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Es gibt Aufgaben, für die ein einzelnes Leben zu kurz ist. Eine Geschichte über Menschen, die es trotzdem versuchen

VON JUTTA HOFFRITZ

Manche Berufe erfordern eine Geduld und Beharrlichkeit, wovon die meisten nur träumen können. Die folgenden Menschen widmen ihr Leben verschiedenen Projekten, welche viele schon aufgegeben hätten. Nicht für sich, sondern für etwas, das größer ist als man selbst.

Es gibt Aufgaben, für die ein einzelnes Leben zu kurz ist © luxuz::. - Photocase.de Manche Aufgaben erfordern den Willen, an etwas Großem teilhaben zu wollen
Das Büro im zweiten Stock des alten Gebäudes an der Via Aurelia ist von deckenhohen Archivschränken umgeben. Darin verwahrt Pater Thomas Klosterkamp die Andachts bilder, Schädelknochen und andere Reliquien seiner Schützlinge. Auf dem Tisch davor liegt Papier in hohen Stapeln: der Schriftverkehr mit dem Vatikan. Klosterkamp ist Postulator, er schlägt dem Papst Kandidaten für die Heiligsprechung vor.

Einen Fall hat Klosterkamp bisher abschließen können: Josef Vaz, Missionar in Sri Lanka, wurde vergangenes Jahr heiliggesprochen. 300 Jahre nach seinem Tod und 30 Jahre nachdem Klosterkamps Vorvorgänger das Verfahren anstieß. Die meisten der Anträge auf Heiligsprechung lagen schon auf seinem Tisch, als der Pater das Amt in Rom über nahm - und viele werden noch da liegen, wenn der 51-Jährige es irgendwann an einen Nachfolger ab gibt. Neben Kenntnissen der Geschichte und Theologie ist als Postulator besonders eine Qualifikation gefragt: langer Atem.

In der modernen Gesellschaft hat Arbeit die Religion ersetzt. Aus der allgemeinen Notwendigkeit zum Geldverdienen ist eine individuelle Glückssuche geworden. Arbeit soll sinnstiftend sein, unser Leben erfüllen, uns dabei helfen, uns selbst zu verwirklichen. Als erstrebenswert gelten Berufe, in denen sich der Mensch in den Mittelpunkt stellen kann, samt seinen Bedürfnissen und Eitelkeiten. Ein Job wie der von Thomas Klosterkamp wirkt da wie aus der Zeit gefallen. Und vielleicht ist er es auch. Es ist ein Beruf, der keine Selbstverwirklichung verspricht, sondern Selbstaufgabe verlangt. Und Demut, vor einer Aufgabe, die größer ist als man selbst.

Auch in weltlichen Berufen gibt es solche Aufgaben. Was für Menschen lassen sich darauf ein, in einer Zeit, die um die schnelle Selbstbestätigung kreist? Wie gehen sie mit diesem Wissen um? Woher nehmen sie ihre Motivation? Sind sie seltsam? Oder, ein ungeheurer Verdacht, sogar glücklicher als jene, die dem Glücksversprechen hinterherarbeiten?

Die Suche nach einer Antwort auf diese Fragen führte die Reporterin nicht nur zum Postulator Klosterkamp nach Rom, sondern auch nach Göttingen, wo eine junge Frau an einem niemals endenden Wörterbuch arbeitet, und zu einem Mediziner, der ein Medikament für Frühgeborene entwickeln will - erst mit, dann gegen die Pharmaindustrie. Es wird von Selbstdisziplin die Rede sein, von Weltabgewandtheit und von jenem Moment, in dem Beharrlichkeit zur Obsession wird.

Im Büro von Thomas Klosterkamp scheint die Welt keinen Platz zu haben. Wenn der Postulator über den Akten brütet, stört ihn nichts, außer vielleicht der Papst, der in seinem weißen Helikopter ab und zu draußen hinter den Baumwipfeln vorbei schwebt. Der Oblaten-Orden (»Oblaten der Makellosen Jungfrau Maria«) residiert in einem Park, rund einen Kilometer Luftlinie vom Petersdom entfernt. Dutzende dichter dunkelgrüner Pinien und Zypressen schirmen das Kloster ab von den Geräuschen der Ewigen und ewig hektischen Stadt.

In Klosterkamps Büro gibt es kein einziges elektrisches Gerät. Nur einen Wecker, der ihm hilft, die Zeit nicht ganz zu vergessen. Es sei eine bewusste Entscheidung, dass der Computer am anderen Ende des Flures steht, sagt Klosterkamp. Und dass er sein Handy nur anschalte, wenn er Besuch erwartet. Der moderne Mensch sei »visuell überreizt«, meint der Pater. Er versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Viermal am Tag betet er mit den anderen Padres in der Kapelle. Den Rest seiner wachen Stunden widmet er der Arbeit.

Verfasst Klosterkamp ein Schreiben für den Vatikan, etwa eine der manchmal Hunderte Seiten langen Eingaben zur Heiligsprechung, macht er das im Sommer, solange das Haus leer ist. Den Winter, wenn Ordensbrüder aus aller Welt kommen, um hier Weihnachten zu feiern, hat er fürs Aktenstudium reserviert. Doch egal, ob er liest oder schreibt, er tut es immer nur 20 Minuten lang. Danach macht er eine Pause, beantwortet Mails, kümmert sich um die neue Website des Ordens, auf der man melden kann, wenn man einen Heiligen oder einen Heiligenkandidaten des Ordens um himmlischen Beistand angerufen und seine Fürbitte Wirkung gezeigt hat. Ansonsten will er nicht gestört werden - schon gar nicht von einer Maschine.

In der Welt von Nathalie Mederake war der Computer nicht vorgesehen. Heute ist er für sie Freund und Feind zugleich. Das Deutsche Wörterbuch, 1838 gegründet, ist das umfassendste Nachschlagewerk zur deutschen Sprache. Doch als 1961 der letzte Band in Druck ging, waren die ersten Bände schon veraltet. Die Aktualisierung dauert bis heute an. Gerade schließt Mederake eine Lücke, die im Zettelkasten vor ihr klafft. »Chrom bis Confiserie« steht darauf. Was darin fehlt, ist die Herkunft des Wortes »Computer«.

Zehn Jahre ist sie nun dabei. Ein Wimpernschlag nach den Maßstäben der Lexikografie. »Nach zehn Jahren gilt man gerade mal als gut eingearbeitet«, sagt sie und lacht. Sie hat hier in Göttingen Germanistik studiert und stieß eher durch Zufall zu den Wörtersammlern, als die eine wissenschaftliche Hilfskraft suchten. Mit ihren 23 Jahren war sie zunächst »total erschlagen« ob der Abertausenden von Zetteln im Archiv. Die ältesten trugen noch die Handschrift der Gründer des Wörterbuchs, der Brüder Grimm. Jacob Grimm, der ältere der beiden, war es, der den Buchstaben C erfasste. Als er 1863 starb, versuchte sich die Welt gerade an der Serienfertigung mechanischer Rechenmaschinen.

Es wird Nathalie Mederake mehr als einen Tag Arbeit kosten, herauszufinden, dass der Spiegel das erste Medium in Deutschland war, in dem das Wort »Computer« auftauchte, und zwar in der Ausgabe vom 27. Juli 1955 (»Die zur Zeit schnellste Rechenmaschine der Welt ist der amerikanische Computer Whirlwind«). Noch mehr Tage werden vergehen, bis sie weitere Bedeutungen und den Rest der Wortfamilie ergänzt hat. Dabei durchpflügt Mederake 42 Wörterbücher, alle elektronisch verfügbaren Zeitungsarchive und das gesamte deutschsprachige Internet. Ohne Computer wäre das nicht möglich.

Als Wikipedia 2001 entstand, lächelten die Profis über die Laien am Laptop. Dann blieben die Kunden weg. Weltweit. Die Folge: Brockhaus hat seine Redaktion aufgelöst. Die italienische Accademia della Crusca wird ihr Wörterbuch nicht weiter überarbeiten. Das Oxford English Dictionary erscheint nun selbst digital.

Auch in Göttingen steht die Schicksalsfrage an. Bis November läuft die aktuelle Überarbeitung. Für die Zeit danach ist keine Förderung eingeplant, obwohl die jüngeren Bände auch schon wieder Renovierungsbedarf hätten. Schließlich ist ein Wörterbuch eine Dauerbaustelle und seine Instandhaltung eine Sisyphusarbeit. Ein Stein, den sie in Göttingen seit fast zwei Jahrhunderten rollen. Wenn man Nathalie Mederake fragt, wie sie diese Ausdauer aufbringt, seufzt sie erst und zitiert dann einen früheren Chef: »Wörterbucharbeit ist wie Schwarzbrot essen - je mehr man darauf herumkaut, desto süßer wird es.« Sosehr sich der Beruf des Wörtersammelns von dem des Heiligensammelns unterscheiden mag, den langen Atem braucht man bei beidem.

»Alle denken, der Erfolg eines Menschen hängt von der Intelligenz oder der familiären Herkunft ab, dabei ist Beharrlichkeit mindestens ebenso wichtig«, sagt Matthias Sutter, der an der Uni Köln Verhaltensökonomie lehrt und aus dem Stand Dutzende Studien zu dem Thema zitieren kann. Die Geduld verdiene besondere Beachtung, meint der Forscher. Denn auf den IQ und das Elternhaus habe man selbst ja keinen Einfluss, aufs Sitzfleisch aber schon. »Geduld kann man lernen.«

Das Problem: In der modernen Multimediawelt scheint die intellektuelle Ausdauer eher zu sinken. Bei einer Studie mit 2000 Teilnehmern stellten kanadische Forscher fest, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne seit der Jahrtausendwende von zwölf auf acht Sekunden gefallen ist. Länger konnte sich der Durchschnittsproband nicht auf eine Sache konzentrieren. Kürzer als ein Goldfisch titelte das Time Magazine online.

Geduld sei eine Eigenschaft, deren Bedeutung weit über den Beruf hinausreiche, sagt Sutter und zitiert eine Langzeitstudie der Universität Stanford, die 1968 begann. Die Wissenschaftler luden Vorschulkinder ein, setzten jedes von ihnen in einen Raum, an einen Tisch mit einem Marshmallow oder anderen Süßigkeiten darauf. Dann verließen die Forscher das Zimmer. Allerdings nicht ohne die Kinder vorher aufgefordert zu haben, das Marshmallow nicht zu essen, bis die Erwachsenen in den Raum zurückkehren würden. Wenn es die Kinder schafften, diese Viertelstunde durchzuhalten, würden sie mit der doppelten Portion Süßigkeiten belohnt. In den Folgeuntersuchungen stellte sich heraus, dass die Geduldigen unter den Vorschülern in der High school die besseren Noten hatten und als Erwachsene die stabileren Karrieren, Beziehungen - und sogar die stabileren Körperumfänge.

Die 33-jährige Nathalie Mederake ist schlank und lebt in einer stabilen Beziehung. Ihr berufliches Umfeld aber ist alles andere als stabil. Seit sie beim Deutschen Wörterbuch angefangen hat, arbeitet sie in befristeten Verträgen, fast immer nur auf einer Teilzeitstelle. Nun muss sie sogar um diese bangen.

Ihre Doktorarbeit schrieb Mederake über Wikipedia. Redet sie über die Zukunft ihrer Zunft, dann ist das eine Zukunft mit digitalem Erscheinungsmodus, automatisierter Recherche und Kommentarspalten für die Nutzer. Sie selbst wäre dann eine Mischung aus Museumskurator und Manager der Online-Community. Ihr Chef hat all das auch schon aufgeschrieben - in seinem Förderantrag. Jetzt müsste der nur noch genehmigt werden.

Doch weil Nathalie Mederake nicht auf die Gnade der Gremien vertrauen wollte, hat sie einen Zweitjob angenommen - beim Goethe-Thesaurus. Ab Oktober wird sie von Göttingen nach Hamburg pendeln und den Individualwortschatz des deutschen Nationaldichters katalogisieren. Noch mehr Wörter. Noch ein Stein, den sie sisyphusartig vorwärtsrollen wird. Man muss sich Mederake als glücklichen Menschen vorstellen.

Vom Glück fühlt sich Friedemann Taut schon lange verlassen. Dabei fing alles so gut an: Der Pharmahersteller Altana hatte ein Mittel für Frühchen mit Lungenproblemen entdeckt und suchte einen Arzt, um das Mittel an erwachsenen Atemwegspatienten zu erproben. Taut arbeitete damals beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und war spontan angetan. Aus seiner täglichen Erfahrung wusste er, wie Patienten mit akuten Lungenentzündungen leiden, dass sie sterben, wenn sie mit ihren defekten Schleimhäuten nicht künstlich beatmet werden können. Bei Frühgeborenen verwenden Ärzte bisher Präparate aus Kälber- oder Schweinelunge, um den noch unterentwickelten Schutzfilm fürs eigene Atmen fit zu machen. Die Präparate sind extrem teuer und bergen Allergiegefahren. Ein Biotech-Nachbau menschlichen Lungenschutzfilms wäre viel besser, dessen ist Taut sich bis heute sicher. Er investierte all seine Kraft in die Studie, ohne Erfolg: Bei den Erwachsenen blieben die Effekte unter der Nachweisgrenze. »Danach hatte das Projekt im Haus keinen Rückhalt mehr«, sagt Taut.

Doch Friedemann Taut ist hartnäckig. Nach dem Scheitern der Studie gab es schließlich noch den neuen Inhalator, vom Fraunhofer-Institut in Hannover entwickelt, um das Mittel besser in den Lungen zu verteilen. Taut schaffte es tatsächlich, seine Chefs von weiteren Studien zu überzeugen. Er rettete sogar sein Projekt, als sein Arbeitgeber 2007 an den Luxemburger Wettbewerber Nycomed verkauft wurde. Das Kunststück gelang ihm nochmals 2011, als dieses Unternehmen seinerseits vom japanischen Pharmakonzern Takeda übernommen wurde.

Fast 15 Jahre ging das so. »Der hat sich in die Waden der Manager verbissen«, sagt ein ehemaliger Kollege anerkennend. »Ohne ihn hätte das Projekt nie überlebt«, sagt ein anderer Exkollege. Sie schildern Taut als einen, der sich als Kind locker ein drittes Marshmallow verdient hätte. Doch 2015 beschlossen die Manager in Japan, aus der Atemwegsforschung auszusteigen. Weltweit, aus allen Projekten.

Es war der Moment, in dem aus Friedemann Tauts Beharrlichkeit Obsession wurde. Kollegen rieten ihm innezuhalten. Taut machte einen BWL-Crashkurs an der MBA-School der Uni St. Gallen. Und entwickelte einen Businessplan, um der Firma das Projekt abzukaufen. Viele Monate verhandelte er mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, doch der entschied sich anders und »vermachte« die Rechte dem Fraunhofer-Institut, wie Taut sich ausdrückt. Was er bis heute nicht verstehe: warum der Konzern auf das Geld verzichtete, das er geboten hat. Auch die ehemaligen Kollegen haben keine Erklärung - außer vielleicht, dass einer wie Taut eben auch »anstrengend« werden könne.

Wieso glaubt ein Mann, allein etwas zu schaffen, woran sich drei Konzerne verhoben haben? Warum trotzen ein Dutzend Lexikografen Tausenden von Laien und deren Laptop-Lexika? Macht die Motivation eines Paters einen Unterschied im Angesicht der Ewigkeit?

Motivation macht bei allem den Unterschied, sagt Reinhard Sprenger. Sprenger ist Personalexperte, hat Manager aller Dax-Konzerne gecoacht und den Bestseller Mythos Motivation geschrieben. Hart formuliert lautet seine Empfehlung, Überzeugungstäter einzustellen und Ziele auszugeben, die - bitte schön - über die Zahlen der Bilanz hinausgehen mögen. »Wenn jemand das Gefühl hat, an etwas Großem mitzuwirken, dann hat er kein Motivationsproblem«, sagt Sprenger, »dann kommt er mit Hindernissen und Zweifeln klar.«

Will man mit Thomas Klosterkamp über Motivation reden, erwartet man, dass er schnell auf das Große zu sprechen kommt, auf den lieben Gott. Tut er aber erst mal nicht. Seine Antwort lautet »Gehorsam«. Er erzählt, wie er als Kind am Niederrhein ein Gymnasium der Oblaten besuchte, wie er sich entschloss, dem Orden beizutreten, und wie der nun die Entscheidungen für ihn trifft.

Früher hat er als Schulseelsorger gearbeitet, nach der Promotion Kirchengeschichte in Mainz gelehrt und zuerst die deutsche, dann die europäische Provinz seines Ordens geleitet. Weil diese Ämter immer auf Zeit vergeben werden, hätte er sich auch vorstellen können, sich ganz der Lehre zu widmen, sagt er. Aber sein Orden brauchte einen Postulator.

Klosterkamp öffnet eine Reihe von Schränken. Aus dem letzten nimmt er ein Einmachglas. »Das sieht nicht so appetitlich aus.« Er zieht eine Grimasse. Es handelt sich um die Reste des Kiefers von Joseph Gérard, einem französischen Oblatenbruder, der 1914 in Afrika starb und 1988 seliggesprochen wurde. Dabei wird das Grab geöffnet, um Reliquien für eine spätere Heiligsprechung zu sichern.

»Es geht um Präsenz«, sagt Klosterkamp. Sein Gesicht ist jetzt wieder ernst. In der katholischen Kirche hat jede Gemeinde einen Heiligen als himmlischen Fürsprecher. Und Reliquien - meist eingemauert in den Altar - machen ihn gegenwärtig.

Ähnlich ist es mit den Andachtskärtchen. Das von Joseph Gérard zeigt einen bärtigen, nachdenklichen Mann. Auf der Rückseite ein Gebet, mit dem man sich an ihn wenden kann. Und die Aufforderung, den Orden zu verständigen, wenn das Gebet Wirkung gezeigt hat. Die Familie eines krebskranken italienischen Jungen meldete sich bei Klosterkamp. Sie schrieb, dass der Krebs verschwunden sei, nachdem sie das Gebet, wie vom Orden empfohlen, neun Tage lang gesprochen hatten.

Der Pater kreist um seinen pingpongplatten großen Arbeitstisch. Eigentlich müsste er jubilieren. Seit 29 Jahren wartet der Orden auf Gérards Heiligsprechung. Was fehlte, war ein Beweis für dessen Wundertätigkeit. Ohne Wunder keine Heiligsprechung. Aber Klosterkamp jubelt nicht. Aufgabe des Postulators ist es, Hindernisse aufzuspüren, die Fragen des Vatikans vorherzusehen. Das Kind wurde onkologisch behandelt. Liegt hier überhaupt ein Wunder vor?

»Krebs kommt gerne auch wieder«, sagt Kloster kamp und lässt den Stapel zurück auf den Tisch fallen. »Wir haben Zeit.« Das Gleiche wird er noch bei anderen Stapeln sagen. Er wird medizinische Gutachten einholen. Die Heilung muss nicht nur unerklärlich und plötzlich sein, sondern auch vollständig - bei Krebs bedeutet das: zehn Jahre warten.

Geduldig beantwortet Klosterkamp alle Fragen zu Wundern, Reliquien et cetera. Dann wird er plötzlich streng und sagt, dass man sich durch all das keinesfalls vom Wesentlichen ablenken lassen dürfe: »Vom Glauben!« Keiner der Heiligen, mit denen er zu tun habe, sei perfekt gewesen. »Das sind Leute, die versuchten, im Glauben zu leben, und daran gewachsen sind.« Das mache sie zum Vorbild.

So wie der 27-jährige Italiener Mario Borzaga. Ein Ordensbruder, der in den sechziger Jahren in Laos von kommunistischen Milizen erschossen wurde. Klosterkamp hatte seine Tagebücher entdeckt, in denen Borzaga von seinen verzweifelten Versuchen schrieb, das Leben fern der Heimat mit Sinn zu füllen, von seiner Beziehung zu und seinen Zweifeln an Gott. »Ein Mystiker«, sagt Klosterkamp. 400 Seiten schrieb er für den Vatikan, über Weihnachten! Das Ergebnis: Am 11. Dezember wird der Italiener nun seliggesprochen. Nur zehn Jahre nach Eröffnung des Verfahrens.

Aus DIE ZEIT:: 15.09.2016

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