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Fleißig und gefragt

VON LEONIE ACHTNICH

Ein Besuch bei den Studenten der Vietnamesisch-Deutschen Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt.

Fleißig und gefragt© Nohya - Wikimedia CommonsAn der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) erhalten Studierende einen deutschen Abschluss
Kommt die Sprache auf die deutschen Professoren, gerät der Informatikstudent Hieu Le Ngoc ins Schwärmen. »Sie bleiben nach dem Seminar noch da und diskutieren mit uns«, erzählt der Student begeistert. Richtig hitzig seien die Wortwechsel manchmal. So viel persönliches Interesse hätten die deutschen Professoren. Das war sehr ungewohnt für den jungen Vietnamesen. Diese Lehr- und Lernformen werden an der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) praktiziert, eine rasante Autostunde nördlich der Großstadt Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden Vietnams. In dem bescheidenen weißen Universitätsgebäude sitzt der 27 Jahre alte Hieu trotz der Hitze in Jeans und langärmligem kariertem Hemd. Seit zwei Jahren studiert er an der VGU Business Information Systems, eine Kombination, die der junge Mann nirgends sonst in Vietnam hätte studieren können, wie er sagt.

Im Herbst wird er sein deutsches Masterzeugnis entgegennehmen. Obwohl die VGU eine staatliche vietnamesische Universität ist, machen Studierende dort einen deutschen Abschluss, gerade so, als studierten sie in Frankfurt oder Bochum. Die Studiengänge werden direkt von den deutschen Partner-Unis übernommen, samt Inhalt, Büchern und Aufbau. Selbst die Professoren sind eine Leihgabe. Sie fliegen für einige Wochen ein und geben Vorlesungen. Die VGU ist kein Einzelprojekt, insgesamt gibt es sechs deutsche Hochschulen im Ausland, zum Beispiel in Jordanien oder auch in Istanbul. Bildungsexport, so nennt es das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF), das die Projekte koordiniert. Die Unis sind Aushängeschilder für die Qualität deutscher Forschung und Lehre. Sie können qualifizierte Studenten oder Doktoranden anwerben, sie können ein Stück Entwicklungshilfe sein, sie können aber auch einfach Freunde der deutschen Kultur gewinnen. In jedem Fall trügen sie zur Sichtbarkeit des deutschen Bildungssystems bei, heißt es beim BMBF.

Um den konkreten Deutschlandbezug kümmert sich an der VGU - wie bei den meisten der sechs Hochschulen - ein deutscher Zusammenschluss von Mentorenhochschulen. Deutschlandbezug, das sind Sprachkurse, Unterrichtsangebote auf Deutsch oder Studien- und Praktikumsaufenthalte in Deutschland. Deshalb dauert der Bachelor an der VGU auch nicht drei, sondern vier Jahre. Im ersten Jahr polieren die Studenten ihre Englisch- und Mathekenntnisse auf, und sie lernen Deutsch. Die Kurse sind zwar auf Englisch, aber die deutsche Sprache sei ein »Bonus für das spätere Berufsleben«, sagt Silke Heimlicher, die in Vietnam für die strategische Planung zuständig ist. Neben dem Informatikstudenten Hieu sind 370 Studierende an der VGU eingeschrieben, es werden vor allem naturwissenschaftliche und technische Fächer angeboten. Die VGU ist eine sehr junge Universität: Die Räumlichkeiten gibt es seit drei, die Idee seit fünf Jahren. In einer relativ kurzen Schaffensphase entstand eine Universität, über zwei Bürokratien und eine halbe Welt hinweg.

Von Anfang an dabei war der heutige vietnamesische Vize-Premierminister Ngyuen Thien Nhan. Er hatte in den sechziger Jahren wie viele seiner Landsleute in Deutschland studiert. Nhan, der damals noch Bildungsminister war, traf in Frankfurt seinen hessischen Amtskollegen Udo Corts, zusammen brachten sie das Vorhaben auf den Weg, 2006 beschlossen das Bundesland Hessen und das Land Vietnam ein gemeinsames Bildungsprojekt. Zwei Jahre später folgte die Gründung. Ein altes Gebäude wurde saniert, Personal nach Vietnam geflogen. Wolf Rieck, der damals die FH Frankfurt leitete, wurde zum ersten Präsidenten der VGU ernannt. Diesen Herbst feiert die neue Universität gleich zweimal. Zum einen werden die ersten Masterstudenten, darunter auch Hieu, verabschiedet. Zum anderen startet nun auch der Bachelorstudiengang Finance and Accounting.

Weil die VGU noch keine Laborräume hat, fliegen die Erstsemester für ein Jahr nach Frankfurt, ziehen ins Studentenwohnheim und nutzen die Ausstattung der dortigen FH. Dass alles so glatt lief, lag auch daran, dass die vietnamesische Regierung der Universität freie Hand in der Gestaltung gelassen hatte. Eine derartige Autonomie ist beispiellos in Vietnam, dort müssen angehende Studenten vor dem Studium Militärdienst leisten und die Lehren Ho Chi Minhs pauken, das Studium besteht meist aus Frontalunterricht. Das soll sich ändern. Die VGU ist Teil eines großen Projekts, mit dem die vietnamesische Bildungslandschaft aufgemischt werden soll. New Model University heißt das Programm, in dem vier große Universitäten errichtet werden sollen, jede hat dabei als Bildungspaten ein anderes Land. Das lässt sich die Regierung einiges kosten. Für den neuen Campus, auf den die VGU in ein paar Jahren umziehen soll, stellt die Weltbank einen Kredit über 180 Millionen US-Dollar bereit. 5000 Studenten sollen dort Platz finden. Es soll eine große Forschungsuniversität nach deutschem Vorbild werden.

Qualifizierter Nachwuchs ist für Vietnam unabdingbar. Seit das Land vor vier Jahren der WTO (Welthandelsorganisation) beigetreten ist, gründen dort viele Unternehmen ihre Niederlassungen, auch zahlreiche deutsche sind darunter. Die Rahmenbedingungen sind gut, die Löhne niedrig. Nur nach qualifizierten Fachkräften müssen die Unternehmen suchen. Globalisierung und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen machten Vietnam zu einem immer wichtigeren Partner in Südostasien, so erklärt es das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Von dort fließen jährlich 1,5 Millionen Euro an das Projekt VGU, weitere 1,5 Millionen kommen vom Bundesministerium für Forschung und Bildung. Auch Baden-Württemberg steuert Geld bei. Es ist viel Geld für ein sehr junges Projekt, von dem bis jetzt nur wenige Studenten profitieren. Aber langfristig könnten sich daraus Beziehungen entwickeln, die nicht nur ideellen Wert haben, sondern auch für die Wirtschaft von Nutzen sind. Zum Beispiel indem die jungen Absolventen für die deutschen Unternehmen in Vietnam arbeiten. Die reißen sich schon jetzt um Hieu Le Ngoc: Noch bevor der junge Mann die Masterarbeit eingereicht hat, rufen die ersten Arbeitgeber an und wollen ihn einstellen. Sein Studienkollege Duong geht noch einen Schritt weiter: Er zieht ihm Herbst nach Bochum, um dort zu promovieren.

Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel begrüßt es auch das Bundesministerium für Forschung und Bildung, dass die Absolventen der VGU nach Deutschland ziehen und hier Leerstellen ausgleichen, die durch den Fach kräftemangel entstehen. Von der deutschen Hochschule in Kairo zum Beispiel kommt bereits eine dreistellige Anzahl von Absolventen zur Pro mo tion nach Deutschland. Würde Ägypten die qualifizierten Fachkräfte nicht lieber behalten? Die Frage stelle sich eigentlich nicht, heißt es beim BMBF. Etwa ein Viertel der Absolventen arbeitete zeitweise oder auch auf Dauer in Deutschland, aber die Heimatländer profitierten dennoch - von den Netzwerken, von Investitionen oder vom Wissensaustausch. Der Vorteil der Absolventen deutscher Hochschulen im Ausland ist deren Vertrautheit mit der deutschen Lebensart. Vor allem die Vietnamesen hätten eine ähnliche Mentalität, heißt es beim Projektpartner Hessen; sie seien fleißig, ehrgeizig und zielstrebig. Bildung habe einen hohen Stellenwert.

Die Familien nehmen Studiengebühren in Kauf, die an der Vietnamesisch-Deutschen Universität ungefähr ein durchschnittliches Monatsgehalt betragen. »In Vietnam herrscht ähnlich wie im amerikanischen Bildungssystem die Auffassung: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wenn die Studiengänge umsonst wären, dann wäre kaum Interesse da«, sagt Silke Heimlicher. Allerdings vergibt die Universität viele Stipendien, einige von ihnen werden auch von Unternehmen finanziert. Wer kein Stipendium bekommt, kann selber Geld verdienen. In Vietnam ist das Teilzeitstudium sehr beliebt. Auch die VGU hat daher einige Studiengänge von Vollzeit auf Teilzeit umstellen müssen. »Das vietnamesische Studium ist viel zielgerichteter als das deutsche«, sagt Henning Hilbert, verantwortlich für Akademische Angelegenheiten an der VGU. »Das ist keine jahrelange Selbstfindungsphase, sondern ein Ausbildungsprozess.«

Viele, so auch Hieu Le Ngoc, arbeiten tagsüber, um sich das Studium zu finanzieren. Einige seiner Studienkollegen haben auch schon eine Familie. Er selbst lernt am Abend, und er wiederholt die Lektionen bis tief in die Nacht hinein. Kein Wunder, dass die deutschen Professoren hauptsächlich Gutes von ihren Trips nach Vietnam berichten. Die vietnamesischen Studenten seien so interessiert und wissbegierig, erzählen sie. Manche blieben nach dem Seminar sogar noch da, um mit ihnen zu diskutieren.

Aus DIE ZEIT :: 27.10.2011

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