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Familie auf Vorrat

von MARTIN SPIEWAK

Das Kinderglück verschieben: Die Fortpflanzungsmedizin macht es möglich. Mit welchen Folgen?

Familie auf Vorrat© skyman8 - iStockphoto.comDas Einfrieren von Eizellen ermöglicht Frauen eine Schwangerschaft im fortgeschrittenen Alter
Ende der neunziger Jahre wagte der Chemiker Carl Djerassi einen Blick in die Zukunft. Djerassi ist berühmt, die Welt kennt ihn als Vater der Antibabypille. So wie die Pille den Geschlechtsverkehr von der Fortpflanzung trenne, prophezeite Djerassi, werde die moderne Medizin es möglich machen, die Fortpflanzung vom Geschlechtsakt zu trennen. In jungen Jahren würden Menschen ihre Keimzellen einfrieren lassen - zwecks späterer Zeugung im Labor. Anschließend würden sie sich sterilisieren lassen: Verhütung wäre gar nicht mehr nötig.

Kaum jemand hat Djerassis Szenario damals ernst genommen. Vielleicht war das ein Fehler: Seine Prognose sollte uns nachdenklich machen. Neue Entwicklungen der Reproduktionsmedizin legen das nahe. Denn was den Fertilitätsexperten über viele Jahre nicht gelang, ist inzwischen möglich: Weibliche Eizellen lassen sich einfrieren und Jahrzehnte später ohne Schaden wieder auftauen. Die Technik, ursprünglich entwickelt, um krebskranken jungen Frauen eine Schwangerschaft nach Chemotherapie und Bestrahlung zu ermöglichen, wird jetzt von Fertilitätspraxen frei angeboten.

Familie auf Vorrat © ZEIT-GRAFIK/Quelle: Andreas Tandler-Schneider Mit steigendem Alter verringert sich die Eizellreserve. Mit der Menopause stellen die Eierstöcke ihre Aktivität ein
Damit wird auch für Frauen möglich, was bisher nur für Männer möglich war: Sie können nach Jahrzehnten beruflicher Erfüllung und persönlicher Selbstverwirklichung als 40-Jährige entspannt ans Kinderkriegen denken. In den USA hat die Fachgesellschaft für Fertilitätsmedizin das Einfrieren von Eizellen kürzlich als normale Behandlungsmethode anerkannt. Weltweite Beachtung fand im vergangenen Sommer die frühere Leiterin des Planungsstabs im US-Außenministerium, Anne-Marie Slaughter, die in einem Aufsatz öffentlich ihren Ausstieg aus der Politik mit der Hinwendung zu ihrer Familie begründete: Zukünftigen Karrierefrauen schlug Slaughter die Option des social egg freezing vor. Auch in Deutschland machen Kinderwunschzentren mit der neuen Fruchtbarkeitsprophylaxe erste Erfahrungen. Setzt sich die Technisierung der Fortpflanzung also fort? Steht uns nach der Pille die zweite Revolution der Familienplanung bevor? Wird sich die ärztlich kontrollierte Zeugung irgendwann als die überlegene Methode erweisen?

Noch ist die Natur besser als die Medizin: Die Erfolgsraten einer künstlichen Befruchtung liegen im Schnitt unter denen der natürlichen Zeugung. Doch auch das könnte sich bald drastisch ändern, und zwar dank der Präimplantationsdiagnostik (PID). Bislang wird die genetische Analyse dazu eingesetzt, Totgeburten oder schwere Behinderungen zu vermeiden. Seit dem vergangenen Jahr ist dieses Verfahren in Deutschland erlaubt. Im Ausland wird die IiD auch schon genutzt, um die Schwangerschaftsraten bei der künstlichen Befruchtung zu verbessern - mit beachtlichen Erfolgen: Setzen die Ärzte bei einer künstlichen Befruchtung nur geprüfte Embryonen in die Gebärmutter ein, steigt die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit auf bis zu 80 Prozent.

Im Labor konservierte Fruchtbarkeit, per Gendiagnostik gesicherte Schwangerschaft - ist das die Zukunft der Fortpflanzung? Die Anwendung dieser Reproduktionstechniken wird wohl in absehbarer Zeit kein Massenphänomen werden. Erst recht nicht werden Menschen sich scharenweise sterilisieren lassen, nachdem sie ihre Keimzellen auf die Eizell- oder Samenbank gebracht haben. Sex ohne Fortpflanzung ist eine schöne Sache. Fortpflanzung ohne Sex ist technisch aufwendig und sehr teuer.

Zudem müsste eine Gesellschaft in der Lage sein, andere Wege zu finden, um den Konflikt zwischen Berufs- und Familienplanung zu entschärfen. Mehr Krippen und Kitas gehören ebenso dazu wie Unternehmen, die Familiengründung nicht mit Karriereknick abstrafen.

Doch es wird immer Menschen geben, die sich erst in ihren späten dreißiger Jahren sicher und erwachsen genug fühlen für eine Familie - und damit den Höhepunkt ihrer natürlichen Fruchtbarkeit verpassen. Und kein Staat, kein Unternehmen kann die wichtigste Voraussetzung für ein Kind schaffen: den richtigen Partner zum rechten Zeitpunkt. Keinen Grund für Kinderlosigkeit nennen die Frauen häufiger, als dass ihnen der dafür geeignete Mann fehlt. Für diese Frauen könnte es eine Chance sein, den Kinderwunsch aufzuschieben. Ihn auf Eis zu legen. Bis der Richtige kommt.

Aus DIE ZEIT :: 11.07.2013

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