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Fatale Beschleunigung

VON DAVID BINNIG

Selbst leichte Erschütterungen des Kopfes im Sport können fatale Folgen haben.

Fatale Beschleunigung© kieferpix - iStockphoto.comEine Studie zeigt, dass selbst eine leichte Erschütterung, wie ein Kopfball, das Gehirn nachhaltig schädigen kann
Als Fabian Giefer zu sich kommt, fehlt ihm ein Monat seines Lebens. Er verlor ihn im Stadion, in der 84. Minute des Bundesligaspiels gegen Mainz 05. In jenem Moment, als das Knie eines Gegenspielers gegen seinen Kopf knallte.

Giefer ist Torwart von Beruf, Fortuna Düsseldorf sein derzeitiger Arbeitgeber. Die Kollision verursachte eine Gehirnerschütterung und löschte damals, 2011, einen Teil seiner Erinnerungen. Eine Verletzung, die keine sichtbaren Narben hinterlässt. Doch das Gehirn ist verletzbarer, als man glaubte - bei Unfällen, Stürzen, Zusammenstößen zwischen Spielern, zwischen Radfahrern und Asphalt, Skifahrern und Schnee, Torhütern und Torpfosten. Oder beim ganz normalen Training.

Keine Gehirnerschütterung, kein Schaden. Diese Annahme ist nicht mehr gültig. »Wir konnten erstmals zeigen, dass es auch ohne akute Symptome zu Veränderungen des Gehirns kommen kann«, sagt Inga Koerte. In ihrer Studie ging es um das Paradebeispiel leichter Kopferschütterungen, um einen elementaren Bestandteil des Fußballspiels: Kopfbälle.

Koerte und ihre Kollegen von der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Harvard Medical School fanden erstmals einen direkten Nachweis für deren Auswirkungen in den Gehirnen von Fußballprofis. »Ich hoffe, dass jetzt auch in Deutschland das Bewusstsein für mögliche Gehirnschädigungen durch Sport wächst.« So wie in den USA, wo die Medien das Thema zur concussion crisis erhoben. Die Gehirnerschütterungskrise bedroht Profi-Ligen für American Football, Eishockey, Basketball. Aktuell klagen mehr als 4.000 ehemalige Footballspieler gegen die National Football League. Im Januar bewilligte die Liga 100 Millionen Dollar für die Erforschung der Gesundheitsrisiken des Sports.

Im Gegensatz zu den US-amerikanischen treffen bei der deutschen Nationalsportart Bälle auf ungeschützte, unbehelmte Köpfe. Das reicht offenbar aus, um Gehirnstrukturen zu verletzen. »Wir haben strukturelle Veränderungen festgestellt, die denen eines Schädel-Hirn-Traumas ähneln«, sagt Inga Koerte. Veränderungen, wie sie von Verkehrsunfällen, Stürzen auf den Kopf oder einem Knock-out im Boxring verursacht werden. »Die Ergebnisse haben uns alle überrascht.«

Koerte und ihre Kollegen um Martha Shenton untersuchten für ihre Studie zwölf Fußballprofis eines großen deutschen Vereins. Keiner von ihnen hatte je eine Gehirnerschütterung erlitten. Dennoch wiesen ihre Gehirne im Vergleich zur Kontrollgruppe, acht Schwimmern, großflächige Veränderungen auf. Vor allem in jenen Arealen der weißen Substanz, die für Aufmerksamkeit, komplexe Denkvorgänge und das Gedächtnis zuständig sind.

»Mit einem konventionellen MRT oder CT sieht man solche Veränderungen gar nicht«, sagt Inga Koerte. Erst ein viel sensibleres Verfahren machte sie sichtbar: die Diffusionstensor-Magnetresonanztomografie. Dabei werden die Bewegungen von Wassermolekülen gemessen. »Wir fanden eine erhöhte Diffusion, die auf dünnere Myelinscheiden hinweisen kann.« Die Myelinscheiden ummanteln die Nervenleitungen. »Werden sie dünner, ist die Leitung nicht mehr so schnell. Das könnte erklären, warum sich Gehirnfunktionen verschlechtern.«

Die Grenze, ab der sich die Denkleistung verschlechtert, wollen Forscher der New Yorker Albert-Einstein-Universität gefunden haben: 2.000 Kopfbälle pro Jahr. Wer öfter seinen Kopf hinhält, riskiere seine Denkfähigkeit. In der Untersuchung mit 38 Probanden waren die Gehirne derjenigen, die am häufigsten köpften, am stärksten beschädigt. Diese Sportler schnitten auch in Erinnerungstests am schlechtesten ab.

Ein kurzes Kopfballtraining veränderte die Leistungen in Aufnahmefähigkeits- und Gedächtnis-Tests dagegen nicht. Das zeigte eine Untersuchung der Universität Regensburg. In ähnlichen Tests einer norwegischen Studie wiesen 81 Prozent der Probanden, aktive Kicker und frühere norwegische Nationalspieler, eine beeinträchtigte kognitive Leistungsfähigkeit auf.

Sehr viel tragischer ist das Schicksal von Krzysztof Nowak. Der ehemalige Bundesliga-Profi des VFL Wolfsburg litt an amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Erkrankung des motorischen Nervensystems. Nowak starb 2005, mit 29 Jahren. Er ist kein Einzelfall. Fußballprofis haben ein erhöhtes ALS-Risiko. Dies bestätigten unter anderem Forscher der Universität Turin, die unter 7.325 Profis fünf erkrankte Spieler ausmachten. Statistisch erwartbar waren 0,77. Eine mögliche Ursache für ALS: regelmäßige Erschütterungen des Kopfes.

Das Gehirn ist schwimmend gelagert, geschützt in der Schädelhöhle, umgeben von Gehirnflüssigkeit. Durch Erschütterungen kann es gegen Knochen stoßen und dabei verletzt werden. Beim Kopfball beschleunigt die große Masse Mensch die kleine Masse Ball und umgekehrt. Forscher der Wayne-State-Universität maßen dabei eine bis zu sechsmal so hohe Beschleunigung wie jene, die Kampfjetpiloten auszuhalten haben.

In vielen Sportarten kann sich schon ein einziges Spiel im Gehirn auswirken. So fanden schwedische Wissenschaftler bei Eishockey-, Basketball- und Fußballspielern nach ihren Wettkämpfen erhöhte Konzentrationen des biochemischen Markers S100B, der auf Schädigungen des Gehirns hinweisen kann. Im Basketball korrelierte seine Konzentration mit der Anzahl der gemachten Sprünge.

»Im Handball ist vor allem der Torwart gefährdet«, sagt der Würzburger Neuropsychologe Gerhard Müller. Er gehört zu den wenigen Spezialisten in Deutschland, die Sportteams betreuen. »Handbälle werden bis zu 120 km/h schnell. Auch deshalb hat ein Torwart ein mehr als doppelt so hohes Risiko wie ein Feldspieler.« Nach einer Gehirnerschütterung brauche der Stoffwechsel sieben bis 14 Tage, um sich auf den Normalzustand zu regulieren. Doch auch danach bleiben die Athleten verletzbar: »Nach der ersten Gehirnerschütterung sind Sportler anfälliger dafür, weitere zu erleiden.«

In den USA arbeiten viele Profiteams mit Spezialisten für Gehirnverletzungen zusammen. Ein Grund dafür sind Studienergebnisse wie das der Universität Boston. Die Wissenschaftler untersuchten die Gehirne verstorbener Armeeveteranen, Boxer, Football- und Hockeyspieler. In 68 von 85 Gehirnen zeigten sich Hinweise auf eine chronische traumatische Enzepalopathie (CTE). Zu den Symptomen dieser neurodegenerativen Erkrankung gehören Demenz und Depressionen. CTE ist auch bekannt unter: Dementia pugilistica oder »Boxer-Syndrom«. In einem Boxkampf geht es letztlich darum, dem Gegner ein Schädel-Hirn-Trauma zuzufügen, nichts anderes passiert bei einem Knock-out. Zu dessen Auswirkungen im Gehirn gibt es zahlreiche Studien. Nach einer 2010 im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Meta-Analyse leiden zwischen 10 und 20 Prozent der Profiboxer unter anhaltenden neuropsychiatrischen Erkrankungen.

Auch unter Athleten anderer Kontaktsportarten sind neurodegenerative Krankheiten verbreitet. Alzheimer etwa. Dies brachten Daten der Universitäten von North Carolina und Michigan zutage: Die Erkrankungsrate ehemaliger Footballprofis übertraf die der Normalbevölkerung um 37 Prozent. Unter früheren Eishockeyprofis der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren war sie um das 19-Fache erhöht.

Eine andere Risikogruppe ist noch sehr viel größer: Frauen. Ein Grund für deren größere Anfälligkeit für Gehirnverletzungen könnte die im Vergleich zu Männern schwächer ausgeprägte Nackenmuskulatur sein, die den Kopf stabilisiert. In einer exemplarischen Studie an einem Männer- und einem Frauen-Eishockeyteam wiesen die Denkorgane der Frauen im Saisonverlauf deutlich größere neuronale Schäden auf.

Diese Untersuchung stammt ebenfalls von der Forschergruppe um Inga Koerte und Martha Shenton - und zeigt: Schon schwache Erschütterungen genügen, um Gehirne zu verändern. »Das könnte bedeuten, dass sich viel mehr Sportarten auf das Gehirn auswirken könnten als die üblichen Verdächtigen«, sagt Inga Koerte. Mehr als Boxen, Ballsport, Rugby, Ringen, Karate, Taekwondo und die anderen Kontaktsportarten. »Was ist zum Beispiel mit Langstreckenläufern?« Bei jedem Lauf wirken Tausende schwache Stöße auf deren Körper. »Was davon kommt beim Kopf an?« Forscher der Universität Münster fanden bei Marathonläufern nach der Belastung zwar erhöhte Konzentrationen des Markers S100B, aber keine weiteren Anzeichen für Gehirnschäden.

Sport verändert das Gehirn. Bewegung kann das Denkvermögen steigern, neue Neuronen wachsen lassen. Die Risiken sind dagegen noch kaum erforscht. Neue Erkenntnisse könnten den Sport verändern. Aber wohl nicht den deutschen Lieblingssport. »Man sollte nicht überreagieren«, sagt Inga Koerte, »Kopfbälle sind ein essenzieller Bestandteil des Spiels.« Des wohl schönsten Spiels der Welt.

Aus DIE ZEIT :: 23.05.2013

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