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Falsch, beschränkt, weinerlich

Von ARMIN NASSEHI

Der Debatte um den Professor als öffentlichen Intellektuellen fehlen inhaltliche Argumente. Über das Schweigen der Hochschullehrer schreibt Armin Nassehi, 55, Soziologieprofessor an der LMU München.

Falsch, beschränkt, weinerlich© only4denn - Fotolia.comKleinmut ist vor Publikum innerhalb und außerhalb der Universität unangebracht
Schon der Ausgangspunkt der Debatte enthält ein Fehlurteil: als gäbe es jene Professorinnen und Professoren nicht, die sich in öffentliche Debatten einmischen. Die ihre Expertise einbringen, in Meinungsbeiträgen sichtbar werden und Entscheider beraten. Bernhard Pörksens Phantomschmerz über den Verlust des Intellektuellen als Anwalt der Zivilgesellschaft lenkt davon ab, was solche Einmischung kann und sollte. Zugleich ist es zu wenig, sich auf Stilfragen zu beschränken: Wenn Sandra Richter Chuzpe einfordert, Fritz Breithaupt sich vor allem für den Steigungswinkel von Argumenten interessiert (»steile Thesen«) und Lisa Herzog eine neue Bürokratisierungsstufe einziehen will (»Eid für die Forschung«), dann widerspricht das exakt dem, was man von Professoren erwarten sollte: inhaltliche Argumente.

Dazu drei Anmerkungen: Erstens: Öffentliche Debatten sind voller moralischer Sprecher mit Chuzpe, die zwar sehr verständlich reden, die aber lediglich die Zivilgesellschaft vor weniger zivilen Entscheidern aus Politik und Wirtschaft schützen wollen. Dabei reicht es heute nicht mehr aus, eine zivilgesellschaftliche Parteinahme gegen die Entscheidungsinstanzen zu üben. Politische und ökonomische, rechtliche und wissenschaftliche, mediale und kulturelle Perspektiven treffen aufeinander, und manche Lösung aus der einen Perspektive ist ein Problem aus der anderen - und umgekehrt.

Dafür muss es in öffentlichen Debatten Beschreibungsmöglichkeiten geben, die zwischen diesen unterschiedlichen Perspektiven übersetzen. Und genau hier ist der systematische Ort des professoralen Sprechers. Man sollte etwa Finanzmärkten nicht alles zutrauen, aber man muss verstehen, was sie sind und was sie können; man sollte die Möglichkeit von Politik nicht unterschätzen, aber zugleich ihren begrenzten Zugriff auf gesellschaftliche Dynamiken verstehen; man sollte gerade als Wissenschaftler die Grenzen der Implementation theoretischer Modelle in der sogenannten Praxis bestimmen können; man sollte die hohe Bedeutung des Rechts herausstellen, zugleich aber auch sehen, wie sich vieles rechtlicher Regulierung entzieht. Die intellektuelle Kritik und Beschreibung unserer Welt bewegt sich in einer solch komplexen Gemengelage, dass man sie als »Anwalt der Zivilgesellschaft«, so die Selbstbeschreibung vieler öffentlicher Sprecher, mit schönen Sätzen intellektuell nur unterbieten kann. Im Vergleich zu den großen moralischen Sätzen, die sich an keiner konkreten Realität messen lassen müssen, mag das banal erscheinen. Aber genau dafür braucht es jenen professoralen Diskursstil, auch die Zivilgesellschaft über ihre eigenen Bedingungen aufzuklären. Professoral wäre daran nicht seine Unverständlichkeit oder Abgehobenheit. Ein professoraler Diskursstil bemisst sich auch nicht am Steigungswinkel seiner Thesen, sondern daran, Publikumserwartungen bisweilen eben nicht zu bedienen - das ist übrigens das, was gute Forschung ausmacht: zu zeigen, was man so noch nicht wusste oder was man auch anders sehen könnte.

Wir müssen uns zweitens davon emanzipieren, so zu tun, als könnte man sich eine sozialmoralisch integrierte Gesellschaft so herschreiben wie der Gelehrte seinen Text auf einem weißen Blatt Papier. Also vom Habitus eines Gelehrten, der so tut, als könnte man Probleme in gesellschaftlichen Handlungsfeldern mit ähnlich autonomen Mitteln lösen, wie der Autor eines Textes Schöpfer seiner Thesen sein kann. Der Komplexität der Gesellschaft einen Ausdruck zu geben, darin übrigens auch den Ort des Moralischen genau zu bestimmen - dafür braucht es wissenschaftliche Beobachter, die die notwendigen Kategorien für solche Beschreibungen entwickeln. Deswegen müssen öffentliche Intellektuelle sich von der moralischen Wohlgenährtheit derer distanzieren, die in ihren bürgerlichen Erwartungsstilen durch das moralisch Richtige beruhigt werden wollen. Nicht zufällig stammen öffentliche intellektuelle Sprecher oft aus den Zonen dieser Bürgerlichkeit - mit ebenso großer Distanz zu den Unterprivilegierten wie zu den Entscheidungseliten. Es ist dann einfacher, nur Partei zu sein - und es generiert die zitierbareren, verständlicheren und steileren Sätze. Doch das ist zu wenig. Es geht darum, der Komplexität der Probleme einen verstehbaren Rahmen zu geben - und das ist ja fast eine Aufgabenbeschreibung des Hochschullehrers.

Drittens wundere ich mich über die Weinerlichkeit in der Debatte, die ja von Professoren geführt wird. Vielleicht würde es manchen Kollegen helfen, biografisch auch etwas außerhalb der Universität gesehen zu haben. Denn unser Beruf ist wohl immer noch derjenige mit den höchsten Freiheitsgraden, die überhaupt denkbar sind, auch wenn die Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs auf dem Weg zur Professur derzeit sehr problematisch sind. Was soll es uns scheren, wenn Kollegen auf die angeblich zu einfachen öffentlichen Sätze hinabsehen? Wer zwingt uns dazu, zwischen öffentlichkeitswirksamen und innerwissenschaftlichen Textsorten wählen zu müssen? Das Erste ist ohne das Zweite ohnehin nicht zu haben, und wer das Wissenschaftliche nicht kann, wird es auch öffentlich nicht hinkriegen! Und wer, wenn nicht Professoren an Universitäten, sollte die Möglichkeit zu solch engagierter Distanzierung haben, die über die Bedingungen von Parteilichkeit aufklärt?

Der akademische Lehrer und die akademische Lehrerin unterscheiden sich von anderen Lehrern dadurch, dass sie in der Lage sein müssten, ihrem Publikum vorzuführen, wie sich der Gegenstand ändert, wenn sich die Perspektive und der Blick ändern - wenn man Methoden und Blickrichtungen ändert, aber auch wenn man Akteure beobachtet, die ganz unterschiedliche Probleme lösen müssen. Ich selbst jedenfalls verstehe meine Rolle als Professor darin, genau das vorzuführen: die Begrenztheit und die Möglichkeiten von Handlungspotenzialen aufzuzeigen, vor allzu einfachen Lösungen zu warnen und Formen der Übersetzung anzubieten - vor dem jungen akademischen Publikum innerhalb und vor interessierten Publika außerhalb der Universität. Kleinmut ist hier wie dort unangebracht.


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Aus DIE ZEIT :: 17.09.2015

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