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Forschen nach Feierabend

VON HADIJA HARUNA

Patienten betreuen - oder wissenschaftlich arbeiten? An Uni-Kliniken wird das nicht so genau getrennt. Zum Nachteil junger Ärzte.

Forschen nach Feierabend© Sharon Dominick - iStockphoto.comAlltag an Uni-Kliniken: Junge Ärzte sind oft gezwungen gleichzeitig Patienten zu betreuen und im Labor zu forschen - häufig zu Lasten des Privatlebens
Thomas Conrad* will alles. Die Arbeit mit den Patienten auf seiner Station, über Krebskrankheiten forschen und genügend Zeit zum Leben mit seiner Frau. Ein Kind hätten sie auch gern. Offiziell hat der Assistenzarzt eine 42-Stunden-Woche in der Berliner Charité, die Hälfte davon kann er forschen. Conrad hat Glück, dass er von seiner Klinikleitung diese Zeit für die Wissenschaft bekommen hat. Auch deshalb schreibt der 42-Jährige seine Überstunden im Labor nur im Kopf auf. In Deutschlands Uni-Kliniken zählt Stress zum Alltag, und Freizeit ist Luxus für die jungen Ärzte - zumindest wenn sie es weit bringen wollen. Den Anfang macht ein Studium von sechs bis sieben Jahren. Schon während des Studiums empfiehlt es sich, eine Doktorarbeit zu schreiben. Am besten eine experimentelle, um sich den Weg in die Wissenschaft offenzuhalten. Denn wenn die Mediziner erst in der Facharztausbildung und der Patientenversorgung stecken, ist es dafür zu spät: Die Zeit zwischen dem 26. und 40. Lebensjahr gilt unter den Klinikern als heiße Phase, »Rushhour« wird sie genannt.

Die Ärzteverträge an den Uni-Kliniken sehen in der Regel keine Trennung zwischen Dienst am Patienten und Forschung vor. Und selbst wenn, wird im klinischen Alltag oft kein Unterschied gemacht: Es gibt Forscher auf Klinikstellen und Kliniker auf Forschungsstellen. »Ob man mehr Patientenversorgung oder Klinikdienst macht, hängt oft nicht vom Vertrag ab«, sagt Jost Ehmer*, Oberarzt an der Berliner Charité. Auch er will seinen Namen nicht nennen, weil er sonst nicht so frei sprechen könnte. Vielerorts gilt die sogenannte Feierabendforschung immer noch als das günstigste Modell für die Wissenschaft. Hinzu kommt für die jungen Mediziner der Druck, möglichst viel in angesehenen Verlagen oder Fachzeitschriften publizieren zu müssen, um sich einen Namen zu machen oder gar, um die nächste Vertragsverlängerung zu erreichen. »Publish or perish«, zu Deutsch: Veröffentliche oder gehe unter, heißt die Devise. Die Folge: Jeder Arzt muss für sich selbst entscheiden, welche Prioritäten er in seinem Dienst setzt. »Und ob er die von ihm geforderte Forschung nicht auf Kosten der Zeit am Patienten oder seiner klinischen Ausbildung betreibt«, sagt Ehmer.

Rushhour

Bis zum 40. Lebensjahr müssen Mediziner ihre Karriere voranbringen - besonders belastend für Frauen, die Kinder wollen.
Volker Müller*, angehender Facharzt im Bereich Psychiatrie an der Goethe-Universität Frankfurt, hält die Situation heute für besser als noch vor zehn Jahren. Grund sei der Ärztemangel. »Die Ellenbogen-Mentalität an der Uni-Klinik, wo viele nach oben drängen, gibt es so nicht mehr. Heute müssen die Uni-Kliniken Leute suchen, die diese Arbeit überhaupt machen wollen.« So wandern laut Bundesärztekammer viele Medizinabsolventen lieber ins Ausland oder in andere Berufsbereiche ab, anstatt die Facharztweiterbildung oder eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben. Hinzu kommt, dass die Budgets an den Kliniken knapp geworden sind und über alle Tätigkeiten genauestens Buch geführt werden muss. So kommt zur Doppelbelastung von Klinik und Forschung für viele Ober- und Chefärzte noch eine dritte: die Verwaltungsarbeit. Auch deshalb ist eine Klinikstelle heute nicht mehr automatisch attraktiv für junge Ärzte. »Das nimmt vielerorts aber auch den Druck raus und ist eine Chance für Ärzte, selbstbewusster Forderungen zu stellen«, sagt Volker Müller. Was ein Arzt auf seiner Station aushandeln könne, hänge allerdings stark vom medizinischen Fachbereich und von den einzelnen Personen ab.

Wie Conrad hat auch Müller in seinem Vertrag neben der Patientenversorgung Zeit für die Forschung vereinbart. Er will habilitieren. Seit zweieinhalb Jahren forscht er darüber, wie Psychopharmaka auf noch nicht ausgebildete Hirnzellen wirken, um die Unterschiede bei der Medikation von Erwachsenen und Kindern festzustellen. Auch er macht Überstunden für die Karriere - oft nachts und aus freien Stücken. Viele zielstrebige Mediziner sind bereit, sich über die Maßen zu engagieren. Auch das kam dem System bisher zugute - und geht nicht selten auf Kosten des Privatlebens der jungen Ärztinnen und Ärzte. Bei Petra Wunsch* zum Beispiel, die sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden wollte.

Bis 2007 war die 42-jährige Mutter dreier Kinder Assistenzärztin in der Inneren Medizin an der Berliner Charité. Damals wurden ihr mehrmals die verpflichtenden Stationen in verschiedenen Abteilungen für die fachärztliche Anerkennung verwehrt. Sie musste Klinikdienste auf einer unterbesetzten Station schieben, während viele ihrer männlichen Kollegen Zeit für die Forschung und die Facharztausbildung eingeräumt bekamen. »Bis heute hängt in diesem System viel davon ab, ob man von seinem Chef oder Oberarzt protegiert wird«, sagt Wunsch. Für Frauen bedeutet der Spagat zwischen Medizin und Forschung an einer Uni-Klinik mehr als eine Doppelbelastung. »Als Frau muss man sich durchkämpfen - noch schwerer wird es als Alleinerziehende mit Kindern«, sagt Wunsch. Sie erinnert sich noch, als sie mit 30 schwanger wurde, ihr Vertrag auslief und es zunächst schlecht für sie aussah. Nur ein Stipendium für Nachwuchswissenschaftlerinnen ermöglichte es ihr, für zwei Jahre weiter an der Charité zu forschen und zu publizieren. Zurück im Klinikdienst, beendete sie dann ihre Facharztausbildung. Die missbilligenden Blicke vieler Kollegen im Rücken, weil sie ihre Tochter pünktlich von der Kita abholen wollte. »Und im Kindergarten haben sie oft schon das Licht ausgemacht, wenn ich ankam, um sie zu holen«, sagt Wunsch. Mit ihrer Tochter sei sie danach zurück in die Klinik, ins Labor gefahren, um zu forschen. Kein Wunder, dass sich der Anteil von Frauen eklatant verringere, je höher man in der Hierarchieebene an Kliniken und Universitäten steige, meint Wunsch. Heute arbeitet sie in einer Privatklinik als Oberärztin auf einer gut bezahlten Teilzeitstelle und forscht - als unbezahlte Gastwissenschaftlerin an der Berliner Charité. Das Ziel einer eigenen Professur hat sie immer noch vor Augen.

Am Ende muss jeder Arzt selbst seinen Weg durch den Klinikdschungel finden. Viele hoffen auf Veränderung: Die Fakultäten müssten den Mut haben, klare Strukturen vorzugeben, findet Assistenzarzt Conrad. »Das heißt, Forschung und Lehre voneinander im Stellenplan trennen und nicht innerhalb des Klinikalltags gegeneinander verrechnen.« Auf einen Systemwechsel will er jedoch nicht mehr warten. Conrad hat sich wegbeworben von der Charité - auf eine reine Forschungsstelle.

* Alle Namen von der Redaktion geändert

Aus DIE ZEIT :: 24.05.2012

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