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Exzellenzinitiative - Mehr Breite wäre Spitze!

VON UWE SCHNEIDEWIND UND FRANK ZIEGELE

Die Exzellenzinitiative hat die deutsche Forschung nach vorn gebracht. Nun sollten weitere Facetten der Hochschulen entwickelt werden. Ein Plädoyer.

Mehr Breite wäre Spitze!© MMchen - photocase.deZu exzellenten Hochschulen gehört nicht nur gute Forschung
Die Exzellenzinitiative ist eine Erfolgsgeschichte in der deutschen Wissenschaftspolitik. Nun streitet man darüber, wie sie fortzusetzen wäre - anders als bisher, finden wir. Bis Ende der neunziger Jahre galt für die deutschen Hochschulen das Prinzip Gleichmacherei: Alle Hochschulen sollten gute Qualität in Forschung und Lehre bieten, nach ähnlichen Standards, auf ähnlichem Level. Die Exzellenzinitiative kündigte diesen Konsens auf: Sie belohnte die Spitzenforschung, förderte die Kooperation mit leistungsstarken Einrichtungen außerhalb der Hochschule und stärkte die Identifikation der Professoren mit ihrer Universität. Das Ziel lautete: internationale Wettbewerbsfähigkeit für einen kleinen Kreis herausragender Universitäten.

Die Erfolge sind nach zehn Jahren da. Allerdings blieben weitere Hochschulaufgaben außen vor. Die nächste Runde der Exzellenzinitiative von 2017 an darf deshalb nicht mehr nur allein die Forschung im Blick haben, sondern muss verschiedene Hochschulprofile belohnen.

Das Aufgabenspektrum von Universitäten ist in den vergangenen zwanzig Jahren enorm gewachsen: Es gibt mehr und mehr Studierwillige, gleichzeitig verliert der klassische Studierendentypus an Bedeutung. Ehemals atypische Studierende, also solche, die Kinder haben, im Beruf stehen oder unterschiedliche Bildungsbiografien mitbringen, brauchen neue und differenzierte Wege, um zu einem akademischen Abschluss zu gelangen. Das erfordert Hochschulen, die sich auf andere Ziele als auf Spitzenforschung spezialisieren, auf lebenslanges Lernen etwa oder auf die Lehre für first generation students, die Schulabgänger aus bildungsfernen Familien.

Exzellenzinitiative

Das Förderprogramm von Bund und Ländern läuft nach drei Runden in der jetzigen Form Ende 2017 aus. Zurzeit werden die Resultate von einem internationalen Gremium, der Imboden-Kommission, ausgewertet. Politik und Hochschulen diskutieren bereits darüber, wie eine Fortsetzung aussehen könnte. Das Geld dafür stünde bereit. Die jetzige Initiative belohnt nur wenige Spitzenuniversitäten und hier vornehmlich die Forschung in Verbünden (»Clustern«) und in Doktorandenschulen. Ein neuer Wettbewerb, so viel steht fest, wird anders aussehen.
Zudem sollen Hochschulen heute Beiträge zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten, insbesondere in ihrer Region Innovation fördern und einer unternehmerischen Gründerkultur den Boden bereiten. Sie sollen Antworten finden auf soziale und ökologische Herausforderungen, sollen als Bürgeruniversitäten die Zivilgesellschaft in wissenschaftliche Prozesse einbeziehen und deren Anliegen zum Ausgangspunkt von Forschung und Lehre machen. Klar ist: Keine Hochschule kann all diesen Anforderungen gerecht werden, eine Aufgabenteilung innerhalb des Systems ist deshalb überfällig.

Es finden sich schon gute Ansätze wie die Universität der Informationsgesellschaft in Paderborn, die Universität für Weiterbildung in Berlin oder die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Wirkliche Schwerpunktsetzung in Lehre, Regionalität oder Innovation ist aber noch die Ausnahme. Keine deutsche Universität hat sich bislang so ausdrücklich der Lehre und den Studenten verschrieben wie die Universität Maastricht mit ihrem Motto »leading in learning«.

Erst durch die Ausprägung unterschiedlicher Profile kann ein Hochschulsystem allen Bedürfnissen gerecht werden. Erst dann wäre ein world class university system erreicht. Bisher hatte die Exzellenzinitiative nur einzelne world class universities im Blick. Tatsächlich sind die Hochschulen, die mittlerweile zu den Exzellenzuniversitäten gehören, mit ihrer Reputation in der weltweiten wissenschaftlichen Hierarchie aufgestiegen. Dieser Erfolg spricht sowohl für die Fortführung der Exzellenzinitiative als auch für ihre Neuausrichtung.

Bei der Exzellenzinitiative galt: Nur wer sich in der Forschung bereits auf hohem Niveau bewegte, hatte eine Chance, sich über Exzellenzcluster, Graduiertenschulen und Zukunftskonzepte für den Olymp der deutschen Wissenschaft zu qualifizieren. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllte, so lautete die Hoffnung der Politik, werde sich andere, neue Felder suchen, um sich zu profilieren.

Das ist leider nicht geschehen. Vielmehr verstetigten und verstärkten die Anreize der Exzellenzinitiative das traditionelle akademische Wertesystem in Richtung Monokultur: Anerkennung und Reputation gibt es seitdem fast nur noch für die Forschung, deren Währungen - Publikationen, Zitationen, Drittmittel - noch einmal kräftig an Wert gewannen. Exzellent kann man zwar eigentlich auf verschiedene Weise sein, aber der Begriff ist nur noch mit Forschung belegt. Mit herausragenden Leistungen in anderen Bereichen bleibt man in der wissenschaftlichen Rangordnung zweitklassig.

Selbst an den Fachhochschulen, die im Rahmen der Exzellenzinitiative gar nicht gefragt wurden, wuchs der Wunsch, sich verstärkt der Forschung zu widmen und eigene Doktoranden ausbilden zu können. Kurzum, die Exzellenzinitiative schuf eine Hierarchisierung des Hochschulsystems, aber keine Ausdifferenzierung.

Genau das sollte die Aufgabe des neuen Wettbewerbs sein. Die Veränderung des bisherigen Systems, das konsequent eindimensional ausgerichtet ist, kann nur mit einem starken Signal von außen gelingen. Denn eine Profilierung, die sich nicht auf die Forschung konzentriert, ist ein riskantes Unterfangen. Insbesondere Professoren werden Widerstand leisten. Die Orientierung einer Hochschule auf ein gemeinsames Ziel erfordert, dass sich vom Rektorat bis zum einzelnen Institut alle zusammenraufen. Die alte Exzellenzinitiative hat gezeigt: Das kann gelingen, wenn es finanzielle Anreize für die Hochschulen gibt.

Auch in Zukunft sollte also Forschungsexzellenz belohnt werden, und zwar von der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie über eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulen. Die neue Exzellenzinitiative von Bund und Ländern sollte jedoch auch Konzepte honorieren, welche die Differenzierung in der Breite vorantreiben. Gießkannenprinzip!, werden da einige rufen. Doch damit hat das nichts zu tun. Natürlich geht es auch in der neuen Runde darum, nur die besten Ideen einer Lehruniversität, Innovationsuniversität oder Bürgeruniversität zu fördern. Die Konzepte dürfen keine Feigenblätter sein, sondern konsequente Neuausrichtungen der gesamten Hochschule.

Die Profile müssen auf bereits heute vorhandenen Stärken aufbauen und neue Professuren auf den Schwerpunkt ausrichten. Die jeweilige Landespolitik müsste das Konzept mittragen. Der neue Wettbewerb sollte Universitäten wie Fachhochschulen in gleicher Weise offenstehen. Auch eine gemeinsame Beteiligung mehrerer Hochschulen oder Wissenschaftseinrichtungen wäre wünschenswert. Es dürfte sich lohnen, den Entwurf einer so ausgerichteten Exzellenzinitiative in den nächsten Monaten zu diskutieren und umzusetzen. Von der neu gewonnenen Vielfalt im deutschen Wissenschaftssystems werden am Ende alle profitieren: die Studierenden, die Gesellschaft und nicht zuletzt die Wissenschaft.


Über die Autoren
Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Er war Präsident der Universität Oldenburg.
Frank Ziegele leitet das Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Das CHE erstellt für den ZEIT Studienführer jedes Jahr ein Hochschulranking.

Aus DIE ZEIT :: 05.02.2015