Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Forschung in Deutschland

Von Volker Zapf

Die Struktur der deutschen Forschungslandschaft und die politischen Weichenstellungen für die Zukunft.

Forschung in Deutschland© Lise Gagne - iStockphoto.comWo wird in Deutschland geforscht?
Philipp, Leo und Lara nehmen mit der kindlichen Neugierde von Dreijährigen in der "Forschungsstation" einer Münchener Kindertageseinrichtung alles genau unter die Lupe, vom Sandkorn bis zur Ameise. Sollte sich ihr Forschungsdrang über die nächsten 20 bis 30 Jahre erhalten, wünscht man ihnen Forschungsmöglichkeiten in Deutschland, die ihre Suche nach neuen Erkenntnissen fördern und unterstützen.

Exzellenzinitiative, Hochschulpakt und Innovationspakt

Den deutschen Regierungsverantwortlichen sind die Bemühungen, für die Forschung günstige Strukturen zu erhalten und neu zu schaffen, nicht abzusprechen: Am 4. Juni 2009 haben Bund und Länder ein neues Paket zum Hochschulpakt, der Exzellenzinitiative und dem Pakt für Forschung und Innovation geschnürt - mit rund 18 Milliarden Euro wird der Forschungslandschaft in Deutschland bis zum Jahr 2019 unter die Arme gegriffen.

Die Exzellenzinitiative wurde 2005 ins Leben gerufen, um durch die gezielte Förderung einzelner herausragender Universitäten und Institute die gesamte Forschungslandschaft positiv zu beeinflussen. Der Pakt für Forschung und Innovation wiederum bedeutet höhere Zuschüsse für die großen deutschen Forschungsverbünde (Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und Leibniz-Gemeinschaft) und für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als zentrale Förderorganisation für die Forschung.

Ob sich der Erfolg in gewünschtem Maße einstellen wird, darüber ist derzeit nur zu spekulieren - die nächsten zehn bis zwanzig Jahre werden Klarheit verschaffen. Die Initiativen der Regierung sind eine politische Willensbekundung, den Stellenwert der Forschung in Deutschland und ihre Bedeutung für eine moderne Gesellschaft zu verbessern.

Die drei Säulen der deutschen Forschung

Das Forschungssystem in Deutschland ist grundlegend dreigeteilt: Erstens findet Forschung natürlich in den Universitäten und den Akademien der Wissenschaften statt, zweitens in den Forschungsinstituten und -zentren, die von den großen deutschen Forschungsgesellschaften betrieben werden oder mit diesen assoziiert sind. Diese beiden Bereiche sind direkt der öffentlichen Hand unterstellt. Drittens wird ein wichtiger Beitrag in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Privatunternehmen geleistet. Während mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Forschung grundsätzlich an allen drei Standorten beheimatet ist, spielt sich die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung v.a. an den Universitäten und Akademien ab. An den Universitäten kann zwar durch DFG-finanzierte Graduiertenkollegs oder Sonderforschungsbereiche die Arbeit zu bestimmten Themen kurzfristig forciert werden, und an den Akademien sind in der Regel die langfristigen Forschungsprojekte wie Editionen, Lexika oder Ähnliches beheimatet - die Zahl unabhängiger Forschungsinstitute (wie die "Stiftung Hamburger Institut für Sozialforschung" oder die "Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin") ist aber überschaubar. In der Privatwirtschaft findet geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung faktisch nicht statt. Die Karrieremöglichkeiten für forschende Tätigkeiten in der Geistes- und Sozialwissenschaft sind dadurch entsprechend beschränkt - auf Professoren- und Assistentenstellen an den Unis und Mitarbeiterstellen an den Akademien.


Anders verhält es sich bei den Natur- oder Ingenieurwissenschaften: So ist es möglich, Diplom- oder Doktorarbeiten in Zusammenarbeit mit privatwirtschaftlichen Firmen wie etwa BMW oder EADS zu verwirklichen. Auch können Universitäten und Forschungsinstitute mit Unternehmen finanziell kooperieren und so ihre Optionsmöglichkeiten verbessern - wie auch die Karrierechancen für Forscher.

Ausländische Forscher in Deutschland

Auch der italienische Philosoph Paolo D'Iorio, Sofja Kovalevskaja-Preisträger der Alexander von Humboldt-Stiftung (der Preis zeichnet exzellente internationale Nachwuchswissenschaftler aus und ist mit einem Forschungsaufenthalt in Deutschland verbunden), hätte sich öfter einen flexibleren Umgang mit den Fördermitteln gewünscht, hat aber seine Entscheidung, in Deutschland zu forschen, nie bereut. Und am Institut für Datentechnik und Kommunikationsnetze der TU Braunschweig wiederum sind derzeit 33 wissenschaftliche Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern beschäftigt. Davon werden mehr als 70 Prozent aus Drittmitteln bezahlt. Dieses Phänomen darf als beispielhaft auch für andere deutsche Forschungsinstitute angesehen werden: Einerseits stärkt der Innovationspakt deutsche Forschungseinrichtungen durch eine zeitlich begrenzte Drittmittelförderung. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs bedeutet dies aber andererseits, dass nur zeitlich befristete Verträge angeboten werden können, deren Verlängerung vom Fluss der Drittmittel abhängt.

Dennoch rät man seitens des Braunschweiger Instituts nicht von einem Engagement ausländischer Forscher in Deutschland ab: Die durch die Projektarbeit exzellente Ausbildung führe in aller Regel zu einer Anschlussbeschäftigung in der Industrie. Denn auch in der deutschen Privatwirtschaft bestehen Karrieremöglichkeiten für engagierte Forscher: Die Wirtschaftskrise erhöht den Innovationsdruck, das wiederum belebt die Abteilungen für Forschung und Entwicklung.

Und wenn für die Forschungsstätten der öffentlichen Hand ein ausgewogener Mix aus Drittmitteln und langfristig kalkulierbaren Hausetats etabliert wird, profitieren letztlich alle: die Einrichtungen, deutsche und internationale Forscher und damit die gesamt Forschungslandschaft in Deutschland.


Quelle: academics

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote