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Fakten statt Märchen

Das Gespräch führte Nadja Kirsten

Akademiker bekommen keine festen Jobs und keine Kinder mehr? Von wegen, sagt der Hochschulforscher Martin Leitner.

Fakten statt Märchen: HISProf. Dr. Martin Leitner, Geschäftsführer von HIS
DIE ZEIT: Das Hochschul-Informations-System (HIS) hat Absolventen zehn Jahre nach Studienende gefragt, wie es ihnen in der Arbeitswelt ergangen ist. Hat sich das Studium für sie gelohnt?

MARTIN LEITNER: Insgesamt betrachtet, auf jeden Fall. Die Arbeitslosigkeit ist verschwindend gering, Fachhochschulabsolventen verdienen im Schnitt knapp 60 000 Euro pro Jahr, Uni-Absolventen sogar 5000 Euro mehr. Rund ein Drittel ist in leitende Funktionen aufgestiegen. Und ganz wichtig: Die große Mehrheit ist zufrieden. Es gibt allerdings deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern.

ZEIT: Wer sind die Unzufriedensten?

LEITNER: Ganz eindeutig die Geisteswissenschaftler. Sie verdienen knapp ein Viertel weniger als der Durchschnitt. Ein Wirtschaftsingenieur erhält im Schnitt sogar mehr als doppelt so viel wie sein ehemaliger Kommilitone aus den Geisteswissenschaften. Nur gut ein Drittel der Geisteswissenschaftler ist mit dem eigenen Gehalt zufrieden.


ZEIT: Geld ist nicht alles.

LEITNER: Sie meinen, der Geisteswissenschaftler folgt dem Modell »Arm, aber glücklich«. Das ist ein Märchen! Statistisch gesehen, sind die Geisteswissenschaftler die unglücklichste Akademikergruppe, nicht nur beim Geld. Ein Viertel fühlt sich inadäquat beschäftigt.

ZEIT: "Inadäquat" - was heißt das konkret?

LEITNER: Für ihren Job wird ein Hochschulabschluss normalerweise nicht vorausgesetzt, das Niveau der Aufgaben empfinden sie als zu niedrig, dasselbe gilt für die berufliche Position, die sie erreicht haben. Und auch fachlich können sie ihr Wissen nicht angemessen einbringen. Für viele Geisteswissenschaftler ist der Traum vom Traumfach mit Mitte 30 ausgeträumt.

ZEIT: Trotzdem sind die Geisteswissenschaften bei Studienanfängern nach wie vor sehr beliebt.

LEITNER: Die Studienberater müssen umlenken. Sie müssten die Risiken der Geisteswissenschaften stärker betonen. Wenn im Moment jemand erwägt, Geisteswissenschaften zu studieren, sich aber wegen der Zukunftsperspektiven Gedanken macht, beruhigen und bestärken die Studienberater ihn eher. Das sehe ich mit großer Sorge. Stattdessen müssten die Möglichkeiten in den Ingenieurwissenschaften stärker betont werden.

ZEIT: Das sagen Sie als Mathematiker. Aber es bringt doch nichts, jemanden zu überreden, der dann über kurz oder lang an der Mathematik scheitert oder frustriert aufgibt, weil Ingenieurwesen einfach nicht sein Ding ist. So wird man auch nicht glücklich.

LEITNER: Es geht mir doch nicht darum, Menschen zu verbiegen oder ihnen etwas einzureden! Aber mir tut es weh, wenn ich sehe, wie begabte junge Menschen ihre Möglichkeiten nicht nutzen. Es gibt nicht wenige, die können mit ihren Fähigkeiten fast alles machen, aber für viele kommt Ingenieurwesen einfach nicht in den Blick, sie können sich das für sich nicht vorstellen. Der gesellschaftliche Diskurs wird nicht von den Ingenieuren bestimmt, sondern nach wie vor vom Bildungsbürgertum und von der klassischen Vorstellung von Bildung.
ZEIT: Ausgerechnet die Geisteswissenschaften, die als »Herzensstudium« gelten, produzieren Unzufriedenheit. Erschüttert ihre Zehnjahresstudie noch mehr vermeintliche Gewissheiten?

LEITNER: Es gibt in der Tat ein paar Märchen, die sich hartnäckig halten und die wir widerlegen können. Zum Beispiel, dass Akademiker weniger Kinder bekommen, mit dem Subtext »Die Gescheiten sterben aus«. Die Wahrheit ist, dass Akademiker genauso viele Kinder wie der Durchschnitt der Bevölkerung haben, sie bekommen sie nur später.

ZEIT: Die von Ihnen befragten Absolventen sind in den siebziger Jahren geboren, zum Teil als Kinder emanzipierter Mütter. Jetzt haben sie selber Kinder. Was hat sich im Rollenverhalten geändert?

LEITNER: Wenig, jedenfalls wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die Frauen haben sich drum zu kümmern, dass dieses Problem gelöst wird. 40 Prozent der befragten Frauen mit Kind arbeiteten in Teilzeit, bei den Männern mit Kind waren es vier Prozent. Voll in Elternzeit gingen gerade mal rund zwei Prozent der Männer. Interessant ist, was Männer und Frauen antworten, die keine Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben. Dies sei kein Problem, weil sich der Partner um die Kinder kümmere, sagten 50 Prozent der Männer, aber nur sieben Prozent der Frauen. Es war so, und es ist so: Wenn es darum geht, auf Karriere zu verzichten, tritt normalerweise die Frau zurück.

ZEIT: Wie flexibel müssen Absolventen sein? Es heißt ja immer, der unbefristete Ganztagsjob sterbe aus.

LEITNER: Richtig ist: Viele Firmen stellen erst mal befristet für zwei Jahre ein. Das ist quasi eine Verlängerung der Probezeit. Aber es geht dann bei den Akademikern nicht so weiter. Die unbefristete Vollzeitstelle ist für diejenigen, die vor zehn Jahren fertig wurden, heute in der Wirtschaft nach wie vor das Standardmodell. Über siebzig Prozent arbeiten so.

ZEIT: Welches Zeugnis stellen die Absolventen ihren Hochschulen aus? Sind sie gut auf die Arbeitswelt vorbereitet?

LEITNER: Das haben wir in unserer aktuellen Studie nicht direkt abgefragt. Die Tatsache, dass kaum einer der Absolventen arbeitslos ist, spricht zunächst für sich. In einer unserer Untersuchungen aus dem Jahr 2007 sagen allerdings nur rund 20 Prozent der befragten Absolventen, dass ihr Studium sie sehr gut oder gut auf den Beruf vorbereitet hat. Die Hochschulen entdecken das Thema Übergang Hochschule- Beruf gerade erst. Zum Teil wollen sie diese berufsvorbereitende Rolle vielleicht auch gar nicht.

ZEIT: Warum?

LEITNER: Viele Uni-Professoren empfinden den Anspruch, ihre Absolventen auf den Arbeitsmarkt vorbe reiten zu sollen, als Angriff auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit, die humanistische Orientierung und die kritische Funktion der Studiengänge.

ZEIT: Vielleicht zu Recht?

LEITNER: De facto bilden sie den überwiegenden Teil ihrer Studenten für den Arbeitsmarkt aus - nicht für die Wissenschaft. Eine solche Haltung ist daher schlicht nicht angemessen.

Aus DIE ZEIT :: 02.07.2009

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