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Forschen mit Facebook

VON CHRISTIAN HEINRICH

Wissenschaftler nutzen Soziale Netzwerke als Labors für ihre soziologischen Studien.

Forschen mit Facebook© uomo - Photocase.comLernen Forscher auf Seiten wie Facebook tatsächlich etwas über die Menschen - oder nur darüber, wie die sich darstellen?
Der traurigste Tag des Jahres 2010 war für die Deutschen laut Facebook der 7. Juli. Als die Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika mit 0 : 1 gegen Spanien verlor und damit das Finale verpasste, sank der »Facebook Happiness Index« auf sein Jahresminimum. Die Stimmung in dem Sozialen Netzwerk war demnach trüber als an jedem anderen Tag. Im Jahr 2007 hat das Unternehmen diesen Index eingeführt. Anhand von positiven und negativen Begriffen in den Statusmeldungen, die Facebook-Nutzer ins Netz stellen, ermitteln die Betreiber der Seite die kollektive Stimmung der Facebook-Gemeinde international, aber auch für einzelne Länder. Am schlechtesten bisher war demnach die Stimmung der Deutschen am 23. Januar 2008. Am Vortag hatte sich der Filmschauspieler Heath Ledger das Leben genommen.

Und die höchsten der Gefühle, abseits von Feiertagen wie Weihnachten, Silvester und Ostern, zeigte die Nation am Tag nach der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA. »Der Index ist schneller und genauer als jede Umfrage, bei der immer auch die Gefahr besteht, dass man keine wahrheitsgemäßen Antworten erhält«, sagt der Sozialwissenschaftler Niels van Doorn, der zurzeit an der Johns Hopkins University in Baltimore arbeitet. Schon wegen der Menge seiner Daten schlage der Facebook-Indikator bei der statistischen Genauigkeit alle konventionellen Erhebungen. »Eine Analyse dieses Umfangs ist erst mit den Sozialen Netzwerken im Internet möglich geworden.« Andererseits: Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall in Japan hinterließen keine Delle im Facebook-Index. Waren die Deutschen von den Ereignissen völlig unbeeindruckt? Auf Facebook äußern Menschen ihre Gedanken und Gefühle vor ihrem Freundeskreis. Und diese Entblößungen werden dauerhaft in einer Datenbank gespeichert. Der mangelnde Datenschutz in Sozialen Netzwerken wird immer wieder kritisiert, aber für Soziologen und Psychologen können die Daten einen wertvollen Fundus darstellen. Manche sprechen schon von einer neuen Ära der empirischen Sozialforschung.

Allein auf Facebook sind 700 Millionen Menschen angemeldet, die einander Nach richten schreiben, Bilder und Videos mit einander teilen und ihre Lieblingslinks austauschen. Mit jeder Aktivität offenbaren sie ein bisschen mehr über ihr Leben, ihre Ansichten, Sehnsüchte und Abneigungen. Niels van Doorn hat bereits vor einigen Jahren fünf Wochen lang die Mitteilungen, die ein Kreis von 19 niederländischen Freunden im Sozialen Netzwerk Myspace untereinander austauschte, mit deren Einverständnis protokolliert und analysiert. Er sammelte Hunderte von Nachrichten, angefangen vom Austausch über die Erlebnisse im Nachtclub am Vortag bis hin zu Fragen nach geliehenen CDs. Die Kommunikation der Clique gliederte er in vier Bereiche: Popkultur, Nachtleben, Drogen und Sexualität. 2009 veröffentlichte er seine Ergebnisse in der Zeitschrift New Media and Society - das Protokoll eines authentischen Austauschs, untersucht mit der Forscherlupe des Sozialwissenschaftlers. »Solche Daten hätte ich vor zehn Jahren kaum so unkompliziert sammeln können«, sagt van Doorn. Ungeordnet ist die Datenflut zunächst ein riesiger Haufen Informationsmüll. »Aber wer richtig sucht, findet darin unermesslich kostbare Datenschätze, die nur darauf warten, von uns untersucht zu werden«, behauptet Sam Gosling, Psychologe an der University of Texas. In seinem Tonfall schwingt die Erregung des Goldgräbers mit, der in wertlosem Geröll nach Nuggets sucht. »Wir werden in den nächsten Jahren eine Menge über uns lernen!«

Aber lernen die Forscher dabei tatsächlich etwas über die Menschen - oder nur darüber, wie die sich darstellen? Ist das Verhalten in Sozialen Netzwerken tatsächlich authentisch? Oder schaffen sich die Beteiligten eine künstliche Identität, die mit ihrem »Offline-Verhalten« nur wenig zu tun hat? Die Ansicht, der Benutzer erschaffe auf den Seiten ein geschöntes, idealisiertes Bild seiner selbst, war in den vergangenen Jahren weit verbreitet. Doch inzwischen gewinnt die Gegenthese an Boden: dass wir unsere Persönlichkeit einfach auf die Sozialen Netze ausdehnen. Zeige mir dein Facebook-Profil, und ich sage dir, wer du bist. Wer hat recht? Mitja Back, Psychologe an der Universität Mainz, wollte es wissen. Gemeinsam mit Kollegen, darunter auch Sam Gosling aus Texas, rekrutierte er 236 Nutzer von Facebook und StudiVZ aus Deutschland und den USA. Die Forscher verglichen die Persönlichkeit und Verhaltensweisen, die das Profil auf ihrer Internetseite widerspiegelt, mit dem Verhalten, das die Menschen off line an den Tag legten. Sie machten mit den Testpersonen und jeweils vier Freunden Persönlichkeitstests, während sie den Charakter auf den Onlineprofilen von Fremden einstufen ließen. Das Ergebnis sei eindeutig gewesen, sagt Back: »In den Face book-Profilen spiegeln sich reale Persönlichkeitseigenschaften wider.«

Für Nicole Ellison, Medienwissenschaftlerin an der Michigan State University, war das keine Überraschung. »Dass sich alles ändert, das dachte man schon beim Telefon, auch bei der E-Mail. Inzwischen sind diese Medien so gut in den Alltag integriert, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken. So wird es bei Sozialen Netz werkseiten auch sein, so ist es heute bis zu einem gewissen Grad schon.« Mehr als 200 nur mit Facebook-Daten zustande gekommene wissenschaftliche Arbeiten wurden bereits veröffentlicht. Die Untersuchungen beschäftigen sich zum Beispiel mit der Frage, wie sich Facebook an Universitäten in der Lehre einsetzen ließe oder wie man durch Soziale Netzwerke die ärztliche Betreuung verbessern könnte. Auch für Familienforscher ist das neue Medium interessant. »Früher haben sich selbst große Familien regelmäßig an einem zentralen Ort getroffen, etwa im Haus des Ältesten«, sagt Janosch Schobin vom Hamburger Institut für Sozialforschung. »Eine norwegische Studie zeigt, dass auch Familienbeziehungen zunehmend auf Facebook gepflegt werden.« Man tausche Bilder, Videos, Neuigkeiten aus und stärke so den familiären Zusammenhalt. »Gerade für verstreute Familien dürfte diese Möglichkeit auf Dauer immer attraktiver werden«, sagt Schobin. Nachdem die Globalisierung die Welt vergrößert hat, lassen Soziale Netze sie wieder näher zusammenrücken.

Die Motivation aber ist dabei häufig die gleiche wie vor Hunderten von Jahren. Das größte Problem für die Forscher ist, überhaupt an die Daten zu kommen. Entgegen dem Vorurteil sind die Facebook-Entblößungen eben nicht für jeden zugänglich. Wer von außen etwa mit Suchrobotern versucht, an möglichst viele Nutzerdaten zu kommen, der erhält nur das, was die Mitglieder für jedermann öffentlich zeigen - und das ist oft nicht mehr als der Name. Zudem verbietet Facebook diese Sammelei in seinen Nutzungsbestimmungen und droht mit Klagen. Nur in sehr wenigen Fällen hat die Firma anonymisierte Datensätze an externe Forscher weitergegeben. Die übliche Methode, die externe Forscher wie Janosch Schobin benutzen: Sie programmieren eine Anwendung, die mit Zustimmung der Nutzer die Aktivitäten automatisch aufzeichnet. Verweigert aber nur eine Handvoll Nutzer aus der Zielgruppe die Zustimmung, ist der Datensatz schon nicht mehr repräsentativ. Gut dran sind die Wissenschaftler, die für Facebook selbst arbeiten - ihnen steht der gesamte Datenbestand offen. Unter Leitung des Soziologen Cameron Marlow beschäftigt die Firma das Facebook Data Team, eine mehr als 15-köpfige Gruppe von Soziologen und Statistikern. Von ihnen stammt auch der Face book Happiness Index, den sie inzwischen so weit verfeinert haben, dass sich die Daten auch gezielt für bestimmte Personenkreise auswerten lassen.

Sind beispielsweise Mitglieder, die angegeben haben, in einer Beziehung zu sein, glücklicher als der Durchschnitt? Ja, sind sie. Natürlich beteuern die Facebook-Forscher, die Daten würden nur anonym verarbeitet und ließen keinen Rückschluss auf einzelne Personen zu. Cameron Marlows Data Team hat auch eine Antwort auf die Frage, mit wie vielen Menschen man überhaupt eine wirkliche Beziehung haben kann. Die Grenze seien 150, offline wie online, postulierte vor einigen Jahren der Anthropologe Robin Dunbar von der Oxford University - mehr verkrafte unser Gehirn nicht. Tatsächlich scheint Facebook das zu bestätigen: Auch in Sozialen Netzen gilt die Dunbar-Zahl, wie sie inzwischen genannt wird. Die durchschnittliche Zahl an Freunden liegt bei 120. Und selbst wer mehr als 500 hat, kommuniziere nur mit einem knappen Dutzend von ihnen regelmäßig direkt über Nachrichten, hat Marlows Team festgestellt.

Und was ist mit der dunklen Seite von Facebook? Mit Online-Stalking, Mobbing und der Weiterverbreitung peinlicher Partyfotos? Von den offiziellen Firmen-Forschern wird man darauf wohl kaum eine Antwort bekommen. Der Student Robert Wilson von der University of Texas hat alle bisher erschienenen Forschungsarbeiten über das Soziale Netz gelesen und eine Handvoll zu den Problemen mit Facebook gefunden. So wurde etwa festgestellt, dass potenzielle Arbeitgeber Frauen in Vorstellungsgesprächen strenger bewerteten, wenn sie vorher auf ihrem Facebook-Profil allzu offene, saloppe Äußerungen gefunden hatten. Umfragen in Unternehmen ergaben, dass Facebook-Surfen bis zu fünf Prozent der Produktivität schluckt. All diese Forschungen sind nur die ersten Sonden, mit denen Wissenschaftler in das neue Sozialgeflecht vordringen. »Eine Menge ungelöster Fragen liegt vor uns«, sagt Sam Gosling. Wie gehen Menschen zum Beispiel damit um, dass sie auf Face book ihre unterschiedlichen Freundeskreise nicht mehr voneinander trennen können? Offline differenzieren wir da sehr stark - seit Jahrhunderten. »Schon die Medici haben streng unterschieden zwischen Heiratskreisen und Handelskreisen und sind damit in beiden Kreisen ziemlich erfolgreich gewesen«, sagt Schobin. Auf Facebook sieht jeder »Freund« alle unsere Veröffentlichungen - der Kumpel aus dem Fußballverein wie der Chef im Büro. Viele Studenten zögern schon, wenn ihre Dozenten oder gar Eltern ihnen die Online-Freundschaft andienen. Sollen die alle kompromittierenden Partyfotos sehen können? Die Möglichkeit von Facebook, Freunde bestimmten Gruppen zuzuteilen, hält Gosling noch nicht für ausreichend.

Längst wirkt das Soziale Netzwerk auf unser reales Leben zurück. Es beeinflusst, welche Konzerte wir besuchen, welche Produkte wir kaufen, wo wir essen gehen. »Vor fünf Jahren suchte man im Internet noch den Chinesen anhand der Speisekarte aus. Heute schauen viele nur noch, wer ihn bei Face book mit 'gefällt mir' markiert«, sagt Gosling. »Face book ist eine neue Möglichkeit, Einfluss zu nehmen«, bestätigt auch der Medienwissenschaftler Cliff Lampe von der Michigan State University. Manches YouTube-Video wird erst durch eine Erwähnung auf einem Facebook-Profil wirklich bekannt, haben Forscher aus Zürich bereits 2008 gezeigt. Und so könnten die Sozialen Netze dazu führen, dass wir uns in einer immer mehr fragmentierten Öffentlichkeit wieder so orientieren wie einst unsere Vorväter: nämlich an dem, was unsere Freunde empfehlen.

Aus DIE ZEIT :: 01.06.2011

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