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Exzellenzinitiative: Exzellente Perspektiven?


Von Sibylle Baumbach, Klaus Oschema und Stefanie Walter

Durch die Exzellenzinitiative sind viele Stellen für Nachwuchswissenschaftler neu geschaffen worden. Aber ob die Karrierechancen sich damit nachhaltig verbessern, ist längst noch nicht ausgemacht. Drei Mitglieder der Jungen Akademie nehmen Stellung.

Exzellenzinitiative: Exzellente Perspektiven?© suze - Photocase.comWelche Perspektiven schafft die Exzellenzinitiative?
Für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland erreichte die Exzellenzinitiative viel Positives: Auf neu geschaffenen Stellen können sich Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter in hierzulande ungewöhnlich großer Eigenständigkeit und in einem forschungsintensiven und internationalisierten Umfeld weiterqualifizieren. Sie forschen selbstständig und sind doch in größere, oft innovative Forschungskontexte integriert. Sie betreuen Doktoranden und werden durch eine geringe Lehrbelastung behutsam an die Lehre herangeführt. All dies ist auch im internationalen Vergleich attraktiv. Promovierende profitieren ebenfalls - durch Graduiertenschulen (oder -zentren) und die Professionalisierung ihrer Ausbildung im Rahmen der Zukunftskonzepte.

An manchen "Exzellenz-Universitäten" strahlen positive Effekte zudem über den Kreis der unmittelbaren Empfänger von Exzellenz-Geldern hinaus aus, wenn Fördermaßnahmen wie Weiterbildungsprogramme, der Ausbau der universitären Kinderbetreuung oder die Bereitstellung von seed money für eigene Forschungsprojekte dem gesamten wissenschaftlichen Nachwuchs zugänglich sind. Dabei erscheint der Akzent auf der Forschung in Zeiten eines kontinuierlichen Ausbaus der Lehrbelastung durchaus begrüßenswert. Solche Entwicklungen zeigen, dass die Gelder gut eingesetzt wurden. Angesichts des Strebens nach Exzellenz möchten wir aber fragen, ob es nicht auch noch besser ginge? Spielraum zur Optimierung existiert aus unserer Sicht vor allem hinsichtlich der Nachhaltigkeit und entstehender Spannungen zwischen Exzellenz und Universität: Aus der unverhältnismäßig geringen Zahl unbefristeter Professuren resultiert für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland markante Unsicherheit, zumal sich (im internationalen Vergleich) auch erst spät entscheidet, wer eine dieser begehrten Dauerstellen erhält.

Die Exzellenzinitiative verschärft dieses Problem durch die enge zeitliche Befristung der Fördermaßnahmen (bei zum Teil unzumutbar kurzfristiger Entscheidung über die Fortführung). Mit dem Ausbluten des traditionellen "Mittelbaus", dem häufigen Umschiffen des tenure-track-Prinzips für Juniorprofessuren, der zunehmenden Befristung von W2-Stellen und der Schwemme an Nachwuchsforschern aus den Exzellenzclustern verengt sich der Lebensraum der akademischen Welt. So mag es in Deutschland mehr Förderungsmöglichkeiten für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben als je zuvor. Zugleich waren aber auch noch nie die Anreize größer, im akademischen Hamsterrad von Bewerbung zu Bewerbung zu hasten - nicht der Forschung, sondern der Karriere wegen, immer in der Hoffnung, endlich in einem sicheren Unihafen vor Anker zu gehen. Ob dies einer nachhaltigen Förderung der individuellen "Entwicklung" und der exzellenten Forschung entspricht, erscheint fraglich.

Hinzu kommt eine spürbare Konkurrenz zwischen Exzellenzprojekten und bestehenden Strukturen, in der nicht selten die Lehre als ein Kerngeschäft der Universität jenen aufgebürdet wird, die keine Drittmittelstelle erhalten. Hier decken Lehrstuhlmitarbeiter einen Grundbedarf ab und werden dafür oft schlechter bezahlt und stärker reglementiert als ihre exzellenzgeförderten Kollegen, die sich einer geringen Lehrlast in zumeist forschungsorientierten Veranstaltungen erfreuen: Angesichts der bedeutenden Arbeit der Assistierenden im universitären Alltag wäre eine Negativauswahl als Resultat der Profilierung aber schlicht fatal.

Zur Bewältigung dieser Probleme erscheint uns ein flexibler Ausbau bestehender Strukturen zielführend, der darauf abzielt, Stärken weiter auszubilden und Schwächen zu beseitigen. Hierzu benötigt die deutsche Hochschullandschaft keine zentralisierten Großeinheiten (und die Gefahr thematischer Monokulturen), sondern die Förderung einer lebendigen Vielfalt und den gezielten Ausbau gewünschter Bereiche durch zusätzliche Stellen mit der Aussicht auf eine stabile Beschäftigungssituation - die Zukunftskonzepte der Exzellenzinitiative bieten einschlägige Ansätze. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit, aber auch als Anreiz für innovative Projekte, ist für den Nachwuchs die Perspektive einer längerfristigen Beschäftigung von Bedeutung.

Der fortschreitende Trend zur Stellenbefristung demotiviert dagegen auch leistungsstarke Forscher. Dabei geht es uns nicht um eine unbefristete Stelle für jeden, sondern um eine reale Möglichkeit der Entfristung, wenn das wissenschaftliche Potenzial unter Beweis gestellt wird: also keine automatische Verstetigung, sondern größere Berechenbarkeit durch transparente und unabhängig evaluierte Performanzkriterien (die den jeweiligen Disziplinen angemessen sein müssen). Werden diese erfüllt, ist die Stelle ohne weiteren Vorbehalt zu entfristen, anstatt Scheinlösungen anzubieten, wie etwa einen W2-Stellenpool für Juniorprofessuren, von denen eine baldige Berufung an einen anderen Ort zu erwarten ist.

The grass is always greener on the other side of the fence? Diese Regel gilt nicht immer: Auch an amerikanischen Hochschulen herrscht trotz tenure-track-Prinzip viel Unsicherheit in diesem Prozess. Die deutschen Universitäten hätten daher die Chance, mit einem transparenten System ein Vorbild zu schaffen. Gezielte Maßnahmen zur Etablierung langfristiger Perspektiven würden die Einbindung künftiger Professuren und weiterer Stellen in das universitäre Kerngeschäft der Lehre sichern, wobei die einschlägigen Leistungen in integrativer Weise zu würdigen sind: Der Universität als "Institution im Dauerbetrieb" hilft eine Initiative zur "Lehrexzellenz" mit punktuellen Auszeichnungen und Wettbewerben nur bedingt. Wichtig erscheinen uns ein Mentalitätswandel und Anreize im Alltag des akademischen Wirkens durch Lehrkollegs, Programme zum internationalen Austausch von Lehrenden und die Verpflichtung zu einer hochschuldidaktischen Basisausbildung für Aspiranten auf eine feste Anstellung.

Neue Lehrformen, die Studierende früh an die aktuelle Forschung heranführen und damit auf mehr studentische Selbstständigkeit zielen, sollten dabei gefördert werden, um zugleich der stetig voranschreitenden Verschulung der akademischen Lehre Einhalt zu bieten. Wir begrüßen daher ausdrücklich, dass im Rahmen der Exzellenzinitiative II die Stärkung der forschungsorientierten Lehre angestrebt wird. ExIni, quo vadis? Die Exzellenzinitiative II (und III?) bietet den deutschen Universitäten die Option einer neuen Weichenstellung. Es gilt, Kairos beim Schopfe zu packen, damit das Gras etwas grüner wird - und zwar diesmal an deutschen Hochschulen.

Über die Autoren
Professor Dr. Sibylle Baumbach ist Juniorprofessorin für Englische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Dr. Klaus Oschema ist Assistent für Mittelalterliche Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Professor Dr. Stefanie Walter ist Juniorprofessorin für internationale und vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Heidelberg. Alle drei Autoren sind Mitglieder der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina - Nationale Akademie der Wissenschaften.

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