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Fossiler Adam: Jahrhundertfund beschäftigt Paläoanthropologen

VON ULRICH BAHNSEN

Ein Knochenfund entfacht eine alte Debatte neu: Wer war der Urahn aller Menschen?

Fossiler Adam: Jahrhundertfund beschäftigt Paläoanthropologen© Wits UniversityAustralopithecus sediba MH1 and MH2 Skelette
Vergangene Woche haben die Paläoanthropologen wieder ihr Lieblingsschauspiel aufgeführt. Mal wird es als Komödie gegeben, mal als Tragödie. Das Stück hat zwei Akte: Im ersten gelingt einem Paläoanthropologen ein bedeutsamer Fossilfund, und die Kollegen gratulieren inbrünstig. Im zweiten Aufzug streitet die Zunft, erst mit dem Entdecker, dann untereinander. Der Zwist geht um die Frage, was die geborgenen Knochenreste für die Entstehungsgeschichte des Menschen zu bedeuten haben. Und insgeheim hofft fast jeder der Gebein-Experten, selber der Finder jenes Wesens zu sein, aus dem die Gattung Homo entstanden ist. Auch dieses Mal geht es um eine aufsehenerregende Entdeckung. Vor drei Jahren barg der südafrikanische Paläoanthropologe Lee Berger von der Universität Witwatersrand mit seinem Team die ersten Knochen eines unbekannten Wesens aus der Vorzeit: Australopithecus sediba.

Ein Jahrhundertfund, denn offenbar liegen in den Bodenschichten der Malapa-Höhle, 40 Kilometer von Johannesburg entfernt, bemerkenswert vollständige Skelette von mindestens fünf Exemplaren. Zwei der Individuen, eine Frau und ein halbwüchsiges Kind, sind nun detailliert untersucht worden. Die Befunde, veröffentlicht in gleich fünf Fachartikeln in Science, sind spektakulär. An Hirnschale, Hüften, Händen und Füßen von A. sediba fand sich eine Mischung aus anatomisch primitiven und menschenähnlichen Merkmalen. Die unterschiedlichen Schlussfolgerungen, die sich nun daraus ziehen lassen: Sind die Malapa-Geschöpfe womöglich jenes lange gesuchte Bindeglied zwischen den noch affenähnlichen Australopithecinen und den ersten Vertretern der menschlichen Gattung Homo? Oder handelt es sich bei den Fossilien um die Reste einer ausgestorbenen Seitenlinie der Menschenevolution, die zu einer Zeit lebte, als die ersten Hominiden längst existierten?

Den Disput prägen Eitelkeiten. Jeder Paläoanthropologe, der irgendwo das Stück eines möglichen Ahnen aus dem Untergrund gekratzt hat, kämpft um einen Ehrenplatz für sein Fossil. Doch aus den unzähligen Funden schließlich einen Stammbaum zu fabrizieren, den alle akzeptieren, ist unmöglich. Auch die Knochen aus der Malapa-Höhle haben ihren endgültigen Platz im Verwandtschaftsgefüge des Menschengeschlechts längst nicht gefunden. Als sicher gilt die Todeszeit der Geschöpfe: Sie starben vor 1,78 bis 1,95 Millionen Jahren. Zu dieser Zeit aber seien Vertreter der Gattung Homo in Afrika seit mindestens 300 000 Jahren unterwegs gewesen, sagen jene Kritiker, die an der Einordnung von A. sediba als unserem direkten Vorfahr zweifeln. Ihr Argument: der Oberkiefer von Hadar in Äthiopien. Dieses Schädelstück ist auf ein Alter von 2,3 Millionen Jahren datiert - und es stamme bereits von einer Frühmenschenart. A. sediba könne also kaum deren Wurzelpopulation darstellen.

Bergers Team hält mit der These dagegen, das Hadar-Fossil sei wahrscheinlich gar keinem Wesen der Gattung Homo zu eigen gewesen; jedes allseits akzeptierte Hominidenrelikt sei jünger als zwei Millionen Jahre. Folglich sei A. sediba ein guter Kandidat für den Platz des Stammvaters aller Menschen. Die Forscher schlagen sich mit einem Grundproblem herum: Wer entscheidet anhand welcher Kriterien, wohin ein Wesen gehört? A. sediba zum Gründer des Menschengeschlechts zu ernennen ist eine zu einfache Interpretation. Denn die auffällige Mischung primitiver und moderner Anatomie in seinem Knochenbau deutet eher daraufhin, dass dort, wo manche einen simplen Stammbaum vermuten, tatsächlich ein komplexer Ahnenstrauch wucherte: Womöglich waren viele verschiedene vormenschliche Populationen bereits auf einem Weg in die eine oder andere Form der evolutionären Moderne, meint der New Yorker Paläoanthropologe Ian Tattersall. Bergers Fund sei daher auch eine »evolutionäre Metapher« für eine Grundfrage der Zunft: Was ist ein Homo? Tattersall gibt selbst eine Antwort: »Wir müssen das überdenken.«

Eine Grenze zwischen dem Zeitalter affenähnlicher Vormenschen und der Ära der Frühmenschen zu ziehen dürfte den Gelehrten auch künftig schwerfallen. Mit jedem Fund wird die Lage unübersichtlicher. Die Evolution, das zeigt A. sediba erneut, ging nicht Schritt für Schritt vonstatten. Als naiv erweist sich einmal mehr die Vorstellung, dass stets höher entwickelte Arten ihre primitiveren Vorgänger ablösten - bis schließlich Homo sapiens auf der Bühne erschien. Stattdessen wird immer deutlicher: Der Mensch entstammt einem Wildwuchs aus zahlreichen Populationen, die alle ihren eigenen evolutionären Weg eingeschlagen hatten. Sie existierten nebeneinander. Und vermutlich vermischten sie sich. Homo sapiens war nie ein Ziel der Evolution - weil die Evolution keine Ziele kennt. Aber er ist der einzige seiner Gattung, der übrig blieb. Zu befürchten ist, dass er selber dafür gesorgt hat.

Aus DIE ZEIT :: 15.09.2011

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