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Fachhochschulen: Erfolg oder Scheitern?


DAS INTERVIEW FÜHRTE BÄRBEL BROER

Wer in Deutschland an die Hochschule will, muss sich entscheiden: Universität oder Fachhochschule (FH). Zwei Säulen der deutschen Bildungslandschaft sollen sie eigentlich sein. Doch die Fachhochschulen sehen sich eher als zweite Liga. Warum das so ist, weiß Elisabeth Holuscha von der FH Köln für Internationale Angelegenheiten. Über Standesdünkel, Schmuddelkinder und trügerische Selbstbilder.

Fachhochschulen: Erfolg oder Scheitern?© Trout55 - iStockphoto.comFachhochschulen sehen sich häufig im Schatten der Universitäten
Elisabeth Holuscha, Referatsleiterin an der FH Köln für Internationale Angelegenheiten hat in ihrer Promotion die Fachhochschulen unter die Lupe genommen. Titel der Doktorarbeit: "Das Prinzip Fachhochschule - Erfolg oder Scheitern? Eine Fallstudie am Beispiel Nordrhein-Westfalen." Über die Inhalte und Ergebnisse der Fallstudie sprach academics.de mit der 39-Jährigen, die seit über zehn Jahren eine FH als Arbeitgeber hat.

academics.de: Ist die Fachhochschule ein Erfolgsmodell oder ist sie gescheitert?

Elisabeth Holuscha: Resümee meiner Arbeit ist: Die Fachhochschulen sind mit dem Anspruch gescheitert, eine Universität sein zu wollen. Erfolgreich sind die Fachhochschulen auf jeden Fall damit, dass sie sich als zweite Hochschulart neben den Universitäten vollkommen berechtigt etabliert haben. In dem Zwei-Säulen-Modell des deutschen Hochschulsystems sind die Fachhochschulen nach nunmehr 42 Jahren ein wichtiger Partner.

academics.de: Inwiefern ist der Erfolg einer Bildungseinrichtung überhaupt messbar?

Elisabeth Holuscha: Das ist ein entscheidender Knackpunkt. Meiner Meinung nach ist der Erfolg einer Bildungseinrichtung daran gekoppelt, was aus den Absolventen der jeweiligen Hochschulen wird. Es wird zwar behauptet, dass ein Hochschulabschluss vor allem für den wissenschaftlichen Nachwuchs qualifiziert. Aber letztlich trifft das nur auf fünf Prozent der Absolventen von deutschen Hochschulen zu - 95 Prozent suchen sich einen Job außerhalb der Hochschulen.

academics.de: Sie arbeiten selbst an einer FH. Was hat Sie bewogen, dieses Thema für Ihre Promotion zu wählen?

Elisabeth Holuscha: Man hört so häufig das Mantra, wonach die Fachhochschulen ein Erfolgsmodell seien. Das wird immer wieder betont seitens der Politik und der Wirtschaft, vor allem auch, weil die Absolventen so problemlos integrierbar seien in der Arbeitswelt. Doch gleichzeitig gibt es diese allgemeine Unzufriedenheit innerhalb der Fachhochschulen und die ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexe der FH gegenüber den Unis. Diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung hat mich interessiert.

academics.de: Wie sind Sie für Ihre Forschungsarbeit vorgegangen? Gibt es viel Literatur zu diesem Thema?

Elisabeth Holuscha: Hochschulforschung ist ohnehin nur ein kleiner Bereich innerhalb der Soziologie. Fachhochschulforschung ist dagegen ein Mini-Mini-Feld. Daher bin ich vor allem systematisch vorgegangen und habe Gesetzestexte sowie Protokolle ausgewertet. Zudem führte ich Interviews mit ehemaligen FH-Gründungsrektoren, aktiven FH-Präsidenten und befragte 150 Dozenten anonym. Vorrangig wollte ich herausfinden, was die Gründe für die Errichtung der Fachhochschulen waren und welchen Bildungsauftrag sie bei ihrer Gründung hatten...

Fachhochschulen: Erfolg oder Scheitern?
Elisabeth Holuscha hat in ihrer Dissertation das System "Fachhochschule" genauer untersucht
academics.de: ... und wie lautete der Bildungsauftrag?

Elisabeth Holuscha: Den habe ich leider nicht gefunden. Die Politik hat sich nicht konkret dazu geäußert. Man hat sich seinerzeit stark an den Vorgängereinrichtungen, den Ingenieurschulen orientiert. Vieles wurde davon übernommen und den Fachhochschulen mit auf den Weg gegeben.

academics.de: Haben die Fachhochschulen diese Lücke, die die Politik gelassen hat, geschlossen, indem sie sich selbst einen Bildungsauftrag gegeben haben?

Elisabeth Holuscha: Nein, leider auch nicht. Dafür ist die Gruppe der Fachhochschulen - und das gilt heute noch - zu heterogen. Es gibt sehr unterschiedliche Ansichten bei den einzelnen Fachhochschulen in Bezug auf ihre Aufgaben. Hier herrscht geographisch ein richtiges Nord-Süd-Gefälle. Es gibt Fachhochschulen, die sehen sich nach wie vor als Ingenieurschulen und möchten das auch bleiben. Und es gibt andere, die sehen sich als Mini-Universität.

academics.de: Sollte das binäre Hochschulsystem Ihrer Ansicht nach fortgesetzt werden?

Elisabeth Holuscha: Es macht auf jeden Fall Sinn, dieses System fortzusetzen. Vorausgesetzt, es ist das bildungspolitische Ziel, so viele Menschen wie möglich mit unterschiedlichen Bildungsbiographien nicht nur an die Hochschulen zu bringen, sondern auch zu Abschlüssen zu führen.

Fachhochschulen und Universitäten sind nicht gleichwertig

academics.de: In den Landesgesetzen werden die Fachhochschulen und Universitäten als gleichwertig bezeichnet. Ist das hochschulpolitische Mantra "gleichwertig, aber andersartig" ein sinnentleerter Spruch?

Elisabeth Holuscha: Schon immer gewesen. In der Realität sind Fachhochschulen und Universitäten nicht gleichwertig. Das Renommee einer Hochschule definiert sich über ihre Forschung. Das ist international gesetzt. Wenn dieser Aspekt jedoch wegfällt, haben sie ein Legitimitätsproblem. Denn an den meisten Fachhochschulen spielt Forschung keine große Rolle.

Anzahl der Doktortitel von FH-Diplomabsolventen gestiegen

Laut einer aktuellen Befragung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sind die Zahlen der FH-Diplomabsolventen, die eine Promotion abgeschlossen haben, in den letzten Jahren deutlich gestiegen: In den Jahren 2009 bis 2011 um 47 Prozent im Vergleich zu den Jahren 2006 bis 2008.

Die HRK deutet das Ergebnis positiv mit der Schlussfolgerung für eine wachsende Durchlässigkeit des Hochschulsystems. In den Jahren 2009, 2010 und 2011 haben insgesamt 836 Diplom-Absolventen einer FH promoviert. Spitzenreiter unter den Fachrichtungen sind hier die Ingenieurwissenschaften, gefolgt von den Naturwissenschaften.
academics.de: Weniger Forschung, dafür stark in der Lehre und im Praxisbezug - trotzdem fühlen sich die Fachhochschulen als Hochschule zweiter Klasse. Warum?

Elisabeth Holuscha: Es war auf jeden Fall ein Fehler, dass sich die Universitäten dermaßen gegen das kooperative Promotionsverfahren gewehrt haben. Das ist Standesdünkel zum Nachteil von Studierenden. Das ist fahrlässig. Es gibt kaum Kooperationen von Fachhochschulen mit Unis in ihrer Region. Die FH Köln z.B. hat Kooperationspartner in Ostdeutschland, in Leipzig, Jena, Dresden und auch international. Diese Partner haben derartigen Standesdünkel nicht. Warum das mit den Universitäten vor Ort nicht geht, ist mir unverständlich.

academics.de: Wäre es nicht viel ehrlicher und authentischer, wenn sich die Fachhochschulen als praxisorientierte Bildungseinrichtungen präsentieren würden nach dem Motto: Wir sind nicht die Forscher und Wissenschaftler wie an der Uni, bei uns sind die Chancen zu promovieren mau, aber dafür die Jobaussichten klasse, weil wir die Kontakte zu Arbeitgebern in der Region haben?

Elisabeth Holuscha: Dann hätte man vor über 40 Jahren eine entsprechende Atmosphäre schaffen müssen, in der man dies mit stolzgeschwellter Brust auch so sagen darf.

academics.de: Stattdessen nähern sich Universitäten und Fachhochschulen immer mehr an - vor allem auch in der Sprache. Wir beide nutzen in unserem Gespräch immer den Begriff "Hochschule", weil sich inzwischen beide Bildungseinrichtungen so bezeichnen. Gleichzeitig müssen wir immer erklären, ob wir von FH oder Uni sprechen...

Elisabeth Holuscha: ... die Namensgeschichten sind der Wahnsinn. Mittlerweile reden sogar schon FH-Studenten davon, dass sie zur Uni gehen. Sogar Bewerber, die an einer anderen FH arbeiten, wissen kaum noch um die Unterschiede (s. "Fachhochschule und Universität als Arbeitgeber"). Früher war das in Vorstellungsgesprächen eine k.o.-Frage. Die Fachhochschule hat sich in der Gesellschaft nicht als etwas Gleichwertiges etablieren können.

academics.de: Da nützen auch identische Bezeichnungen wie Hochschule, Professor, Rektor, Präsident, Kanzler, Dezernent etc. nichts...

Elisabeth Holuscha: ...der Hochschulbereich ist ein total hierarchischer Bereich. Dass den noch jungen Fachhochschulen seitens der alten Traditionsuniversitäten offen und herzlich begegnet wird - das glaubt doch kein Mensch. Die Differenzierung erfolgt weiterhin. In vielen Institutionen wird weiterhin gemunkelt: "Die FH-Professoren heißen zwar so, sind aber doch keine richtigen Professoren." Es gibt einige Universitätsprofessoren, in deren Briefkopf steht: Prof., in Klammern Uni. Diese mangelnde Akzeptanz prägt den Umgang miteinander.

"Universitätsprofessor" auf der Visitenkarte

academics.de: Diese Unterschiede sind aber nur für eine kleine Gruppe relevant,...

Elisabeth Holuscha: ... für die Studenten garantiert nicht. Aber das ist egal. Auf die Visitenkarte kommt trotzdem "Universitätsprofessor".

academics.de: Die sprachliche Angleichung hat aber nicht dazu geführt, den Fachhochschulen den Minderwertigkeitskomplexe zu nehmen...

Elisabeth Holuscha: ... nicht solange die Meinung besteht, dass die Unis die Tollen und die Fachhochschulen die Zweitklassigen, die Schmuddelkinder sind. Dabei ist für eine differenzierte Gesellschaft ein differenziertes Hochschulsystem das Wichtigste. Nur auf Exzellenz und Elite zu setzen, funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann kippt das System, weil sie ihre Spitzenabsolventen nicht mehr in Spitzenpositionen unterbringen.

academics.de: Wie sieht Ihrer Ansicht nach die FH der Zukunft aus?

Elisabeth Holuscha: Ich würde mir wünschen, dass sich die Fachhochschulen mit stärkerem Selbstbewusstsein präsentieren würden aufgrund ihrer Leistungen in den vergangenen 42 Jahren. Immerhin sind 35 bis 40 Prozent der Gesamtstudierenden in Deutschland an Fachhochschulen eingeschrieben.

academics :: September 2013