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Flexibles Flimmern - Ton- und Bildingenieure in Aktion

Interview: FELIX KOZUBEK

Ton- und Bildingenieure sind die Künstler unter den Ingenieuren. Christian Sander hat als Abschlussarbeit eine App entwickelt.

Flexibles Flimmern - Ton- und Bildingenieure in Aktion© Izabela Habur - iStockphoto.comTon- und Bildingenieure sind die Künstler unter den Ingenieuren
DIE ZEIT: Sie haben als Abschlussarbeit eine iPhone-App namens Synse entworfen, die bei der Ausstellung Car Culture im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe gezeigt wird. Was kann mein Handy mit dem Programm machen?

Sander: Synse ist eine interaktive Visual-Music-App. Das heißt, man kann damit Bilder und Musik gleichzeitig steuern. Ich kann also die Musik nicht nur hören, sondern auch im Rhythmus dazu Bilder sehen und beides synchron lenken. Bisher war dies nur einzeln möglich.

ZEIT: Klingt nach einer schönen Spielerei.

Sander: Bei Apps steht tatsächlich der Unterhaltungswert für die Nutzer im Vordergrund. Synse ist sicher kein Tool für einen professionellen Musikproduzenten oder DJ, sondern für Liebhaber, die sich mit Musik und Bildern beschäftigen und beides spielerisch kombinieren wollen. Die technischen Hürden in der Entwicklung waren dennoch groß. Für die Abschlussprüfung habe ich zunächst nur einen Prototyp gebastelt, ein Video, auf dem ich die Idee präsentiert habe. Hinterher habe ich gemeinsam mit einem Programmierer daran weitergearbeitet. Bis zur fertigen App hat es dann noch eineinhalb Jahre gedauert.

ZEIT: Sie haben Ton- und Bildtechnik an der FH und an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf studiert. Sind Sie nun Ton- und Bildingenieur oder Künstler?

Christian Sander: Beides. Das Studium ist eine Mischung aus Technik- und Musikstudium. Einfach gesagt: Man lernt, musikalische Inhalte technisch umzusetzen. Mein Schwerpunkt »Visual Music« wird bislang an keiner anderen Hochschule angeboten. Der Ursprung des Studiums liegt aber klar in der Ausbildung zum Toningenieur, erst später kam das Bild hinzu. Seit Neuestem kann man neben dem Bachelor »Ton und Bild« auch »Musik und Medien« studieren. Dort liegt der Schwerpunkt noch stärker auf dem künstlerischen Bereich.

ZEIT: Wo arbeiten Toningenieure und Bildingenieure?

Sander: Früher ging man sofort nach der Hochschule zu den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Heute arbeiten Absolventen in allen Branchen. Ich kenne Leute, die in Tonstudios ihr Geld verdienen, andere machen Live-Video-Regie, sind Jazzpianisten oder arbeiten in Akustik-Ingenieurbüros. Es gibt aber auch Absolventen, die später als Filmkomponisten, Kameraleute oder Redakteure arbeiten.

ZEIT: Ein festes Berufsbild gibt es also nicht?

Sander: Nein. Man muss während des Studiums herausfinden, in welche Richtung man gehen will, und sich dort dann richtig reinhängen. Leidenschaft ist wichtig. Wir sind die einzigen Studenten auf dem Campus, die einen Nachtschlüssel bekommen. Es kann schon mal sein, dass man um drei Uhr in der Früh noch jemanden trifft, der gerade aus dem Studio kommt.

ZEIT: Wie musikalisch muss man sein als angehender Ton- und Bildingenieur?

Sander: Man muss auf jeden Fall eine gewisse Begabung und ein Interesse an Musik mitbringen. An der Musikhochschule gibt es einen Aufnahmetest, für den man bereits ein Instrument spielen muss. Auch während des Studiums hat man einmal die Woche Einzel- und Bandunterricht. Ich spiele Jazzpiano. Das ist wirklich wichtig, denn wenn ich später Bands aufnehmen will, muss ich die Künstler verstehen, damit wir gut zusammenarbeiten können. Im Studio muss ich wissen, wie es sich auf der anderen Seite der Scheibe anfühlt.

ZEIT: Wie viel machen die technischen Inhalte des Studiums aus?

Sander: Die ersten drei Semester ist man an der Musikhochschule, dann wechselt man an die FH und beschäftigt sich mit Nachrichtentechnik, Bild- und Tontechnik. Am Ende überwiegt wieder der künstlerische Teil, doch die Abschlussarbeit schreibt man an der FH.

ZEIT: Was war die größte Herausforderung?

Sander: Für mich gab es drei große Herausforderungen. Die erste Hürde war, die gesamte Musiktheorie zu lernen. Die zweite war die Klavierabschlussprüfung - die habe ich ziemlich lange vor mir hergeschoben. Aber die größte Herausforderung war auf jeden Fall die Erstellung der App - Synse zu verwirklichen hat viel Kraft und Zeit gekostet.

ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt?

Sander: Für einen Stop-Motion-Workshop wollte ich einen Videoclip aus einem Song machen. Mir reichte aber die Zeit zur Vorbereitung nicht aus, deshalb kam ich nur mit einigen Audio-Loops zum Workshop. Das heißt, ich hatte nur die einzelnen Instrumentalspuren des Songs, wie die Bass- oder die Snaredrum. Also habe ich begonnen, die einzelnen Audio-Elemente zu visualisieren, indem ich ihnen Bildausschnitte zugeordnet habe. Diese neuen Elemente habe ich dann zu einem Song zusammengefügt. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich dachte, ich mache eine App daraus.

ZEIT: Lohnt sich das finanziell?

Sander: Ich kann damit ungefähr die Kosten für die Homepage und für die Testgeräte decken. Richtig Geld verdienen können auf diesem Markt meist nur Auftragsprogrammierer, die für große Unternehmen Apps erstellen. Es ging mir aber nie darum, aus Synse Geld zu machen. Ich war einfach begeistert von der Idee.

ZEIT: Und was haben Sie als Nächstes vor?

Sander: Natürlich wollen wir die App noch weiterentwickeln. Wir möchten gerne neue Künstler gewinnen und deren Musik einbauen. Gerade haben wir mit einem befreundeten Musiker eine iPad-App erstellt, die im September vorgestellt wird. Dort werden seine Songs und die verwendeten Instrumente visualisiert. Generell experimentieren immer mehr Interpreten und Musiker auf diesem Gebiet. Meine großen Vorbilder RjDj haben zum Beispiel gemeinsam mit Air eine App gemacht, mit der man selber zu Songs von Air singen kann. Auch Björk verkauft zusammen mit ihren Songs interaktive Musik-Apps. Es tut sich also durchaus etwas auf diesem Markt. Davon leben kann man aber noch lange nicht.

Aus DIE ZEIT :: 08.09.2011

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