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Flachforscher und medizinische Doktorarbeiten


VON MARTIN SPIEWAK

Medizinische Doktorarbeiten haben in der Wissenschaft einen besonders schlechten Ruf - leider zu Recht. Jetzt reagieren die Universitäten.

Flachforscher und ihre medizinischen Doktorarbeiten© Bart Sadowski - iStockphoto.comSind medizinische Doktorarbeiten so schlecht wie ihr Ruf?
Der Untersuchungsausschuss der Universität Marburg war sich rasch einig: Dieser Doktortitel gehört aberkannt. Die Doktorandin hatte das erste Drittel ihrer Dissertation wörtlich abgeschrieben. Selbst Grammatikfehler und falsche Kommata hatte die angehende Orthopädin aus einer anderen Promotionsschrift übernommen - ohne Quellenangabe. Nur Abbildungen und Tabellen fielen blasser aus als im Original; sie hatten beim Kopieren an Glanz verloren.

Ein Patient, der im Internet nach einer geeigneten Behandlungsmethode für sein kaputtes Knie fahndete, war per Zufall auf den Wissenschaftsbetrug gestoßen und hatte ihn gemeldet. Doch als die Marburger Mediziner ihre ehemalige Studentin um Stellungnahme baten, trafen sie auf kein Schuldbewusstsein. Stattdessen zeigte sich die Promovierte geradezu ungehalten. Ja, sie habe die ersten zwanzig Seiten ihrer akademischen Arbeit wörtlich kopiert, ließ sie wissen. Was sei daran so schlimm? Die übernommenen Informationen könne man doch in jedem Lehrbuch finden.

Hakt man bei der Ertappten telefonisch nach, springt der Ehemann, ebenfalls Mediziner, seiner Frau bei: »Die Einleitungskapitel einer medizinischen Doktorarbeit sagen doch nichts über deren Qualität aus. Die sind in der Regel gar nicht notenrelevant.« Der Mann sollte es besser wissen: Er betreut als habilitierter Privatdozent an einer nordrhein-westfälischen Klinik selbst Dissertationen.

Da ist er wieder, der Dr. med. Dünnbrettbohrer. Keine andere Promotion leidet in der Wissenschaft unter einem so schlechten Ruf wie die medizinische. Meist zu Recht, denn der deutsche Doktortitel der Heilkunst ist akademische Massenware. Rund 7700 Doktorgrade vergaben die medizinischen Fakultäten im Jahr 2009. Sie kamen damit auf ebenso viele Titel wie sämtliche Juristen, Ingenieure, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler zusammen. Zwei Drittel aller künftigen Ärzte promovieren, mehr Doktoren finden sich nur unter den Chemikern. Doch während Letztere - wie in allen anderen Fächern auch - ihr wissenschaftliches Gesellenstück nach dem Examen anfertigen, beginnen rund neunzig Prozent der Mediziner ihre Dissertation im Studium, viele bereits im fünften oder sechsten Semester.

Sie brauchen dafür auch weit weniger Zeit. Historiker, Physiker oder Soziologen verbringen rund drei Jahre in Bibliothek, Labor und Schreibstube. Ärzte dagegen erwerben ihre Doktorehre im Schnitt in zwölf Monaten, oft als Auftragsforschung für den Professor. Das Ergebnis entspricht vom Umfang und Thema her meist einer - schmalen - Diplomarbeit in den Naturwissenschaften. Viel Zeit zum Lesen haben die Professoren ohnehin nicht: Ein Hochschullehrer in der Medizin betreut laut Statistischem Bundesamt fünfmal so viele Dissertationen wie ein Geisteswissenschaftler. Dass gerade den Ärzten in der Bevölkerung eine besondere wissenschaftliche Expertise zugesprochen wird (»Herr Doktor!«), erscheint anderen Disziplinen deshalb als schlechter Witz. Hier gelten die Mediziner - promovierte wie habilitierte - oft als Flachforscher, die sich eher für die schmückenden Buchstaben vor dem Namen als für den Wissensfortschritt interessieren.

Der Wissenschaftsrat sprach in seiner Expertise zur Universitätsmedizin 2004 von der medizinischen Promotion als »Pro-forma-Forschung«, deren Erkenntnisgewinn »fragwürdig« sei. Die Verleihung des Doktorgrads erfolge in Deutschland »weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen«. Selbst unter Medizinern zweifelt man am Wert der akademischen Nachwuchswerke. Die medizinischen Doktorarbeiten entsprechen bis heute »oft nicht den wissenschaftlichen Standards«, sagt Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Universität Göttingen und langjährige Professorin am Klinikum Hamburg-Eppendorf. Mittlerweile haben verschiedene Medizinfakultäten auf die Dauerkritik reagiert. Ihre Professoren kümmern sich heute intensiver um ihre Schützlinge als noch vor zehn Jahren, schärfere Vorgaben regeln die Dissertation. Bis Ende vergangenen Jahres verlangte etwa die Hamburger Promotionsordnung von ihren Doktoranden nur, »ein wissenschaftliches Problem selbstständig zu bearbeiten«. Die neue Regelung sieht nun explizit »eigene Forschungsleistungen« vor.

An der Medizinischen Hochschule Hannover können sich Studenten heute neun Monate lang allein den Experimenten für ihre medizinischen Doktorarbeiten widmen. Sie erlernen wissenschaftliche Methoden, werden von zwei Professoren betreut, beziehen ein kleines Salär von 400 Euro. Der Aufwand lohnt sich: Jede zweite Arbeit wird in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, ein Indiz für Qualität. Andere Universitäten - wie etwa Tübingen - eröffnen Medizinstudenten, die ihre Zukunft in der Forschung sehen, die Chance, eine stärker naturwissenschaftlich orientierte Dissertation zu schreiben. Der höhere Anspruch der Promotion spiegelt sich auch im Titel wider: Die Absolventen dürfen sich mit dem angloamerikanischen Doktorgrad schmücken, dem »Ph.D.« in Medizin. Bislang belegt nur eine Minderheit der Studenten solche Doktorandenprogramme, in Hannover rund ein Viertel. Die meisten promovieren weiterhin ganz traditionell, oft ohne je gelernt zu haben, wie man wissenschaftlich arbeitet. In einer Befragung von Hochschulforschern der Universität Konstanz gaben nur zehn Prozent der angehenden Ärzte an, im Studium »häufig« wissenschaftliche Methodik zu üben; 34 Prozent »manchmal«, 56 Prozent »überhaupt nicht«.

International gilt der deutsche Medizindoktor ohnehin als Titel zweiter Klasse. Wer sich als junger Wissenschaftler bei European Research Council (ERC) in Brüssel um eines der hoch dotierten Nachwuchsstipendien (starting grants) bewerben will, muss bereits geforscht haben. Als Beleg reicht in der Regel eine Promotion. Deutsche Mediziner müssen daneben noch weitere Forschungserfahrungen nachweisen, etwa in Form von publizierten Fachartikeln. Die Dissertation allein garantiert in den Augen des ERC - trotz lauten Protests aus Deutschland - keine wissenschaftliche Qualität.

Die Vorbehalte bestehen zu Recht, wie Gerlinde Sponholz in ihren Seminaren beobachtet. Die Medizinerin und Biologin bietet an rund einem Dutzend Universitäten Doktoranden Einführungskurse in das wissenschaftliche Arbeiten an: Wie entwickle ich eine Fragestellung? Welchen Forschungsansatz nutze ich zur Lösung des Problems? Warum müssen die Originaldaten auch nach der Abgabe der medizinischen Doktorarbeiten aufbewahrt werden? Medizinern, sagt Sponholz, fehle oft ein Grundverständnis dafür, was wissenschaftliches Arbeiten bedeute. »Die bekommen ein Thema zugeteilt und machen dann, was ihnen aufgetragen wird.« Auch wie man genau zitiert und warum, wissen die Jungmediziner nur lückenhaft. In entwaffnender Offenheit formuliert der habilitierte Ehemann der unter Fälschungsverdacht stehenden Ärztin aus Marburg das Dilemma. Woher sollte seine Frau denn wissen, dass sie den allgemeinen Teil ihrer Doktorarbeit nicht abschreiben dürfe? Sie habe doch niemals zuvor wissenschaftlich gearbeitet und wolle es auch nach der Promotion niemals mehr tun. »Sie wollte doch nur ihren Doktor.«

Später im Beruf rächt sich die unzulängliche wissenschaftliche Prägung deutscher Heilkundler. Gerade weil moderne Medizin so stark forschungsgetrieben ist, benötigt jeder Arzt - ob im Krankenhaus oder in einer Landpraxis - ein Verständnis für die Instrumente, Bedingungen und die Sprache moderner Wissenschaft. Er muss sich immer wieder fragen, ob seine Behandlungsroutinen vom aktuellen Forschungsstand noch gedeckt sind. Und er muss einschätzen können, ob eine Studie, die für ein neues Medikament wirbt, seriös ist oder nur verstecktes Marketing der Pharmaindustrie. Ein deutscher Dr. med. bringt diese Fähigkeiten nicht automatisch mit. Das belegt unter anderem das neue Buch des Max-Planck-Forschers Gerd Gigerenzer, Better Doctors, Better Patients, Better Decisions. Der Berliner Wissenschaftler zeigt darin an diversen Beispielen, wie Ärzte den Nutzen von Vorsorgemaßnahmen über- und deren Gefahren unterschätzen. So fragte er Frauenärzte: Was bedeutet es, wenn sich das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, durch eine Mammografie um 25 Prozent reduziert? Mehr als ein Drittel wusste die richtige Antwort nicht: Statt vier versterben drei von 1000 Frauen.

Für Wolfgang Blank, Hausarzt und Sprecher im Netzwerk Evidenzbasierte Medizin, grassiert der statistische Analphabetismus nicht nur unter Gynäkologen (ZEIT Nr. 18/10). Zu viele seiner Kollegen könnten mit Begriffen wie »absolutes Risiko« oder »relatives Risiko« nichts anfangen. Zwar sehe die Medizinerausbildung Kurse in Statistik oder Epidemiologie vor, sagt Blank, der auch an der TU München unterrichtet. Die Kenntnisse blieben jedoch oft theoretisch und würden nicht eingeübt. Blank urteilt scharf: Deutschen Ärzten fehle »eine Kultur, sich mit Wissenschaft auseinanderzusetzen«. In seiner Expertise von 2004 entwarf der Wissenschaftsrat eine neue Struktur der Doktorandenausbildung. Wie in anderen Fächern sollten Mediziner erst ihr Studium abschließen, um sich dann intensiv ihrer Dissertation zu widmen. Damit wollte das Gremium sicherstellen, dass nur Kandidaten mit wissenschaftlichen Ambitionen sich zur Promotion anmelden. Um den Rest der Studenten nach dem Examen nicht ohne Titel dastehen zu lassen, schlug der Rat vor, allen Absolventen mit der Approbation die Berufsbezeichnung »Medizinischer Doktor« zu verleihen. Statt dem »Dr.« sollte ein »MD« das Türschild schmücken. Auch die Doktoren zweiter Klasse sollten jedoch ein wissenschaftliches Begleitstudium absolvieren. So sieht die Medizinerausbildung in den USA aus - und nach einer Reform auch in Österreich.

Der Vorschlag scheiterte an der vereinten Front aus organisierter Universitätsmedizin und ärztlichen Standesorganisationen. Ärzte absolvierten eine der anspruchsvollsten und längsten akademischen Ausbildungen, sagt Dieter Bitter- Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages. Eine gesonderte Promotionsphase würde die Lehrzeit nach den sechseinhalb Jahren Studium und der anschließenden Weiterbildung zum Facharzt um weitere zwei bis drei Jahre verlängern. Statt mehr hätte man am Ende weniger hochwertige Doktorarbeiten, weil kaum noch jemand promovieren würde. »Die Forschung würde austrocknen«, prophezeit Bitter-Suermann. Die Medizin habe nun einmal ihre eigene Promotionskultur, die sich nicht an der Ausbildung zum Dr. phil oder Dr. jur. messen lassen wolle.

Immerhin bemühen sich einige Fakultäten jetzt darum, die wissenschaftliche Kompetenz der Studenten zu stärken. An der Universität Freiburg soll sich das Thema in Zukunft vom ersten Semester an wie ein »roter Faden durch das Curriculum ziehen«, sagt der medizinische Psychologe Götz Fabry, einer der Professoren, die das Freiburger Lehrkonzept überarbeiten. Wer eine Dissertation anstrebt, muss in einem Seminar die Grundlagen des Forschens erlernen. Ein Modellstudiengang an der Berliner Charité geht einen ähnlichen Weg. Die Hamburger Mediziner wiederum planen vom Wintersemester 2012 an einen verpflichtenden zweiten Strang (second track) für ihren Nachwuchs. Neben den üblichen Pflichtkursen, so lautet das Konzept, vertiefen die Studenten ihr Wissen in einem Fachgebiet, unter anderem mit Übungen und experimentellen Praktika. Dass sie das Handwerkszeug des Forschers erlernt haben, müssen sie am Ende in einer kleinen wissenschaftlichen Abschlussarbeit beweisen.

»Wir Mediziner wollen uns nicht weiter vorwerfen lassen, dass wir minderwertige Promotionen tolerieren«, sagt Andreas Guse, Prodekan für die Lehre am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Jahrelang habe man angenommen, dass die Studenten wissenschaftliches Arbeiten »irgendwie nebenbei lernen«. Das habe sich als falsch erwiesen. Studium und Promotionsphase ganz zu trennen, dazu wird sich auch in Zukunft wohl keine Medizinfakultät durchringen. Denn die Angleichung an die anderen Disziplinen verstößt gegen viele Interessen. Für Hochschulprofessoren sind die Doktoranden willige wissenschaftliche Zuträger. Was sie selbst interessiert, lassen sie gern von ihren Studenten erforschen - und verarbeiten die Ergebnisse dann in eigenen Veröffentlichungen. Für die niedergelassenen Ärzte wiederum garantieren die beiden Buchstaben am Türschild ein höheres Einkommen: Mit einem Doktortitel verdient ein Arzt im Schnitt 20 000 Euro brutto mehr im Jahr.

Aus DIE ZEIT :: 25.08.2011

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