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Es gibt kein Patentrezept

AUFGEZEICHNET VON SILKE WEBER

Nach dem Medizinstudium wird man Arzt - oder etwa nicht? Drei alternative Berufswege.

Es gibt kein Patentrezept© Peter Atkins - Fotolia.comNicht jeder Medizinabsolvent entscheidet sich für eine Karriere als Arzt

Forschen und Leben retten

Alfredo Zurlo, 51, arbeitet in der Pharmaindustrie
»Mein Vater war Internist und leitete später ein Krankenhaus. Ich wusste nach der Schule nicht, welches Studium ich wählen sollte. Ich war vielseitig begabt, Architektur und Literatur gefielen mir. Die Wahl des Berufs ist ja eine Entscheidung fürs Leben. Ich hörte aber auf meine Eltern und wählte Medizin. Allerdings hatte ich nie vor, eine eigene Praxis zu führen, ich wollte in die Forschung und an einer Uni-Klinik arbeiten.

Eigentlich dachte ich immer, ich würde als Professor an der Uni bleiben. Ich habilitierte an der Universität in Rom und spezialisierte mich auf Onkologie und Radiotherapie. Nebenbei habe ich als Arzt für die Caritas gearbeitet, Obdachlose und Flüchtlinge behandelt. Später ging ich nach Belgien, um als Berater für Krebsbehandlungen in einem europäischen Forschungsverbund zu arbeiten, der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC). Das war für mich der Übergang in die Pharmabranche. Als junger Arzt habe ich einen solchen Weg nie in Erwägung gezogen. Bis ich merkte, dass ich dort sehr viele Möglichkeiten habe.

Ärzte auf Abwegen

Warum wechseln sie?
Viele Mediziner arbeiten nach dem Studium weder in einer Praxis noch in einer Klinik. Als Gründe gelten häufig die langen Arbeitszeiten und der geringe Verdienst trotz hoher Verantwortung. Auch mit Familie lässt sich der Beruf oft nur schwer vereinbaren. Jeder sechste Mediziner entscheidet sich für ein alternatives Berufsfeld - prominente Beispiele sind die Politikerin Ursula von der Leyen und die Schauspielerin Maria Furtwängler.

Was können sie?
Das Medizinstudium qualifiziert für viele Berufe, denn es gilt als anspruchsvoll und arbeitsintensiv. Arbeitgeber schätzen an Medizinern ihre Disziplin und Stressresistenz, aber auch ihre analytische Arbeitsweise.

Wohin gehen sie?
Naheliegende Alternativen für Mediziner sind die Pharmaindustrie und die universitäre Forschung. Ärzte können aber auch im Management humanitärer Hilfsorganisationen oder in medizinischen Fachverlagen arbeiten. Sie übernehmen Aufgaben im Gesundheitswesen und kümmern sich etwa um das Qualitätsmanagement. Als Medizinjournalisten schreiben sie wissenschaftliche Artikel, werden von Consultingfirmen als Berater engagiert oder für Forschung und Service in der Medizintechnik gesucht. Da die Abläufe auch in der Medizin digitalisiert werden, gehört die Medizininformatik zu einem der Zukunftsmärkte für Ärzte. Aufbaustudiengänge und andere Bildungsangebote für wechselwillige Mediziner haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
Sicher, die Pharmaindustrie hat einen klaren ökonomischen Fokus, weniger Freiraum als eine Universität. Aber während man an der Uni auch winzige Studien zu seltenen, unbekannten Krankheiten macht, habe ich bei einem pharmazeutischen Unternehmen mehr Ressourcen, kann an Studien von höherer Relevanz mitwirken. Ich habe einige Jahre für die Roche AG in der Schweiz und in Frankreich gearbeitet. Dort konnte ich ein Medikament für die Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen entwickeln. Weniger als eins von 100 Medikamenten schafft es überhaupt bis zum Patienten. Aber wenn es gelingt, kann das wirklich etwas bewirken. Natürlich bedankt sich kein Patient persönlich bei mir und kommt mit einer Flasche Rotwein im Labor vorbei. Aber ich kann mit meiner Forschung Leben retten. Heute gehöre ich dem medizinischen Vorstand der Mologen AG in Berlin an und entwickle Medikamente für eine Krebsimmuntherapie.«

Mehr Denkarbeit

Bettina Hansen, 51, wechselte in einen Verlag
»Für mich war schon vor dem Abitur klar: Ich möchte Medizin studieren. Einfach aus einer humanistischen Neigung heraus. Meine Eltern waren zuerst dagegen. Ihnen wäre wohl etwas Bodenständiges wie Bankkauffrau lieber gewesen. Da ich nicht gleich einen Studienplatz bekam, machte ich erst eine Ausbildung zur Schwesternhelferin und studierte dann vier Semester Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Psychologie in Augsburg.

Nachts arbeitete ich im Krankenhaus - während meiner ganzen Studienzeit. In den letzten Jahren auf einer Station für Leukämiepatienten. Nach dem Studium wollte ich erst mal die Standardbehandlungen bei Schlaganfall oder Herzinfarkt erlernen. Zwei Jahre arbeitete ich in einem kleinen internistischen Krankenhaus. Als ein Wechsel anstand stieß ich zufällig auf eine Stellenausschreibung von Thieme, einem medizinischen Fachverlag. Bei den Befragungen zu den beliebtesten Berufen rangiert Arzt immer ganz oben. Von außen sieht es vielleicht so aus, als würde man etwas aufs Spiel setzen, wenn man sich entscheidet, den klassischen Weg zu verlassen. Aber so ist es nicht. Auch viele meiner Kommilitonen arbeiten in anderen Berufen. Einer ist sogar Pilot geworden. Bei Thieme habe ich zunächst Bücher im Kitteltaschenformat für Medizinstudenten oder junge Ärzte konzipiert. Heute bin ich für das Verlagsprogramm für Medizinstudenten und Pflegende verantwortlich, ich bin Bereichsleiterin mit Personalverantwortung. Ich glaube, als Mutter von zwei Kindern hätte ich es im Krankenhaus nicht in die Chefetage geschafft. Ich sehe das bei anderen Ärztinnen aus meiner Generation, die sich zwischen Beruf und Karriere entscheiden mussten.

Die Verlagsarbeit nimmt nicht unbedingt weniger Zeit in Anspruch, aber sie ist besser mit der Familie zu vereinbaren. Außerdem nimmt das Denken einen größeren Raum ein. In der Hierarchie einer Klinik ist Gestaltungswille nicht so gefragt, und jeder Tag ist durchgetaktet. Die intellektuellen Fähigkeiten beschränken sich auf wenige Patienten, deren Leiden man noch nicht genau herausgefunden hat.«

Zwischen Bühne und OP

Tugsal Mogul, 44, schreibt Theaterstücke und führt Regie
»Seit ich 16 Jahre alt bin, spiele ich Theater. Aber die Naturwissenschaften haben mich auch schon immer gereizt. Ich entschied mich, Medizin zu studieren, weil es mir zur Existenzsicherung geeigneter erschien. Nach dem Physikum bewarb ich mich an einer staatlichen Schauspielschule - und wurde prompt genommen. Die Schule riet mir, zunächst ein Urlaubssemester einzulegen und die Medizin nicht gleich aufzugeben.

Nach neun Jahren hatte ich zwei Abschlüsse. Als meine Schauspielkollegen zu den Vorsprechen bei Intendanten reisten, absolvierte ich mein Praktisches Jahr an einer Klinik in Hannover. Ich bildete mich zum Anästhesisten und Notfallmediziner weiter. Und neben der Arbeit im OP hatte ich immer mal zwei, drei Drehtage als Schauspieler. Aber als Arzt wurde ich mit meinen 1,68 Meter und den dunklen Haaren nie besetzt. Entweder spielte ich den kleinkriminellen Täter oder das Opfer. Die Realität im OP ist offenbar fortschrittlicher als die Drehbücher fürs Fernsehen. Ich begann eine Art Doppelleben, arbeitete als Schauspieler und nahm unbezahlten Urlaub, um in einem Stück von Tschechow mitzuwirken. 2008 gründete ich die Gruppe »Theater Operation« und schrieb meine eigenen Stücke. Eines heißt Halbstarke Halbgötter - ich erzähle darin, was ich über die Jahre als Arzt erlebt habe. Mich beschäftigt das Innenleben eines Arztes sehr. Die Bühne dient mir dabei als Vergrößerungsglas, ich kann reflektieren, wofür im Krankenhaus nie die Zeit blieb, mich mit ethischen Fragen der Patientenverfügung oder der Transplantation auseinandersetzen, mit Menschen in Grenzsituationen. Was mich am Theater und an der Medizin interessiert, ist der Mensch, physisch und psychisch.

Mein Berufsleben als Arzt macht meine Arbeit als Autor und Regisseur erst authentisch. Nun, da ich merke, dass ich Erfolg mit meinen Stücken habe, reizt mich die Arbeit auf der Bühne mehr als das Ziel, Oberarzt in der Anästhesie zu werden. Es laufen gerade mehrere Stücke von mir auf deutschen Bühnen, ich schreibe an neuen Stoffen, will aber nicht ausschließen, irgendwann wieder hauptberuflich als Arzt zu arbeiten.«

Aus DIE ZEIT :: 06.03.2014