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Exzellenz ist eine seltene Pflanze

Von Holger Luczak und Martin Frenz

Die Lehre an Universitäten setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. In allen Kriterien, die zu guter oder gar exzellenter Lehre gehören, herausragend abzuschneiden, scheint kaum möglich - von Selbstliebe und Selbstlob in Form von Marketing- Broschüren einmal abgesehen. Ein Appell, dem inflationären Gebrauch euphemistischer Etiketten zu wehren.

Exzellenz ist eine seltene Pflanze© froodmat - Photocase.com
Die Diskussion, wer und was sich "exzellent" nennen darf, ist im Bildungssystem angekommen, nachdem sie bereits im Forschungssystem heftige Wellen geschlagen hat. Ob diese Ausweitung eines Gültigkeitsbereiches dem Attribut gut tut, mag ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Eigentlich geht's nur mit "Downgrading/ Downsizing" des Prädikats. Aber es geht auch mit Analytik des Lehr- sowie Lernkontextes und Persönlichkeitsstrukturen von Akteuren.

Methodische Überlegungen

Um Exzellenz in der Lehre zu kennzeichnen werden drei primär verantwortliche Gruppen von Handelnden betrachtet:
  • Universität bzw. die einzelne Fakultät, die
  • Professoren sowie die
  • Studenten.

Zusätzlich berücksichtigt das Modell die gegenseitigen Wechselbeziehungen dieser Akteursgruppen (Studentenschaft - Professorenschaft (1), Professorenschaft - Universität mit Fakultät (2), Universität mit Fakultät - Studentenschaft (3). Die Autoren haben in verschiedenen Funktionen allen Akteursgruppen als Aktive angehört und können auch erfahrungsgeleitet argumentieren. Diese Akteursgruppen stellen den Kern des universitären Bildungssystems dar. Mit der Reduktion auf den Kern werden Argumentationsstränge verriegelt, die "Gründe" für eigene Unzulänglichkeiten in den erweiterten Akteurskreisen aus Praxis, Politik und Gesellschaft zu suchen.

Die Variablen

Das Ergebnis der angewandten Methodik sind die gezeigten drei Abbildungen (Abb. 1, 2, 3) mit "Scores" anhand der drei Kennlinien der Begeisterung, Normalleistung und Basisleistung. Die Vertikalgliederung folgt Kano in Richtung "Spitze" entsprechend den Begeisterungsanforderungen, in Richtung "Norm" bei Voraussetzung schon bemerkenswert guter Standards in den Leistungsanforderungen, und letztlich formuliert als "Basis"-Kriterien für eine funktionsfähige Institution als Bildungseinrichtung, die ihren Auftrag zu erfüllen vermag. Die Schemata lesen sich besonders aufschlussreich in Richtung "Exzellenz", als der vertikal orientierten Bewertung jeweils ein Grundkriterium in drei ordinalen Ausprägungen zugrunde liegt. In horizontaler Richtung wurden die Prozessphasen der Hochschullehre nach Schindler unterlegt.

Universitäts- und Fakultätsbild

Exzellenz ist eine seltene Pflanze
Die Horizontalgliederung im Universitäts/ Fakultätsbild erfolgt mit insgesamt acht Variablen dem sog. Schindler-Modell, davon vier zum Kontext, zwei zum Input und je eine zum Output und Transfer. Diese Variablen kennzeichnen
  • die Finanzausstattung und Finanzautonomie (Spalte 1),
  • die studentenorientierten Selektionsmechanismen in Form der Verknappung eines "Lernmarktes" und der Verengung von Zugangsmöglichkeiten nach einem "Filtermodell" (Spalte 2),
  • die Qualität des universitären Lehrpersonals und somit den "Lehrmarkt" im Angebotsspektrum (Spalte 3),
  • die Zielorientierung in der Führung und insbesondere die Führungsmechanismen in Form der "Arbeitsteilung" im Management-Konzept (Spalte 4),
  • die Ausbildungsstandards mit Modularitäts- und Mobilitätscharakteristiken in lokaler, nationaler und internationaler, aber auch inter-curricularer Hinsicht (Spalte 5),
  • die Anreizsysteme für Lehrleistungen, die institutionell und prozessual verankert sein sollten (Spalte 6)
  • die Institutionen-Reputation in Form der Innen- und Außenwahrnehmung von qualitätsorientierten Prozessen (Spalte 7),
  • den Arbeitsmarkt-Impact in Form der biographie- und berufsorientierten Wirkung von Abschlüssen (Spalte 8).

Der "wünschenswerte Professor"

Für das Akteursbild "Professorenschaft" ergibt sich nach Sichtung von Artikeln und Publikationen über "Flaschenlager" und "faule Professoren" bis hin zu Festschriften und Biographien "großer Gelehrter" und "eindrucksvoller Lehrpersönlichkeiten" eine ziemlich klare Vorstellung über den "wünschenswerten" Professor. Er sollte
  • durch seine Forschungsbeiträge in der Wissenschaftslandschaft besonders ausgewiesen und reputiert sein (Spalte 1/Forschungsleistungen).
  • durch die inhaltliche Struktur und Aktualität seines Lehrstoffs überzeugen (Spalte 2/Lehrstoff-Strukturierung),
  • seine Veranstaltungsorganisation und seine Basismaterialien für die Lehre eigenständig und didaktisch geschickt konfigurieren (Spalte 3/Konfigaration),
  • seine Didaktik und Lehrmethodik in vielfältiger Hinsicht an sein Auditorium anpassen (Spalte 4/Flexibilität),
  • mit hohem Engagement und mit Lust (nicht mit nur Pflichtbewusstsein) an die Bewältigung von Lehraufgaben und Interaktionen mit Studenten herangehen (Spalte 5/Betreuungsintensität),
  • mit Demonstration von Verfügbarkeit und mit guter Rhetorik, vielleicht sogar Charisma, seinen Studenten entgegenkommen in Richtung auf "spannende" Lehrprozesse (Spalte 6/Persönlichkeit),
  • die Reichweite der Lehrziele den Möglichkeiten seiner studentischen Individuen und Kollektive anpassen (Spalte 7/Lehrerfolgsorientierung).

Das Professorenbild entwickelt sich entlang der sieben Variablen horizontal als Input- und Prozessverantwortlicher, vertikal als derjenige, der mit besonderer Reputation, Stoffselektion, Didaktik, Methodik, Engagement und Charisma sowie permanenter Lehrerfolgskontrolle aufwartet. Aber schon die "Basis"-Scores sprechen bei inhaltlicher Erfüllung für eine Lehrqualität, die Studenten zu schätzen wissen. Die "Norm" ist hier schon eher die Ausnahme als die Regel und die "Spitze" bleibt nach Erfahrungen der Autoren einsam besetzt.

Studenten

Exzellenz ist eine seltene Pflanze
Für die Studenten ergibt sich das folgende Bild nach Sichtung von Schriftstücken über PISA-Gebeutelte, Gesamtschulopfer und Null-Bock-Generation bis hin zu "Jugend forscht"-Preis-Aspiranten, 1,0-Abitur-Strategen im klassischen Gymnasium und Generationengerechtigkeitsfanatikern. Hier sind die beschreibenden Variablen
  • in Spalte eins die Akzeptanz von Bildungswerten, die von der Notwendigkeit der Beherrschung elementarer Kulturtechniken bis zu einer Art hohen Bildungsanspruchs reicht,
  • in Spalte zwei die Selektionsstufen, die eigenbestimmt oder fremdgesetzt durchlaufen werden, und als Zugangsvoraussetzungen gelten können,
  • in Spalte drei die intellektuelle Kapazität und die Persönlichkeitseigenschaften, die lernfördernd wirken,
  • in Spalte vier die Lernmotivation, die auch emotionale Komponenten umfasst,
  • in Spalte fünf die Eigenständigkeit der Lernprozesse, die als Mechanismen einer Stoffbewältigung gelten können,
  • in Spalte sechs die Prüfungsergebnisse, gemessen z.B. an Scores des Prüfungserfolges,
  • in Spalte sieben die Kompetenzorientierung mit dem Breiten- und Tiefenprofil der Ausbildungsinhalte.

Von den sieben Variablen können drei dem Kontext, zwei dem Prozess und jeweils eine dem Output und dem Transfer zugeschrieben werden, wenngleich diese Zuordnung nicht überall als "scharf" im Sinne der Theorie unscharfer Mengen bezeichnet werden kann. Horizontal ist als Basis bereits die Mehrheit der im Studium Erfolgreichen anzusehen. Bei vielen Ingenieur-Studiengängen ist das die "bessere Hälfte", da vielfach bis zum ehemaligen "Vordiplom" an die 50 Prozent der Studenten die Fachrichtung wechseln (müssen). Die so bezeichnete Norm hat schon viel mit "Soll-Sein" im Sinne einer Bewältigung der Studienanforderungen mit guten Leistungsvoraussetzungen (Einstellungen, Vorbildungen, Intelligenz etc.) zu tun. Die Spitze ist üblicherweise so selten wie die homogene Spitzennotenverteilung über das gesamte Fächerspektrum eines Studiengangs (1,0-Student).

Professoren - Studenten

Zentral für die Exzellenz der Ausbildung ist die Betreuungsrelation zwischen Professoren und Studenten. Auch wenn die Voraussetzungen des Lehrenden und des Studierenden in allen Phasen der Lehre im Spitzensegment liegen, sind diese ohne Relevanz, wenn die Anzahl der Studierenden pro Semester vierstellig ist - so im BA-Studium Maschinenbau der RWTH Aachen University -, da die Betreuungszeit bzw. die Zeit für einen wissenschaftlichen Disput im Minutenbereich für das gesamte Studium liegt. Insbesondere in großen Studierendengruppen ist eine Abstimmung der Lehr-Lerngeschwindigkeit zwischen Professorenschaft und Studierenden nicht möglich. Der exzellente Lehrer hat lediglich die Möglichkeit, sich an einer mittleren Lerngeschwindigkeit zu orientieren, womit er einen Großteil der exzellenten Studierenden langweilt und Studierende mit einer eher geringen Lerngeschwindigkeit permanent überfordert.

Universität/Fakultät - Professoren

Exzellenz ist eine seltene Pflanze
Ein exzellenter Lehrer ohne curriculare Berücksichtigung (Pflichtbereich, Wahlpflichtbereich, Wahlbereich) - dies bedeutet in Zeiten kürzerer und strafferer Studienzeiten ein Lehrer ohne Schüler - ist für die Hochschulbildung bedeutungslos, wenngleich vielleicht ein Glücksfall für die Forschung. Von der Durchsetzungsfähigkeit des Lehrers in den Selbstverwaltungsgremien oder von eventuell persönlichen Beziehungen zum Studiendekan hängt es ab, welche Anzahl an Credit-Points dem Fach zugesprochen werden und damit welche Bedeutung die Exzellenz der Lehre in dem betreffenden Studiengang hat.

Universität/Fakultät - Studenten

Gleiches gilt für die Wechselbeziehung zwischen Studierenden und der Fakultät. Die Studierenden haben oft nicht die Möglichkeit ihre Exzellenz im Studium zu zeigen, weil das Curriculum ein Kompromiss der Diskussion in einem Selbstverwaltungsgremium ist, welcher nur sehr bedingt die persönlichen Stärken des einzelnen Studierenden berücksichtigen kann. Für die Professorenschaft und die Studierenden könnte es ein Ziel sein, möglichst viele Wahlmöglichkeiten in Curricula einzuplanen, um sowohl aus der Perspektive der Studierenden wie auch der Lehrenden Korridore exzellenter Lehre bei Spitzenleistungen der drei Akteure zu schaffen.

Interaktion zwischen allen Gruppen

In der dreifach Wechselbeziehung der Akteure sind wohl vorwiegend rechtlich hinterlegte Konstrukte für eine Exzellenzbeurteilung relevant: Die Universitätsverfassung kann für alle verbindliche positive (ethische) Pflichten formulieren, deren Erfüllungsgrad dann auch in Belohnungs- und Bestätigungssystemen für den einzelnen Akteur konkretisiert wird, oder auch mit Mindest-Ordnungszusammenhängen (Rahmen-Prüfungs-Ordnung, Promotionsordnung, Habilitationsordnung) zur ordnungsgemäßen Pflichterfüllung aufrufen. Gerade im Dreiklang aller Akteure erweist sich, ob die innere Harmonie, möglicherweise im Diskurs ausgefochten und verabschiedet, zu besonderem Aufhorchen im Außenverhältnis des Systems bei Politik, Praxis und Gesellschaft führt. Gehorsam in Richtung Politik, kritiklose Übernahme von Verwertungsinteressen für Kompetenzen und Berücksichtigung gesellschaftlicher Forderungen nach der Maximierung des Durchflusses sind einer exzellenten Anstalt unwürdig.

Bestätigte Skepsis

Das Ergebnis der Überlegungen bestätigt die Skepsis, wie "leichten Herzens" Exzellenzprädikate in der universitären Lehre anhand von einigen Sonderleistungen institutionell wie personell verabreicht werden. Die gediegene und rare Verwendung euphemistischer Begriffe erscheint angezeigt. Den Autoren ist weltweit keine Universität mit den angesprochenen Akteuren bekannt, die in allen Grundkriterien die ordinale "Spitze" in der Fremdeinschätzung erreichen könnte, Selbstliebe und Selbstlob in Form von Marketing- Broschüren natürlich ausgeschlossen. Jede deutsche universitäre Einrichtung mag frohen Herzens bekennen, wenn sie die überwiegende Mehrzahl der Basisscores für sich in kritischer Selbsteinschätzung für zutreffend befindet. Selbst die "gute Norm" wird vielfach nur mit großer Anstrengung erfüllbar sein: Glückwunsch zu diesem Erfüllungsgrad! Die schlichte Behauptung mancher Universitätsverantwortlichen, man gehöre zur "Spitze", wird sich bei ernsthafter Überprüfung als Hybris erweisen: Exzellenz ist ein überaus rares "Pflänzchen/ Kraut" und darf es auch bleiben, damit daraus kein inflationär bewertetes Massengewächs wird.


Über die Autoren
Professor (em.) Holger Luczak war Direktor des Instituts für Arbeitswissenschaft der RWTH Aachen und geschäftsf. Direktor des Forschungsinstituts für Rationalisierung.
Dr. phil. Dipl.-Ing. Martin Frenz ist Studiendirektor im Hochschuldienst am Institut für Arbeitswissenschaft der RWTH Aachen.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2011

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