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Fatale Mobilmachung - die neue Wissenspolitik und die Universitäten

Von Olaf Jann

Auf den ersten Blick haben Begriffe wie "Wissensgesellschaft" und "Bildungskatastrophe" wenig gemein. Auf den zweiten schon. Hintergründige Gedanken zu aktuellen Sprachmustern und deren Folgen für die Universität.

Fatale Mobilmachung - die neue Wissenspolitik und die Universitäten© Edyta Pawlowska - 123rf.comIn der heutigen "Wissensgesellschaft" wird pathologisch gelernt
Wir leben in einer Wissensgesellschaft! Dieses Diktum hat zumindest in politischen und wissenschaftlichen Diskursen eine zunehmende Popularität und Autorität erlangt, die nicht zufällig an den ökonomischen Globalisierungstopos erinnert. In der Tat scheint der Begriff denn auch eher als eine, mit demokratischer Verzierung versehene, Modernisierungsmetapher zu fungieren, als ultimative Ressource und Produktivkraft zukunftsfähiger Ökonomien angesichts steigender internationaler Verflechtungen mit hoher Mobilität und extensiver Kommunikationsdichte. Diskursanalytisch auffällig ist daher, dass die Regulierungen der Universität analog zur Globalisierungsdebatte denselben Sprachmustern folgen: Einer attestierten Krise der Hochschulen folgt der Rekurs auf Effizienzsteigerung, Leistung, Internationalisierung, Europäisierung, Elitebildung.

Alternativlosigkeiten, Sachzwänge und Unumkehrbarkeitsrhetoriken (ideologische Heilslehren also, die nicht gerade Inbegriff wissenschaftlich differenzierten Denkens sind) flankieren diese Reformen als selbstverständlich und jeder weiteren Begründung enthoben. Bildung als Selbstzweck wird als Auslaufmodell angesehen und arbeitsmarktpolitisch (jung, schnell, konform, flexibel einsetzbar) umgedeutet. Jene, die dieser dynamischen, den unbedingten Schein der englischsprachigen Internationalität tragenden, Entwicklung nicht unhinterfragt folgen wollen, gelten - wie immer in solchen ökonomisierten Kulturkämpfen - als hoffnungslos unflexible, rückständige Modernisierungsverlierer. Ein in der Regel sozial vernichtendes Verdikt, aber zugleich eine politische Praxis, die analog zur globalen Finanzkrise ähnliche katastrophale Störungen für die Wissenschaft erahnen lässt, handelte es sich doch auch im Falle des Versagens finanzkapitalistischer Rationalität in erster Linie um eine Krise der Denkungsart ihrer Protagonisten.

"Pathologisches Lernen"

Dabei wäre es angesichts komplexer Steuerungsprobleme und ideologischer Wahrheitsansprüche durchaus wünschenswert, wenn Wissen als eine allseits geschätzte soziale Kategorie eine Aufwertung erfahren würde. Aber auch wenn mit der Begrifflichkeit "Wissensgesellschaft" gerade die Bedeutsamkeit der Kategorie Wissen für Gegenwartsgesellschaften in den Vordergrund gerückt wird, scheint es eher vielfältige Anzeichen dafür zu geben, dass lediglich das Management von Wissen in Projekten, Netzwerken und Netzwelten hier Relevanz beanspruchen darf. Ein effizienter und beschleunigter Umgang mit Wissen, der rasche Entscheidungen und vordergründige Problemlösungen ermöglicht, ist dabei wesentliches Merkmal dieser Mobilmachung. Dass auf diese Weise bloß oberflächliche Symptome beseitigt, nicht aber komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge erfasst werden können, ist möglicherweise nur auf den ersten Blick ein Paradoxon der Wissensgesellschaft. In seinem Band Dystopia nennt Helmut Willke diese, für die Gegenwart vielleicht exemplarische, Form der Problembewältigung "pathologisches Lernen". Nach der Reform ist vor der Reform.

Management und Massenbildung

Welche Rolle spielen in diesem Prozess die Universitäten, fragt Konrad Paul Liessmann und gibt zugleich die Antwort: "Sie machen mit." Aber möglicherweise ist diese Zuschreibung noch zu euphemistisch, denn die hochschulpolitische Zumutung, als Bologna-Reform bezeichnet, wird flankiert von der Bereitwilligkeit (manche Beobachter sprechen auch von Willfährigkeit), mit der die Betroffenen an den Universitäten die politischen Regulierungen mal demütig-pragmatisch, mal freudig-technokratisch, aber zumeist in einem vorauseilenden Konsens "defensiver Reformbereitschaft" (Heinz Steinert) umsetzen und damit ein neues dominantes Rationalitätsprinzip an den Universitäten installieren, welches nicht mehr auf die Logik kreativer und intellektueller Prozesse zugeschnitten ist, sondern die Spielräume vernichtet, welche unverzichtbar für innovative wissenschaftliche Leistungen jenseits instrumenteller Qualifikationspraxis sind.


Auch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts war die ausgerufene "Bildungskatastrophe" (Georg Picht) Hintergrund einer Universitätsreform: Der Universität, als mittelalterlicher Handwerksbetrieb in einer hochindustrialisierten Gesellschaft, wird vorgeworfen, dass sie die Studenten mit der eigenständigen Organisation des Studiums und den hohen inhaltlichen Ansprüchen überfordere, auf diese Weise Orientierungslosigkeit und Unsicherheit unter den Studierenden produziere, was zu überlangen Studienzeiten und hohen Studienabbrecherzahlen führe. Die Reform sollte demzufolge auf Rationalisierung und Kostenersparnis, also quantitative Out-put Orientierung angelegt sein, die Studiengänge sollten gestrafft, das Studium insgesamt stärker reglementiert und einem höheren Leistungsdruck durch Zwischenprüfungen unterworfen werden. Die Forderungen in dieser Zeit sind klar formuliert: Management und Massenbildung garantieren Fortschritt, Fortschritt bedeutet den wirtschaftlichen Wettbewerb bestehen, die Universität ist den ökonomischen Erfordernissen anzupassen. Heute lautet die Dogmatik der Mobilisierung und Beschleunigung von Bildung (für immerwährendes Wirtschaftswachstum) kaum anders, aber zunehmend apodiktischer: "Mehr Absolventen, mehr Promotionen und mehr Drittmittel."

Die neue Wissenspolitik fördert dabei nicht nur eine egozentrierte Perspektive der Studierenden, die von den Universitäten fatalerweise lediglich noch als Kunden definiert werden, denen keine Verantwortung für den Ort ihrer Bildung mehr zugemutet werden soll, sondern die vormals regulative Idee der Vermittlung akademischer Kompetenzen in einem selbstreflexiven Prozess wird weitgehend durch eine Form der Vermittlung von in Power-Point-Folien komprimiertem, fragmentiertem und trivialisiertem Wissen ersetzt, welches dann von den Studierenden kurzfristig gelernt und technokratisch idealtypisch in Massen-Multiple-Choice-E-Exams abgerufen werden soll. Diese "Infantilisierung des Lernprozesses" (Dieter Kirchhöfer) ist aber insofern immanent überzeugend, beruht sie doch auf der gewollten Vorgabe einer Massenuniversität mit niedrigen Durchfallquoten und geringen Kosten; d.h. mit wenigen Mitteln sollen möglichst viele akademische Abschlüsse (nicht Akademiker) produziert werden.

Ungelöste strukturelle Probleme

In Wahrheit stellt die politische Bologna-Vorgabe natürlich lediglich einen Teil der allgemeinen Misere einer deutschen Universität dar. Ein Grundproblem ist hier die politisch zu verantwortende, chronische Unterfinanzierung der Universitäten, die bereits über Jahrzehnte anhält und schon im Ansatz keine befriedigende Lösung der strukturellen Defizite erlaubt. Spätestens seit dem - zwischen Staat und Universitäten vereinbarten - so genannten "Öffnungsbeschluss" der späten siebziger Jahre, welcher eine zeitlich befristete Überlastquote festgeschrieben hatte, befindet sich die Republik in einem permanenten politischen "Bildungsstreik", der nun symbolhaft in den Bologna-Reformen kulminiert. Zugleich hat sich damit eine skandalöse Personalpolitik im Bereich der Wissenschaft etabliert, die kaum anders als eine systematische Ausbeutung universitärer Leistungsträger bezeichnet werden kann. Unterhalb der professoralen Ebene sind prekarisierte sowie (durch die zynische politische Befristungsobergrenze, die eine Art Berufsverbot gerade für qualifizierte Wissenschaftler darstellt) befristete Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen die Regel, nicht die Ausnahme. Da die wenigen Professoren und fest angestellten Wissenschaftler hier nicht einmal für einen kurzen Zeitraum in der Lage wären, den Lehr-, Betreuungs- und Prüfungsaufwand auch nur ansatzweise zu gewährleisten, kann man durchaus davon sprechen, dass ein Großteil des universitären Lehrbetriebs von einem (in diesem Sinne systemrelevanten) Prekariat geleistet wird, welches paradoxerweise die Führungskräfte von morgen ausbilden soll.

Eine Langfassung dieses Artikels erscheint demnächst in C. Hungeling: Anthropologie - Bildung - Demokratie, Würzburg 2010.


Über den Autor
Dr. Olaf Jann arbeitet am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Staats-, Elite- und Demokratietheorien sowie die Transformation des Hochschulsystems.


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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