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Fertigwissen in der Einheitssprache

Von Ralph Mocikat

Ein Aspekt des Bologna-Prozesses ist bisher nur wenig beachtet worden, nämlich der der Wissenschaftssprache. Die Reformen haben nicht nur das Selbstverständnis von akademischer Bildung erschüttert, sondern unterstützen auch die Abschaffung des Deutschen als Sprache von Forschung und Lehre im Inland. Folgen die Verantwortlichen einer inneren Logik, die sie selbst nicht mehr durchschauen?

Fertigwissen in der Einheitssprache© codswollop - Photocase.comWird Deutsch als Wissenschaftssprache wirklich abgeschafft?
Ein notwendiger Zusammenhang zwischen der "Bologna-Reform" und der kompromisslosen Einführung englischsprachiger Studiengänge an unseren Hochschulen besteht keineswegs. Ganz im Gegenteil: Die Erklärung von Bologna hatte ausdrücklich zur "Achtung vor der Vielfalt der Kulturen, Sprachen und Bildungssysteme" aufgerufen. Doch die Verantwortlichen setzten sich über den Geist der Bologna-Erklärung mutwillig hinweg und forcieren, geleitet von einer Fehlinterpretation des Begriffs "Internationalisierung", die bedingungslose Unterwerfung unter die Einheitssprache Englisch. Jedoch hätte gerade der Anspruch der Internationalisierung von Beginn an klare sprachenpolitische Konzepte im Sinne der Mehrsprachigkeit an unseren Hochschulen erfordert. Solche Konzepte sind nirgends zu erkennen.

Warum ist Sprache im Erkenntnisprozess so wichtig?

Sprache ist nicht nur Mittel zur Weitergabe des als gesichert geltenden Wissens, sondern auch ein heuristisches Werkzeug. Denn Wissenschaft will die Welt nicht nur beobachten und beschreiben, sondern auch erklären und Voraussagen machen. Hierfür benötigen wir Theorien, mit deren Hilfe wir uns der Wirklichkeit im besten Falle asymptotisch annähern. Theorien und ihre Begriffe können niemals eine objektiv gegebene, sinnlich erkennbare "Wahrheit" abbilden, sondern sie sind Konstruktionen unseres Geistes, die eine potenzielle, vorläufige Perspektive auf Sachverhalte widerspiegeln, die den Sinnen nicht zugänglich sind. Theorien sind also unanschaulich, oft kontraintuitiv, können aber mit sprachlichen Mitteln vergegenwärtigt werden. Dazu bedarf es des Rückgriffes auf Bekanntes, das oft aus ganz anderen Wirklichkeitsbereichen stammt. Neues können wir uns nur dadurch begreiflich machen, dass wir es in die bereits existierenden Wissensschemata einbetten. Das geschieht mittels Sprachbildern, die das Neue mit Hilfe des bereits vorhandenen Wissens erschließen. Der Sprache und ihren Metaphern kommt also eine erkenntnisleitende Funktion zu. Für den Naturwissenschaftler beispielsweise ist der eigentlich kreative Akt die Formulierung der Hypothese. Das Auffinden der Hypothesen, die Heuristik ist an die Bilder gebunden, die durch die Sprache vorgegeben sind.

Damit liegt es auf der Hand, dass im Stadium der Theoriebildung, in der kreativen Phase, die jeweilige Muttersprache eine besondere Rolle spielt. Denn sie gibt Denkstrukturen und den Argumentationsduktus vor. Nur in der Muttersprache erschließen sich dem Forschenden alle Nuancen, Assoziationen und Konnotationen eines Begriffes vollständig und augenblicklich, so dass sich ein erkenntnisleitendes "Netz von Bildern" ausbilden kann. Im konstruktivistischen Erkenntnisansatz, dem es nicht um das Auffinden einer objektiv gegebenen Wahrheit geht, reicht ein Einheitsidiom, das grammatikalisch und lexikalisch obendrein stark verkürzt ist, nicht aus, um die Wirklichkeit vollständig und zutreffend widerzuspiegeln. Der Gebrauch der Sprache, die man völlig souverän beherrscht, also der jeweiligen Muttersprache während der kreativen Phase der Hypothesengenerierung, ist eine Voraussetzung für die Nutzung erkenntnisleitender Netze von Bildern, für das diskursive Ringen um neue Ideen und damit für Freiheit der Erkenntnis. Liegen fertige Ergebnisse vor, lassen sich diese auch in einer Fremdsprache mitteilen, wobei die Übersetzung wiederum eine kritische Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand darstellt und daher selbst ein die Erkenntnis fördernder Akt ist.

Ein Rückblick

Zu der Einengung von Forschung und Lehre auf ein Einheitsidiom gibt es eine historische Parallele: die lateinische Universalsprache im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. In dieser Zeit - der Scholastik - war man an Neuem nicht interessiert, es ging vielmehr nur um die Kompilation kanonischen Wissens. Dies war mithilfe einer Einheitssprache vielleicht möglich. Als jedoch das Verständnis der Natur und damit ein theoriegeleiteter Erkenntnisprozess in den Mittelpunkt rückte, gelang dies nur durch den Gebrauch der Einzelsprachen. Es war kein Zufall, dass ein beispielloser Aufschwung der empirischen Wissenschaften zu jenem Zeitpunkt einsetzte, da das lateinische Einheitsidiom durch die Muttersprachen ersetzt wurde.


Akademische Lehre in Zeiten der "Bologna-Reform"

Akademische Lehre zeichnet sich dadurch aus, dass Wissen nicht bloß weitergegeben, sondern immer wieder neu erarbeitet wird. Lerninhalt ist die wissenschaftliche Methode selbst. Ziel sollte der Aufbau von Wissen sein, das anhand theoriegeleiteter Kriterien repräsentiert wird; der Lernende sollte die Strategien erkennen, mit denen er zu Lösungen für neue Situationen gelangt. Ziel sollte die Hinführung zu selbstständigem, kritischem Denken sein, zu der Fähigkeit, Aussagen zu hinterfragen, zu einem Denken in Zusammenhängen. Dies impliziert Persönlichkeitsbildung, also die Vermittlung von Werten und Haltungen. Gerade dies kann nicht unter Ausblendung der kulturell-historischen Bezüge und der muttersprachlich verankerten Denkstrukturen und Bilder erreicht werden. Untersuchungen aus anderen Ländern haben gezeigt, dass fremdsprachige Lehre sogar zu inhaltlichen Defiziten führt.

Im Gegensatz zu einer auf Theorie aufbauenden Wissenskonstruktion unter Einbeziehung der wissenschaftstheoretischen Fundamente steht die Lehre in Zeiten der "Bologna-Reform" für das Eintrichtern von Verfügungswissen, das im Sinne der Wirtschaft kurzfristig einsetzbar sein muss, für Fragmentierung, für Kompilation. Irrtum - eigentlich konstitutive Bedingung für Erkenntnisfortschritt - darf es nicht mehr geben. Ein solcher auf Fertigwissen verkürzter Begriff von Bildung (die diesen Namen dann kaum noch verdient) kann getrost auf die Freiheit der Sprachenwahl verzichten und auf den totalitären Anspruch einer Einheitssprache setzen. Die Mediävisierung der Hochschulen ist in vollem Gange....

Es ist eine merkwürdige Ironie, dass die "Reform", die unsere Hochschulen nun seit über einem Jahrzehnt in Atem hält, den Namen jener italienischen Stadt trägt, in der die Wiege der scholastischen Universität stand. Es entbehrt auch nicht der Logik, dass man zu den akademischen Graden des Mittelalters (natürlich zeitgeistkonform in ihrer angloamerikanischen Transformation) zurückkehrt. Zugleich erhebt der Objektivismus sein Haupt, der die Existenz einer einzigen, unverrückbaren Wahrheit unterstellt, welche objektiv gegeben und sprachunabhängig erkennbar (und für die Belange der Wirtschaft leicht instrumentalisierbar) sei und für deren Beschreibung eine einzige, simplifizierte Einheitssprache ausreicht. Die Anhäufung von Fertigwissen hat mit wissenschaftlichem Anspruch nichts zu tun, die Ausblendung aller anderen Sprachen außer der englischen sowie insbesondere der Muttersprache der Lernenden ist ebenso wissenschaftsfeindlich. Das ist der tiefere Zusammenhang, den selbst Kritiker der "Bologna-Reform" möglicherweise noch gar nicht erkannt haben.


Über den Autor
Professor Dr. med. Ralph Mocikat, Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache (ADAWIS) e.V.», München - Berlin


Aus Forschung und Lehre :: September 2010

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