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Exzellent, aber auch gemütlich

VON NICOLE BASEL

In Schweden gibt es viele Topuniversitäten. Warum das so ist, zeigt ein Besuch in Lund.

Exzellent, aber auch gemütlich© Antoine Beyeler - iStockphoto.com"Die Studenten fühlen sich hier zu Hause" - an der Universität in Lund
Auf die Frage: »Entschuldigen Sie bitte, wo geht's denn hier zur Universität?«, reagiert die ältere Dame auf dem Bahnhofsvorplatz verdutzt. Sie schaut erst nach links, dann nach rechts, legt den Finger auf den Mund, grübelt. »Ich weiß nicht«, sagt sie. »Das ist eine schwierige Frage.« Spätestens zehn Minuten nach der Ankunft in Lund, der Stadt im Süden Schwedens, wird einem klar, dass es keine schwierige Frage war, sondern eine bescheuerte. Denn in Lund gibt es keine Universität. Lund ist eine Universität. 100 000 Menschen wohnen hier, gut 50 000 davon sind Studenten oder Angestellte der Universität.

In der Altstadt reihen sich die Fachwerkhäuser aneinander, die Straßen sind aus Kopfsteinpflaster, die Bäume alt und hoch. Die Stadt könnte auch ein Kurort sein. Doch irgendwo hier, hinter den niedlichen Fassaden, muss sie sich verstecken, die universitäre Elite Europas, die exzellente Lehre, die Spitzenforschung. Lund mag nicht so bekannt sein wie Oxford oder Cambridge, doch im aktuellen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) steht die Universität Lund mit genau diesen Topunis in einer Reihe. Die Untersuchung des CHE konzentrierte sich dieses Jahr auf die naturwissenschaftlichen Masterund PhD-Studiengänge, und Lund wurde gleich in allen vier untersuchten Disziplinen - Chemie, Biologie, Physik und Mathematik - als exzellent eingestuft. Gerade die Fachbereiche Biologie und Physik überzeugten durch eine hohe Studentenzufriedenheit und aufsehenerregende Forschung.

Die Frage ist: Wie macht die Universität das? Die Antwort hat zumindest nicht ausschließlich etwas mit Geld zu tun, das ist das Schöne. Das Erfolgsrezept ist einfach und basiert auf drei Säulen. Tomas Brage beschreibt die erste, sie hat mit Stimmung zu tun. Der Physikprofessor arbeitet seit 14 Jahren in Lund. Er trägt einen roten Pulli, hat gräuliche, halblange Haare und eine kuriose Theorie: Brage glaubt, dass die Wurzeln des Erfolgs in Lund nicht nur in dem Lasercenter liegen oder dem Nanolabor und den anderen Hightechanlagen, die nur wenige Gehminuten vom historischen Zentrum entfernt stehen. Fragt man Tomas Brage nach dem Geheimnis der Universität, dann verweist er auf einen Haufen roter Zwiebeln. Denn es ist Mittwoch. Und mittwochabends wird im Physikinstitut in Lund gekocht, getrunken, gefeiert. »Die Studenten fühlen sich hier zu Hause«, sagt Brage. Und er scheint fest davon überzeugt zu sein, dass die erfolgreiche Forschung in einem direkten Zusammenhang mit den jungen Frauen steht, die in der kleinen Cafeteria des Physikinstituts sitzen und Zwiebeln schneiden.

Mit dieser Überzeugung steht er nicht alleine da. Eine Studentin aus Deutschland schwärmt von der Mentalität an der Uni, der Gemütlichkeit, ein anderer Student erzählt vom freundschaftlichen Verhältnis zu den Dozenten. Ein Biologieprofessor spricht auf die Frage, warum Lund so erfolgreich ist, zuerst übers Kaffeetrinken. In Lund scheint es klar zu sein, dass wissenschaftliche Exzellenz elementar von der Qualität der Pausen abhängig ist. »Wir sind das größte Physikinstitut in Schweden«, erklärt Physiker Brage, »größer als Nummer zwei, drei und vier zusammen.« Das bringe Effizienzvorteile. »Aber es birgt auch die Gefahr, dass die Studenten untergehen.« Daher sei das mit der Stimmung so wichtig. Und die wird nicht dem Zufall überlassen. Im Physikgebäude in Lund gibt es viele kleine Räume statt großer Säle, viele Ecken mit Sesseln und Sofas. Die Universität wirkt nicht edel oder modern, sondern eher altmodisch, aber dafür gemütlich. Die Professoren schauen regelmäßig in der Cafeteria vorbei, quatschen mit den Studenten. Das alles ist Strategie: Dozenten und Studenten sollen hier nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch zusammen leben.

Schon Anfänger werden in Forschungsprojekte eingebunden, Jobs als Hilfskraft sind reichlich vorhanden, wer Interesse zeigt, bekommt Interesse zurück. »Die Studenten sollen sich vom ersten Tag an ernst genommen fühlen«, sagt Brage. Als Physikprofessor kennt er sich aus mit Kausalzusammenhängen. Und seine Theorie über eine erfolgreiche Universität geht in etwa so: Aus glücklichen Studenten werden motivierte Studenten. Und aus denen wird guter Forschungsnachwuchs. »In Lund gibt es nicht so ein Konkurrenzgehabe«, sagt Randall, Biologiestudent aus Kalifornien. »Die Gruppen sind klein, alles ist weniger stressig.« Das liegt auch am Unterrichtssystem: Die Studenten belegen hier nicht sechs, sieben Kurse gleichzeitig, sondern konzentrieren sich in der Regel für mehrere Wochen nur auf ein Thema. »Man taucht so tiefer in das Thema ein«, sagt Randall, »es bleibt mehr hängen.« Silke kommt aus Jever, sie macht auch einen Master in Biologie. Sie überzeugt die Praxisnähe in Lund, die große Auswahl bei den Kursen, die Dozenten.

»Die Leute sind hier sehr engagiert, Wissen zu vermitteln«, sagt sie. Jeder Lehrende in Lund muss mindestens ein halbes Semester Vollzeit Didaktik studieren, sonst gibt es keine Festanstellung. Die zweite Säule des Erfolgsrezepts der Universität Lund hat dann doch mit Geld zu tun. In dem erhabenen Hauptgebäude aus dem 19. Jahrhundert sitzt Per Eriksson. An den Wänden hängen schwere Ölgemälde seiner Vorgänger. Vom letzten in der Reihe hat der Rektor der Universität ein ziemliches Luxusproblem übernommen - Lund hat zu viel Geld. Der Kassensturz im vergangenen Jahr resultierte in einem Überschuss von 45 Millionen Euro und in einer heftigen Kritik an Eriksson: Er schaffe es einfach nicht, das Geld schnell genug auszugeben, zu investieren.

Keine andere Hochschule in Schweden hat 2009 so viele Drittmittel einwerben können wie Lund. Der Grund für den finanziellen Erfolg hat damit zu tun, dass die ganze Stadt ein einziger großer Campus ist. Dadurch kennen sich die Wissenschaftler untereinander. Schon seit mehreren Jahrzehnten, so Eriksson, habe Lund Wert darauf gelegt, fächerübergreifend zu forschen. Und das zahle sich nun aus. »Bei vielen Ausschreibungen geht es um Herausforderungen der Gesellschaft, die man nicht mit einer Disziplin lösen kann«, sagt der Rektor. Erst vor Kurzem wurde Lund als Standort ausgewählt für ein 1,5 Milliarden Euro schweres europäische Großprojekt zur Neutronenforschung. Im CHE-Ranking hat nicht nur Lund gute Ergebnisse eingefahren. Drei weitere schwedische Universitäten haben es in die Spitzengruppe geschafft. Gemessen an der Einwohnerzahl, sind das dreimal so viele wie in Deutschland. Das ist vermutlich auch ein Resultat der expansiven Bildungspolitik. Über sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts gibt Schweden für Bildung aus.

Das schlägt in der EU nur noch Dänemark. 41 Prozent eines Jahrgangs machen in Schweden laut OECD einen Hochschulabschluss, in Deutschland sind es nur 21. Das Studium ist kostenlos, jeder Student bekommt vom Staat monatlich 280 Euro für den Lebensunterhalt. Fragt man internationale Forscher und Studenten, warum sie nach Lund gekommen sind, dann spielen jedoch nicht nur Geld, gute Ausstattung und die lockere Atmosphäre eine Rolle. Hier kommt die dritte Säule des Erfolgrezepts ins Spiel: die Sprache. Denn in Lund wird nicht nur auf Englisch geforscht und gelehrt. Auch der Alltag findet auf Englisch statt. Sogar die Frau hinter der Theke beim Bäcker spricht Englisch mit feinem britischen Akzent. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Städte, in denen das Leben als Ausländer so einfach ist wie hier. Auf den Straßen herrscht Sprachenvielfalt: Schwedisch Spanisch, Chinesisch, Portugiesisch, Deutsch. Englisch verstehen alle. Das war auch für die deutschen Austauschstudenten, die gerade in der Cafeteria sitzen, einer der Gründe nach Lund zu kommen. »Wir wollten ins Ausland, um unser Englisch zu verbessern«, sagen sie. »Da war Schweden eben naheliegend.«

Aus DIE ZEIT :: 28.10.2010

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