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Familie und Schlangengrube

von Norbert Seel und Klaus Zierer

Zwei Erziehungswissenschaftler, der eine frisch emeritiert, der andere seit knapp zwei Jahren Professor, werfen einen Blick in das Innere der Institution Universität. Über atmosphärische Veränderungen, die wissenschaftliche Ausbildung von Lehrern und die Hochschullandschaft 2040.

Familie und Schlangengrube© Forschung & LehreNorbert Seel, emeritierter Professor der Erziehungswissenschaften, zur Entwicklung der Universität
Forschung & Lehre: Welche Atmosphäre umgab bzw. umgibt Sie in Ihrem Beruf als Professor? Was hat sich verändert?

Norbert Seel: Als ungewöhnlich stimulierend und produktiv empfand ich die mir an den verschiedenen Universitäten gewährten Möglichkeiten, dauerhaft und beständig an der Entwicklung von Theorien arbeiten und die darauf bezogene empirische Forschung über längere Zeiträume durchführen zu können. Im Bereich der Forschung sehe ich seit geraumer Zeit eine starke Veränderung in Richtung Mainstream-Forschung.

Ziemlich schlichte, aber einleuchtende Theorien werden aufgestellt, die dann in Hunderten kleinerer Studien untersucht werden, deren Validität mehr als fragwürdig ist. Gleiches lässt sich übrigens auch in Bezug auf die Bildungsforschung feststellen, insofern - durch die PISA-Studien angeregt - überall an deutschen Universitäten im Gleichklang Untersuchungen zur Bildungsqualität von Unterricht durchgeführt werden, ohne dass je eine nachhaltige Verbesserung des Unterrichts in der Schule erwartet werden darf. Da ist mittlerweile fast kein Raum mehr für andersartige und innovative Bildungsforschung, was sehr zu bedauern ist, da ich Innovation und Kreativität als Grundlagen der Wissenschaft betrachte.

Klaus Zierer: Als ich vor zwei Jahren meine ersten Rufe erhielt, war ich voller Euphorie. Ich kannte das universitäre System natürlich aus dem Mittelbau. Aber das ist letzten Endes ein behüteter Bereich, weil man von den institutionellen, aber auch zwischenmenschlichen Verstrickungen verschont bleibt. Das Professorendasein hat ohne Zweifel viele schöne Seiten, und man kann mit vielen netten und kompetenten Kollegen einiges erreichen. Aber es ist auch eine "Schlangengrube", in der Neid, Missgunst und Rivalitäten jenseits moralischer Konventionen passieren.

Insofern würde ich sagen, dass die Atmosphäre "extrem" ist. Sie reicht von nahezu familiär bis hin zu feindlich. Eine solch familiäre Oase können Forschungsprojekte, aber auch Lehrveranstaltungen sein, da Studierende in der Regel wissbegierig sind und Engagement zeigen. Aber auch sie leiden wie wir Professoren an den unglücklichen Rahmenbedingungen: Wenig Zeit für Gespräche, für Vertiefung und Besinnung. Stattdessen Zeitdruck und -not, alles in einem vorgefassten Plan durchlaufen zu müssen. Dazu noch der Druck von Außen - Stichwort: Arbeitsmarkt - im Fall der Studierenden und von Innen - Stichwort: Zielvereinbarungen - im Fall der Professoren. So wichtig und sinnvoll ein Wettbewerb auch ist: Wenn er das Leben in all seinen Facetten dominiert, dann ist er nicht mehr richtig.

F&L: Ein Blick auf die Universität ist ohne einen Blick auf die vielfältigen Reformen nicht möglich. Herr Seel, welche (hochschulpolitischen) Reformen haben während Ihrer Zeit die Universität besonders verändert?

Norbert Seel: Da ich das Glück hatte, nach der Vereinigung aktiv an der Neugestaltung und Reform der Erziehungswissenschaft und Lehrerbildung im Freistaat Sachsen mitwirken zu dürfen, betrachte ich diese Zeit - trotz der Fehler, die dabei gemacht wurden - als die produktivste Phase in Bezug auf die Reform des Bildungswesens. Ich glaube, dass wir damals in Sachsen einen wesentlichen Beitrag zur Neugestaltung der universitären Lehrerausbildung im Sinne der liberal-demokratischen Verfassung geleistet haben. Ein wenig Stolz klingt da schon mit.

Im Vergleich damit betrachte ich die an der Universität Freiburg von der Politik auferlegte Umgestaltung der Studiengänge in Bachelor- und Masterstudiengänge als notwendige Reform, deren Ergebnisse aber noch nicht feststehen. Die Erziehungswissenschaft in Freiburg profitierte m.E. zehn Jahre von der Umstellung auf Bachelor und Master, aber ob dies verallgemeinerbar ist auf andere Studiengänge und auf andere Universitäten weiß ich nicht. Insgesamt betrachte ich die durchgeführte Reform eher skeptisch, da die früheren Studiengänge nur in die neuen Strukturen eingepasst wurden - eine tief greifende Reform fand nicht wirklich statt.

F&L: Herr Zierer, Sie haben noch über 30 Jahre als Professor vor sich. Haben Sie eine Idee, wie die Hochschullandschaft in Deutschland 2040 aussehen könnte?

Familie und Schlangengrube © Forschung & Lehre Klaus Zierer, Professor für Erziehungswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Klaus Zierer: Ich hoffe, anders als heute - was angesichts der Salti vor und zurück, die uns in den letzten Jahren im Bildungsbereich begegnen, so sicher wie das Amen in der Kirche ist. Auf die Hochschulen bezogen gehe ich davon aus, dass der Wettbewerb weiterhin bestehen wird und dass sich in den einzelnen Fächern durchaus Exzellenzen bilden werden - ob das mit Blick auf die Hochschullandschaft gut ist oder schlecht, darüber wird ja schon heute viel gestritten.

Darüber hinaus wird auch die Internationalisierung, insbesondere die Europäisierung, weiter zunehmen. Allerdings denke ich auch, dass man - besonders im pädagogischen Kontext - früher oder später wird einsehen müssen, dass dabei eine Lokalisierung und Regionalisierung ebenso wichtig ist. Meine Hoffnung ist, dass die unzähligen und leider manchmal auch unsäglichen Reformen sich im Sinn eines Hegelschen Pendels mal beruhigen und auf das rechte Maß zum Stehen kommen.

F&L: Sie sind beide Pädagogen: Wird die Universität einer ihrer wesentlichen Aufgaben gerecht, nämlich die Fähigkeit zum selbstständigen Denken, Urteilen und Entscheiden bei den Studierenden zu fördern?

Norbert Seel: So lange ich das Institut für Erziehungswissenschaft geleitet hatte, legte ich - wie auch meine Mitarbeiter - großen Wert auf die Förderung selbstständigen Denkens und Entscheidens auf Seiten der Studierenden. Die Frage, ob wir das erreicht haben, müssten die Studierenden beantworten. Allgemein glaube ich aber beobachtet zu haben, dass viele Studierende mit viel Enthusiasmus und Fähigkeit zum selbstständigen Denken an die Universitäten kommen, um sie am Ende als Konformisten zu verlassen. Das mag aber auch eine verzerrte Wahrnehmung sein.

Klaus Zierer: Manche Rahmenbedingungen sind verbesserungsbedürftig: Aktuell diskutiere ich mit vielen Kollegen über die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. Die Folgen sind verheerend: Studierende besuchen nur noch das, was sie besuchen müssen, also wo sie einen Leistungsnachweis erbringen müssen. An allem anderen wird nicht mehr teilgenommen. So kommt es, dass Einführungsvorlesungen 300 Anmeldungen haben, aber nur zehn Studierende kommen.

Das ist absurd - allein schon aus ökonomischen Gesichtspunkten! Aber auch nachvollziehbar: Studierende sind durch die BA-MA-Umstellung gezwungen, bereits während des Semesters viele Leistungsnachweise zu erbringen. Insofern ist es nur menschlich, die eigene Zeiteinteilung daraufhin auszurichten. Gleichzeitig geht natürlich Grundwissen verloren. Prinzipiell ist damit das Problem angesprochen, dass bereits Immanuel Kant definiert hat: Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwang? Was wir derzeit vielerorts finden ist ein nahezu zwangloses Studium unter völliger Freiheit. Das macht keinen Sinn, weil Freiheit Grenzen braucht.

Aufgabe der Universität ist es meines Erachtens, Aufmerksamkeit, Motivation und Interessen aufzugreifen und mögliche Richtungen aufzuzeigen. Dafür sind vernünftige Lenkungs- und Führungsstrategien notwendig. Aktuelle Reformen untergraben diesen Punkt völlig.

F&L: Die Einheit von Forschung und Lehre, eines der Kernelemente der deutschen Universität, erfährt zumindest politisch schon längst nicht mehr ungeteilten Zuspruch. Welche Bedeutung hat die wissenschaftlich ausgerichtete Bildung?

Norbert Seel: Die seit geraumer Zeit beobachtbaren Bestrebungen der "Politik", die Lehre von der Forschung zu trennen und zum Beispiel zwischen Lehr- und Forschungsprofessuren zu unterscheiden, ist im Grunde ein Rückschritt in die Zeit der Universitätsreformen im 19. Jahrhundert. Konzentriert man die Frage auf die wissenschaftliche Ausbildung von Lehrern, sollten sich die politischen Entscheidungsträger daran erinnern lassen, dass die Entwissenschaftlichung der Lehrerbildung ein Kennzeichen nationalsozialistischer Bildungs- und Universitätspolitik war.

Das ist zugegebenermaßen eine böse Bemerkung, mit der ich aber lediglich mehr Gespür der politischen Entscheidungsträger für die Geschichte einfordern will. Ich gehe davon aus, dass die "Politik" eigentlich nur das Beste will und die deutschen Universitäten auf Anforderungen der Zukunft einstellen will. Leider werden aber die falschen Signale gesendet. Dazu zähle ich u. a. auch die sog. Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur nachhaltigen Förderung von Wissenschaft und Forschung, bei der allerdings die Lehre in ihrer Qualität und unterschiedlichen Ausprägung an den Hochschulen bekanntlich keine Rolle spielt. Dazu kommt, dass Lehr- und Forschungsprofessoren unterschiedlich besoldet werden, was auf ein Zweiklassensystem der Professorenschaft hinausläuft: hier die besser bezahlten Forschungsprofessoren und dort die Professoren, die sich mit der Lehre begnügen müssen. Aus finanzpolitischer Sicht mag dies eine probate Lösung für die von der "Politik" verursachten überfüllten Hörsäle sein, hinsichtlich der gebotenen Einheit von Forschung und Lehre aber ein eklatanter Rückschritt.

Junge Professoren werden geneigt sein, möglichst viele "Drittmittelprojekte" einzuwerben und dafür die Lehre zu vernachlässigen. Im Vergleich dazu ist es an nordamerikanischen Universitäten, auf die man sich gerne in Deutschland bezieht, üblich, dass Professoren jährlich über ihre Leistungen in der Lehre, Forschung (wozu auch das Abfassen von Lehrbüchern zählt) und sonstigen Dienstleistungen berichten. Da wird erkennbar auf die Einheit von Lehre und Forschung gezielt.

Klaus Zierer: Für mich bleibt die Verbindung von Forschung und Lehre eines der wichtigsten Elemente meines Professorendaseins. Alles andere macht für mich als Erziehungswissenschaftler gar keinen Sinn. Man kann doch nicht ernsthaft die Kluft zwischen Theorie und Praxis beklagen und gleichzeitig eine Trennung von Forschung und Lehre verlangen.

F&L: Treffen sich die Erwartungen von Lehrenden und Lernenden in der Universität? Bietet sie ihnen im besten Sinne eine "Heimat"?

Norbert Seel: Diese Frage ist schwer zu beantworten, da sie eigentlich an die Studierenden zu richten wäre. Mein Eindruck ist, dass sich die meisten deutschen Universitäten durch unterschiedliche Maßnahmen bemühen, eine Corporate Identity zu entwickeln.

Klaus Zierer: Hier würde ich ganz klar mit "Nein" antworten - vorbehaltlich der Gefahr dieser Pauschalierung, weil es immer eine Reihe von Lehrenden und Lernenden gibt, die sich verstehen und zusammenfinden. Im Idealfall ist das dann ein weiteres Humboldtsches Ideal, dass gar nicht mehr klar ist, wer Lehrender und Lernender ist. Ich habe diese Erfahrung schon in mehreren Seminaren gemacht und das sind dann die Oasen des Glücks, von denen ich schon gesprochen habe. Aber das kann nur jenseits einer strengen Zweck-Mittel-Relation geschehen: Wenn Studierende die Universität nur als Mittel zum Zweck sehen, also nur schnell durch wollen, um baldmöglichst in den Beruf zu kommen, dann muss Universität starr und eintönig sein. Links und rechts zu schauen ist nicht mehr erwünscht, und das universitäre Geschehen wird zu einer "Schein-"Welt: Man macht nur noch das, was man machen muss und dafür einen "Schein", heute ECTS-Punkte, bekommt.

Viele Studierende gehen mit dieser Mentalität in die Universität und sind enttäuscht, wenn wir Wissenschaftler diese Erwartungen nicht erfüllen und stattdessen versuchen, sie zum Nachdenken, zum Reflektieren, zum Kritisieren - auch jenseits unserer eigenen Fachgrenzen - anzuregen. Auch das ist übrigens ein Humboltsches Ideal: Bildung zweckfrei zu sehen, gerade an der Universität. Wenn wir diese Ideale aufgeben, dann geben wir auch ein großes Stück Humanismus auf. Insofern macht es nichts, wenn sich die Erwartungen von Lehrenden und Lernenden nicht auf Anhieb treffen. Es geht darum, sich im Miteinander anzunähern und auszutauschen, so dass aus den unterschiedlichen Erwartungen letztendlich eine "Heimat" werden kann, wie Sie es nennen.

F&L: Die Zukunft und Bedeutung der deutschen Universität und Wissenschaft wird heute nicht selten in einem Atemzug mit dem Erfolg Deutschlands als Wirtschaftsstandort genannt. Können die Universitäten darüber froh sein?

Norbert Seel: Auf jeden Fall! Ich bin mehr als froh darüber, dass es insbesondere den Technischen Universitäten und Fachhochschulen gelingt, ihren Teil zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland beizutragen. Was z. B. die Fraunhofer Institute leisten, verdient Respekt und nachhaltige Förderung. Etwas skeptischer beurteile ich die sog. Auftragsforschung, obwohl ich deren Nutzen und Effekte durchaus zu würdigen weiß. Gänzlich negativ beurteile ich aber die Initiativen der OECD, vermittels der PISA-Studien auf das Bildungs- und Schulwesen einzuwirken. Dabei richtet sich meine Kritik aber weniger gegen die OECD, die nur ihrem Auftrag gerecht wird, als gegen die Variante der gegenwärtigen Bildungsforschung, die sich mit den PISA-Studien als allzu willfährige Magd der Politik zu erkennen gibt. Diese im wahrsten Sinne doppelte Auftragsforschung, deren Finanzierung ebenso geheim gehalten wird wie die verwendeten Testaufgaben, betrachte ich als außer Kontrolle geratene konzertierte Aktion von Politik, Wirtschaft und Bildungsforschung. - Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ein Albtraum!

Klaus Zierer: Auch das ist meines Erachtens ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist der Erfolg auf dem Wirtschaftssektor gewinnbringend für die Hochschullandschaft, weil dadurch Geld für Forschung und Lehre zur Verfügung steht und somit Innovationen möglich sind. Auch erleichtert dies deutschen Wissenschaftlern auf internationalem Parkett Fuß zu fassen. Auf der anderen Seite wird dieses Geld aber nur den Bereichen und Themen zur Verfügung gestellt, die gerade en vogue sind und für das Wirtschaftssystem von Belang sind. Das führt zu einer Beschneidung von Wissenschaft und nimmt ihr die bereits angesprochene Freiheit und Unabhängigkeit.

Im erziehungswissenschaftlichen Bereich kann man dies sehr gut beobachten: Der Einfluss, den die OECD - wohlgemerkt stehen hier wirtschaftliche Interessen im Vordergrund - hat, ist immens. PISA und Kompetenzorientierung dominieren die Szene und jeder, der daran auch nur am Rande beteiligt war, genießt hohes Ansehen - ob gerechtfertigt oder nicht. So innovativ diese Studien auch waren, sie erfassen das, was Bildung ist, was eine gute Schule ausmacht, definitiv nicht. Aber das kommt weder in der breiten Öffentlichkeit noch in der Scientific Community immer und überall an, so dass hier von einer Verkürzung des erziehungswissenschaftlichen Diskurses gesprochen werden kann.


Über die Autoren
Norbert Seel leitete bis September 2012 die Abteilung "Lernforschung und Instructional Design" des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und ist Visiting Professor der Syracuse University.

Klaus Zierer ist seit 2011 Professor für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Allgemeine Didaktik / Schulpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Associate Research Fellow am ESRC Centre on Skills, Knowledge and Organisational Performance (SKOPE) der University of Oxford.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2012

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