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Forschungsergebnisse: Bitte nur die ganze Wahrheit

VON CORNELIUS FRÖMMEL

Schummeln, ohne zu lügen - das ist die neue Plage der Wissenschaft. Die Medizin ist besonders infiziert. Ein Alarmruf.

Bitte nur die ganze Wahrheit© lassedesignen - Fotolia.comFrisierte Forschungsergebnisse gefährden nicht nur die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, sondern auch Leben
Eine Krankheit frisst sich durch die Wissenschaft. Die schlimmsten Verheerungen richtet sie in der Biomedizin an; aber auch andere Disziplinen sind infiziert, wie die Psychologie oder die Wirtschaftswissenschaften. Die Krankheit bedroht den Kern der Wissenschaft: ihre Glaubwürdigkeit. Das macht sie so gefährlich. Ihre Zerstörungskraft ist lange bekannt, doch heute scheint sie gefährlicher denn je.

Drei Meldungen aus einer einzigen Woche im Juli mögen das verdeutlichen: Das Fachmagazin Nature zieht eine Studie zurück, die behauptet hatte, normale Körperzellen von Mäusen durch ein Bad in Zitronensäure wieder in Stammzellen verwandelt zu haben. Die Forschungsergebnisse hatten weltweit für Furore gesorgt. Doch dann waren Ungereimtheiten aufgetaucht, unter anderem waren offenbar Abbildungen frisiert worden.

Das Journal of Vibration and Control annulliert gleich sechzig seiner Beiträge. Es hatte sich herausgestellt, dass der Peer-Review-Prozess, der eingereichte Beiträge auf ihren Gehalt und ihre Korrektheit prüfen soll, systematisch unterwandert worden war: Wahrscheinlich mehr als einhundert Benutzerkonten in dem Online-System waren fingiert - diese Wissenschaftler existieren überhaupt nicht. In mindestens einem Fall hatte ein Forscher seine eigene Studie unter erfundenem Namen begutachtet und zur Veröffentlichung empfohlen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bestraft einen Wissenschaftler mit einem Antragsverbot. Er hatte zugegeben, Forschungsergebnisse frisiert zu haben. Einen Preis, den er für die Forschung erhalten hatte, musste er zurückgeben. Als Begründung gab der junge Wissenschaftler an, sich »Sorgen um seine Anstellung« gemacht zu haben.

In allen drei Fällen geht es um Betrug oder Datenfälschungen, also um Lügen im Kleid der Wissenschaft. Wesentlich häufiger dürften die Publikationen sein, die die Wahrheit sagen und trotzdem schwindeln - indem sie Forschungsergebnisse, die genehm sind, veröffentlichen und andere weglassen, die nicht ins Bild passen. Diese Artikel sind nicht weniger schädlich, denn auch ihre Ergebnisse lassen sich nicht replizieren, also unter gleichen Bedingungen von anderen Forschern wiederholen. Sie sind damit praktisch wertlos.

In Fachkreisen wird diese Form wissenschaftlichen Fehlverhaltens als selektives Publizieren bezeichnet oder als Chrysalis Effect (Entpuppungseffekt). Der Begriff geht auf den Wirtschaftswissenschaftler Ernest O'Boyle zurück. Als er Promotionsschriften mit den später daraus veröffentlichten Zeitschriftenartikeln verglich, machte er eine überraschende Entdeckung: In jeder fünften Publikation wurden signifikante Ergebnisse vorgestellt, die in den Dissertationen so gar nicht vorkamen. Aus einer unansehnlichen Raupe - der Doktorarbeit mit schwachen, aber wahren Ergebnissen - war ein schöner Schmetterling geworden, eine prächtige Publikation mit scheinbar tollen Resultaten.

Das Ausmaß des Problems ist erschreckend. Daniele Fanelli von der Universität Edinburgh befragte im Jahr 2009 Wissenschaftler, ob sie selbst schon einmal Daten bewusst gefälscht hätten. Nur zwei Prozent antworteten mit Ja, und 14 Prozent gaben an, dies von anderen Wissenschaftlern zu wissen.

Auf die Frage jedoch, ob sie unpassende Ergebnisse schon einmal unterdrückt, Zahlen geschönt oder Forschungshypothesen im Laufe der Studien verändert hätten, gab jeder Dritte ein solches Fehlverhalten zu - von ihren Kollegen, meinten die Forscher, täten sogar zwei Drittel so etwas. In einer anderen Untersuchung wurde durch Einsatz einer geschickten Fragetechnik deutlich, dass die Untaten noch viel häufiger sind: 9 Prozent gaben da zu, gefälscht, und 90 Prozent, verschönernd eingegriffen zu haben.

Was in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird, hält allzu oft keiner kritischen Überprüfung stand

Besonders in der Biomedizin macht sich die neue Plage nicht reproduzierbarer Studien breit. Sie betrifft nicht allein komplexe Untersuchungen an Zellen oder Mäusen, sondern ebenso eine Vielzahl von klinischen Studien. Diese sind der entscheidende Schritt, um neue Diagnose- oder Therapiemethoden in die tägliche Arbeit von Ärzten zu überführen.

Mitarbeiter der Firma Amgen und der Bayer AG hatten bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass sich nur ein erschreckend kleiner Teil von Studien, die als Meilensteine in der medizinischen Forschung gefeiert worden waren, mit gleichem Ergebnis wiederholen ließ. Noch Schlimmeres berichtete Alexandra Nowbar vom Imperial College in London Anfang dieses Jahres über die Stammzelltherapie. Ein Traum sollte mit diesem Heilungsansatz in Erfüllung gehen: frische Zellen für kranke Organe.

49 klinische Großversuche waren bis dahin an Patienten durchgeführt, 133-mal war darüber in renommierten Zeitschriften berichtet worden. Doch nur fünf Studien erwiesen sich als fehlerfrei, und zwar ausgerechnet jene, die »keinen therapeutischen Effekt« beschrieben hatten. Bei den anderen 44 entdeckte die Forscherin folgende Regel: Je größer der dargestellte Heilungseffekt, desto zahlreicher die Fehler der Studie.

Aufgedeckt

2% der befragten Forscher haben in einer Studie eingestanden, dass sie selbst Daten gefälscht haben

1/3 gaben Tricks zu: unpassende Resultate unterdrückt oder geschönt, die Forschungsfrage den Ergebnissen angepasst

2/3 ihrer Kollegen schummelten wohl ebenfalls, schätzten die Wissenschaftler, als sie zur Arbeit anderer befragt wurden

1% der Forscher sind Vielschreiber und publizieren mehr als einen Artikel im Jahr

41% aller Publikationen sind von einem dieser produktiven Autoren mitverfasst worden
Ein anderes Muster fand Florence Bourgeois von der Harvard Medical School. Sie nahm Hunderte von veröffentlichten Medikamentenstudien unter die Lupe, die mal von der Industrie, mal mit öffentlichen Geldern finanziert worden waren. Die unternehmensfinanzierten Studien erbrachten fast durchgängig (zu 89 Prozent) positive Befunde.

Die öffentlich geförderten Untersuchungen konnten ihre Forschungshypothese nur in einem Drittel der Fälle bestätigen. Waren die Experimente mit Industriegeld besser? Wohl kaum. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass viele Studien mit negativen Ergebnissen einfach nicht publiziert werden, wenn Pharmafirmen dahinterstehen. Es sieht eben nicht gut aus, wenn sich ein vielversprechendes Medikament als unwirksam erweist.

Diese selektive Publikationspraxis kann die Öffentlichkeit viel Geld kosten. Ein Beispiel: Für mehr als eine Milliarde Euro orderten Regierungen in aller Welt das Grippemedikament Tamiflu der Firma Roche, das schwere Grippeverläufe angeblich effektiver verhindert als etwa das viel billigere Aspirin. Hätten die Entscheider jedoch alle klinischen Studien gekannt, hätten sie die Ausgaben gespart - Tamiflu wirkt gar nicht so viel besser. Doch ein großer Teil der Untersuchungen war von der Industrie zurückgehalten worden.

Industrienähe und die enorme Erwartungshaltung der Öffentlichkeit dürften Gründe dafür sein, warum die meisten Beispiele selektiver Veröffentlichungen aus der Biomedizin stammen. Auch die große Mehrzahl der großen wissenschaftlichen Fälschungsskandale der vergangenen Jahre wurde weltweit in dieser Disziplin aufgedeckt. Zugleich lassen sich Ergebnisse in der Biomedizin besser schönen als in anderen Forschungsfeldern. Einen falschen mathematischen Beweis so aufzupeppen, dass er publizierbar wird, dürfte dagegen sehr viel schwerer sein - und es würde den Kollegen schneller auffallen.

Dass dies in der Biomedizin nicht der Fall ist, hängt auch mit den mangelhaften methodischen Kenntnissen vieler Mediziner zusammen. Fast die Hälfte der einschlägigen Publikationen enthält Fehler in der Statistik. Und oft stoßen die Ungereimtheiten nicht zuerst den Medizinern selbst auf, sondern Statistikern.

Was also tun? Ein stärker wissenschafts- oder gar forschungsorientiertes Medizinstudium könnte ein erster Schritt sein, um die Zahl der fehlerhaften Studien zu reduzieren. Die Wissenschaft muss ihren Nachwuchs zur Redlichkeit erziehen und Strukturen aufbauen, die diese Integrität wahren. Hier jedoch zeigt sich die Schwäche der selbstverwalteten akademischen Welt. Das System ist träge wie eine unterkühlte Python.

Denn welche Universität kann von sich behaupten, in allen Studiengängen nicht nur die Wissenschaft, sondern auch gründlich Wissenschaftsethik zu unterrichten? Welche akademische Einrichtung hat ein faires und gut funktionierendes System aufgebaut, um Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis schnell zu entdecken und rechtssicher zu ahnden? Dazu gehört etwa ein fairer Umgang mit Whistleblowern, die ein unverzichtbares Element bei der Aufdeckung von Fehlverhalten sind und deshalb nicht als Denunzianten behandelt werden dürfen.

Und welche Universität hat angemessene Umgangsregeln für die Finsterlinge in ihren Reihen entwickelt? Einem überführten Betrüger sollte nicht nur der Zugang zu den Geldquellen der Förderorganisationen verwehrt sein. Auch die Ressourcen seiner Fakultät sollten für ihn auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Es ist aber nicht allein die Wissenschaft, die alles daransetzen muss, ihre Standards zu wahren. Auch der Staat muss ein Interesse daran haben, Qualität wie Glaubwürdigkeit der Forschung zu sichern. Die wichtigste Aufgabe der Politik ist es dabei, den Universitäten eine auskömmliche Grundfinanzierung zu garantieren. Nur so lässt sich der Druck (gerade auf junge Forscher) reduzieren, immer neue Drittmittel zu akquirieren und immer schneller auch halb gare, fehlerhafte oder manipulierte Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.

Eine andere Aufgabe der Politik ist es, zentrale Strukturen zu schaffen, welche die Qualität klinischer Studien sichern helfen. In den USA gibt es dafür die Nationalen Gesundheitsinstitute. Sie verfügen über das Geld wie die Autorität, große klinische Studien selbst durchzuführen oder zu überwachen. Eine solche Institution wäre auch in Deutschland wünschenswert.

Überhaupt dürfte in Zukunft keine klinische Studie mit Patienten mehr erlaubt werden, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Ergebnisse dieser Studie auch vollständig veröffentlicht werden. Drittmittelgeber sollten eine solche Publikationspflicht in ihre Statuten aufnehmen, seien sie öffentlich oder privat. Die letzte Tranche der Fördergelder dürfte erst dann gezahlt werden, wenn die Ergebnisse der Studie öffentlich zugänglich sind. Und die wissenschaftlichen Zeitschriften sollten sicherstellen, dass alle relevanten Informationen, die zu einer Publikation führen, öffentlich zugänglich sind - auch die Rohdaten und die Forschungsprotokolle.

Selektives Publizieren ist keine Untat zweiter Klasse - und die Nichtreproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen erweist sich zurzeit als eines der größten Probleme der Wissenschaft. Die Forscher Iain Chalmers and Paul Glasziou haben sich die Mühe gemacht, die Kosten für alle biomedizinischen und klinischen Studien abzuschätzen, die sich als fehlerhaft, als nicht oder unvollständig publiziert und damit wertlos für die Medizin erwiesen haben. Sie kamen auf die unglaubliche Summe von weltweit 200 Milliarden Dollar, die auf diese Weise in der Biomedizin verschwendet wurde. Der Schaden ist nicht nur das vergeudete Geld. Ebenso wurden Patienten Hoffnungen gemacht, die sich nicht erfüllten.

Der Kampf gegen den Kraken der Nichtreproduzierbarkeit ist schwierig, jedoch nicht aussichtslos. Schon einmal wurde er gewonnen. Eine erste Welle nicht reproduzierbarer Forschungsergebnisse gab es, als die Genomweiten Assoziations-Studien (GWAS) aufkamen. Diese versuchen einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvarianten und Krankheiten herauszufinden. Immer wieder berichteten Forscher von aufsehenerregenden Beziehungen - doch nur ein Bruchteil der Publikationen erwies sich als reproduzierbar.

Innerhalb von zehn Jahren vereinbarten die Genetiker strenge Bedingungen, unter denen sie einer Assoziation in Zukunft Glauben schenken wollten - in Analogie zur Physik, die solche Grundsätze schon viel länger kennt. Heute sind die Forschungsergebnisse auf dem GWAS-Feld zwar weniger sensationell, dafür aber sehr viel glaubwürdiger.

Damals war es eher der komplexe Forschungsgegenstand, der die Wissenschaftler zu leichtfertigen Urteilen verführte. Heute sind es andere Versuchungen. Die Therapie muss ähnlich sein: strenge, mit Strafen bewehrte Regeln, große Skepsis gegenüber allzu spektakulären Forschungsergebnissen sowie eine möglichst klar definierte Grenze zwischen Forschungspraxis und Forschungsfinanzierung.

Noch zehrt die Forschung vom Nimbus der Glaubwürdigkeit - gerade in Deutschland, gerade in der Medizin. Wie fragwürdig dieser Nimbus bereits geworden ist, hat sich bislang nicht herumgesprochen. Das könnte sich freilich schnell ändern, wenn sich auch hierzulande jede Woche eine oder gar mehrere Veröffentlichungen als haltlos erweisen.


Über den Autor
Cornelius Frömmel ist Professor für Biochemie in Göttingen, wo er bis 2012 Dekan für Humanmedizin war. Dort sowie als Prodekan an der Berliner Charité war er mehrmals mit gefälschten Forschungsarbeiten konfrontiert

Aus DIE ZEIT :: 24.07.2014

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