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Flexibilität und Freiräume - Ein deutscher Wissenschaftler in den USA

von MARKUS PAULY

Forschung ist global, und Wissenschaftler gehen dorthin, wo sie die besten Forschungsbedingungen und möglichst auch ein attraktives soziales Umfeld vorfinden. Überlegungen eines deutschen Wissenschaftlers zum Brain Drain und zu seinen Ursachen.

Flexibilität und Freiräume© Markus PaulyMarkus Pauly sieht bessere Forschungsbedingungen in den USA als Ursache für den Brain Drain
Forschung & Lehre: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Schlagworte Brain Drain und Brain Gain hören?

Markus Pauly: Brain Drain/Grain ist ein ausschließlich politisches Thema, das nur auf der nationalen Ebene, oder im Falle der EU einer Staatengemeinschaft, eine Rolle spielt. Dieser Begriff hat nichts mit Wissenschaft an sich zu tun. Wissenschaft war, ist und wird immer global sein. Wissenschaftliches Arbeiten beinhaltet daher globale Chancen, aber auch globale Konkurrenz. Egal, wo auf der Welt ein Forscher Ergebnisse erzielt, solange diese robust und reproduzierbar sind und neue Einsichten bringen, werden diese in allen Fällen zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen. Daher ist es von der Wissenschaftsseite auch egal, ob ein Forscher von München nach Hamburg, nach Paris, nach Singapur oder nach Boston zieht, um seine Arbeit weiter zu betreiben. Dennoch ist einzusehen, dass es nicht im Interesse der Politik einer Nation sein kann, einen guten Wissenschaftler, in dessen Ausbildung unter Umständen viel Geld investiert wurde, an eine andere Nation zu verlieren - vor allem dann, wenn dieser nun an der Vorfront der Innovation und damit zu einer nachhaltigen wachstumsfähigen Wirtschaft beitragen oder durch seine Lehrfähigkeit Multiplikator dieser wichtigen Eigenschaften sein kann. Die Frage, die sich die Politik dann stellen muss, ist, warum verlässt eine solche Person das Land. Die Antwort ist meistens, dass an dem neuen Standort bessere Forschungsrahmenbedingungen vorzufinden sind.

F&L: Gerade wurde über den Brain Drain junger Wissenschaftler aus Spanien berichtet. Erhalten Sie verstärkt Bewerbungen aus europäischen Krisenstaaten?

Markus Pauly: Die Folgen mangelnder Karriereperspektiven von Forschern aus Portugal, Spanien oder Irland zeigen sich deutlich. Wir erhalten aus den Krisenländern mehr Bewerbungen für Postdoc Stellen. Es wird von den Regierungen in diesen Ländern besondere Anstrengungen erfordern, diese "verlorene" Forschergeneration wieder zurück zu holen.

F&L: Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptauslöser für den Brain Drain aus Deutschland?

Markus Pauly: Die Definition von "besseren" Forschungsrahmenbedingungen hängt individuell von dem Forscher ab, also z.B. die gegebenen Forschungsmöglichkeiten, die gegenwärtige Position und die Karriereperspektive. Allgemein fängt die Professorenlaufbahn in den USA mit einer Assistant-Professur an, die aber Tenure Track ist. Mit solchen Stellen ist eine wirkliche Perspektive verbunden, da eine feste Stelle von Anfang an vorhanden ist und man zwar zwischenzeitlich begutachtet wird, ob man denn "tenure" also die Fest-Stelle behält, man sich aber nicht neu oder auf Ausschreibungen bewerben muss, wie dies z.B. bei den deutschen Juniorprofessuren der Fall ist. Mein letzter Karriereschritt war eine Professurberufung an die UC Berkeley und ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen. Gegenüber Angeboten aus Deutschland wurde mir ein Startpaket angeboten, dessen Summe das Paket einer deutschen Universität um ein Mehrfaches überstieg. Bei den Verhandlungen wird in den USA immer auf der Forschungsebene diskutiert, in Deutschland hauptsächlich auf der sehr viel missverständlicheren Verwaltungsebene. Wichtiger ist aber noch die Flexibilität des Paketes. Nach dem Verhandeln der Summe in den USA konnte ich bestimmen, welcher Anteil an Geräten oder Stellen genutzt wird, in Deutschland waren die Töpfe festgelegt. Ein weiterer ausschlaggebender Punkt war die Qualität der Studenten und Postdocs, die ich für meine Forschung rekrutieren kann, und die ist in Berkeley hervorragend.

F&L: Und die sog. weichen Faktoren?

Markus Pauly: Natürlich ist auch das soziale Umfeld eines Standorts wichtig. Ist die Karriere des Partners gewährleistet? Dies ist an vielen amerikanischen Universitäten meist überhaupt kein Problem, da eine mehrjährige Stelle für den Partner bei Berufungen angeboten wird, die ausreicht, den Fuß in die Tür zu bekommen und sich weiterzuentwickeln. Ich glaube, in dieser Hinsicht hat aber auch Deutschland große Fortschritte gemacht. Gibt es einen Kita- oder Kindergartenplatz für die Kinder? Auch hier sind viele amerikanische Universitäten vorbildlich, da sie meist universitätseigene Kita-Plätze anbieten. Ein zunehmend wichtiges Thema in unserer alternden Gesellschaft wird es sein, Bedingungen zu schaffen, die es dem Forscher erlauben, sich auch um pflegebedürftige Eltern kümmern zu können. Hier prescht UC Berkeley mit seinem "Elder Care Program" vorwärts, was es z.B. erlaubt, medizinische Unterstützung und Beratung sowie Reisezuschüsse für Besuche zu erhalten.

F&L: Hat der Exzellenzwettbewerb und die Etablierung von Exzellenzuniversitäten in Deutschland beim Brain Gain Wirkung gezeigt?

Markus Pauly: Auf jeden Fall. Vor allen Dingen die gebildeten Exzellenzcluster haben einen enormen Beitrag dazu geleistet, deutsche Forschung verstärkt international kompetitiv zu gestalten. Diese Cluster sind meist mit interdisziplinären Teams besetzt - auf jeden Fall ein Trend, der auch in den USA zu immer größeren Erfolgen führt. In meinem Bereich, Pflanzenbiotechnologie und daraus resultierende Biokraftstoffe, gibt es in Deutschland zwei Cluster, Cluster of Excellence on Plant Science in Düsseldorf/Köln (CEPLAS) und Cluster of Excellence Tailor-made Fuels from Plant Biomass in Aachen (TMFB). Ich habe mit beiden Clustern Kontakt, da es sehr klar ist, dass in verschiedenen Unterbereichen dort Weltspitzenforschung betrieben wird.

F&L: Wenn Sie Ihren Alltag in Forschung und Lehre betrachten: Welche kleinen und großen Dinge machen das Arbeiten für einen Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten einfacher?

Markus Pauly: Zunächst einmal ist mein Lehrdeputat sehr viel geringer als das meiner Kollegen in Deutschland. Ich halte nur zwei mal fünf Wochen im Jahr Vorlesung. Den Rest der Zeit (fast zehn Monate) kann ich ausschließlich der Forschung und dem Mentorship meiner Leute widmen. Des weiteren kann ich Team-Mitglieder auf allen Ebenen sehr flexibel und unbürokratisch einstellen. Wenn man Forschungsmittel für Projekte bewilligt bekommt, sind diese meist recht großzügig angelegt, so dass man sehr flexibel reagieren kann. Allerdings sind zukünftige Geldmittel in den USA durch Einsparungen auf Grund des hohen Staatsdefizites ungewiss und sehr kompetitiv. Und damit verbunden kommt dann auch ein Problem der amerikanischen Forschung zum Vorschein, das Fehlen eines "Institutional Memories". Da alle Stellen in einer Forschungsgruppe nur von Projektmitteln bestritten werden, es also z.B. keine Feststellen für technische Assistenten gibt, müssen Leute fortwährend an Geräten und Methoden trainiert werden, sonst verfällt Spezial-Kenntnis unumgänglich in der Gruppe.


Über den Interviewten
Markus Pauly ist Professor für Pflanzenbiologie und Programm-Manager am Energy Biosciences Institut an der University of California, Berkeley. Er lebt und arbeitet seit 2006 in den Vereinigten Staaten.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2013

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