Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Forschung und Lehre?

Von Rolf Staufenbiel

Neben der Forschungs- und Lehrfreiheit ist die Einheit von Forschung und Lehre ein Grundelement der klassischen deutschen Universität, durch die sie Weltgeltung erlangte. Nun scheint das Nebeneinander von Bologna-Reformen und Exzellenzinitiative zu einer Lockerung wenn nicht Auflösung dieses Einheitspostulats zu führen. Eine Kritik.

Forschung und Lehre?© stm - Photocase.comEine Einheit von Forschung und Lehre könnte bald der Vergangenheit angehören
Die wissenschaftlichen Hochschulen sind auf dem Wege, das Ideal der Verbindung von Forschung und Lehre zu verlieren. Der Bologna-Prozess war ein Meilenstein auf diesem Wege. Studenten werden während der Bachelorausbildung wohl keinen Kontakt mehr zu wissenschaftlichen Methoden bekommen, andererseits aber auch kaum berufsfähig werden. Wo bleibt dann der Unterschied zwischen der Bachelorausbildung einer Fachhochschule (FH) und einer wissenschaftlichen Hochschule, das fragen sicher nicht nur die Fachhochschulen. Diese machen sich inzwischen auf den Weg, die letzte Bastion der wissenschaftlichen Hochschulen, das Promotionsrecht, zu erobern. Die andere Attacke führt die Exzellenzinitiative. Sie konzentriert sich auf einige "Leuchttürme" der Forschung, lässt aber die Lehre weitgehend unberücksichtigt.

Was sind "wissenschaftliche" Hochschulen?

Die Bezeichnung "wissenschaftliche Hochschule" wird weitgehend - insbesondere von den Politikern - vermieden mit der Begründung, es gebe keine unwissenschaftliche Hochschule (Gefahr der Diskriminierung von Fachhochschulen?). Der Unterschied zu den Fachhochschulen sei wohl lediglich das Promotionsrecht. Bei der Beratung von Schulabgängern wird die Frage erörtert "Uni oder Fachhochschule", wobei wissenschaftliche Hochschule mit Universität gleichgesetzt wird. Von Seiten der Fachhochschulen wird diese Unterscheidung allerdings unterlaufen mit dem Anspruch auf die Bezeichnung "universities of applied sciences" oder Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Außerdem gibt es seit Jahrzehnten Bemühungen der Fachhochschulen, ebenfalls das Promotionsrecht zu erlangen. Dies wäre in der Tat berechtigt, wenn es keine Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten mehr gäbe.

Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten

Der einzige Unterschied, der offiziell von den Fachhochschulen akzeptiert wird, ist die größere Anwendungsnähe der Fachhochschulen. Bei der Studentenberatung (z.B. im Stern) erfährt man zudem: Das Studium an einer Fachhochschule ist in der Regel verschulter, die Betreuungsrelationen oft besser. Das Studium an einer Universität beinhaltet mehr Theorie und die Professoren legen mehr Wert auf Forschung. Die Studiendauer an Fachhochschulen ist kürzer, die späteren Gehälter von Absolventen der Universität sind höher als die der FH-Absolventen. Der wesentliche Unterschied scheint demnach darin zu liegen, dass die Universitäten eine Verbindung zwischen Forschung und Lehre herstellen (bzw. herstellen sollen).

Der Bologna-Prozess

Durch den Bologna-Prozess soll mit dem Bachelor eine verkürzte Ausbildung auch an den Universitäten erreicht werden - mit der Begründung der internationalen Vergleichbarkeit. Um ein gewisses Maß der gleichzeitig geforderten Berufsfähigkeit zu erreichen, ist eine Verschulung unvermeidbar. Der für die Universitätsausbildung wesentliche Kontakt zur Forschung bleibt in dieser Phase praktisch auf der Strecke (Mittelstraß: Nicht mehr Bildung durch Wissenschaft ist die Parole, sondern Ausbildung im Schatten der Wissenschaft. Das Paradigma Universität ist dem der Schule gewichen). Damit dürften sich Bachelor der Universität und der Fachhochschule kaum noch unterscheiden - zumindest aus der Sicht der FH-Rektoren/Professoren und mancher Politiker. Eine weitere Qualifizierung durch einen Master-Degree (wie ja auch an Universitäten) dürfte FH-Absolventen auf mittlere Sicht nicht zu verwehren sein.


Die Exzellenzinitiative

Eine neue erhebliche - vielleicht nicht beabsichtigte - Gefährdung der Einheit von Forschung und Lehre stellt die Exzellenzinitiative dar. Diese Initiative stellt erhebliche Mittel (bisher nur) für die Forschung bereit mit dem erklärten Ziel, die internationale Konkurrenzfähigkeit deutscher Hochschulen zu verbessern. Die Initiative ist so angelegt, dass sie zur grundlegenden Änderung der Hochschulstrukturen führen muss. Die Aufnahme in die Exzellenzinitiative mit dem Titel Exzellenz- oder Elitehochschule und die Erhaltung führt nämlich zu einer Prestigefrage der Hochschulleitungen, die deren Einfluss erheblich steigert und zwangsläufig zum Aufbau von zentralen Managementstrukturen führen wird. Es ist nicht zu erwarten, dass eine derartige Reorganisation die Motivation der nunmehr nachgeordneten Forscherebene stärkt (Richard Münch: Die unternehmerische Universität entmachtet die akademische Gemeinschaft der Forschenden, Lehrenden und Lernenden. Sie bedroht die akademische Freiheit und unterwirft wissenschaftliches Wirken äußeren Interessen). Insbesondere wird der bisherige enge Zusammenhang zwischen Forschung und Lehre aufgegeben. Die Uni Karlsruhe hat sich konsequenterweise bereits in "Forschungshochschule" umbenannt. Im Rahmen der Exzellenzinitiative soll der wissenschaftliche Nachwuchs (Doktoranden) nun möglichst schnell Graduiertenschulen durchlaufen; er kann daher an der Ausbildung der Studenten kaum noch mitwirken. Hierdurch wird - wie schon durch die Einführung des Bachelor/Master - die Qualität der Ausbildung an deutschen wissenschaftlichen Hochschulen weiter verschlechtert.

Weiterhin sind erhebliche nachteilige Nebenwirkungen der Exzellenzinitiative zu erwarten:
  • Durch die Arroganz der "Exzellenten" entsteht eine Diskriminierung der "nicht-exzellenten" Hochschulen, die eine Zusammenarbeit ernsthaft behindern wird.
  • Auch innerhalb einer Exzellenzhochschule wird eine erhebliche Kluft zwischen den Mitarbeitern in Exzellenzclustern und den "Übrigen", die sich nicht anpassen wollen oder können, entstehen. Diesen dürften die Mittel sowie das Interesse und die Fürsorge der Hochschulleitung bald entzogen werden, bis hin zur Einschränkung der Freiheit der Forschung.
  • Die erkennbare Bevorzugung einer Anwendungsorientierung dürfte das Renommee der Wissenschaftler beeinträchtigen, weil in Veröffentlichungen weniger die Anwendungen als die Grundlagen der jeweiligen Fächer behandelt werden sollen.
  • Anwendungsorientierung kann auf die Dauer nur aus einem Reservoir von wissenschaftlichen Grundlagen schöpfen, das nicht versiegen darf.

Was wird aus den "nichtexzellenten" Universitäten?

Die wissenschaftlichen Hochschulen (Universitäten) sind auf dem Wege, ihre eigentliche Aufgabe, die qualifizierte Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses (nicht speziell von Wissenschaftlern) durch die enge Verbindung von Forschung und Lehre, zu verlieren. Dies geschieht einmal dadurch, dass der Bologna-Prozess durch die Einführung des Bachelors einen wesentlichen Teil des Studiums verschult und die Verbindung von Forschung und Lehre praktisch auflöst. Damit dürften sich die Bachelorausbildungen an Fachhochschulen und Universitäten nur unwesentlich unterscheiden.

Zum anderen löst die Exzellenzinitiative durch die herausgehobene Förderung allein der Forschung an Hochschulen ebenfalls die enge Verbindung von Forschung und Lehre auf. Die Aufnahme einer Hochschule in die Exzellenzinitiative (mit dem Titel Exzellenzhochschule) verdrängt die dezentralen Strukturen von Forschungskooperationen - wie sie sich insbesondere bei Sonderforschungsbereichen bewährt haben - und erfordert neue, zentralisierte Hochschulstrukturen, für die in Deutschland keine Modelle entwickelt wurden und die wegen ihrer erheblichen Nebenwirkungen einer sorgfältigen Analyse bedurft hätten. Es stellen sich daher die Fragen, welche Rolle Politik und Wissenschaftsrat in Zukunft den (nicht-exzellenten) wissenschaftlichen Universitäten zuerkennen und wie das Verhältnis zwischen Fachhochschulen und Universitäten sein soll.


Über den Autor
Dr.-Ing. Rolf Staufenbiel ist Professor (em.) für Luft- und Raumfahrt an der RWTH Aachen.


Aus Forschung und Lehre :: Mai 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote