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Ethische Problemzone

Das Gespräch führte HARRO ALBRECHT

Ein Gespräch mit dem Stammzellforscher Oliver Brüstle über die Bedeutung der amerikanischen Klonversuche und über die Grenzen der Forschung an Embryonen.

Ethische Problemzone© ThorstenSchmitt - Fotolia.com Das gelungene Klonen eines menschlichen Embryos hat die ethische Debatte neu entfacht
DIE ZEIT: In Oregon haben Forscher menschliche embryonale Stammzellen mit derselben Methode erzeugt, mit der das Klonschaf Dolly hergestellt worden ist. Im Prinzip haben sie also einen Menschen geklont. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Oliver Brüstle: In gewisser Weise hat es mich schon überrascht, weil sich die Herstellung humaner embryonaler Stammzelllinien auf diesem Weg in der Vergangenheit als sehr schwierig erwiesen hat. Aus biologischer Sicht gab es allerdings keine Gründe, warum dies nicht funktionieren sollte. Die Forscher haben die Probleme der Zellkernübertragung schrittweise zerlegt, Schwachstellen identifiziert und dargestellt, warum die bislang verwendeten Methoden nicht funktioniert haben. Dann haben sie technische Details systematisch optimiert. Die penible Detailarbeit hat letztlich zu diesem Ergebnis geführt.

ZEIT: Der Südkoreaner Hwang Woo Suk hat 2004 schon einmal behauptet, er hätte Menschen geklont. Die Studie war gefälscht. Könnte es sein, dass sich dieser Fall jetzt wiederholt?

Brüstle: Aufgrund der Vorgeschichte gehe ich davon aus, dass eine der angesehensten Fachzeitschriften auf diesem Gebiet, Cell, alles in Bewegung gesetzt hat, um dies auszuschließen.

ZEIT: Sie halten die Studie für technisch gut, und trotzdem wollen Sie lieber nicht von Erfolg sprechen, sondern von einem »wichtigen Ergebnis«. Warum diese Zurückhaltung?

Brüstle: Dass die Technik auf menschliche Zellen übertragbar ist, ist grundlagenwissenschaftlich auf jeden Fall ein interessanter Befund. Ganz unkritisch von einem Erfolg zu sprechen würde bedeuten, die damit verbundene ethische Problematik auszublenden. Streng genommen, haben wir es hier mit der Klonierung eines menschlichen Embryos im Frühstadium zu tun. Dazu kommt, dass für dieses Verfahren Eizellspenden erforderlich sind, die mit einer eigenen Problematik behaftet sind. Diese reicht von einer möglichen Instrumentalisierung der Spenderinnen bis hin zu echten gesundheitlichen Nebenwirkungen. Ganz sicher wird diese Studie wieder die alte Diskussion beleben, ob und an welcher Stelle der wissenschaftlichen Machbarkeit Grenzen gesetzt werden müssen.

Glossar

Stammzellen
sind echte Multitalente. Aus ihnen können sich verschiedene Zelltypen bilden. Das macht sie für den therapeutischen Einsatz so interessant.

Adulte Stammzellen
finden sich unter anderem im Knochenmark. Die Zellen dort produzieren diverse Bestandteile des Blutes.

Embryonale Stammzellen
(ES-Zellen) haben das größte Entwicklungspotenzial. Sie können alle Gewebe des Körpers bilden - bis zum vollständigen Lebewesen. Menschliche ES-Zellen werden aus überzähligen Embryonen gewonnen, die bei der künstlichen Befruchtung nicht eingesetzt wurden.

Induzierte pluripotente Stammzellen
(iPS-Zellen) werden aus Körperzellen erzeugt. Ein biochemischer Cocktail reprogrammiert die adulten Zellen, eine Art molekularer Jungbrunnen.

Geklonte Stammzellen
entstehen, wenn der Kern einer Körperzelle in eine entkernte Eihülle transferiert wird. In der Hülle wird das Zellprogramm quasi auf Anfang zurückgestellt - die einst spezialisierte Körperzelle wird wieder zur Generalistin.
ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, dass aus diesen Embryonen auch lebensfähige Säuglinge heranwachsen könnten?

Brüstle: Rein theoretisch wäre es nicht auszuschließen, dass sich ein geklonter Embryo nach Implantation in die Gebärmutter zu einem Fötus weiterentwickelt. Aller Voraussicht nach wären hierfür zahllose Versuche notwendig, und die Wahrscheinlichkeit von Fehlentwicklungen wäre immens groß. Wer sollte das wozu machen wollen? Deshalb ist dieses sogenannte reproduktive Klonen in den meisten Ländern verboten, so auch in Deutschland, wo wir mit dem Embryonenschutzgesetz eine der weltweit restriktivsten Regelungen in diesem Bereich haben.

ZEIT: Bestätigt fühlen können sich Warner, die immer schon sagten: Alles, was in der Stammzellforschung gemacht werden kann, wird gemacht - und am Ende steht das Klonen von Menschen.

Brüstle: Das werden einige so sehen. Die entscheidende Frage ist, ob wir grundsätzlich jedes wissenschaftliche Verfahren verbieten, das auch Missbrauchspotenzial in sich birgt.

ZEIT: Wie ist Ihre Haltung dazu?

Brüstle: Es gibt durchaus Verfahren, die durch internationale Konventionen gebannt werden sollten. Hierzu zählen meines Erachtens das reproduktive Klonen und bleibende Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob wir alle Verfahren und Forschungsbereiche verbieten wollen, die missbräuchlich eingesetzt werden können. So lassen sich aus reprogrammierten Hautzellen verschiedenste, medizinisch außerordentlich wertvolle Körperzelltypen herstellen. Es ist aber auch denkbar, daraus Ei- und Samenzellen zu gewinnen. Sollten wir deshalb das gesamte Gebiet der Zellreprogrammierung verbieten? Oder zumindest die künstliche Ausreifung von iPS-Zellen in Ei- und Samenzellen? Oder nur deren Verwendung zur Herbeiführung einer Schwangerschaft? Dieses Beispiel verdeutlicht, dass es bei den neuen, vielfältig einsetzbaren Verfahren der Stammzellforschung immer schwerer fällt, Missbrauch über Technologieverbote zu verhindern. Letztendlich ist es die menschliche Handlung und nicht das Potenzial der Technologie, was zwischen nutzbringendem Einsatz und Missbrauch unterscheidet. Das reicht von der Atomkraft bis zur Stammzellforschung.

ZEIT: Das eigentliche Ziel der Studie war ja nicht das ethisch problematische Klonen, sondern die medizinische Anwendung. Dazu werden Embryonen zerstört. Dabei lassen sich auch Stammzellen auf andere Weise erzeugen, bei der das nicht notwendig ist. Brauchen wir überhaupt noch ein weiteres Verfahren?

Brüstle: Dazu muss genau untersucht werden, ob und welche Vorteile solche klonierten Stammzellen haben. Wir wissen heute, dass die Herstellung von induziert pluripotenten Stammzellen über die Zellreprogrammierung mit gewissen Nebenwirkungen und Risiken behaftet ist. Ob diese bei geklonten ES-Zellen geringer sind, muss erst studiert werden. Im positiven Fall könnten geklonte ES-Zelllinien in der Forschung unter Umständen als Referenzstandard dienen. Allerdings nicht in Deutschland. Hier ist die Verwendung derart gewonnener Zelllinien verboten.

ZEIT: Empfinden Sie das Vorpreschen der Forschergruppe aus Oregon als störend, weil es ohne Not eine ethische Debatte wieder anfacht, die sich bereits beruhigt hatte?

Brüstle: In dieser Hinsicht bin ich entspannt. Wir haben heute nicht mehr die Situation, dass Stammzellforschung schwarz oder weiß gesehen wird. Ich würde der Forschergruppe aus Oregon auch nicht unreflektiertes Vorpreschen unterstellen. Die Studie konzentriert sich in sehr systematischer Weise auf eine Optimierung des Kerntransfers. Dass die Autoren mögliche biomedizinische Perspektiven ableiten, ist nicht außergewöhnlich.

ZEIT: Vergangene Woche wurde das Deutsche Stammzellnetzwerk ins Leben gerufen, dessen Präsident Sie sind. Ein Ziel dieses Netzwerks ist es, die wissenschaftlichen Grundlagen für zukünftige Therapien auf der Basis von Stammzellen zu entwickeln. Kann Deutschland es sich leisten, die neue Therapieoption, die das Ergebnis aus Oregon eröffnet, nicht zu erforschen?

Brüstle: Mittlerweile stehen der Stammzellforschung verschiedenste Zellquellen und Zellgewinnungsmethoden zur Verfügung. Das therapeutische Klonen sehe ich der Zeit nicht auf der Therapieschiene. Dass derart gewonnene Zelllinien in Deutschland nicht verwendet werden dürfen, könnte allerdings für einige in der Grundlagenforschung tätige Institute von Nachteil sein.


Über Prof. Dr. Oliver Brüstle
Oliver Brüstle ist erster Präsident des Deutschen Stammzellnetzwerks.

Aus DIE ZEIT :: 16.05.2013

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