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Fliegen statt abheben

VON JAN-MARTIN WIARDA

Die private Zeppelin Universität galt als Vorzeigeprojekt. Dann häuften sich die Skandale. Jetzt kämpft die Hochschule um eine zweite Chance.

Fliegen statt Abheben© dioxin - photocase.deDie Zeppelin Universität beginnt einen Neustart nach der Bruchlandung
An der Zeppelin Universität, Deutschlands südlichster und immer noch ungewöhnlichster Hochschule, gibt es zwei Zeitrechnungen: das Davor und das Danach. Sie begegnen einem in vielen Gesprächen. »Das war davor«, sagt Benjamin Sandler. Vor dem Fenster donnern Schwerlastzüge vorbei, ein paar Meter weiter geht es zum Ufer des Bodensees, und Sandler, 23, überlegt, wann ihm klar geworden ist, dass die Zeit des Aufbruchs vorbei war. Davor, das war, als Stephan A. Jansen hier noch Chef war. Jansen, der Medienliebling, der Umtriebige, der in seinen ersten Jahren als Zeppelin-Präsident schon mal eine Protestmail schrieb, wenn Journalisten jemand anderen zum jüngsten Uni-Präsidenten Deutschlands ausriefen. Das war doch er, Jansen. Er, der die 2003 in Friedrichshafen gegründete Privathochschule in wenigen Jahren zum Traumziel all jener Studienanfänger pushte, die individueller sein wollten als der Mainstream, der an die überfüllten staatlichen Universitäten drängte.

Die »Universität zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik« wollte man sein, interdisziplinär, vernetzt, mit Freiraum zum Sich-selbst-Finden. Humboldt im 21. Jahrhundert. Das Danach begann, als Jansen, mittlerweile 43, im September 2014 nach elf Jahren seinen Rücktritt ankündigte, zusammen mit weiteren Mitgliedern aus dem Präsidium. Er wolle sich wieder mehr der Lehre und Forschung widmen, hieß es offiziell. Allerdings wurden fast zeitgleich Vorwürfe laut, er habe über Jahre hinweg Provisionen kassiert, wenn Unternehmen und Stiftungen an die Universität spendeten. In den meisten Fällen offenbar ohne das Wissen der Spender. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, plötzlich brach ein Sturm über Jansen und die Zeppelin Universität los. Der Spiegel urteilte über die ZU: »Die Luft entweicht aus dem sorgsam aufgepumpten Image.« Noch ist nicht abschließend geklärt, was an den Vorwürfen im Einzelnen dran ist. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an. Jansen selbst schreibt auf Nachfrage, dass seine Provisionen vertraglich festgehalten und sowohl innerhalb als auch außerhalb der ZU bekannt waren.

Benjamin Sandler sitzt im Spicy Grill, dem einzigen Treffpunkt zwischen den beiden Campus der Universität, in einer von Industrie und Supermärkten geprägten Gegend, die so gar nicht zum Weltgeistgefühl passen will, das einem schon auf der Website der Hochschule entgegenspringt. »Was macht Studierende zu Pionieren?« steht da vor einer rot eingefärbten Europakarte mit Friedrichshafen als Mittelpunkt. Der Spicy Grill ist eher das Zentrum von Würstchen, Pizza und Fritten, doch das stört Sandler nicht, während er von dem besonderen Gefühl schwärmt, hier studieren zu dürfen. »Zeppelin University, Benjamin Sandler« steht unter seinen Mails, »Student Sociology, Politics & Economics«. »Hier wirst du ermutigt, die Dinge anders zu machen, weiter zu denken, mutig zu sein«, sagt der schlaksige junge Mann. Sätze, die viele aktuelle und ehemalige Angehörige der Hochschule sagen, die sie nur »die ZU« nennen. Sätze, die phrasenhaft klingen, wie aus einer Werbebroschüre, von denen die Universität einige produziert hat in den 13 Jahren ihres Bestehens. Trotzdem wird schnell klar: Die meinen das wirklich so. »Ich glaube, die besondere Leistung der ZU besteht darin, einen bestimmten Typ Mensch herauszufiltern, diese Menschen zusammenzubringen und aufeinander loszulassen«, sagt Thomas Herzog, ein Ehemaliger aus dem ersten ZU-Masterjahrgang, der in Berlin ein Start-up für Modehandel gegründet hat. »Man darf nicht vergessen, das sind alles Leute, die freiwillig auf eine Uni gegangen sind, von der keiner wusste, ob es sie in drei Jahren noch gibt.«

Ein Gefühl, das in den Jahren des Erfolgs unter Jansen fast schon vergessen war, damals, als die ZU abhob und immer häufiger als Erfolgsgeschichte gerühmt wurde in einer Privat-Uni-Szene, die, so die allgemeine Lesart, von Pleiten und Existenzangst geprägt ist. Forschungsstark, wirtschaftlich gesund, frei von staatlichen Subventionen - das war das neue Image der ZU, als die Zeit des Aufbruchs, die so viele der Ehemaligen beschwören, zu Ende ging, als aus der Startup-Uni eine Uni für Start-up-Gründer wurde. Lange hielt es nicht. Jansens Kritiker sagen, der ehemalige Präsident und seine Geschäftsführung hätten das Budget nicht im Griff gehabt. Der neue Kanzler Matthias Schmolz, früher Verlagsleiter beim Spiegel, ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Er betont, dass der Haushalt für 2016 »und darüber hinaus« ausgeglichen sei. Überhaupt, die neue Führung der Zeppelin Universität: Sie muss das Danach gestalten, sie muss mit dem Erbe Jansens und seiner Mitstreiter umgehen, finanziell, ideell, emotional. »Die beiden Hanseaten« werden sie an der ZU genannt, Matthias Schmolz und Insa Sjurts, die seit April 2015 Präsidentin ist und vorher Geschäftsführerin der Hamburg Media School war. An diesem Morgen im Februar treffen sie sich im neuen ZU-Hauptgebäude, für rund 25 Millionen Euro mitten in eine alte Kaserne hineingebaut, hoch oben über dem Bodensee. In Auftrag gegeben noch während der Ära Jansen, als das Geld nie auszugehen schien. Der Besprechungsraum hat eine riesige Glaswand, die den Blick auf vorbeischlendernde Studenten freigibt. Alles transparent und großartig hier, so die wenig subtile architektonische Botschaft. Sie steht im Kontrast zu Sjurts' bedächtiger Art, die gar nicht so tut, als wolle sie Jansens Dampfrhetorik nacheifern. Im Zweifel gebraucht die Betriebswirtin lieber abgegriffene Sprachbilder, solange die ihre Botschaft rüberbringen.

Dieses zum Beispiel: »Unser Schiff war im April 2015 etwas schlingernd unterwegs, inzwischen haben wir aber Fahrt aufgenommen und liegen gut am Wind.« Oder dieses: »Wir befinden uns in einer Phase des Erwachsenwerdens.« Umschreibungen für den Sparkurs, für die Suche nach neuen Einnahmequellen wie die »Executive Education«, mit der die ZU weiterbildungswillige Manager und Alumni ködern will. Vor allem aber für den Umbau der Führungsstrukturen an der Universität - weg vom fast allmächtigen Präsidium, hin zu Statusgruppen und Gremien, fast wie an den Hochschulen, die man hier gern als »die normalen Universitäten« bezeichnet. »Dieses Informelle, dieses Wir-machen-das-jetztmal-so, geht damit vollends verloren«, sagt Student Sandler abends im Spicy Grill ein wenig bedauernd, aber irgendwie auch zustimmend. Das Informelle passte in die Zeit des Aufbruchs, wo jeder jeden kannte und Jansen nachts um drei auf Mails seiner Studenten antwortete.

Es passte auch zu Jansens Führungsstil, seinem Despotismus, den ihm sogar seine immer noch zahlreichen Freunde fast liebevoll attestieren. Er habe halt gern alles selbst entschieden. Und damit, sagen viele, irgendwann nicht mehr in die Zeit gepasst. Augenfällig wurde das in dem zunehmenden Konflikt mit den Trägern der Universität, vor allem der Stadt Friedrichshafen. Die Stadt, die sich eine Universität wünschte und diese über Jahre durch ihre Zeppelin-Stiftung mitfinanzierte, durfte schon mal auf der ZU-Website den Claim »Jetzt mit noch weniger Friedrichshafen!« lesen. Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger, der seinen Abschied als ZU-Stiftungsratsvorsitzender kurz vor Jansens Rücktritt bekannt gab, beschreibt die Auseinandersetzungen und deren ungutes Ende in seiner Autobiografie: »Eine jahrelange unterschwellige Unzufriedenheit einer industriell-kleinbürgerlichen Region und ihrer Würdenträger mit einem akademisch-innovativen Fremdkörper und einem omnipotenten Freigeist als Präsidenten fand ihr Ventil.« Man könnte auch sagen: Irgendwann hatten Jansen und seine Leute die Friedrichshafener zu sehr geärgert.

Kein Wunder, dass Insa Sjurts sich ganz anders anhört, wenn sie über die Stadt spricht, die ihre Universität hervorgebracht hat: »Wir wollen und wir werden uns stärker mit der Region vernetzen und etwas zurückgeben von dem, was sie für uns getan hat.« Zum Beispiel gibt es seit Kurzem Stipendien für »Häfler«, wie die Einwohner Friedrichshafens sich selbst bezeichnen, genauer gesagt für alle, die hier Abitur gemacht haben. Bei Jansen gab es Anti-Streber-Stipendien und den Aufruf an Nerds, bitte doch alle an die ZU zu kommen. Das ist wohl die größte Herausforderung für Sjurts und Schmolz: Wie schaffen sie es, die ZU ein Stück weit zu einer normalen Universität zu machen, weniger chaotisch und mit transparenten Entscheidungswegen, ohne damit jene Stimmung kaputt zu machen, die die kleine Uni am Bodensee zum Anlaufpunkt für junge Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus gemacht hat?

»Wenn man sich die Website anschaut, sieht man: Die haben noch keine einzige neue Idee gehabt «, sagt einer aus dem früheren Führungsteam um Jansen über das aktuelle Präsidium. Man kann es aber auch andersherum sehen: Sie haben dem Impuls widerstanden, nach dem Abgang von Jansen, der nun an der Karlsruher Karlshochschule lehrt, Tabula rasa zu machen, und die guten Ideen bewahrt. »Wir wollen, dass die ZU im Kern bleibt, was sie ist«, sagt Insa Sjurts. Wenn man im neuen Hauptgebäude die in Grüppchen diskutierenden Studenten sieht, dazu die an die Schiefertafelwände gekritzelten Hinweise auf studentische Projekte, dann denkt man: Das scheint zu gelingen. Insa Sjurts sagt: »Es ist so, wie es immer war an der ZU. Wir wollen Leute, die kritisch denken, die ein offenes Diskussionsklima schätzen und die Lust haben, mal etwas ganz Neues auszuprobieren, in einem geschützten Raum.« »Ich glaube, daraus wird was Gutes entstehen«, sagt Benjamin Sandler an seinem Tisch im Spicy Grill. Ein typischer ZUler-Satz. Man könnte denken, bei der Begeisterung, mit der viele über Jansen und das Davor sprechen, könnten sie vor dem Danach zurückschrecken, aber das stimmt nicht: »Wenn etwas Neues kommt, geben wir dem grundsätzlich erst mal eine Chance«, sagt Thomas Herzog, der Ehemalige. Und fügt hinzu: »Wir sind alle so ein bisschen naiv.«.

Aus DIE ZEIT :: 10.03.2016