschen, die während des Krieges nach Deutschland gegangen beziehungsweise geflohen und später von der sowjetischen Armee »repatriiert« worden waren. Viele von ihnen endeten in Lagern und Spezialsiedlungen im Gebiet von Archangelsk. Der Forschungsverein wollte ihr Schicksal in einem Opferbuch würdigen. Aber das passte manchem in den örtlichen Sicherheitsbehörden nicht. Wie in alten Sowjetzeiten fand sich zum schuldig befundenen Menschen der passende Paragraf: Der Historiker habe mit der Sammlung der Daten und der geplanten Veröffentlichung des Opferbuches gegen Paragraf 137 des Strafgesetzbuches über die Verletzung der Privatsphäre verstoßen. Dabei stellte Suprun nur allgemeine Daten wie den Namen, das Geburtsdatum, den Geburtsort, den Zeitpunkt und Grund der Verbannung, Familienstand und Beruf zusammen. »Die Leiden in der Stalinzeit sind doch keine intimen Familiengeheimnisse«, argumentierte Supruns Rechtsanwalt Iwan Pawlow. »Hier geht es um das Verhältnis des Menschen zum Staat und damit um uns alle.«

Die Ankläger sahen das anders. Der FSB setzte Angehörige unter Druck, Nachfahren der Stalinopfer, er verpflichtete Supruns Assistentin zur Schnüffelei und erkundigte sich bei Studentinnen, ob der Historiker Schmiergeld nehme oder sexuelle Avancen mache. Sie durchsuchten Wohnung und Büro. Von etwa 40 000 Datensätzen hatte Suprun bereits 8000 zusammengetragen und 2000 an das Deutsche Rote Kreuz weitergeleitet. Er musste seine Arbeit abbrechen. Im Oktober 2011 begann der Prozess; dem Historiker drohte eine Höchststrafe von zwei Jahren Haft. Das Urteil am 8. Dezember fiel milder aus: Suprun wurde schuldig gesprochen, blieb aber straffrei, da die »Tat« verjährt war. Der Archivar erhielt eine Bewährungsstrafe.

Trotzdem zeigt das Urteil Wirkung in Russland. Das Abschreckungssignal funktioniert. Ein Moskauer Historiker berichtet, dass ein Mitarbeiter eines Regionalarchivs im Altai-Gebiet schon erklärt habe, er halte freigegebene Dokumente erst einmal zurück. Er wolle lieber abwarten, wie sich die Lage entwickele. Ende Dezember verkündete ein Kollege in der Teilrepublik Komi, dass die Veröffentlichung eines Martyrologiums über die politischen Häftlinge der örtlichen Lager der Sowjetzeit gefährdet sei. Der Zugang zu ihren persönlichen Daten werde stark eingeschränkt. Archive sind in Russland traditionell Festungen des Herrschaftswissens der Mächtigen: schwer zugänglich, labyrinthisch und in den Händen der Willkür. Dennoch hat sich einiges verbessert seit dem Ende der Sowjetunion. Die Arbeit in einem der zwölf Archive, die dem Föderalen Archivdienst unterstellt wurden und die die Geschichte der Literatur, der Wirtschaft oder der Kriegsflotte dokumentieren, ist für Historiker mittlerweile Routine. Zwar gibt es auch dort verbotene Schriftstücke. Aber die Regeln sind transparent, Absagen werden begründet. Die Mitnahme eines Laptops scheitert nicht mehr am Wachpersonal. Die Begrenzung auf maximal 500 Kopien pro Jahr, die früher oft als Zensurmittel diente, ist Vergangenheit. »Heute darf man gegen Gebühr sogar Fotos machen«, erzählt Andrej Doronin, Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau. »Es gibt keine technischen Hindernisse mehr.« Und doch: Ausgerechnet einige der wichtigsten Archive Russlands sind im Besitz ihrer Ministerien geblieben und bewahren den sowjetischen Geist der Geheimhaltung. Die Archive des Außen-, Innen- und Verteidigungsministeriums und der Geheimdienste zählen dazu. Der Föderale Archivdienst hat keine Macht über sie. »Ihre Archivpolitik ist ein Geheimnis mit sieben Siegeln«, sagt Doronin. Absagen an Historiker bleiben oft unbegründet. Meist fehlen Register der Dokumente, und der Forscher weiß nie, ob er alles Material gesichtet hat. So ist das Zentrale Archiv des Verteidigungsministeriums fest in die Armeehierarchie eingegliedert und gilt als besonders unzugänglich. »An der Spitze steht ein Oberst«, sagt Doronin. »Er ist völlig von dem Vorgesetzten abhängig. Seine wichtigste Aufgabe ist es, keine Fehler zu machen.« Zwar legte sich das Haus vor Kurzem eine eigene Website zu. Aber die dient eher zur Tarnung denn als Tor zu einer offenen Forschungsstätte. »Unter den angegebenen Telefonnummern«, berichtet Doronin aus eigener Erfahrung, »ist niemand zu erreichen.«

Wer im Zentralarchiv Dokumente einsehen möchte, muss an eine Spezialabteilung im Generalstab schreiben. »In neun von zehn Fällen werden solche Briefe nicht beantwortet«, erzählt Doronin. »Und wenn ein Historiker doch das Glück hat, eingelassen zu werden, muss er die Dokumente akzeptieren, die ihm die Mitarbeiter geben. Leider aber amtieren dort keine Archivare, sondern Soldaten, die von Wissenschaft kaum Ahnung haben.« Warum wird Glasnost so rar, wenn es um sensible historische Dokumente geht? Der Grund ist einfach: Russlands Führung bemüht sich wieder um eine wohl wollende Darstellung der Sowjetunion. Die Erinnerung an den Sieg über Hitler-Deutschland erklärte Wladimir Putin zu einem Eckpfeiler der neuen russischen Identität. Deshalb ist im Kreml die Gründung eines Archivs des Zweiten Weltkriegs im Gespräch, viel Geld soll dafür fließen. Dagegen bleibt der Wille gering, die düsteren Kapitel der Sowjetzeit aufzuarbeiten, nicht nur Stalins Verbrechen, sondern auch die der Breschnewjahre, die Verfolgung der Dissidenten, die Knebelung Osteuropas. Diese Themen sind zwar nicht tabu, aber unerwünscht. »Die Staatsführung nimmt keine klare Position dazu ein«, erklärt Doronin. »Geschichte dient ihr wie früher vor allem als Instrument der Politik.« Das Gerichtsverfahren gegen Suprun in Archangelsk mag die Initiative örtlicher Beamter gewesen sein. Vielleicht befürchteten sie, dass aus dem geplanten Opferbuch Entschädigungsansprüche der Nachkommen erwachsen könnten. Vor allem aber handelten sie, weil sie spürten, woher der Wind aus dem Kreml weht - und weil sie auf wenig Widerstand stoßen.

Die Bevölkerung interessiert sich kaum für die eigene Geschichte, und die meisten Historiker zeigen keine Solidarität mit Suprun. Viele ducken sich in ihre Nische, in einem akademischen Bau, der noch kaum reformiert ist. »Überall lebt die alte sowjetische Historiografie fort«, sagt Doronin. Der Generationswechsel sei schwierig. So existiere zum Beispiel keine Pensionierungsgrenze. »Es gibt historische Institute, deren Leiter 90 Jahre alt sind.« Junge Historiker müssen sich unterordnen. Das Archangelsker Urteil hat ihnen einmal mehr gezeigt, über welche Themen sie besser nicht arbeiten sollten.

Aus DIE ZEIT :: 02.02.2012

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