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Forschen, lernen und leben in China

von Berthold M. Kuhn

Auch in der Wissenschaft schickt sich die Volksrepublik China an, weltweit mit eine führende Rolle einzunehmen. Wie sieht das Studium, wie Forschung und Lehre konkret im universitären Alltag aus - jenseits der Zahlen? Eindrücke eines deutschen Hochschullehrers von der Universität Xiamen.

Forschen, lernen und leben in China© Sean2008 - iStockphoto.comDie Universität von Xiamen zog Professor Berthold M. Kuhn zurück nach China
Nach zwei Jahren an der School of Public Management der Tsinghua Universität in Peking in den Jahren 2006 und 2007 entschloss ich mich im Jahr 2011 erneut zu einer Bewerbung auf eine Professur in China, diesmal an der Universität Xiamen, School of Public Affairs. Dafür gab es mehrere Gründe. Besonders interessant war die Aussicht, an der Gründung eines neuen Instituts bzw. einer neuen Fakultät mitwirken zu können, mit der sich die Universität Xiamen u.a. im Bereich der Politikwissenschaft und speziell der Umweltpolitik stärker positionieren und international ausrichten wollte. Die Professur ist mit einem Vertrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und einer Mitfinanzierung durch das Land Rheinland-Pfalz verknüpft.

Erstmals hatte ich nach meiner Habilitation im Jahr 2004 die Gelegenheit, Vorträge über mein Forschungsgebiet an der renommierten Tsinghua Universität zu halten. Die Gastfreundschaft, die Offenheit und das Interesse an grundlegenden Fragestellungen zum Zusammenspiel von Staat, Markt und zivilgesellschaftlichen Organisationen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen beeindruckten mich damals. Die chinesische Politikwissenschaft befasst sich intensiv mit Fragen, mit welchen Institutionen die neuen Herausforderungen in der Sozialpolitik, im Bildungs- und Gesundheitsbereich sowie beim Umwelt- und Klimaschutz bewältigt werden können. Im Bereich der Umwelt- und Klimapolitik ist eine wesentlich größere Dynamik und Offenheit festzustellen als wahrscheinlich in Deutschland vermutet wird.

Xiamen ist eine von acht low carbon cities in China

Die Küstenstadt Xiamen war ein weiterer Grund, warum ich mich zu einem neuerlichen Umzug nach China entschloss. Die drei Millionenstadt in der Provinz Fuzhou, gegenüber Taiwan, zählt zu den schönsten, attraktivsten und wohlhabendsten Städten in China. Der Campus liegt auf der Hauptinsel der Stadt direkt am Strand. Die Stadt ist eine von acht low carbon cities in China mit Modellvorhaben im Bereich kohlenstoffarme Produktion, Mobilität und energiebewusstes Bauen.

Die Universität Xiamen hat einen guten Ruf und ist besonders bei Studierenden wegen der Strandlage sehr beliebt. Sie ist bei Exzellenzinitiativen gut vertreten. Die meisten chinesischen Universitäten sind ehrgeizig und setzen ihren Wissenschaftlern anspruchsvolle Vorgaben bei Veröffentlichungen und Drittmitteln. Publikationen in international renommierten Zeitschriften sind besonders gewünscht. Für chinesische Geistes- und Sozialwissenschaftler ist dies ein besonders schwieriges Unterfangen, aufgrund der sprachlichen Barrieren und unterschiedlicher Theorieansätze und Diskurse.

Forschungskooperation

Perspektiven der Forschungskooperation mit Deutschland sollen sich vor allem in Folge einer größeren Konferenz ergeben, die wir im Dezember zum Thema Klimaschutz durchführten. Mit deutschen Partnern, darunter dem BMU und dem Land Rheinland-Pfalz, waren wir in der Lage, 25 deutsche und knapp 100 chinesische Wissenschaftler und Experten einzuladen. Für die Konferenz waren Genehmigungen bzw. Mitzeichnungen von drei Ministerien und der National Development und Reform Commission (NDRC) notwendig, weil wir einen anspruchsvollen Titel wählten und eine große Zahl ausländischer Gäste einluden. Die auch damit verbundene Kurzfristigkeit bei der Planung stellte uns vor Probleme, speziell in der Kommunikation mit Deutschland. Generell ist die Kurzfristigkeit von Planungen und Entscheidungen eine große Schwierigkeit bei der Zusammenarbeit mit China. Das gilt über die Wissenschaft hinaus auch für Kulturveranstaltungen und den privaten Bereich. Sitzungen werden an der Universität sehr kurzfristig einberufen.

Einer der größten Vorteile für mich ist die zeitliche Freiheit. Als ausländischer Professor - mir wurde aufgrund der Habilitation und meiner Veröffentlichungen eine zunächst auf zwei Jahre befristete volle Professur angeboten - mit doch recht beschränkten Sprachkenntnissen nehme ich nur selten an einer der vielen Sitzungen teil. Die Arbeitssprache ist bis auf wenige Lehrveranstaltungen in der gesamten Universität wie überall in China Chinesisch. Ich lerne seit einigen Jahren Chinesisch, allerdings wenig intensiv. Daher beherrsche ich kaum mehr als Alltagskonversation bzw. bin in der Lage, kurze elektronische Textnachrichten auf Chinesisch zu schreiben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Sprachniveau für meine Rolle an der Universität passend ist. Würde ich alles verstehen und an jeder Sitzung teilnehmen wollen, so wäre dies kaum erwünscht.

Internationale Partnerschaften

Universität und Fakultät sind sehr an internationalen Partnerschaften interessiert. Das wird mit Blick auf Deutschland als meine Hauptaufgabe betrachtet, die ich zusammen mit einem deutschsprachigen Kollegen angehen soll. Meine Lehrverpflichtungen auf Englisch sind auch deswegen gering. Momentan führe ich nur ein Seminar mit knapp 30 Studierenden durch, das allerdings betreuungsintensiv ist. Manche Studierende tun sich noch schwer, ein Referat in Englisch vorzutragen. Das Englisch Niveau ist deutlich geringer als in Deutschland, es gibt aber Ausnahmen. Der Fleiß ist bedeutend größer als in Deutschland. Oft überfordern sich die Studierenden mit zu viel Inhalt. In Diskussionen sind sie zurückhaltend. Viele Studierende sind ehrgeizig und möchten gerne an einer renommierten Universität im Ausland studieren. Auch deswegen schätzen sie den Kontakt mit einem ausländischen Professor sehr.

Campusleben

Ein großer Unterschied zu den deutschen Universitäten ist das Campus Leben. Der alte und hauptsächliche Campus der Universität zwischen Strand, einer großen Tempelanlage und Bergen ist besonders schön. Auf dem Campus herrscht große Raumnot, wie fast überall in China. Die Campus Struktur erlaubt kaum Erweiterungen. Die Raumnot auf dem Campus wirkt sich auf die Büros aus, die entweder klein oder doppelt oder sogar mehrfach besetzt werden. Geistes- und Sozialwissenschaftler arbeiten auch zum Teil von zu Hause. Anwesenheitspflichten gibt es nicht bzw. sie werden bei Professoren nicht kontrolliert oder kommentiert.

Die Gehälter der chinesischen Professoren sind kaum vergleichbar mit den deutschen Gehältern. Sie sind wesentlich niedriger, aber können durch Projekte oder Zuschussfinanzierungen oder spezielle Programme für internationale Experten aufgestockt werden. Die Lebenshaltungskosten sind außerhalb der Megastädte geringer als in Deutschland, wobei Xiamen als eine wohlhabende Millionenstadt mit vielen Ausländern relativ teuer ist. Die Stadt gilt als kulturell liberal. Es gibt eine internationale christliche Gemeinde und am Strand dürfen Parties veranstaltet werden, was besonders gerne von den vielen ausländischen Studierenden genutzt wird. Politik und Partei sind allerdings durchaus präsent, auch an der Universität. Die Position des Dekans ist politischer als in Deutschland, aber akademische Erfolge werden vorausgesetzt. Es gibt Parteisekretäre bis auf die Fakultätsebene. Diese kümmern sich um Verwaltungsangelegenheiten, politische Themen und das Wohl der Studierenden. Dazu gehört auch eine Art Studentenberatung.

Aus Sicht vieler Studierender bietet die Zeit an der Universität die Möglichkeit, die Partei kennenzulernen und eine Probemitgliedschaft auf Empfehlung beantragen zu können, die den Studierenden einige Vorteile verschaffen kann, falls eine Stelle in Politik oder Verwaltung angestrebt wird. Wenige sehen die Rolle der Partei kritisch. Viele sehen die Aufgabe der Partei darin, die Gesellschaft in Zeiten rasanter wirtschaftlicher Entwicklungen und kultureller Umbrüche zusammenzuhalten. An die hierarchischen Verhältnisse scheinen sich die Studenten überwiegend gewöhnt zu haben, sie sind entsprechend aufgewachsen. Gesperrte Internetseiten führen nur gelegentlich zu Unmut. Es überwiegt bei weitem die Begeisterung über die vielen Kommunikationswege neuer chinesischer Medien, z.B. der Software wechat. Facebook und YouTube sind gesperrt, werden aber nur von Chinesen vermisst, die diese Dienste im Ausland kennen und ggf. schätzen gelernt haben.

Respektvoller Umgang

Als sehr angenehm empfinde ich den respektvollen und auch herzlichen persönlichen Umgang im Kreis der Kolleginnen und Kollegen. Konkurrenz bzw. Rivalität fielen mir wesentlich weniger auf als in Deutschland. Das hat sicher auch mit den steigenden Einnahmen und Zuwendungen an den meisten chinesischen Universitäten zu tun. Talente werden gefördert und geschätzt. Quotenregelungen gibt es nicht, und diese werden von den Kolleginnen nicht gefordert. Politische Vorgaben, auch beim Thema Geschlechtergerechtigkeit, erinnern an Worte des großen Vorsitzenden Mao, dessen Leitideen in der Wissenschaftspolitik kaum mehr eine Rolle spielen. Der Anteil der Professorinnen ist geschätzt durchschnittlich etwa so hoch wie in Deutschland, eher etwas höher, mit steigender Tendenz.

Der chinesischen Wissenschaftspolitik sind die US amerikanischen Universitäten am ehesten ein Vorbild, weil es diesen weiterhin gut gelingt, gute Studierende und Wissenschaftler zu gewinnen. Der neu designierte Staatspräsident Xi Jinping, der übrigens Anfang der neunziger Jahren Vize-Bürgermeister in Xiamen war, hat die Rolle ausländischer Wissenschaftler und Experten gleich nach Amtsantritt hervorgehoben und Visaerleichterungen versprochen.


Über den Autor
Berthold M. Kuhn ist Professor für Umweltpartizipation und Social Governance an der School of Public Affairs and Public Policy der Universität Xiamen, China. Die Stelle wird von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Centrum für Internationale Migration (CIM) sowie dem Land Rheinland-Pfalz kofinanziert.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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