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Forschung aus fairer Produktion

von MARTIN SPIEWAK

Die Universitäten entdecken endlich ihren Nachwuchs - und wollen ihn künftig besser behandeln

Forschung aus fairer Produktion© Serg Nvns - Fotolia.comUniversitäten fördern ihren Nachwuchs stärker
Hans-Jochen Schiewer hat eine lange Ausbildung genossen. Inklusive Schulzeit dauerte sie vier Jahrzehnte. An der Uni musste er sich auf einem halben Dutzend Stationen mit befristeten Verträgen bewähren. Als er endlich seine erste feste Stelle erhielt, eine Professur für Germanistik, war der Dauerazubi grau an den Schläfen und 46 Jahre alt. Heute ist Hans-Jochen Schiewer fast weiß auf dem Kopf und selbst Chef einer dieser seltsamen Arbeitgeber namens Hochschule. Seine eigene Ochsentour hat der Rektor der Universität Freiburg nicht vergessen. Es könne nicht angehen, dass »die Universitäten ihren Nachwuchs bis Anfang vierzig in Unsicherheit und Unselbstständigkeit halten«, kritisiert Schiewer heute. An seiner Hochschule will er das nicht länger hinnehmen. Mehr feste Stellen verspricht er, und »endlich verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft«.

Ach, der wissenschaftliche Nachwuchs! Die Klage über die düsteren Aussichten junger Gelehrter gehört zur deutschen Universität wie der Lehrstuhl oder die Habilitation. Schon Max Weber schrieb, er kenne kaum einen Beruf, bei dem der Zufall so viel mehr als die Tüchtigkeit über die Zukunft entscheide, als bei dem des Wissenschaftlers. Und als vergangene Woche die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) feststellte, Deutschland verliere »die besten Wissenschaftler durch Abwanderung«, da machten die Gutachter als wichtigen Grund dafür die prekäre Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses aus. Wie in kaum einem anderen Land teilt eine tiefe Kluft die akademischen Statusgruppen in Deutschland voneinander.

Auf der einen Seite steht eine kleine Zahl verbeamteter Professoren mit hohem Renommee und großer Freiheit; auf der anderen drängt sich die Masse der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die auf wackeligen Posten weisungsgebunden und ohne klare Perspektive ausharren. Unzählige akademische Reformversuche von der Assistentenbewegung 1968 bis zum Elitewettbewerb haben die hierarchische Struktur der Universität nicht aufbrechen können. Jetzt aber gibt es Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Und Reformer wie Hans-Jochen Schiewer stehen plötzlich nicht mehr allein auf weiter Flur.

  • Von der Hochschulrektorenkonferenz über die Gewerkschaften bis zur Max-Planck-Gesellschaft haben einschlägige Organisationen den sogenannten akademischen Mittelbau als größte Schwachstelle des deutschen Wissenschaftssystems erkannt.

  • Mehrere Bundesländer verpflichten ihre Hochschulen mit Gesetzen und Vereinbarungen auf faire Arbeitsbedingungen für ihre jungen Wissenschaftler. So sollen in Hamburg die offiziellen Promotionsstellen in Zukunft »grundsätzlich drei Jahre« laufen. Mindestens die Hälfte der Arbeitszeit muss der Doktorand seiner Dissertation widmen dürfen. Die entsprechenden codes of conduct erinnern ein wenig an die Selbstverpflichtungen bengalischer Textilfabriken zu Mindeststandards in der T-Shirt-Produktion - nur dass es hier um faire Bedingungen für Forscher geht. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer verspricht: »Wir wollen ein Stück deutscher Universitätskultur verändern.«

  • Im Bundesforschungsministerium denkt man über einen »Pakt für den Nachwuchs« nach, um Universitäten zu helfen, das Los ihrer Jungforscher zu verbessern.

Erste Hochschulen, wie die Universität Bremen, haben damit bereits begonnen. Andere garantieren ihren besten Talenten schon Anfang oder Mitte dreißig eine Professur auf Lebenszeit. Bewähren sich die jungen Kollegen auf dem sogenannten Tenure Track, ist ihnen der akademische Adelstitel sicher. Am ehrgeizigsten zeigt sich dabei die TU München. Die bayerische Exzellenz-Uni will bis zum Jahr 2020 gleich hundert solcher Tenure-Track-Stellen einrichten. International gilt diese Art der Karriereleiter als der Königsweg. Dabei hält die Uni einem hoffnungsvollen Jungforscher quasi eine Dauerprofessur frei.

Eine dieser Stellen wartet auf Björn Menze. Nach Stationen in Harvard, am MIT und an der ETH Zürich ist der Experte für medizinische Bildverarbeitung vergangenen Dezember an die Isar gekommen. Ohne die Tenure-Track-Option hätte er diesen Schritt »auf keinen Fall« getan, sagt der 36-Jährige. Schließlich hätte er auch in Zürich bleiben können - bei deutlich höherem Gehalt.

In München muss Menze nun sechs Jahre lang sein Können beweisen. Dann entscheidet ein vom Präsidium eingesetztes »Tenure Committee« mithilfe von auswärtigen Gutachtern, ob er die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt hat. Menze kennt das Verfahren aus den USA. Sein Professor in Harvard, ein Deutschlandkenner, hatte ihm immer gesagt: Wenn er in seine Heimat zurückwolle, brauche er Beziehungen. Doch Menze hat beobachtet: »Inzwischen scheint sich daran etwas zu ändern.«

Auch Universitäten wie Freiburg, Mannheim oder Potsdam wollen Tenure-Track-Professuren einrichten - wenngleich nicht so viele wie die TU München. Schließlich entstehen die neuen Edelposten nicht einfach so. Man muss sie aus dem Personalbestand herausschneiden. Das gelingt, wenn die Personaldecke üppig und das Präsidium durchsetzungsstark ist - so wie in München. TU Präsident Wolfgang Herrmann glaubt aber, dass sich der Tenure-Track durchsetzen wird. »Wer den Trend verschläft, wird im Wettbewerb um die Spitzentalente nicht mithalten können«, prophezeit er.

Wie schwer das Mithalten den deutschen Universitäten derzeit fällt, zeigen die »Starting Grants« des Europäischen Forschungsrats: Die meisten Gewinner des begehrten Millionenstipendiums aus Brüssel haben zwar einen deutschen Pass. Viele von ihnen arbeiten aber nicht in Deutschland, sondern im Ausland. Der internationale Wettbewerb ums wissenschaftliche Personal hat sich in den vergangenen Jahren stark zugespitzt. Bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren ist der Konkurrenzdruck besonders hoch - zumal deren Jobchancen auch außerhalb der Wissenschaft exzellent sind. »Solche Leute lassen sich nicht mit befristeten Stellen abspeisen«, sagt TU-Chef Herrmann.

Spätestens bis Mitte dreißig sollte jeder Forscher Gewissheit darüber haben, ob er in der Wissenschaft bleiben kann

Für junge Talente, das zeigt auch das EFI-Gutachten, ist das deutsche Forschungssystem häufig nicht attraktiv genug. Wer eigene kreative Ideen verwirklichen will, hat selten Lust, jahrelang als wissenschaftlicher Mitarbeiter unter einem Lehrstuhlinhaber zu dienen oder bis zum fünften Lebensjahrzehnt ohne gesicherte Perspektive auszuharren. Das durchschnittliche Berufungsalter auf die erste Professur liegt hierzulande bei 41,4 Jahren - erst dann entscheidet sich, ob man den Sprung vom Fußvolk in die akademische Oberklasse schafft.

Dabei hängt der Aufstieg von Faktoren ab, die oft schwer durchschaubar sind. Ellenbogen, Sitzfleisch und Kontakte zählen da oft ebenso viel wie eigene Bücher oder Forschungsaufsätze. Von »Sozialdarwinismus« spricht Rektor Schiewer. In den vergangenen Jahren haben sich die Aussichten auf eine feste Stelle sogar noch verdüstert. Laut dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (Buwin) ist der Anteil der Professoren am wissenschaftlichen Personal auf unter zehn Prozent gerutscht. Und nur noch 7,8 Prozent der wissenschaftlichen Angestellten an Hochschulen dürfen sich über ein normales Arbeitsverhältnis freuen, also eine feste Stelle mit vollem Stundendeputat.

Rund die Hälfte der befristeten Verträge dagegen laufen nicht einmal ein Jahr. Der Grund dahinter: Die Bundesländer, die den universitären Grundhaushalt und damit Dauerstellen finanzieren, müssen sparen. Frisches Geld bekommen die Hochschulen nur von außen, aus sogenannten Drittmitteln. Allein die Exzellenzinitiative hat der Forschung 5.000 zusätzliche Stellen beschert. Doch das Geld fließt nur in zeitlich begrenzte Projekte. Die Folge: Über 40 Prozent des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur werden mittlerweile aus Drittmitteln bezahlt.

Was das bedeutet, lässt sich an Nico Bosnien beobachten. Der Entwicklungsbiologe forscht und lehrt als Postdoc an der Universität Göttingen. Hier betreut er Bachelorstudenten bei ihren Praktika und Doktoranden im Labor. Jede seiner Veröffentlichungen füllt das Publikationskonto seiner Universität. Dabei existiert Nico Bosnien offiziell gar nicht. In einem Personalplan taucht er nicht auf. Seine Stelle wie auch die Mittel für Labor und Mitarbeiter werden von der Volkswagen-Stiftung bezahlt. Zumindest bis zum nächsten Jahr, dann nämlich läuft die Finanzierung aus. Eigentlich müsste Posnien endlich die beiden Aufsätze zur Evolution der Fruchtfliege schreiben. Die Daten liegen seit Langem vor. Stattdessen muss er sich mal wieder den Kopf darüber zerbrechen, wie er einen Sponsor findet, der es ihm erlaubt, überhaupt weiter zu forschen. Dabei will Bosnien gar nicht unbedingt Professor werden. »Ich möchte nur in der Wissenschaft bleiben. Aber ewig kann ich meine Familie dem Ziel nicht unterordnen«, sagt er. Zu Hause warten zwei Kinder auf ihn. Die Situation der Jungforscher ist paradox.

Niemals zuvor war der Einstieg in eine Forscherkarriere in Deutschland so einfach wie heute - und der Verbleib in der Wissenschaft zugleich so schwer

Die Personalstruktur an den Universitäten gleicht einem riesigen Trichter, in den immer neue Nachwuchskräfte hineingeschaufelt werden, doch nur wenige die Engstelle zur Professur passieren. Notwendig ist also ein Umbau der Personalstruktur. Dagegen sperrt sich jede Großorganisation. Noch schwieriger wird es, wenn deren Angestellte die Privilegien von Professoren genießen und die Stellenpläne im Ministerium geschrieben werden. Genau deshalb blieb die Einführung der Juniorprofessur eine amputierte Reform. 6.000 Nachwuchsstellen waren geplant, geschaffen wurden bislang 1.600.

Und auch wenn die Juniorprofessoren selbstständig forschen dürfen und ihr eigenes Budget haben, so fehlt ihnen doch das Entscheidende: eine sichere Perspektive. Am Ende ihrer Juniorprofessur droht fast allen von ihnen die Zwangsentlassung. Was als Sprungbrett gedacht war, kann zum Weg in die Sackgasse werden. Wenn man also allein auf die Reformkraft der Universitäten vertraut, wird sich an der Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses wenig verbessern. Dafür benötigt es Druck von außen sowie Gesetze und Geld. Dass dies gehen kann, zeigt die - auch durch diverse Plagiatsaffären ins Gerede gekommene - Ausbildung der Doktoranden. Viele Hochschulen legen mittlerweile verbindliche Rechte und Pflichten für ihre Promovenden fest. Statt einzelner Doktorväter und -mütter kümmern sich jetzt Professorenteams in Graduiertenschulen um die Betreuung der Dissertation. Stück für Stück wird das Doktorat damit zu einem halbwegs planbaren Karriereabschnitt. Ähnliches steht jetzt für die Phase nach der Promotion an.

Maßnahmen wie der Tenure-Track alleine werden dafür nicht ausreichen. Die Universitäten müssten vielmehr befristete Verträge in Dauerstellen umwandeln. Sie brauchen ja nicht nur mehr Professoren, sondern ebenso Wissenschaftsmanager oder Dozenten. In Freiburg experimentiert man derzeit etwa mit fest angestellten »Lecturern«, Wissenschaftlern mit einem höheren Lehrdeputat, die dennoch nicht auf eigene Forschung verzichten. In England findet man sie an jeder Universität. Die Junge Akademie, ein Zusammenschluss von Nachwuchswissenschaftlern, hat kürzlich eine interessante Rechnung aufgestellt: Würden die deutschen Professoren auf den Großteil ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter verzichten, könnten mit dem Geld 30.000 zusätzliche Hochschullehrer eingestellt werden, und zwar kostenneutral. Dass so etwas prinzipiell möglich ist, zeigt das Beispiel Mannheim. Dort schufen die Volkswirte aus fünf befristeten »Mittelbau«-Posten drei neue Professuren.

Nachwuchsprofessoren brauchen eine reale Chance

Für die Studenten wäre ein solcher Personalumbau ein Segen. Denn anders als die wissenschaftlichen Mitarbeiter müssen Professoren immer lehren. Auch die Forschung muss durch eine solche Umschichtung nicht per se leiden, wie der Blick in die USA zeigt: Dort ist das deutsche Prinzip des Lehrstuhls, dessen Inhaber einen ganzen Stab von Helfern regiert, völlig unbekannt. Natürlich ist der Vorschlag der Jungen Akademie radikal.

In den Natur- und Ingenieurwissenschaften wird man auf kundige Mitarbeiter, die Apparaturen betreuen oder Studenten im Labor anleiten, nicht verzichten können. Die Grundidee jedoch, den Ausgang des Trichters zu verbreitern und mehr Dauerstellen zu schaffen, ist richtig. Das heißt aber auch, dass man die Gesamtzahl der Nachwuchsstellen beträchtlich reduzieren und den Dschungel der Stipendien und Beihilfen, der Talentwettbewerbe und Qualifizierungsprogramme lichten müsste. Nur wenn man weniger junge Forscher ins System lässt, haben mehr von ihnen eine Berufsperspektive.

Bis spätestens Mitte dreißig sollte jedem Forscher klar sein, ob er in der Wissenschaft bleiben kann. Niemandem sollte mit immer neuen Pseudostellen und Drittmittelpöstchen eine Zukunft vorgegaukelt werden, die es nicht gibt. Auch der Arbeitgeber Hochschule habe eine Personalverantwortung, meint der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer. »Dazu gehört auch, einem Mitarbeiter ehrlich zu sagen, dass er auf Dauer an der Universität keine Chance hat.«

Aus DIE ZEIT :: 06.03.2014