Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

EU-Kommissar für Wissenschaft: "Wissen ist unser Gewinn"

Das Gespräch führte Martin Spiewak

Janez Potocnik ist EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung. Der Slowene will Europas letzte Grenzen überwinden.

EU-Kommissar für Wissenschaft: "Wissen ist unser Gewinn"© European CommunityJanez Potocnik, EU-Komissar für Wissenschaft und Forschung
DIE ZEIT: Europa hat einen gemeinsamen Markt, wir bezahlen in Euro und können ohne Probleme im Nachbarland arbeiten. Warum gibt es noch keinen europäischen Forschungsraum?

JANEZ POTOCNIK: Wissenschaft und Forschung fallen in die Zuständigkeit der nationalen Regierungen. Manche Bereiche wie die Universitäten oder Forschungszentren werden verteidigt wie eine gut geschützte Burg. Nehmen Sie die Personalpolitik. Freie Professorenstellen werden in der Regel national besetzt, und manchmal gehen die Stellen an vorbestimmte Personen. Einen offenen europäischen Wettbewerb um die besten Bewerber gibt es selten.

ZEIT: Dafür gibt es einen Wettbewerb um die Fördertöpfe aus Brüssel. Als erfolgreich gilt ein Land, das für seine Forschungseinrichtungen mehr Geld zurückbekommt, als es einzahlt.

POTOCNIK: Diese Logik pervertiert die Idee der Forschungszusammenarbeit. Der Sinn der Teilnahme an einem europäischen Forschungsprojekt machen nicht die, sagen wir, 15 Prozent Fördergelder aus, die man bekommt. Der eigentliche Gewinn sind das Wissen, das am Ende allen zu 100 Prozent zusteht, sowie die wissenschaftlichen Kontakte, die man für die Zukunft knüpft.

ZEIT: Benötigen Forscher dafür Hilfe aus Brüssel? Wissenschaft ist doch per se international.

POTOCNIK: Sagen wir besser, sie sollte es sein. In Wirklichkeit können nach neuesten Erhebungen nur drei Prozent der Wissenschaftler in Europa Forschungserfahrung in einem anderen europäischen Land vorweisen. Für die fehlende Mobilität gibt es Gründe. Riesige Schwierigkeiten bereiten uns etwa die unterschiedlichen Sozialsysteme. Will ein Professor von Deutschland nach Spanien wechseln, kann er nicht einfach seine Krankenversicherung oder Rentenanwartschaften mitnehmen. Auch läuft er Gefahr, seine Forschungsgelder zu verlieren, weil diese daran gebunden sind, dass er in seinem Heimatland bleibt. In einem gemeinsamen europäischen Forschungsraum darf es solche Hürden nicht geben.

ZEIT: Warum benötigt Europa diesen Forschungsraum?

POTOCNIK: Um die großen Probleme zu lösen, vor denen wir stehen. Der Klimawandel, die Ernährungskrise, die Energieknappheit, neue gefährliche Viruskrankheiten, die abnehmende Artenvielfalt: All diese Bedrohungen haben zwei Gemeinsamkeiten. Sie betreffen die ganze Menschheit, und ohne die Wissenschaft werden wir sie nicht lösen können. Hier müssen Europas Forscher Antworten finden. Das ist der eine Grund.

ZEIT: Was ist der andere?

POTOCNIK: Die Sicherung unseres europäischen Gesellschaftsmodells. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, unseren Lebensstil zu erhalten und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben, angesichts der Konkurrenz aus Indien, China, Brasilien und anderer aufstrebender Nationen? Da wir niemals so preiswert produzieren können wie diese Länder, da uns Rohstoffe fehlen und wir die Umwelt nicht weiter belasten dürfen, bleibt uns nur ein Weg: Wir müssen schlauer werden, bessere Produkte herstellen, intelligentere Dienstleistungen ersinnen. Bildung und Wissenschaft sind die Schlüssel dafür.

ZEIT: Die EU hat sich verpflichtet, bis 2010 drei Prozent des Bruttosozialprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren. Davon sind wir weit entfernt.

POTOCNIK: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir das Drei-Prozent-Ziel erreichen werden. Wir werden diese Zielmarke dennoch nicht fallen lassen, wenn wir sie für richtig halten. Hätten wir sie uns zudem vor acht Jahren nicht gesetzt, sähe die Situation sicherlich schlechter aus. Den größten Nachholbedarf hat die private Wirtschaft, die zwei Drittel der Forschungsausgaben beisteuern sollte. Zurzeit kommt von ihr nur rund die Hälfte. Dabei beobachten wir mit Sorge, dass unsere Unternehmen verstärkt außerhalb Europas forschen lassen. Wir müssen alles möglich machen, um diesen Trend umzudrehen.
ZEIT: Streben Sie eine Art europäisches Wissenschaftsministerium an?

POTOCNIK: So weit würde ich nicht gehen. Die Kommission glaubt aber, dass es notwendig ist, die Forschungspolitik der Gemeinschaft aktiver mitzugestalten. Vergessen Sie nicht, dass nur fünf Prozent der Forschungsgelder in Europa über Brüssel ausgegeben werden, die restlichen 95 Prozent über die Mitgliedshaushalte. Wir können helfen, diesen Betrag sinnvoller zu investieren.

ZEIT: Wie soll das geschehen?

POTOCNIK: Indem wir zum Beispiel den Bau teurer Infrastrukturprojekte koordinieren. Es hat wenig Sinn, dass jedes Land ein eigenes Forschungsschiff baut. Stattdessen planen nun verschiedene Mitgliedsstaaten ein gemeinsames Polarschiff, das das modernste seiner Art sein wird. Insgesamt 35 solcher Großforschungseinrichtungen - von der Elektronenlaseranlage bis zum Riesenteleskop - haben wir identifiziert, die Europa in den nächsten Jahren braucht, um international mitzuhalten. Gleichzeitig versuchen wir die Mitgliedsstaaten anzuregen, ihre Forschungspolitik stärker zu koordinieren. Zurzeit machen wir dies bei der Erforschung neuer Energietechnologien. Die neue französische EU-Präsidentschaft hat gerade vorgeschlagen, bei der Alzheimerforschung die Kräfte zu bündeln. Auch das ist sinnvoll.

ZEIT: Was sagen die Mitgliedsstaaten zu dieser Machtverschiebung in Richtung Brüssel?

POTOCNIK: Es geht nicht um Macht. Kein EU-Land wird gezwungen mitzumachen. Wenn heute Deutschland mit China über Technologien zur Einlagerung von CO2 diskutiert und morgen Großbritannien in China vorstellig wird, könnte es doch sinnvoll sein, dass beide Länder sich absprechen. Dabei können wir helfen. Unser Ziel ist, Europa stärker zu machen. Aber das gelingt nur, wenn die Mitgliedsstaaten mitmachen.

ZEIT: Bei dem Plan eines Spitzenforschungsinstituts, des EIT, haben Sie nicht mitgemacht.

POTOCNIK: Wir haben doch gerade den Startschuss gegeben, das European Institute of Innovation and Technology in Budapest zu errichten.

ZEIT: Ursprünglich wollte Kommissionspräsident Barroso mit dem EIT eine europäische Version des berühmten amerikanischen MIT schaffen, ein großes Forschungsinstitut also, das eigene Abschlüsse vergibt. Nun wird in Budapest eine neue Verwaltungsstelle für europäische Fördergelder entstehen.

POTOCNIK: So einfach ist das nicht. Schon die ersten Konsultationen zum EIT haben eine große Zustimmung zu einem Konzept gefunden, in dem Spitzenforscher von Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammenarbeiten. Dieses Netzwerkkonzept verfolgen wir momentan.

ZEIT: Aber die Ursprungsidee einer Neugründung war doch gar nicht schlecht.

POTOCNIK: Die EU hat viele exzellente Universitäten, und das Ziel ist nicht, neue hinzuzufügen. Warum sollte ein renommierter Wissenschaftler aus Oxford oder Tübingen an eine völlig neue Universität wechseln? Das Ziel des EIT ist es, sogenannte Wissens- und Innovationsgemeinschaften in strategischen Bereichen aufzubauen, in denen Ausbildung, Forschung und Innovation zusammenkommen.

ZEIT: Auch um die Einrichtung eines Europäischen Forschungsrats, des ERC, wurde lange gerungen. Welche Rolle soll der künftig spielen?

POTOCNIK: Seine Errichtung wird langfristig die Landschaft verändern. Mit dem ERC können wir eine Champions League der europäischen Wissenschaft schaffen. Die einzigen Vergabekriterien lauten: Die geförderte Forschung muss exzellent sein und in der EU stattfinden.

ZEIT: Warum wendet man diese Auswahlkriterien nicht für alle EU-Programme an?

POTOCNIK: Weil diese oft andere Ziele haben, solche strategischer Art, die Förderung der Mobilität oder der Zusammenarbeit von Forschern. Aber ich bin sicher, dass die Bedeutung des ERC in Zukunft wachsen wird und sein Beispiel auf andere Programme abstrahlt.


Der Mensch
Der Ökonom Janez Potocnik ist seit 2004 EU-Forschungskommissar. Der parteilose Politiker (Jahrgang 1958) stammt aus Slowenien, für das er als Europaminister die Verhandlungen zum Beitritt zur Union führte.

... und seine Idee
Potocnik gilt in Brüssel als freundlicher, aber hartnäckiger Kämpfer für ein grenzenloses Europa der Wissenschaft. Das zweite Ziel des Forschungskommissars ist die bessere Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft

Aus DIE ZEIT :: 17.07.2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote