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Forschungsdaten fallen nicht vom Himmel

Von Gert G.Wagner

Die mühselige Erhebung und Aufbereitung von Daten gehört nicht gerade zu den prestigeträchtigsten Aufgaben in der Wissenschaft. Da diese "Kärrnerarbeit" aber für die Wissenschaft insgesamt von großem Nutzen ist, lohnt es sich, über sinnvolle Anreize nachzudenken.

Forschungsdaten fallen nicht vom Himmel© Viorika Prikhodko - iStockphoto.comOhne Datenerhebung und Statistik ist Forschung unmöglich
Um das ebenso neue wie unübersichtliche Feld der "Forschungsdaten" auszumessen und neu zu ordnen, wurde von der Gemeinsamen Wissenschaftskommission von Bund und Ländern die "Kommission Zukunft der Informations-Infrastruktur" (KII) eingesetzt. Sie soll im Frühjahr 2011 ihre Ergebnisse vorlegen. Das Thema ist offensichtlich relevant, denn die "Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen" hat jüngst "Grundsätze zum Umgang mit Forschungsdaten" beschlossen. Unter dieser etwas spröden Überschrift verbirgt sich die Tatsache, dass der Aufwand für das Gewinnen von Daten als Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis - beispielsweise in der Soziologie, Medizin, Fernerkundung oder Hochenergiephysik - allein in Deutschland in der Größenordnung von mehreren Milliarden Euro pro Jahr liegt.

Ohne Datenerhebung und Statistik ist insbesondere angewandte Forschung nicht möglich, aber die "Kunst" des Datenerhebens und das Handwerk der Datenaufbereitung haben es im modernen akademischen Betrieb schwer. Dieser schätzt spitzfindige Analysemethoden und sensationelle Entdeckungen mehr als die mühselige Erhebung und Aufbereitung von Daten. Ausnahmen, wie etwa die gigantische Datenproduktion der Experimentalphysik, bestätigen die Regel. Notwendig sind aber systematische Verbesserungen. Die als nachrangig angesehene Produktion und -weitergabe von Daten wird oft speziellen Institutionen wie statistischen Ämtern und "Ressortforschungseinrichtungen", wie etwa dem Deutschen Wetterdienst oder der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), dem Robert Koch Institut (RKI) und dem Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) überlassen.

Das Bundesarchiv spielt hingegen bei der Archivierung von Forschungsdaten gar keine Rolle und die großen Forschungsbibliotheken, etwa die Technische Informationsbibliothek (TIB) in Hannover oder die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Hamburg und Kiel, haben erst begonnen, sich mit dem Archivieren und Zurverfügungstellen von Forschungsdaten zu beschäftigen. Dieses neue Interesse ist grundsätzlich lobenswert, aber gleichzeitig wird die "Versäulung" von Datenproduzenten und -archivaren auf der einen Seite und Forschern auf der anderen Seite noch weiter verstärkt. Notwendig ist hingegen mehr Wettbewerb um die besten Ideen für die Erhebung, Archivierung und Analyse von Daten aus der Forschung heraus. Denn nur aktive Forscher wissen, welche Daten gebraucht werden und aussagekräftig sind.

Anerkennung als eigenständige Leistung

Wenn Forschungsdaten aus der Mitte des Forschungsbetriebs heraus produziert und archiviert werden sollen, dann muss es entsprechende Anreize für Wissenschaftler geben. Von zentraler forschungsstrategischer Bedeutung ist daher die Anerkennung der Datenproduktion, der Archivierung und des "data sharing" als eigenständige Leistungen innerhalb des Wissenschaftssystems. In den Grundsätzen der Allianz heißt es dazu: "Die Bereitstellung von Forschungsdaten zur weiteren Nutzung ist eine Leistung, die der Wissenschaft als Ganzer zu Gute kommt. Die Allianz ermutigt zur Anerkennung und Förderung dieses zusätzlichen zeitlichen und finanziellen Aufwands." Es heißt dann zu recht, dass die "Conditio sine qua non für den Erfolg die enge Kooperation zwischen Fachwissenschaftlern und Informationsdienstleistern ist."


Dabei wachsen Fach-Bibliotheken ganz neue Aufgaben zu. Während das Beschaffen von Büchern und Zeitschriftenaufsätzen mehr und mehr mit Hilfe elektronischer Kopien direkt von Wissenschaftlern selbst erledigt wird, können die weltweit bestens vernetzten Bibliotheken beim nutzerfreundlichen Dokumentieren und Auffinden von Forschungsdaten ohne Zweifel helfen. Aber Bibliotheken und Archive sollten hier nur ein Mitspieler sein; die Spielführung muss bei den Fachwissenschaftlern bleiben. Aufgrund der gewachsenen Bibliotheks- und Archivstrukturen wird es nicht einfach sein, ein solches System zu entwickeln. Aber davon werden alle profitieren.

Empfindliche Lücken

Und nicht nur die Anreize für Archivierung und Zur-Verfügung-Stellen müssen verbessert werden, sondern auch das "Sammeln" und die Produktion von Daten müssen innerhalb des akademischen Elfenbeinturms besser belohnt werden. Nur dann sind langfristige Vorhaben im internationalen Kontext machbar. Und es gibt in der Tat empfindliche Lücken.

So beklagte der renommierte Anthropologe und Ökonom Joe Henrich kürzlich in einem vielbeachteten Aufsatz in "Behavioral and Brain Science", dass viele psychologische und verhaltensökonomische Studien nur mit Studenten in amerikanischen Eliteuniversitäten durchgeführt werden, da dies einfach organisierbar sei. Von den "sonderbarsten Menschen in der Welt" ("The weirdest people in the world") wird dann auf das Verhalten von Menschen in ganz unterschiedlichen Kulturen geschlossen. Dies führt vermutlich häufig zu - ggf. gefährlichen - Fehlschlüssen und wird derzeit in den Fachzeitschriften "Nature" und "Science" intensiv diskutiert.

Will man das Verhalten aller Menschen wirklich verstehen, muss man jahrezehntelang laufende Längsschnittstudien in ganz unterschiedlichen Kulturen durchführen. Das zu organisieren ist nicht nur schwierig, sondern für die beteiligten Wissenschaftler auch mühselig und von den Evaluatoren wenig geschätzt. Auch ist es sehr teuer, deswegen gibt es solche Studien erst in Ansätzen. Bessere Forschungsdaten können nur erzeugt werden, wenn erstklassige Daten-Produktion sowie nutzungsfreundliche Archivierung und Data Sharing akademisch voll anerkannt und mit Reputation honoriert werden. Wenn es im akademischen Betrieb zunehmend weniger Dauerstellen gibt, dann darf die Kärrnerarbeit, die für Datenproduktion und Data Sharing unumgänglich ist, nicht in Karriere-Sackgassen enden. Deswegen sind neue Entwicklungen wie beispielsweise die eindeutige Identifikations-Nummer zum Zitieren von Forschungsdaten und der dahinter stehenden Wissenschaftler und Statistiker so wichtig.

Diese Identifikations-Nummern können dazu beitragen, dass insbesondere junge Wissenschaftler auf der Basis von Zitationen mit Datenproduktion und - weitergabe Reputation erwerben und somit auch bereit sind, neue Ideen zu entwickeln und sich im Wettbewerb um knappe finanzielle Mittel durchzusetzen. Auch den Mitarbeitern in statistischen Ämtern sollte für gute Arbeit persönliche Reputation erwachsen.

Aus Forschung und Lehre:: September 2010

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