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Europäische chemische Industrie: Erholt sie sich nach der Krise?

Von Gilbert Schorsch

Unternehmen mit mehreren Standbeinen überstanden die schlechte Wirtschaftslage der letzen Monate mit weniger Rückschlägen als andere. Meisterten große Unternehmen die Situation besser als kleinere, deutsche besser als französische? Wie bestehen sie im Weltmarkt und gegenüber der Öffentlichkeit?

Europäische chemische Industrie: Erholt sie sich nach der Krise?© Loic Bernard - iStockphoto.com In der Krise hat sich eine Redensart als sinnvoll erwiesen: "Lege nie alle Eier in einen Korb."
Einige in Fachzeitschriften veröffentlichte Zahlen helfen zu analysieren, wie die Wirtschaftskrise auf die europäische chemische Industrie wirkte: Die US-amerikanischen Daten - zuerst veröffentlicht und bei weitem am genauesten - betreffen die 20 größten börsennotierten Chemieunternehmen.1)
Von Oktober 2008 bis März 2010 zeigen die Quartalsergebnisse einen jähen Rückgang, gefolgt von einer genauso schnellen Erholung bei den bedeutsamsten Indikatoren: Bis zu 38 % sank der Umsatz und bis zu 65 % der Gewinn. Der Verlauf stimmt mit dem der übrigen Wirtschaft überein. Die chemische Industrie ist durchaus ein empfindlicher Gradmesser für den Zustand der gesamten Wirtschaft.

Breit gestreut ist halb gewonnen

Bei den Daten der zehn größten deutschen Unternehmen ragen zwei heraus: Merck und Bayer meldeten im Jahr 2009 fast denselben Umsatz wie 2008 mit einem Gewinnrückgang von nur 15 %.2) Warum haben sie sich so gut gehalten? Sie missachteten das Votum der Finanzanalysten für Umstrukturierungen. Merck und Bayer hielten entgegen der Mode an den Banden zwischen der Chemie und den Lebenswissenschaften fest. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, Mitte Januar 2009, übertraf der Bayer-Börsenwert sogar den von BASF.3) In der Krise hat sich eine Redensart als sinnvoll erwiesen: "Lege nie alle Eier in einen Korb." In Frankreich zeigt sich ein ähnliches Bild: Wie ihre nichtfranzösischen Pendants verzeichneten Arkema und Rhodia einen Rückgang in der Größenordnung von 20 % des Umsatzes und Nettoverluste von 170 bzw. 132 Mio. Euro.

Air Liquide begrenzte den Umsatzrückgang auf 6,2 % und meldete ein positives Nettoergebnis von 1230 Mio. Euro. Als weltweiter Gaslieferant für alle Industriesektoren hat Air Liquide wie Bayer und Merck gute Aussichten auf einen Platz unter den Siegern bei der Börsenkapitalisierung.3) Die neueren veröffentlichten Daten zu den 50 weltweit führenden börsennotierten chemischen Unternehmen spiegeln weitgehend die vorigen Zahlen.4) Die Unternehmen melden einen durchschnittlichen Rückgang ihrer Umsätze von 19,6 %, beziffern den ihrer Gewinne aber mit nur 6,2 %. Die Rangordnung enthält neu eingeführte asiatische Unternehmen wie die chinesischen Sinopec und Formosa Plastics, das indische Reliance und das südkoreanische LG Chem. Doch die börsennotierten Unternehmen sind alles andere als repräsentativ für die chemische Industrie insgesamt, und die von ihnen gelieferten Informationen sind nicht immer vergleichbar. Insgesamt sank in Frankreich der Chemieabsatz in den Jahren 2008 und 2009 durchschnittlich um 9,7 %. Dabei gab es je nach Sparte große Unterschiede. Der Wert beschönigt wahrscheinlich die Lage: Er beschreibt die Umsätze derjenigen Mitglieder, die an der Umfrage teilnahmen. Ein Unternehmen in Schwierigkeiten hat gewiss weder Zeit noch Lust, auf solche Anfragen einzugehen.

Misstrauen wir also den bloßen Zahlen. Sie zeigen nur den sichtbaren Teils des Eisbergs. Die Bilanz des unsichtbaren Teils, des Teils der Arbeitslosigkeit und der verschwundenen Unternehmen, bleibt noch zu ziehen. Einige allgemeinere Beobachtungen gestatten es ebenfalls, die Wirkungen der Krise zu deuten. Durch größere Umsätze in den Schwellenländer gelang es der Mehrzahl der multinationalen Unternehmen, die Krisenfolgen zu begrenzen. Dies beruhte auf Exporten von im Ursprungsland erzeugten Produkten und Investitionen nahe den Nachfragemärkten. Daraus muss man ableiten, dass die kleinen und mittleren Unternehmen - und insbesondere die französischen, die wenig exportieren - von einer Absatzschwächung auf den nationalen Märkten betroffen waren. Die deutschen Pendants sind größer und exportorientierter - sie erwiesen sich als widerstandsfähiger. Die chemischen Unternehmen der entwickelten Länder sind also in unterschiedlicher Weise durch die Krise gegangen.

Gezwungen, Prioritäten zu setzen

Eine zweite Konsequenz verdient nähere Betrachtung. Die Krise hat die Verwirklichung zahlreicher anscheinend guter Absichten gebremst: Das Gespenst der Krise schwebte über den Diskussionen der französischen Umweltgipfel "Grenelle de l'Environnement 1 und 2" und über denen zur Kohlendioxidabgabe ebenso wie über dem Gipfel von Kopenhagen zum Klimawandel. Die Abwrackprämie hat über die Reduzierung der Treibhausgasemissionen gewonnen. Die Stimme der European Chemical Agency (Echa) aus Richtung Helsinki zur Produktsicherheit ist ebenfalls unhörbar geworden, zumindest außerhalb des Eingeweihtenzirkels. Die Not bestimmte die Prioritäten. Eine davon ist eine positive Beschäftigungsentwicklung - und das ist viel besser als Umweltschutzabsichten zu diskutieren!

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass 2009, das Jahr der Krise, mit dem Darwin-Jubiläum zusammenfiel. Ganz natürlich bewirkte die Krise eine Auslese der leistungsfähigen Unternehmen. Alle weiter bestehenden Unternehmen - von welcher Größe und Rechtsform auch immer - haben bemerkenswerte Fähigkeiten zur Anpassung und zur Nutzung ihrer Produktions- und Finanzmittel bewiesen. So gehen sie gestärkt aus der Krise hervor, bereit, sich künftigen Herausforderungen zu stellen. Und das ist wiederum besser als unterzugehen. Es wäre interessant, das Verhalten der amerikanischen, schneller zu Entlassungen neigenden Unternehmen im Einzelnen mit dem der europäischen Firmen zu vergleichen, die sich ihrer sozialen Verantwortung stärker bewusst sind.

Schuld ist die Verschuldung

Gegenwärtig ist die für die Krise Verantwortliche ausgemacht und einhellig anerkannt: Es ist die Verschuldung. Auf allen Ebenen haben Privatpersonen, Banken und Staaten über ihre Verhältnisse gelebt, das heißt auf Kredit. Die Deregulierung des Bankensystems hat die Wirtschaftskrise verursacht. Die Fundamente des Gebäudes Chemie haben, wenn auch erschüttert, dem Sturm widerstanden. Die Ergebnisse des ersten Halbjahrs 2010 - im Vergleich zum ersten Halbjahr 2009 sehr enttäuschend - sind dennoch ermutigend: Eine wenn auch noch schwache Erholung zeichnet sich ab. In Erwartung einer Regulierung des Finanzsystems sind Pläne zur Wiederankurbelung in Vorbereitung.

Wachsend nachhaltig oder nachhaltig wachsend

Fast überall in Europa sind Stellen weggefallen und Betriebe geschlossen worden. Die Beweise für die Wirksamkeit der vor der Krise angewandten Mittel zur Innovationsförderung lassen noch auf sich warten. Das gilt in Frankreich für Zuschüsse der Agence Nationale de la Recherche ebenso wie bei den europäischen Pendants: dem 7. EUForschungsrahmenprogramm und Projekten des europäischen Forschungsraums wie die europäischen Organisationen für Kernforschung Cern oder Weltraumorganisation ESA. Während der Krise bewiesen die Führungen der europäischen Unternehmen in Verbindung mit der öffentlichen Hand, dass sie sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sind. Die Naturkatastrophen des Sommers führten ihnen zudem ihre Verantwortung für die Umwelt vor Augen.

Heute ist die zu lösende Gleichung klarer denn je formuliert: Erholung = Wirtschaftswachstum + nachhaltige Entwicklung. Wachstum im Dienst einer nachhaltigen Entwicklung oder nachhaltige Entwicklung zur Anregung des Wachstums? Die Verflechtung zwischen den beiden Elementen der Erholung liegt auf der Hand. Das Auffinden guter Treibmittel, damit der Teig aufgeht, steht noch aus. Das Tor zur Erholung erweist sich als schmal.5) Wie lässt es sich weiter öffnen? Die beiden Wege widersprechen einander nicht so sehr, wie es zunächst scheint.

Globale Fortschritte und lokaler Markt

Die Chemie hat zwei Standbeine: Universität und Industrie. Gegenwärtig bestehen in fast ganz Europa gemeinsame Strukturen. Das Ziel des Wettbewerbs ist klar definiert: Arbeitsplätze sollen entstehen. Von nun an muss dieser Indikator für die gemeinsamen Leistungen die Zahl der Veröffentlichungen und Patente, die Indikatoren von individuellen Leistungen, überflügeln. Um die Projekte auszumachen, die wettbewerbsfähige und dauerhafte Arbeitsplätze schaffen, müssen Universitäten und Industrie für den Augenblick darauf verzichten, ihren Lieblingsgöttern "Reines Wissen" und "Technische Innovation" zu opfern. In einer Phase der Knappheit, in Ermangelung einer echten europäischen Industriestrategie müssen sie gemeinsam - in Abstimmung mit der öffentlichen Hand -
  • die vorrangigen Tätigkeitsfelder bestimmen,
  • eine Strategie vorlegen, die technische und sozioökonomische Innovationen verbindet,
  • ihre gemeinsamen Ziele festlegen,
  • die Mittel auf das Wesentliche konzentrieren.
Kurzum, sie müssen es auf sich nehmen, vom Nutzlosen zum Nützlichen überzugehen, das heißt zum Wesentlichen, Lebenswichtigen. Derzeit geht es darum, sich mit Problemen zu befassen und darüber zu sprechen - über Produktsicherheit, die Wahl von Rohstoffen, um fortschreitend solche fossilen Ursprungs zu ersetzen, über den Beitrag der Chemie zu den neuen Energien - und nicht nur darum, Projektgruppen zu beschäftigen. Zurzeit gleicht die wirtschaftliche Dynamik in Asien die Nachfrageschwäche in den entwickelten Ländern aus. Sie begrenzt die Schäden. In Europa haben die Großunternehmen mehr davon profitiert als die kleinen und mittleren. Eine Chemie mit zweierlei Geschwindigkeit, multinationale Konzerne auf internationaler Ebene und kleine und mittlere Unternehmen beschränkt auf ihre nationalen Märkte, ist weder nachhaltig noch lebensfähig. Deutschland hat mit dieser Dualität besser umzugehen gewusst als Frankreich.

Es geht darum, global Fortschritte zu machen - und nicht nur in den Schwellenländern. Man darf bei der Suche nach einer an unumgehbare Entwicklungen angepassten Lebensweise die entwickelten Länder nicht vernachlässigen. Die Devise "global denken, lokal handeln" muss auch in Frankreich angewandt werden. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind dort bei strategischen Überlegungen häufig vergessen worden. Ihr Potenzial muss besser genutzt werden. Aus diesem Grund müssen auch die Brücken zwischen den multinationalen Konzernen und den kleinen und mittleren Unternehmen vervielfacht werden. Gemeinsam müssen sie die Möglichkeiten nutzen, die der Export bietet, aber auch für den eigenen Markt produzieren.

Die kleinen und mittleren Unternehmen als Labors, um die neuen Fundamente zu gründen, welche die chemische Industrie bauen muss? Nach wohnortnahen Dienstleistungen und Einzelhandelsgeschäften, warum nicht eine wohnortnahe chemische Industrie, an der Schnittstelle zu lokalen Ressourcen, zur Großindustrie und zum lokalen Bedarf? Kurzum, warum nicht ein lokaler Markt? Sollten interessante Ansätze dieser Art in den derzeitigen Wettbewerbszentren entstehen, würden die Nachrichten aus der Chemie sie gerne veröffentlichen.

Sich der Allgemeinheit öffnen

Die Erholung setzt eine zweifache, gleichzeitige Veränderung voraus: Die Branchenakteure müssen ihre derzeitigen Praktiken überprüfen und die Konsumenten ihr Verhalten ändern. Diese Gleichzeitigkeit fordert alle gleichermaßen. Damit die Öffentlichkeit bei den notwendigen Entwicklungen aktiv wird, genügt es nicht mehr, lediglich zu kommunizieren. Die Öffentlichkeit muss wirklich informiert werden, mehr und besser. Die Verantwortlichen an den Universitäten und in der Industrie sind sich dessen nicht immer bewusst. Während der Krise haben alle börsennotierten Unternehmen ihre satzungsgemäßen Bilanzpressekonferenzen beibehalten, dass sollten wir anerkennen. Warum aber haben Unternehmen ihre Fachpressekonferenzen ausgesetzt.

Nur Wacker, Lanxess und BASF haben sie beibehalten. Es ist erforderlich, unsere Mitbürger mit der Chemie zu versöhnen, sie darin zu bestärken, dass die Produkte, die sie täglich verwenden, sicher sind. Sie müssen klar und deutlich über die Nutzen-Risiken-Abwägung hinsichtlich neuer Technologien, der Träger der Entwicklungen, informiert werden. Die öffentliche Debatte über die Nanotechnologie zeigt, wie schwierig ein konstruktiver Dialog ist und wie rasch eine Diskussion an Grenzen stößt, wenn die Parteien nicht bereit sind, zuzuhören und sich entgegenzukommen. Aufgrund eines bruchstückhaften Wissens auf der einen Seite und einer zu fachspezifischen Redeweise auf der anderen kommt es darauf an, eine angemessene Sprache und die richtige Art und Weise der Kommunikation zu finden. Wechselseitige Information vermeidet Sektierertum und Unaufrichtigkeit. Das internationale Jahr der Chemie 2011 kommt da wie gerufen. Es muss Gelegenheit bieten, den Beitrag der Wissenschaft und der Industrie ins rechte Licht zu rücken und verständlich zu machen, Brücken zur Öffentlichkeit zu schlagen.

Grundlagen der Chemie auf dem Prüfstand

Die Bedürfnisse der Schwellenländer - Zugang zu Unterkunft, Transportinfrastruktur und Industrieanlagen - haben den Nachfragerückgang in den entwickelten Ländern ausgeglichen. In diesen haben die Konsumgütersektoren - Nahrung, Hygiene und Gesundheit - weniger gelitten als die Sektoren, die Investitionen verlangen, die betroffen sind von Arbeitslosigkeit oder sie fürchten. Die Krise hat eine positive Folge der Globalisierung gezeigt, nämlich dass sich die Lebensstandards solventer Ökonomien einander angleichen.

Die europäische Chemie war der Destabilisierung der Weltwirtschaft direkt ausgesetzt und wurde hart davon getroffen. Sie hat schnell wieder Tritt gefasst, da sie sämtliche Bedürfnisse der Bevölkerungen abdeckt, gleich von welcher Kaufkraft. Doch man darf sich nichts vormachen: Diese noch schwache Erholung fällt mit der Infragestellung von Paradigmen zusammen, auf deren Grundlage sich die Wirtschaft und die Chemie weltweit entwickelt haben: etwa Vorherrschaft der nicht erneuerbaren, fossilen Rohstoffe, große Produktionseinheiten mit den damit verbundenen Risiken, Wirtschaftssysteme unter Missachtung der Menschenwürde. Auf kurze Sicht werden die Grundlagen der Chemie auf dem Prüfstand stehen. Aufgrund ihres Gewichts, ihrer Erfahrung und auch ihrer Werte ist die europäische Chemie bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Wenn nicht zu starke gesellschaftlich-gesetzgeberische Einschränkungen sie gegenüber ihren Konkurrenten auf anderen Kontinenten benachteiligen, hat sie den Willen und die Chancen, sie anzunehmen.

Literatur
1) M. Voith, C&EN 2010, 8, 21 und 2010, 20, 19.
2) M. Bulmahn. Nachr. Chem. 2010, 58, 551.
3) La Tribune, 15. Januar 2009.
4) A. Tullo, C&EN, 2010, 30, 13.
5) Facts & Figures, C&EN 2010, 28, 31.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: November 2010

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