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Exzellenzinitiative - Spitze geht nicht überall!

von Jürgen Mlynek

»Die Exzellenzinitiative braucht ein neues Ziel«, hieß es an dieser Stelle vor zwei Wochen. Bloß nicht!, sagt der Physikprofessor Jürgen Mlynek und warnt vor einer neuen Gleichmacherei in der Hochschulpolitik.

Exzellenzinitiative - Spitze geht nicht überall!© gopixa - photocase.deDie Forschungsleistung soll weiterhin im Fokus der Exzellenzinitiative stehen
Spätestens im vergangenen Herbst war es an der Zeit, misstrauisch zu werden. Gerade hatten sich Bund und Länder verständigt, all die erfolgreichen Wissenschaftspakte der vergangenen Jahre fortsetzen zu wollen, da fiel in der begleitenden Pressemitteilung eine Formulierung ins Auge. Von einer »neuen« Bund-Länder-Initiative war dort die Rede, die »neuartige Projekte und Initiativen der Hochschule« ermöglichen solle. Auch die Überschrift der Meldung ließ Nuancen erkennen: Bund und Länder wollen »Dynamik der Exzellenzinitiativen erhalten«.

Die Dynamik also: Ja. Die Exzellenzinitiative selbst aber: Nein? Vielen ist womöglich noch gar nicht die Tragweite dessen klar, was sich da abzeichnet: Die 2005 gestartete Exzellenzinitiative war die weitreichendste wissenschaftspolitische Weichenstellung der vergangenen 40 Jahre; sie hat Deutschlands Wissenschaft nach vorn gebracht im internationalen Wettbewerb um die klügsten Wissenschaftler und die faszinierendsten Forschungsleistungen; sie hat Schluss gemacht mit der Lebenslüge, alle Universitäten seien im Grunde gleich, und diese Gleichheit zu erhalten sei das oberste Ziel vorausschauender Hochschulpolitik. Die Exzellenzinitiative hat die Sieger belohnt und die vermeintlich Unterlegenen angespornt, es ihnen gleichzutun. So hat sie am Ende alle besser gemacht.

Doch die Schlussfolgerung der Politik, zumindest wenn sich die derzeit lautesten Rufer durchsetzen, lautet: abschaffen. Genauer gesagt: umdefinieren in einer Weise, dass ihr Kern verschwindet. Die Richtung, in die im Moment alles zu laufen scheint, haben Uwe Schneidewind und Frank Ziegele in ihrem Plädoyer vor zwei Wochen in der ZEIT (Nr. 6/15) nachgezeichnet: Künftig soll vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Förderung von Forschungsexzellenz zuständig sein; die »neue Exzellenzinitiative« hingegen solle »auch Konzepte honorieren, welche die Differenzierung in der Breite vorantreiben«. Was sich fast anhört wie: alles außer Spitzenforschung.

Exzellenzinitiative

Das Förderprogramm von Bund und Ländern läuft nach drei Runden in der jetzigen Form Ende 2017 aus. Es belohnt nur wenige Spitzenuniversitäten und hier vornehmlich die Forschung in Verbünden (»Clustern«) und in Doktorandenschulen. Zurzeit werden die Resultate von einem internationalen Gremium ausgewertet. Politik und Hochschulen diskutieren bereits darüber, wie eine Fortsetzung aussehen könnte.
Was Schneidewind und Ziegele fordern, ist kein origineller, kein irgendwie gegen den Strich gebürsteter Gedankengang; die beiden bewegen sich im Geleitzug weiter Teile der Wissenschaftspolitik. Und genau das ist das Problem: Der Erfolg der Exzellenzinitiative droht ihr zum Verhängnis zu werden. Gerade weil sie so viel erreicht hat in der Förderung der Spitzenforschung, meinen viele nun, ihr Rezept lasse sich auf all die anderen Bereiche übertragen, in denen sie bei Deutschlands Hochschulen Nachholbedarf erkennen. Viele Professoren engagieren sich nicht genug in der Lehre? Her mit der Initiative! Universitäten schaffen es nicht, ihre Erkenntnisse in Patente umzusetzen? Sie haben zu wenig Kontakt zur umliegenden Region? Sie diskutieren ihre Forschung nicht genug mit der Gesellschaft? Da kann die Initiative helfen. Und natürlich kann man auch den sich verschärfenden Konflikt zwischen Universitäten und Fachhochschulen auf diese Weise lösen.

Die Liste ließe sich fortsetzen, die Logik ist klar. Ebenso klar sollte jedoch sein, dass das nicht funktionieren kann. Die Stärke der Exzellenzinitiative beruht darauf, dass sie einen eindeutigen Fokus hat. Dass sie nicht relativiert. Dass sie Leistung - Forschungsleistung! - herausstellt und belohnt. Dass sie nicht sagt: Irgendwie ist alles gleich wichtig. Es ist eine bemerkenswerte Koalition, die sich hier abzeichnet: Auf der einen Seite stehen jene, die müde geworden sind in einem Wettbewerb, der viel fordert und nicht immer Spaß macht. Auf der anderen realisiert die Politik, dass die angesichts von Schuldenbremse und ausgeglichenem Bundeshaushalt übrig gebliebenen Mittel nicht reichen, um für neue Ziele neue Programme auf den Weg zu bringen. Richtig wäre dennoch, das vorhandene Geld so einzusetzen, dass der Bund-Länder-Wettbewerb weiterhin und zu Recht Exzellenzinitiative heißen darf.

Mein Vorschlag hierzu lautet: Wir müssen die Standorte mit einem international sichtbaren Forschungsprofil ausbauen. Viele Universitäten zählen in bestimmten Fächern - gerade dank der Exzellenzinitiative - zur Weltspitze, und diese Stärken sollte die Politik gezielt weiter unterstützen. So könnten sich am Ende etwa 20 Profiluniversitäten herausbilden, die gemeinsam mit ihren außeruniversitären Partnern auf ihrem jeweiligen Exzellenzgebiet im globalen Wettbewerb vorn mitspielen.

Zum anderen sehen wir schon heute etwa fünf Regionen in Deutschland, die im Zusammenspiel von Unis und außeruniversitären Forschungseinrichtungen gleich in mehreren Wissenschaftsbereichen die Chance haben, Harvard, Stanford & Co. Konkurrenz zu machen. Ob Berlin, München, Heidelberg, Aachen/Köln oder Dresden: Auf Exzellenzregionen wie diese sollten Bund und Länder ihre Spitzenförderung konzentrieren.

Diese Neuauflage der Exzellenzinitiative würde sich von der alten unterscheiden, im Kern aber eben nicht: Sie belohnt die gute Forschung und nur die gute Forschung. All die anderen, auch die von Schneidewind und Ziegele genannten Ziele, wertet das keineswegs ab, im Gegenteil: Natürlich braucht es eine bessere Lehre an den Hochschulen.

Natürlich müssen die Universitäten mehr tun, um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Und keine Frage: Zwischen Wissenschaft und Wirtschaft tut sich weiterhin eine Kluft auf. Doch wenn all diese Herausforderungen der Politik wirklich so wichtig sind, soll und muss sie dafür andere Geldquellen bereitstellen. Also bitte fügt der Lebenslüge von einst, alle Hochschulen seien im Grunde gleich, nicht eine zweite hinzu: Eine Initiative allein könne alle Probleme lösen - ein alle glücklich machendes Programm, das alle stärkt und keinem wehtut. Am Ende käme das genaue Gegenteil dabei heraus.


Über den Autor
Jürgen Mlynek, 63, ist seit 2005 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Physiker lehrte unter anderem an der ETH Zürich und der Universität Konstanz, bevor er im Jahr 2000 Präsident der Berliner Humboldt-Universität wurde.

Aus DIE ZEIT :: 19.02.2015

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