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Flucht in die Karriere

Von Martin Spiewak

Sanja Jagesic kam als Flüchtling nach Deutschland und durfte hier nicht bleiben. In den USA wird die Bosnierin als Ausnahmetalent gefeiert.

Flucht in die KarriereSanja Jagesic, Soros Fellowship-Stipendiatin am Wellesley College, Massachusetts, USA
Alle Studentinnen in Wellesley haben ihren Lieblingsplatz. Für viele ist es das Student Center, wo im Winter der Kamin prasselt und immer jemand am Steinwayflügel spielt. Andere bevorzugen das Gewächshaus oder den College-eigenen Bootssteg. Sanjas liebster Ort im berühmtesten Frauencollege der Welt westlich von Boston war die Bibliothek. An einem der Holztische, an denen schon Hillary Clinton und Madeleine Albright gesessen hatten, studierte sie die Klassiker. Oder sie versank in einem der schwarzen Designersessel mit den bequemen Fußstützen.

Bücher hat Sanja Jagesic schon immer geliebt. Früher waren ihre Helden Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und diese beiden Zwillingsmädchen. Wie hieß der Autor noch? "Richtig, Erich Kästner, Das doppelte Lottchen. Wie habe ich das Buch geliebt", sagt Sanja auf Deutsch. Knapp eine Viertelstunde dauerte der Weg den Elbhang hinauf, zur Stadtteilbibliothek von Hamburg-Altona. Es war damals ihr Platz zum Wegträumen.

Sanja Jagesic lebte mit ihrer Familie auf einem Containerdampfer im Hamburger Hafen. Hier hatten die Behörden die Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien untergebracht. Die Jagesics kamen aus dem bosnischen Zenica, wo sie als katholische Kroaten nicht bleiben konnten. Bis heute erinnert sich Sanja an die Bomben. Vom Asylbewerberschiff auf eine Elitehochschule, "from child refugee to research wunderkind", wie Wellesleys Campuszeitung jubelt - das ist eine sehr amerikanische Geschichte. Sie erzählt vom eisernen Willen eines Einwanderermädchens, es ganz nach oben zu schaffen - und erklärt, warum kluge Köpfe nirgendwo besser gefördert werden als in den USA. Zugleich ist es auch eine sehr deutsche Geschichte. Denn allzu gern hätte Sanja ihre Schule in Deutschland beendet und hier studiert. "Wir wollten unbedingt in Hamburg bleiben", sagt sie. Doch Deutschland schien an dem Ausnahmetalent nicht sonderlich interessiert.

In Wellesley dagegen wurde ihr auf der großen Examensfeier vor zwei Wochen nicht nur ein Diplom überreicht, sondern auch eine Auszeichnung für die beste Abschlussarbeit in Soziologie. Es ist jene Abhandlung über Marx und Bakunin, die sie auf der Jahrestagung der Amerikanischen Soziologenvereinigung präsentieren durfte, als 21-jährige Studentin neben den großen Vertretern des Fachs.

Sanjas Zimmer in Wellesley war nicht viel kleiner als der Raum, den sie sich alle zusammen auf dem Flüchtlingsschiff in Hamburg geteilt hatten. Doch wenn man Sanja von beiden Welten erzählen hört, fragt man sich mitunter, welche wohl die schönere für sie war. Die Erwachsenen mochten die Enge auf den Schiffen als bedrückend empfunden haben, für die Kinder war es oft ein Abenteuer. Sie rannten die Gänge entlang und spielten in den Ecken Verstecken.

Wenn am Hafengeburtstag die Segelschiffe zur Parade einliefen, hatten die Gestrandeten am Elbufer den besten Platz. Und noch heute denkt sie mit Wehmut daran, wie sie mit Vater und Schwester durch Planten un Blomen, den großen Park in Hamburgs Innenstadt, streifte. Nur in der Schule erzählte sie nichts von ihrem Zuhause. "Vor den Deutschen schämte ich mich."
Im Unterricht fiel das bosnische Mädchen niemandem auf. Weder erkannte ein Lehrer ihr Talent - unter Flüchtlingskindern sucht niemand nach Hochbegabten. Noch strengte sich Sanja besonders an - ihr fehlte der Ansporn. Die Jagesics wussten, dass sie in Deutschland auf Abruf lebten. Auch nach sechs Jahren blieben sie Flüchtlinge, die bei Kriegsende zurückmussten. Der Hinweis, dass es in Zenica kaum noch Kroaten gab und in ihrem Haus längst andere Leute wohnten, zog nicht. Nur der Antrag auf ein Visum für die USA rettete die Familie vor der Abschiebung.

Die Ankunft dort war ein Schock. Als "groß, grün und sauber" hat Hamburg Sanjas Erinnerung geprägt. Eng und schäbig erschien ihr im Vergleich dazu der Vorort von Boston, in dem ihre Familie landete. "Die Menschen sahen so arm und traurig aus", sagt sie. Auch die Schule war nicht Bullerbü. Die meisten der 2000 Schüler kamen aus Einwandererfamilien, manche brachten zum Unterricht ihr Messer mit - und mittendrin Sanja, die kaum ein Wort Englisch sprach.

Doch wer unter den vielen lernmüden Ghettokids etwas leisten will, sticht heraus und wird vom System belohnt. Zum Beispiel durch ein Vollstipendium für eine der privaten Universitäten der Region. Sanja erfuhr von dieser Chance bald nach ihrer Ankunft - und hatte fortan ein Ziel vor Augen. Studieren, um später einen Beruf zu haben, in dem sie den ganzen Tag Lesen, Denken und Schreiben konnte, das war ihr Traum. Dazu musste sie mindestens die Zweitbeste ihres Abschlussjahrgangs werden. Nach vier Jahren hatte sie es geschafft.

Amerikanische Elite-Unis suchen schon unter Schülern gezielt nach Begabungen

Hatte sie Wellesley von Beginn an im Blick? Sanja schüttelt den Kopf. Hätte sie gewusst, wer hier studierte, hätte sie sich kaum zu bewerben getraut. Sie kannte bloß den Namen, weil sie bei einem Wettbewerb einmal ein Buch gewonnen hatte. Preisstifter war das Wellesley-College, das mit diesen Veranstaltungen in Brennpunktschulen für sich wirbt. Viele amerikanische Tophochschulen fischen mit solchen Rekrutierungsstrategien nach versteckten Begabungen. Sanja biss an und erhielt sofort eine offizielle Zusage. In einem zweiten Brief schrieb eine Studentin, wie schön es im College sei und dass alle in Wellesley sich freuten, würde sie Teil dieser traditionsreichen Gemeinschaft. Der handschriftlich verfasste Brief schmeichelte ihr, erinnert sich Sanja. "Ich fühlte mich als etwas Besonderes."

Das Gefühl sollte lange anhalten, wenn auch nicht im positiven Sinn. Wellesley versteht sich als Schmiede der weiblichen amerikanischen Elite. Kaum etwas beschäftigt die Studentinnen so sehr, wie sich ständig anzuspornen und zu vergleichen: Wer macht im Seminar die intelligentesten Bemerkungen? Wer zeigt leadership in einem der unzähligen Clubs auf dem Campus? Wer hat den vollsten Terminkalender? "Stress ist das meistbenutzte Wort auf dem Campus", sagt Jens Kruse, deutschstämmiger Professor für Germanistik. Studentinnen, die es nach Wellesley schaffen, sind für den Wettbewerb oft bestens gerüstet. Sie bringen von Zuhause Geld mit, Beziehungen und ein scheinbar unerschütterliches Selbstbewusstsein.

Ihr Thema: Soziale Ungerechtigkeit. Die kennt sie aus eigener Erfahrung

Sanja konnte weder über Reitstunden noch über Golfferien reden. Es dauerte eine Zeit, bis sie entdeckte, dass ihre Herkunft ihr größter Trumpf war und ihre Zeit auf den Hamburger Containerschiffen zu etwas Nutze war: Sie kannte die Welt, und wenig ist heute so "cool" unter Amerikas Collegejugend, wie "international " zu sein. Ihr Englisch war jenes der Unterschicht; aber sie sprach auch Deutsch. Zudem hatte sie ein Thema, das sie leitete und für das Wellesley die beste Anschauung bot: die Ungerechtigkeit.

An einer großen Universität wäre Sanja wohl untergegangen. In einem amerikanischen Liberal-Arts- College wie Wellesley ist dies kaum möglich. Abgeschieden von der Welt lernen die jungen Frauen in Kursen, die selten mehr als ein halbes Dutzend Studentinnen versammeln. Wer auf dem reichhaltigen Seminarplan etwas vermisst, kann sich sein persönliches Lernprogramm zusammenstellen lassen. Einmal wöchentlich diskutierte Sanja privatissime mit einem Professor über Karl Marx und Max Weber. Ihr Mentor, der Soziologe Thomas Cushman, schickte seine Schülerin auf Kongresse, um ihre ersten kleinen wissenschaftlichen Arbeiten zu präsentieren. Sanja sei eine der "bemerkenswertesten Studentinnen", die ihm in seinen 19 Jahren in Wellesley begegnet seien, schwärmt Cushman.

Auch die Graduiertenschulen, bei denen sich Sanja für ihr Promotionsstudium bewarb, waren beeindruckt. Zehn Bewerbungen schrieb sie an die besten Universitäten des Landes, zehnmal kam eine Zusage. Um die Finanzierung ihrer Forschungen braucht sie sich keine Sorgen zu machen. Ausgewählt aus vielen hundert Bewerbern, gewann sie eines der begehrten Stipendien der Soros-Stiftung für "Einwandererkinder".

Acht Jahre lebt Sanja jetzt in ihrer neuen Heimat. Sie hat dem Land viel zu verdanken: Stipendien, eine Eliteausbildung, individuelle Förderung. Ein typisches American girl ist sie trotz neuer Staatsbürgerschaft nicht geworden. Nüchtern und distanziert schildert sie ihre Erfolge. Irgendwie sehr deutsch. Ihr Lieblingsbuch über die USA ist Franz Kafkas Amerika, die Geschichte eines Einwanderers, der sich in dem neuen Land verliert.

Gern würde sie einmal wieder Hamburg besuchen, am Elbufer spazieren gehen, die Sprache hören, die sie bis heute so sehr mag. Bisher fehlten Zeit und Geld. Neben dem Studium musste Sanja stets arbeiten, im Schnitt 20 Stunden pro Woche. Vielleicht wird sie einmal in dem Beruf nach Deutschland zurückkehren, den sie anstrebt: Universitätsprofessorin, Expertin für Bildungssysteme und soziale Ungleichheit. Sie hätte viel Interessantes zu erzählen.

Aus DIE ZEIT :: 12.06.2008

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