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Feste Bindung zwischen Forschung und Lehre

Wie positioniert sich die Universität Cambridge in der aktuellen von Impact-Faktor und Sparbeschlüssen bestimmten hochschulpolitischen Situation? Wie wird es vor diesem Hintergrund künftig um die Geisteswissenschaften bestellt sein? Ist der Elitestatus der Universität ein Schutzschild gegen ökonomistisches Denken?

Feste Bindung zwischen Forschung und Lehre© University of CambridgeAndrew Webber ist Professor für Deutsche und Komparatistische Kultur an der Universität Cambridge und Direktor des Department of German and Dutch
Forschung & Lehre: Die Universität Cambridge gehört regelmäßig zu den fünf besten Universitäten der Welt. Warum ist das so?

Andrew Webber: Die Universität Cambridge hat natürlich eine sehr lange Geschichte: sie hat 2010 ihr achthundertjähriges Jubiläum gefeiert. Aus Altehrwürdigkeit folgt nicht unbedingt gegegenwartsgerechte und zukunftsorientierte Leistung, aber im Großen und Ganzen schafft es diese alte Institution, den Herausforderungen von heute auf zugleich solide und dynamische Weise gerecht zu werden.

F&L: Worin besteht das Erfolgsgeheimnis?

Andrew Webber: Kern ihres Erfolgs ist eine feste und intime Bindung zwischen Forschung und Lehre. Dieses Humboldtsche Ideal liegt der Struktur der Universität zugrunde, nicht zuletzt in Form der supervisions, also der persönlichen wissenschaftlichen Betreuung nicht nur von Graduierten. Diese Besonderheit geht auch mit dem Collegesystem einher. Fast alle Professoren und Dozenten, viele Postdocs und alle Studenten sind Mitglieder von einem der einunddreißig aus allen Fachbereichen zusammengestellten Colleges, die auch für einen regen Austausch zwischen disziplinären Interessen sorgen. Diese besondere Ökologie zieht auch ausgezeichnete und anspruchsvolle Menschen an, und der Auswahlprozess ist auf allen Ebenen streng. Dass die wissenschaftliche Exzellenz von Cambridge - oder auch Oxford - in ein herrschendes soziales Elitensystem verwickelt ist, bleibt für viele sowohl innerhalb als auch außerhalb dieser Institutionen problematisch. Zirka die Hälfte der heimischen Studenten kommt von Privatschulen, mit allen damit verbundenen Gelegenheiten und Vorteilen, wenn es um Konkurrenzfähigkeit in einem noch so meritokratisch geführten Auswahlprozess geht.

F&L: Die Universität Cambridge hat aber auch weit bessere finanzielle Möglichkeiten als die meisten anderen Universitäten...

Andrew Webber: Dass eine Universität wie Cambridge auch finanziell besser als der Durchschnitt dasteht ist natürlich auch ein beträchtlicher Faktor bei ihrem Erfolg auf internationaler Ebene. Das über Jahrhunderte angesammelte Privateigentum, wenn auch nicht mit dem der wohlhabendsten US-Universitäten zu vergleichen, funktioniert als Subvention für sinkende staatliche Gelder und heißumkämpfte Drittmittel und ermöglicht noch die Weiterbildung von Exzellenz. In Deutschland dagegen scheint das Prinzip der staatlichen Unterstützung von Forschung und Lehre viel fester zu stehen, und die öffentliche Invesitition in Universitäten als Garant für den gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Erfolg nicht so angefochten.

F&L: In Deutschland gibt es seit einigen Jahren eine "Exzellenzinitiative", in der Universitäten mit Milliarden Euro gefördert werden. Kann Deutschland so mit den internationalen Eliten konkurrieren?

Andrew Webber: Ob Deutschland mithilfe der Exzellenzinitiative mit den internationalen Eliten im universitären Bereich konkurrieren kann, scheint noch eine offene Frage zu sein. Klar ist, dass die Konzentration von Geldmitteln auf einige Institutionen von den davon nicht bevorzugten genauso kritisch zu sehen ist wie Cambridge oder Oxford von manchen Kollegen an anderen britischen Universitäten. Ein elitär geordnetes System wird wohl immer auch Ungereimtheiten in der Förderung von Talent und Leistungsfähigkeit implizieren. Die deutsche Exzellenzinitiative hat jedenfalls dazu geführt, dass die auserwählten deutschen Universitäten neue und ambitioniertere internationale Partnerschaften schließen konnten und mussten. Eine nationale Elite muss auch zeigen, dass sie internationale Anerkennung genießt. Ein Beispiel dafür wäre die Friedrich Schegel Graduiertenschule an der Freien Universität Berlin, die mit meinem Institut und dem germanistischen Institut der Universität Chicago ein trinationales Forschungs- und Graduiertennetzwerk entwickelt hat.

F&L: Britische Wissenschaftler müssen immer mehr die wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz ("economic and social impact") ihres Faches beweisen und sich damit rechtfertigen. Können Sie am Beispiel Ihres Faches aufzeigen, wie dies vonstatten geht?

Andrew Webber: Wie in einem 'Wörterbericht' in der Wochenzeitung Die Zeit (4. Februar 2011) vom deutschen Importwort impact konstatiert wurde, würde man dabei - und dies gilt genauso fürs englische impact wie für Impakt im Deutschen - eher an eine negative, schlag- oder angriffsartige Begebenheit denken. Impact soll aber die nachhaltige Wirkung der Forschung zu Nutz und Frommen der Gesellschaft und vor allem ihrer wirtschaftlichen Interessen bezeichnen. Impact sollte ursprünglich mindestens 25 Prozent der nächsten nationalen Forschungsbegutachtung (Research Excellence Framework, 2014) ausmachen, wurde aber angesichts des breiten Widerstandes auf 20 Prozent festgelegt. Für die meisten Germanisten, wie für Geisteswissenschaftler im Allgemeinen oder auch für Forscher in den weniger angewandten Bereichen der Naturwissenschaften, wird das Frönen von impact mit Misstrauen, oft auch mit Empörung, angesehen. Die Forschung der meisten Geisteswissenschaftler lässt sich nicht ökonomisch instrumentalisieren. Kaum jemand bestreitet zwar das Prinzip, dass die universitäre Forschung der breiteren Gesellschaft auch Nutzen bringen soll, aber die krude marktorientierte Messung davon verursacht weitverbreitetes Befremden.

F&L: Im September 2010 haben 53 Wissenschaftler britischer und amerikanischer Universitäten ein kritisches Dossier für den britischen Hochschulminister unterzeichnet. Sie halten die ökonomistischen Pläne (auch der Erhöhung der Studiengebühren) der Regierung für "gefährlich". Was halten Sie davon?

Andrew Webber: Ab 2012 sollen die Studiengebühren in England von etwas über 3 000 Pfund jährlich auf maximal 9 000 Pfund erhöht werden, und alle Anzeichen sprechen dafür, dass das Maximum eher die Norm sein wird. Die Einführung von viel höheren Studiengebühren stellt eine wesentliche Teilprivatisierung des Universitätssystems dar, und nur eine Minderheit der an Universitäten Beschäftigten wertet diese Umwälzung als eine positive Lösung für die finanzielle Notlage des universitären Sektors. Besonders gefährlich droht diese marktorientierte Bildungspolitik für die Geisteswissenschaften zu sein. Auch wenn diese verhältnismäßig niedrige Kosten beanspruchen, könnten niedrigere Studentenzahlen vor allem für kleinere Fachbereiche Gefahren mit sich bringen. Auch die Elite ist nicht unbedingt gegen diese Tendenzen gefeit. Der neue Vice-Chancellor der Universität Cambridge hat sich zwar sehr stark zur Bedeutung und zur Aufrechterhaltung der Geisteswissenschaften bekannt, aber es lässt sich noch nicht abschätzen, ob die Führungskader des Hochschulsektors diese Einsicht teilen und praktisch durchsetzen werden.

F&L: Das angelsächsische Denken wird immer wieder mit einem eher pragmatischen, nutzenorientierten Zugang zur Wirklichkeit in Verbindung gebracht. Idealismus wird eher skeptisch gesehen. Und doch hat es immer wieder Denker gegeben, die sich für eine Wissenschaft jenseits der Nutzenorientierung ausgesprochen haben (z. B. Cardinal Newman). Werden solche Positionen heute nicht mehr vertreten?

Andrew Webber: Die Pragmatik ist natürlich ein wesentlicher Bestandteil der angelsächsischen Tradition, auch im Bereich von Forschung und Lehre. Kennzeichnend wäre zum Beispiel die Tatsache, dass ein wesentlicher Impuls in der Literaturwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts dem practical criticism zu verdanken ist. Die Universität Cambridge als der vielleicht wichtigste Hort des practical criticism und eine auch der Technologie stark gewidmete Institution könnte wohl als ein Musterbeispiel für diese Tradition gelten. Allerdings ist dieses Prinzip einer idealismusfernen, angewandten Wissenschaftsveranlagung, genauso wie das einer Tradition des wissenschaftlichen Selbstzwecks im deutschsprachigen Raum, mit Vorsicht zu betrachten. Die sogenannte angelsächsische Tradition wurde im letzten Jahrhundert wesentlich von Einwanderern, und nicht zuletzt deutschsprachigen, geprägt. Man denke etwa an den nach Cambridge umgesiedelten Ludwig Wittgenstein und seinen Beitrag zur Entwicklung der empirisch-analytischen Philosophietradition. In anderen Zweigen der Geisteswissenschaften, in Großbritannien wie in den USA, haben sich eher theoretisch veranlagte Methoden etabliert, was ein Interesse an pragmatischen Fragestellungen allerdings nicht ausschließen muss. Ein Beispiel wäre etwa das Cambridger Forschungszentrum CRASSH, das der konzeptuellen Freiheit der Geisteswissenschaften gewidmet ist, sich aber auch im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprogramms zur 'Future University' mit den konkreten Problemen von Universitäten und ihrer gesellschaftlichen Rolle befasst. Auch wenn er vom Impakt des impact und der finanziellen Reformen etwas angeschlagen ist, bleibt ein gewisser Idealismus, was die Zweckorientierung von Bildung betrifft, dem britischen Universitätsystem nicht fremd.


Über den Autor
Andrew Webber ist Professor für Deutsche und Komparatistische Kultur an der Universität Cambridge und Direktor des Department of German and Dutch. 2009-10 war er Geschäftsführender Direktor des Forschungszentrums CRASSH (Centre for Research in the Arts, Social Sciences and Humanities).


Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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