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Forschen und lehren statt verwalten

Von Michael Hartmer

Wie viel Zeit können und wollen Hochschullehrer für ihre jeweiligen Dienstaufgaben in Forschung, Lehre, Prüfung, Selbstverwaltung und gegebenenfalls der Krankenversorgung aufbringen? Die Ergebnisse präsentiert der Deutsche Hochschulverband aus einer Umfrage zur Arbeitszeit.

Forschen und lehren statt verwalten© Mister Vertilger - Photocase.de
Zu diesen zentralen Fragen liegen seit der Forschungs-Enquete des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Wintersemester 1976/77 und dem Wintersemester 1983/84 (IfD-Umfragen 1264, 2235) keine umfassenden Erhebungen vor.

Daher hat der Deutsche Hochschulverband (DHV) auf seinen Internetseiten in der Zeit vom 15. Oktober bis zum 15. Dezember 2007 eine Umfrage durchgeführt, an der sich knapp 3 000 Wissenschaftler beteiligt haben.

Die Fragen nach den tatsächlichen und gewünschten Arbeitsanteilen der Hochschullehrer wurden dabei zur besseren Vergleichbarkeit der Forschungs- Enquete wörtlich entnommen. Das Stimmungsbild, das die Ergebnisse zeichnen, wurde durch persönliche Kommentare der Teilnehmer abgerundet (s. Seite 94f.). Rund 900 Wissenschaftler haben auf diese Weise aufschlussreiche Einblicke in den Hochschullehreralltag gewährt.

Hoher Arbeitseinsatz, ungleiche Verteilung

Rund 85,5 Prozent der Befragten schätzten ihr Arbeitspensum pro Woche während des Semesters auf über 50 Stunden. Fast jeder Zweite (42 Prozent) veranschlagte 51 bis 60 Stunden, nahezu jeder Dritte (31,7 Prozent) 61 bis 70 Stunden und jeder Siebte (14,8 Prozent) sogar über 70 Stunden. Diese hohen Werte sprechen für ein hohes Maß an Selbstausbeutung und belegen die These, dass der überobligatorische, intrinsische Einsatz von vielen die Fehl- und Minderleistung einzelner ("erloschene Vulkane") mehr als wettmachen.

Mehr Forschung, aber nicht auf Kosten der Lehre

Fast 30 Jahre nach der ersten Allensbach- Erhebung bleibt für die meisten Hochschullehrer die Erhöhung des Forschungsanteils an ihrer Arbeit ein wesentliches Desiderat. In den persönlichen Kommentaren führen sie an, dass Forschungstätigkeiten - selbst in der vorlesungsfreien Zeit - zusehends in die Freizeit abgedrängt würden. Bei den Forschungsaktivitäten nähmen das Einwerben von Drittmitteln, das Verfassen von Anträgen und Begutachtungen immer mehr Raum ein. Für die eigene Forschungs- und Publikationstätigkeit bleibe immer weniger Zeit.

Befürwortet wird eine Reduzierung anderer Dienstaufgaben. Das betrifft allerdings nicht die Lehrtätigkeit. Der Befund aus den Allensbach-Befragungen, nach denen ein Vergleich zwischen tatsächlichem und gewünschtem Zeitaufwand für Lehrtätigkeiten keine markanten Abweichungen zutage fördert, wird bestätigt - trotz der seither angeordneten Erhöhung des Lehrdeputats.

In den Kommentaren zur Umfrage wird darauf hingewiesen, dass das Lehrdeputat in Deutschland mit neun Semesterwochenstunden international überdurchschnittlich hoch liege. Gut vorbereitete Lehre sei unter diesen Umständen schwer möglich. Hohe Betreuungsrelationen in den meisten Fächern werden als zusätzliches Hindernis für eine qualitativ hochwertige Lehre benannt. Die Errichtung zusätzlicher Professuren sei notwendig. Punktuelle Befreiungen von Lehrverpflichtungen sollen für Forschungsfreiräume sorgen. Der Einführung von Lehr- und Forschungsprofessuren steht die Mehrheit skeptisch gegenüber. Forschung und Lehre werden als aufeinander bezogene Einheit betrachtet.

Weniger Bürokratie

Um mehr forschen zu können, halten die meisten Befragten stärkere Einschränkungen bei Prüfungstätigkeiten für erstrebenswert. Hier liegt ein Unterschied zu den Allensbach-Umfragen, bei denen keine allzu große Diskrepanz zwischen tatsächlichem und gewünschtem Zeitaufwand für Prüfungen sichtbar wurde. Wie aus den Kommentaren zur DHV-Umfrage hervorgeht, hat sich der Prüfungsaufwand durch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse vervielfacht.

In Übereinstimmung mit den Allensbach- Erhebungen steht demgegenüber das Ergebnis aus der DHV-Umfrage, wonach Hochschullehrer die gewünschte Anteilsteigerung ihrer Forschungstätigkeiten insbesondere durch die Rückführung von Hochschulgremienarbeit und anderen Dienstaufgaben ausgeglichen wissen wollen. Mit Blick auf die Gremienarbeit wird nicht zuletzt die steigende Belastung durch Evaluations- und Akkreditierungsverfahren vorgetragen. Eindringlich wird auf die wachsende Bürokratisierung des Hochschulalltages hingewiesen. Besonders Hochschulmediziner, die über Forschung und Lehre hinaus Patientenversorgung wahrnehmen müssen, wenden sich gegen überbordende Verwaltungsaufgaben. Daher lautet die Kernforderung der Hochschullehrer, die sich wie ein roter Faden durch die Umfrage zieht: "Weniger Bürokratie, mehr Forschung und Lehre!"

Lesen Sie aud der folgenden Seite einige Zitate aus der Umfrage zur Arbeitszeit der Professoren

Das sagen Professoren und Wissenschaftler:

Aktuelle Umfrage des Deutschen Hochschulverbands zur Arbeitszeit



"Ich begrüße diese Umfrage sehr! Es ist frustrierend, wenn man nur noch Bachelor- und Masterordnungen schreiben und noch mehr Prüfungen abnehmen soll. Größere Zeitblöcke, in denen man Kreativität und Konzentration zum Forschen aufbauen soll, sind während der Vorlesungszeit völlig verschwunden. Nun zeigt es sich, dass auch die Semesterferien für Klausuren, Prüfungen, Sitzungen etc. gebraucht werden. Nach 6 Jahren auf meiner ersten Professur bin ich bis ins Mark frustriert. Dieser Universität wünsche ich mittlerweile den Untergang!"

"Die hohe Gesamtstundenzahl ist freiwillig gewählt! Ich habe viele andere Tätigkeiten ausgeübt. Professor ist einer der schönsten Berufe der Welt, das sollten wir würdigen!"

"Die Bürokratie an der Hochschule wuchert aus. Die Verwaltung ist nicht mehr für die Wissenschaft da, sondern um Wissenschaftler zu gängeln."

"Die Lehrbelastung ist zu hoch; es müsste eine Reduktion des Lehrdeputats bei entsprechender Forschungsleistung geben."

"60 Prozent meiner Zeit nimmt die Verwaltung und Organisation des Instituts in Anspruch. Die Möglichkeit, einen Mitarbeiter mit Hochschulabschluss für diese Aufgaben einstellen zu können, würde mir den Rücken frei halten für Forschung und damit Drittmitteleinwerbung und Lehre."

"Der Akkreditierungswahn (Bachelor und Masterstudiengänge, Lehrevaluation = Beliebtheitstests)und Regulierungswahn (Arbeitssicherheit, Gentechnikrecht, Strahlenschutz, Biostoffverordnung, Bundesseuchengesetz, Arbeitsrecht, Hochschulrecht, Arbeitsplatzbeschreibungen, Befristungsregeln) mit ihren Dokumentationspflichten, ihren jährlichen Veränderungen und Listenerstellungen fressen viel zu viel von meiner Arbeitszeit und der meiner Mitarbeiter."

"Die für Lehre aufgewendete Zeit sagt nichts über ihre Qualität aus. Gerne würde ich weniger Lehrveranstaltungen halten, diese aber dafür besser ausgestalten können oder mich mehr direkt um Studenten kümmern - dafür mangelt es an Zeit, bzw. durch unsinnige Regularien wird viel Zeit vergeudet. Verwaltung: zuviel, zuviel, zuviel! Befreit uns von den Bürokraten!"

"Es ist deutlich zu beobachten, dass mit jeder "Reform" der Anteil administrativ- organisatorischer Arbeiten exponentiell anwächst."

"Meine direkten Kollegen und Kooperationspartner aus den USA (Yale) und England (Oxford) haben max. fünf bis zehn Prozent ihrer Zeit für Lehre und weniger als fünf Prozent für administrative Aufgaben (inkl. Gremienarbeit) zu investieren. Mit mehr als 70 bis 80 Prozent ihrer Zeit verfügbar für die Forschung sind sie uns in Deutschland konkurrenzlos überlegen. In die Zukunft gedacht kann ich nur sagen, armes Deutschland. Letzteres wird noch verschärft durch das Ungleichgewicht in der Bezahlung (keiner meiner genannten Kollegen würde für ein C4- Gehalt auch arbeiten)."

"Verschlankung der Administration. Professionelle Abläufe in der Verwaltung, die sich als Dienstleistungsbetrieb versteht. Konzentration der Gremienarbeit. Verzicht auf ausufernde Evaluationen, Qualitätsprüfungen etc. Klare Entscheidungsund Planungsstrukturen. Aufstockung der Mindestausstattungen."

"Mir geht diese ganze Exzellenzdiskussion auf den Wecker. Was Professor Ertl, der neue Nobelpreisträger sagt, stimmt doch: Man sollte das Geld der DFG geben, da kann sich jeder bewerben, und dadurch entsteht doch gute Forschung. Aus der kleinen Idee muss was werden; das vergessen wir leider zunehmend."

"Ich rege die Umbenennung von Hochschullehrer in Hochschulprüfer an."

"In den letzten Jahren fallen trotz der Einführung immer neuer Computerprogramme und Verwaltungssysteme wesentlich mehr Verwaltungsaufgaben direkt auf den Professor zurück."

"Mehr Forschung, weniger Akkreditierungs- und Evaluierungsunfug!"

"Die Hochschulen/Länder sind auf dem besten Weg den Beruf des Hochschullehrers so unattraktiv zu gestalten, dass daneben Eliteinitiativen zur Farce verkommen."

"Unter dem Motto "Jeder evaluiert Jeden!" (und das ist nur ein Beispiel von vielen) werden gigantische Zeitvernichtungsmaschinen angeworfen, zur Selbstbefriedigung der Ministerialbürokratie. Es ist zum Heulen!!!"

"Hauptamtliche Dekane einführen."

"Ein Großteil der Verwaltungsaufgaben, die in Dekanaten anfallen, wird mehr schlecht als recht und ebenso langsam wie mühselig von dafür weder ausgebildeten noch eingestellten Professoren erledigt, anstatt von kompetenten Fachleuten."

"In den vergangenen Jahren hat die Bürokratisierung an den Universitäten nicht ab-, sondern zugenommen. Gerade junge Hochschullehrer befinden sich in einer Situation, die sich im Bereich des Profifußballs wie folgt beschreiben ließe: Nach dem Probetraining bei einem Bundesligaverein wird das junge Talent engagiert. Es hat gezeigt, dass es sehr gut kicken kann (Forschung, Lehre). Angekommen bei dem neuen Verein wird ihm gesagt, dass es mittrainieren darf, aber kaum spielen wird, da zu einem intensiven Training keine Zeit bleibt, denn neue Aufgaben im Verein warten: an Gremiensitzungen teilnehmen, den Platz abstreuen, Trikots waschen, Jugendspieler des Vereins betreuen etc. Das ist eindeutig demotivierend."

"Eines ist doch klar: Die Universität ist nicht die Einheit von Forschung und Lehre, sondern die Einheit von Forschung, Lehre und Verwaltung!"

"Diplomstudiengänge beibehalten, Akkreditierungsunsinn abschaffen."

"Als C4-Professor an einer Pädagogischen Hochschule Baden-Württembergs steht mir zu:
Assistenten: 0
Studentische Hilfskräfte: 0
Sekretärin: 0
Weiteres Personal: 0
Anfängervorlesung: Studierende 600
Hilfspersonal für die Klausuren: 0."

"Ich bin selbst (von Anbeginn an) eine Verfechterin des "Bolognaprozesses", habe allerdings inzwischen das Gefühl, dass dieser Prozess einen absurden Aufwand durch / für die Verwaltung produziert (z.B. Modulbeschreibungen)."

"Erhöhung der Professorenzahl, um den Zeitaufwand für die Dienstleistung (Patientenversorgung) besser aufzuteilen und sich etwas intensiver wichtigen Forschungs- und Lehraufgaben widmen zu können."

"Die wöchentliche Arbeitsbelastung beträgt bei mir 100 bis 110 Stunden, was auf die Nebentätigkeit als Ärztlicher Direktor des Uniklinikums zurückzuführen ist."

"Im europäischen Vergleich ist die Lehrbelastung deutscher Professoren immens hoch (bin selbst noch an schwedischer Uni tätig), während Zeit für Forschung kaum da ist - das gilt übrigens auch für die vorlesungsfreie Zeit. Dort sind durch zwei Prüfungstermine, mündliche Prüfungen mindestens drei bis vier weitere Wochen mit der Lehre zugehörigen Aufgaben belegt. Dies sollte durchdacht werden, kann m. E. aber auch nur über den Einsatz weiterer Professuren gelöst werden."

"Der Hochschule wird zunehmend Selbständigkeit (Autonomie) gewährt in dem Bestreben, die Entscheidungsfähigkeit zu stärken. Dies wird zumindest an der TU München, aber auch an anderen Universitäten dahingehend interpretierend ausgenutzt, dass ausschließlich die Hochschulleitung diese Freiheit wahrnimmt bzw. für sich reklamiert und dabei die operative Ebene der Lehrstühle extrem einengt oder sogar gängelt. Dies betrifft das Hineinregieren in jedes Gremium und in jede Berufungskommission. Viele Entscheidungen und Vorgänge werden der Beliebigkeit einer Person unterworfen. Ich bringe dies hier vor, da die Bereitschaft, hohe Arbeitsintensität aufzubringen, ohne Motivation zum Stress wird."

"Wir ersticken in der Erstellung von Gutachten und der Führung von Listen zur Begutachtung durch andere."

"An deutschen Hochschulen sollte das US-amerikanische System der Teaching Assistenten eingeführt werden, die einen Großteil des Undergraduate Teachings sowie Klausurbenotungen übernehmen. Während Professoren die großen Vorlesungen unterrichten (durchaus mit etlichen Hunderten Studierenden), ist es die Aufgabe der Teaching Assistenten (die PhD-Kandidaten sind), die Tutorien zu leiten und die Klausuren zu benoten. Der Mittelbau muss in Deutschland gefördert werden, damit Professoren sich auch wieder der Forschung und Drittmitteleinwerbung widmen können."

"Die 40 Prozent Zeit, die ich für Forschung angegeben habe, gehen zu 95 Prozent in Drittmitteleinwerbung (Anträge, Berichte, Kooperationstreffen, Reviews etc.)."

"Im Lichte der Leistungsevaluationen von Hochschullehrern, die nach ständig wechselnden Kriterien regelmäßig erfolgen und deren Bearbeitung zunehmend mehr Zeit in Anspruch nimmt, vermisse ich dringend gleichermaßen konsequente Evaluationen von Verwaltungen in Universitäten und Ministerien."

"Wir müssen als Hochschullehrer zu viele Dinge tun, für die wir entweder über- oder unterqualifiziert sind."

"Eigentlich habe ich für solche Erhebungen gar keine Zeit!"

"Bitte dringlich um Befreiung aus dem immer enger werdenden Korsett überbordender rechtlicher Regelungen bis ins letzte Detail."

"Es ärgert mich, dass es den Ideologen in Politik, Wirtschaft und Medien gelungen ist, erfolgreich die Zerrbilder des faulen, golfspielenden, nur in seiner eigenen Firma arbeitenden oder im Elfenbeinturm verschanzten Professors zu propagieren. Vor allem muss deutlich gemacht werden, dass man nicht Exzellenz haben kann, gleichzeitig aber die forschungsfremden Belastungen ständig gesteigert werden, während die Gehälter für den Nachwuchs und die neuberufenen Professoren auf ein lächerlich niedriges Niveau abgesenkt werden."

"Wir vergeuden zu viel Zeit in der sog. Selbstverwaltung, einschl. der Umsetzung von Pseudo-Reformen, und in der Vorbereitung von "schicken" Anträgen, in der wir unsere Tätigkeit "drittmittelfähig" formulieren."

"Ich wäre gerne mehr Wissenschaftler und weniger Manager."

"Insgesamt ist die Verteilung ok, die Last ist zu hoch."

"Die Universitäten sollten aufhören, ihr Personal zu verheizen, bzw. ihm nicht fortwährend ein schlechtes Gewissen machen, weil man noch nicht den Nobelpreis bekommen hat."


Aus Forschung und Lehre :: Februar 2008

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