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Facebook für Forscher

VON STEFAN KESSELHUT

Ein Berliner Student will, dass sich Hochschulen weltweit über seine Online-Plattform iversity vernetzen.

Facebook für Forscher© -Oxford- - iStockphoto.comDie unabhängige Arbeitsplattform »iversity« soll helfen Forscher weltweit zu vernetzen
Das sollte »E-Learning« sein? Viele Semester studierte Jonas Liepmann an zwei Berliner Universitäten, und ebenso lange ärgerte er sich über die elektronischen Lernplattformen, die man ihm als neuesten Schrei moderner Hochschullehre vorsetzte. Loggte er sich ins Netz der Humboldt-Universität (HU) ein, war er sofort von einer digitalen Mauer umgeben. Kommunizieren mit seinen Kommilitonen von der Freien Universität oder auch nur Teilnehmern eines anderen Kurses an der HU? Unmöglich. Damit wollte sich Liepmann nicht länger abfinden.

Also gründete der inzwischen 33 Jahre alte Student »iversity«, eine unabhängige Arbeitsplattform im Netz, auf der man Kurse organisieren, Materialien hochladen und sich mit Forschern und Studenten vernetzen kann. »Und zwar von allen Unis aus, überall in Deutschland. Im Prinzip auch weltweit«, sagt Liepmann. Wer forsche oder studiere, müsse sich schnell mit anderen austauschen können. Geht es nach Liepmann und Mitgründer Hannes Klöpper, soll iversity bald die isolierten Systeme der Hochschulen ersetzen. Mit 20 Mitarbeitern arbeiten die beiden in Neuenhagen an diesem Ziel.

Ein Firmensitz in Brandenburg war eine der Bedingungen, um vom Land eine Million Euro Gründungsförderung zu bekommen. Auch die Bundesministerien für Wirtschaft und Bildung, die Volkswagen-Stiftung und ein privates Unternehmen fördern iversity mit Stipendien und Investitionen. Danach soll sich das Projekt selbst finanzieren - aber ohne lästige Werbung. »Stellt ein Professor eine Liste mit Pflichtlektüre ein, kann man die Bücher über einen Online-Buchhändler bestellen, und wir bekommen eine Provision.« Ist iversity die Lösung für das digitale Lernen im 21. Jahrhundert? Markus Deimann von der Fern-Uni Hagen ist skeptisch. »Ich weiß nicht, warum sich Studenten oder Forscher dort registrieren sollten. Studenten sind mit Systemen wie Moodle oder Sakai gut versorgt.«

Zudem gebe es etablierte Plattformen wie ResearchGate mit mehr als einer Million aktiven Wissenschaftlern, und wer sich darüber hinaus vernetzen wolle, nutze Facebook und Twitter. Bisher haben die iversity-Macher vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda gesetzt - mit dem Ergebnis, dass sich zurzeit gut 12 000 Nutzer registriert und 1000 Kurse angelegt haben. Viel ist das noch nicht. Deshalb hat iversity jetzt Texte in fünf Sprachen auf die Website gestellt, mit denen Studenten ihre Dozenten per E-Mail von der Plattform überzeugen sollen. Womöglich geht der Trend im Bereich ELearning aber schon wieder in eine andere Richtung: weg von geschlossenen Plattformen, hin zu einem offenen Austausch über Blogs und Soziale Netzwerke. Vor allem in den USA werde mit solchen »Massive Open Online Courses« experimentiert, für die sich jeder registrieren kann, der sich für das angebotene Thema interessiert. Liepmann ist dennoch optimistisch: »Wir werden bald selbst diese offenen Kurse anbieten. Bei uns kann man aber direkt miteinander kommunizieren und braucht keine zusätzlichen Hilfsmittel.«

Aus DIE ZEIT :: 10.11.2011

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