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Folgt dem Aufbruch der Abbau?

von Hans Joachim Meyer

Nach der dramatischen und weltbewegenden friedlichen Revolution der DDR-Bürger wurden Politik, Wirtschaft und Wissenschaft neugestaltet. Die Hochschulen wurden von Institutionen, die im Dienste einer Ideologie standen, zu Stätten der freien Forschung und Lehre. Wie gestaltete sich dieser Neuaufbau? Wie stellt sich die Situation der Wissenschaft in den neuen Ländern heute dar?

Folgt dem Aufbruch der Abbau?© TommL - iStockphoto.comSeit der Wiedervereinigung hat sich an ostdeutschen Hochschulen viel verändert
Umbruch und Aufbau an den ostdeutschen Universitäten und Hochschulen gehören zu den wichtigen Ergebnissen der revolutionären Wende in der DDR und der deutschen Einheit. In der DDR war das Hochschulwesen Teil des politischen und ideologischen Herrschaftssystems, was auch die Zulassung zum Studium, die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Arbeit sowie die Aufnahme in den Lehrkörper und die Berufungschancen beeinflusste.

Dennoch waren die ostdeutschen Hochschulen weiterhin Orte der Forschung und Lehre, welche in ihrer wissenschaftlichen Arbeit trotz stark behinderter Kommunikation mit der westlichen Welt international geachtete Leistungen hervorbrachten und sich durch anspruchsvolle Studienangebote auszeichneten. Man könnte das die Dialektik der Wirklichkeit nennen: Einerseits wollte sich die DDR in dem von der Sowjetunion geführten Block kommunistischer Länder durch besondere Treue und Zuverlässigkeit hervortun, andererseits war sie als die kleinere Hälfte Deutschlands und als Land in der Mitte Europas durch den freiheitlichen Westen in besonderem Maße herausgefordert.

Der Aufbruch der ostdeutschen Hochschulen in eine freiheitliche Gesellschaft erforderte also eine gründliche Erneuerung, welche gleichwohl die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und das hohe Engagement in der Lehre bewahrte. Überdies durfte der Lehr- und Forschungsbetrieb nicht unterbrochen werden, weil eine auch nur vorübergehende Schließung für die ostdeutschen Länder verhängnisvoll gewesen wäre.

Der Neuaufbau

Der erste, relativ einfache Schritt war es, die restriktive Zulassungspraxis zu beenden und die Hochschulen für alle befähigten Studierwilligen zu öffnen. In einem zweiten Schritt war zu entscheiden, welche Fachgebiete wegen ihrer wesentlichen und grundlegenden Bindung an das gesellschaftliche System und die staatliche Ordnung der DDR geschlossen und von Grund auf neu aufgebaut werden mussten. Dieser Neuaufbau war wie die Fortführung des Studiums in diesen Fächern nur mit tatkräftiger und unkonventioneller Hilfe aus dem Westen zu bewältigen. Unerlässlich war es sodann, drittens, das gesamte Hochschulpersonal unter den beiden - durchaus zu unterscheidenden - Kriterien der persönlichen Integrität und der fachlichen Kompetenz zu überprüfen. Zugleich galt es, soweit wie möglich Behinderungen und Zurücksetzungen von Wissenschaftlern in der Zeit der DDR zu korrigieren und den Betroffenen neue Chancen zu eröffnen. Auch lag es im Interesse der ostdeutschen Hochschulen, durch Berufungen aus dem Westen wieder umfassend in den wissenschaftlichen Ideen- und Erfahrungsaustausch einbezogen zu werden.

Der Weg, um diese Ziele der personellen Erneuerung der Hochschulen wirksam zu erreichen, ist in den ostdeutschen Ländern heftig diskutiert und auch unterschiedlich gestaltet worden. Jedenfalls wird die pauschale Beschreibung als "Elitentausch" diesem hoch differenzierten Prozess nicht gerecht. Abwegig ist übrigens die Behauptung, erst auf diese Weise sei die Forschung an die ostdeutschen Universitäten zurückgekehrt. Eine Trennung zwischen Lehre und Forschung hat es in der DDR nie gegeben. Die Anteile von universitärer und außeruniversitärer Forschung am Forschungssystem entsprachen auch nach 1968 im Wesentlichen denen in der alten Bundesrepublik. Allerdings wurden nach der Umgestaltung der außeruniversitären Forschung im Osten Deutschlands deren Beziehungen zu den Universitäten in vielfältiger Weise intensiviert.

Neben der personellen Erneuerung war auch eine strukturelle Erneuerung des Hochschulwesens in den ostdeutschen Ländern unumgänglich. Denn erstens war die DDR bei ihren Hochschulneugründungen fast ausschließlich der sowjetischen Präferenz von Spezialhochschulen gefolgt. Zweitens hatte zwar auch sie begonnen, ähnlich der Fachhochschule einen neuen praxisorientierten Hochschultyp in Gestalt der Ingenieurhochschule zu entwickeln, war aber diesen Weg nicht konsequent weitergegangen. Daneben gab es, wie früher auch in der Bundesrepublik, eine größere Zahl von oft durchaus leistungsfähigen Fach- und Ingenieurschulen.

Zu entscheiden war schließlich, ob das gesonderte System der Pädagogischen Hochschulen fortgeführt und was aus den Pädagogischen Instituten bzw. Lehrerbildungsinstituten werden solle. Unstrittig war das Ziel, auch in den neuen Ländern der Bundesrepublik zu einer gesamtdeutsch vergleichbaren Hochschullandschaft zu kommen, was nicht zuletzt im Interesse der Studierenden und der Absolventen lag. Der Einigungsvertrag hatte den ostdeutschen Ländern eine Frist von drei Jahren eingeräumt, in denen die personelle und strukturelle Erneuerung durch spezielle Landesgesetze gestaltet werden konnte.

Für die spätestens 1993 von den Landtagen zu beschließenden Hochschulgesetze galt dann der Gestaltungsraum des damals geltenden Hochschulrahmengesetzes des Bundes. Diese neuen ostdeutschen Landeshochschulgesetze vollendeten zugleich die Wiederherstellung der von der SED zerstörten akademischen Autonomie - ein Prozess, der 1989/90 von den Erneuerungsinitiativen innerhalb der Universitäten und Hochschulen begonnen worden war, der jedoch angesichts der von der SED geschaffenen Hochschulrealitäten des entschiedenen Handelns der demokratisch legitimierten Gesetzgeber bedurfte. Im Wesentlichen war die Erneuerung der ostdeutschen Universitäten und Hochschulen mit dem Ende der ersten Legislaturperiode der wieder erstandenen ostdeutschen Länder im Jahre 1994 erfolgreich abgeschlossen. Mit Recht kann die Zeit, die mit dem revolutionären Herbst des Jahres 1989 im Osten Deutschlands begann, ein Aufbruch in eine neue Ära freiheitlicher Wissenschaft genannt werden.

Kein Überstülpen bundesdeutscher Verhältnisse

Gleichwohl ist dieser Prozess wiederholt als Überstülpen der bundesdeutschen Verhältnisse bezeichnet worden. Dieser Ausdruck ist in doppelter Weise irreführend. Einerseits ignoriert er die Tatsache, dass die ostdeutsche Hochschulpolitik beim Führungsmodell der Hochschulen und bei der wirkungsvollen Organisation von tatsächlich in der Regelstudienzeit zu bewältigenden Studienprogrammen erfolgreich neue Wege ging, die auch gesamtdeutsche Aufmerksamkeit fanden. Andererseits vernebelt dieser Ausdruck das eigentliche Problem. Denn dieses bestand darin, dass die ostdeutschen Länder finanziell nicht dazu in der Lage waren, ihre Universitäten und Fachhochschulen langfristig so auszustatten, wie es für deren wissenschaftlichen Aufgaben angemessen wäre, auch wenn sie das wollten.

Sie mussten sich vielmehr bei der Personalausstattung nach den Hochschulausgaben pro Einwohner in den alten Bundesländern richten, mit denen sie durch den Länderfinanzausgleich und den Solidarpakt zu einem für sie lebenswichtigen finanziellen System verbunden sind. Die Ausgaben für das bundesdeutsche Hochschulwesen lagen aber bereits seit dem Ende der siebziger Jahre deutlich unter den internationalen Vergleichswerten und verschlechterten sich in den neunziger Jahren weiter. Das hatte dramatische Folgen für den akademischen Mittelbau in Ostdeutschland. Dieser hatte einen erheblichen Beitrag zur Qualität des Lehrangebots geleistet, musste nun aber erheblich reduziert werden.

Ein qualitativer Sprung

Zunächst hatte das keine gravierenden Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der ostdeutschen Hochschulen. Denn naturgemäß konnte sich die Zahl der Abiturienten, auch wenn die restriktive Zulassung zur Abiturstufe schon 1990 beendet wurde, erst im Jahresrhythmus der allgemeinbildenden Schule erhöhen, die überdies ihrerseits reformiert werden musste. Außerdem führten der flächendeckende Zusammenbruch vieler ostdeutscher Betriebe und die sich dadurch rasch erhöhende Arbeitslosigkeit von Akademikern dazu, dass viele junge Leute in einer Art Sicherheitsstrategie nach dem Abitur zunächst eine Berufsausbildung wählten.

Und schließlich konnte sich auch nach 1994 nur eine geringe Zahl von Studieninteressierten aus den alten Bundesländern dazu entschließen, "im Osten" zu studieren, obwohl die Medien zunehmend über dessen attraktive Studienbedingungen berichteten. Als Beispiel mag Sachsen dienen: Auch hier war ein größerer Stellenabbau unumgänglich. Die 1992 vom Landtag beschlossene Personalausstattung der sächsischen Hochschulen umfasste 11.000 Stellen, welche nach bundesdeutschen Betreuungsnormen mit 90.000 Studenten auszulasten waren. Obwohl Sachsen im gesamtdeutschen Vergleich schon vorher einen beachtlichen "Studentenimport" aufwies, wurde diese Zielzahl jedoch erst 2001/2002 erreicht, nachdem es bereits zu weiteren Stellenreduktionen gekommen war und diese in der Folge auch fortgeführt wurden. Jetzt hat Sachsen schon 112.724 Studierende.

Wenn auch mit Verzögerung wurde also der schlechte bundesdeutsche Maßstab permanenter studentischer Überlast auch auf den Osten übertragen. Ein zweiter Grund, warum die ostdeutschen Hochschulen, trotz des Personalabbaus ab 1991, ihre Leistungen in Forschung und Lehre steigern konnten, war die ganz außerordentliche Verbesserung ihrer baulichen und apparativen Ausstattung - zunächst durch Sonderprogramme des Bundes und dann bald durch die segensreiche Hochschulbauförderung.

Nur wer den prekären Zustand vieler Hochschuleinrichtungen in der Spätzeit der DDR kennt, kann ermessen, was für ein tiefgreifender Wandel sich hier vollzogen hat: Es war ein qualitativer Sprung auf das Bedingungsniveau moderner Wissenschaft.

Engerer Handlungsspielraum der Landespolitik

Folgt nun dem Aufbruch der Abbau? Trotz steigender Wirtschaftskraft werden sich durch das Auslaufen der Solidarpaktes die finanziellen Möglichkeiten der ostdeutschen Länder bald erheblich verringern. Dazu kommt die einschränkende Wirkung der in den Landesverfassungen verankerten Schuldenbremse. Der Handlungsraum der Landespolitik verengt sich also. Auch wurde durch die Föderalismusreform die Bund-Länder-Aufgabe der gemeinsamen Hochschulbauförderung abgeschafft.

Das bedroht die künftige bauliche und apparative Ausstattung der Hochschulen und verringert überdies die Rolle der Wissenschaftspolitik in den Ländern. Der Hochschulpakt von Bund und Ländern gibt den ostdeutschen Hochschulen zwar die Chance, an der durch die Abschaffung der Wehrpflicht bedingten Zunahme der Zahl der Studierwilligen zu partizipieren, doch ist der Hochschulpakt zeitlich begrenzt. Verlieren die ostdeutschen Hochschulen durch weiteren Abbau an Attraktivität, dann werden sie den Zugewinn an Studierenden aus dem Westen nicht verstetigen können, was auch für die ostdeutschen Länder zum Schaden wäre. Denn diese haben seit Mitte der neunziger Jahre viele junge Menschen durch Wegzug verloren.

Die Demonstrationen in Halle und Magdeburg gegen die Kürzungspläne des Landes sind also ein Fanal - nicht nur für Sachsen-Anhalt. Aus eigener Kraft werden die ostdeutschen Länder - und wohl nicht nur diese - das Leistungsniveau ihrer Hochschulen nicht aufrecht erhalten und schon gar nicht steigern können. Dringend notwendig ist es daher, die Zusammenarbeit des Bundes und der Länder in Bildung und Wissenschaft neu zu justieren, um allen Hochschulen wissenschaftlich adäquate und gesamtdeutsch gleichwertige Rahmenbedingungen zu sichern.


Über den Autor
Hans Joachim Meyer ist emeritierter Professor für Angewandte Sprachwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war von 1990 bis 2002 Minister für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2013

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