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Forschung und Entwicklung in Deutschland

VON JULIA HOLZAPFEL

Deutschland ist ein gutes Pflaster für Forscher: Staatliche Akteure und Wirtschaftsunternehmen erhöhen seit Jahren ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Arbeitsmarktprognosen sagen eine wachsende Zahl an Stellen in dem Bereich voraus. Das Arbeitsfeld im Überblick.

Forschung und Entwicklung in Deutschland© Eli Natura - photocase.deDie Bedeutung von FuE in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich

Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland

Deutschland kommt dem EU-Ziel, bis 2020 drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung zu investieren, mit 2,99 Prozent schon sehr nahe. 2015 wurden insgesamt knapp 89 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Zwei Drittel davon haben Wirtschaftsunternehmen investiert.

Spitzenreiter bei den Forschungsausgaben ist Baden-Württemberg mit 22,7 Milliarden Euro. Darauf folgt Bayern mit 17,3 Milliarden. Nordrhein-Westfalen belegt Platz drei (12,7 Milliarden Euro). Dort liegen die FuE-Zentren in der sogenannten Rheinschiene, von Duisburg bis Bonn. In Hessen, das im oberen Drittel bei den Wirtschaftsforschungsausgaben liegt, dominiert die Pharmabranche, während Niedersachsen seine gute Investitionsquote vor allem auf die Fahrzeugindustrie im Osten des Landes zurückführen kann.

In den neuen Bundesländern sind die Forschungsausgaben von Hochschulen und staatlichen Institutionen fast doppelt so hoch wie jene der Wirtschaft. Vor allem Dresden, Halle/Leipzig und Chemnitz-Zwickau sind relevant. Forschungsaktive Großunternehmen sind im Osten noch immer selten.

Die Start-up-Stadt Berlin ist das einzige Bundesland, dessen Gesamtforschungsausgaben von 2003 bis 2013 gesunken sind. Die Zahl der Beschäftigten steigt aber seit 2007 wieder, dank vieler kleiner aktiver Unternehmen.

Die wichtigsten FuE-Branchen und -Unternehmen in Deutschland

Die Automobilindustrie zieht nicht nur das meiste Personal an, sie investiert auch die höchsten Summen für Forschung und Entwicklung in Deutschland. 2014 trug sie mit 19,6 Millionen Euro fast 35 Prozent der FuE-Ausgaben der hiesigen Wirtschaftsunternehmen. Mit 7,5 Millionen liegen Hersteller von Elektronik und Computer auf Platz zwei. Rang drei halten mit 5,4 Millionen die Maschinenbauer, gefolgt von der Pharma- und der Chemiebranche.

Bei diesen Zahlen wundert es nicht, dass Volkswagen, Daimler, Bosch und BMW das Ranking der Firmen anführen, die am meisten für Forschung und Entwicklung ausgeben. Volkswagen und Daimler besetzen auch die Spitzenplätze im Europa-Vergleich der Top-FuE-Investoren.

Top 10 der deutschen Unternehmen mit den höchsten Forschungsausgaben in Millionen Euro
Quelle: Top 10 der deutschen Unternehmen mit den höchsten Forschungsausgaben in Millionen Euro; Die genannten FuE-Ausgaben der Unternehmen können sowohl im Inland als auch im Ausland getätigt werden. Tabelle: academics.de
Volkswagen 13.612 €
Daimler 6.529 €
Bosch 5.202 €
BMW 5.169 €
Siemens 4.820 €
Bayer 4.436 €
Boehringer Sohn 3.004 €
SAP 2.689 €
Continental 2.528 €
BASF 1.914 €
Merck 1.707 €
ZF 1.350 €

Die großen Unternehmen können zwar mit den absoluten Zahlen beeindrucken. Setzt man aber Umsatz und Forschungsinvestitionen ins Verhältnis (die sogenannte Forschungsintensität), fallen die kleinen auf: Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten investieren acht Prozent in Forschung und Entwicklung, bei Großunternehmen sind es 2,6 Prozent.

Die Strukturen in Klein- und Mittelbetrieben bieten eher die Chance, den Entwicklungsprozess eines Produktes länger begleiten zu können, als es in großen Konzernen der Fall ist. Wer sich bei der Suche nach der passenden Stelle in Forschung und Entwicklung nicht nur von großen Namen und Gehaltsaussichten leiten lässt, entdeckt mitunter seinen Traumjob bei einem mittelständischen Player.

Die Digitalisierung ist ein Treiber der Forschungsausgaben. Am meisten wird laut Eigenaussage der Unternehmen in die Bereiche Informations- und Kommunikationstechnologien, Energie-, Klima- und Umwelttechnologien sowie Fahrzeug- und Verkehrstechnologien investiert. Auffällig - und relevant für die Berufsausrichtung von Forschern - ist dabei, dass die für die Digitalisierung bedeutsamen Branchen Elektroindustrie und Informationstechnik ihre Forschungsausgaben 2015 nur unterdurchschnittlich steigerten. Unternehmen anderer Wirtschaftsbereiche begegnen den Veränderungen durch die Digitalisierung demnach mit eigenen Entwicklungsideen. Das erweitert die Berufsfelder in vielen Betrieben. Bekanntestes Beispiel ist die Deutsche Post, die selbst Elektrofahrzeuge für den Eigenbedarf entwickelt.

Der Arbeitsmarkt bei Forschung und Entwicklung in Deutschland

Forscher haben in Deutschland hervorragende Jobchancen. Und das bleibt laut Arbeitsmarktprognose des Arbeitsministeriums auch so. 2014 überschritt die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung in Deutschland erstmals die Marke von 600.000. Etwa ein Viertel davon arbeitet im Fahrzeugbau, gefolgt von Forschungsdienstleistern verschiedener Bereiche, von Natur- und Ingenieur- bis zu Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften.

75 Prozent derer, die in Forschung und Entwicklung bei Unternehmen arbeiten, kommen in Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten unter. Sechs Prozent haben 250 bis 499 Kollegen, und beachtliche 17 Prozent forschen in Firmen mit weniger als 250 Beschäftigten. Dies weist auf das Gewicht hin, das Mittelständler auf Forschung und Entwicklung in Deutschland legen.

Die Regionen mit den meisten Beschäftigten in Forschung und Entwicklung in Unternehmen sind jene, in denen Automobilhersteller ihre Stammsitze haben. Fast die Hälfte des FuE-Personals der Privatwirtschaft (48,7 Prozent) arbeitet dort.

10 Regionen mit den meisten Beschäftigten in Forschung und Entwicklung (in der Rangfolge)
Tabelle: academics.de
1. Baden-Württemberg, Stuttgart
2. Bayern, München
3. Rhein-Main
4. Niedersachsen, Braunschweig
5. Unterer Neckar
6. Berlin, Berlin
7. Rheinland-Pfalz, Starkenburg
8. Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
9. Bayern, Mittelfranken
10. Nordrhein-Westfalen, Köln

Frauen in Forschung und Entwicklung

Das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München prognostiziert, dass der digitale Wandel Wege für Frauen in der Forschung öffnen kann. Software wird wichtiger, insgesamt steigt die Kundenorientierung im FuE-Bereich, und die User Experience steht im Vordergrund. Das erweitert die Arbeitsfelder und öffnet technische Berufszweige auch für ÖkonomInnen und InformatikerInnen: "Man muss kommunizieren, koordinieren, in großen Zusammenhängen denken können. Für Frauen und auch für viele Männer der Generation Y ist ein solches Umfeld sicher attraktiver", sagt Arbeitssoziologin Anja Bultemeier.

Unternehmen sprechen diese erweiterte Zielgruppe an BewerberInnen bislang nicht konkret an. Sich als Frau mit Hintergrund in BWL, Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen dennoch in der Forschung und Entwicklung in technischen Bereichen zu bewerben kann also Erfolg versprechend sein.

academics :: Oktober 2017