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Fragen an Hans-Joachim Gehrke über die EuniCult-Initiative

 

Die neuen gestuften Studiengänge haben zu einer stärkeren Verschulung und einer Einschränkung der Wahlfreiheit für die Studierenden geführt. Einige europäische Universitäten haben sich nun zusammengefunden, um mit einem fundamentalen Neuansatz und in Anknüpfung an die klassische Universitätsidee gegenzusteuern.

Fragen an Hans-Joachim Gehrke über die EuniCult-Initiative© Deutsches Archäologisches InstitutProf. Dr. Hans-Joachim Gehrke
Forschung & Lehre: Das "Cultural Competencies Network (EuniCult)" will die Bedeutung der allgemeinen Bildung und der Persönlichkeitsbildung stärken und grenzt sich damit gegen die "starke Verschulung" der neuen Studiengänge ab. Geht es um die Kompensation von Mängeln oder um eine fundamentale Neuausrichtung?

Hans-Joachim Gehrke: Es geht hier nicht um das Kurieren an Symptomen, sondern um einen betonten Neuansatz, der freilich gar nicht so neu ist, sondern ältere Ansätze stark macht, revitalisiert und verbreitet: im Grundsatz die klassische Universitätsidee von Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt und - konkret - aus jüngerer Zeit Konzepte eines studium fundamentale als Teil der Persönlichkeitsbildung, wie sie etwa an den Universitäten Witten-Herdecke, Erfurt oder Sankt Gallen umgesetzt wurden.

F&L: Was kritisieren Sie konkret an der Bologna-Reform?

Hans-Joachim Gehrke: Die Bologna-Reform als solche hat viele positive Seiten. Man braucht sich nur einmal die originalen Dokumente anzusehen. Was verfehlt war und ist, ist ihre zum Teil extrem formalistisch- bürokratische Umsetzung, nicht zuletzt in Deutschland, aber beileibe nicht nur dort. Dies führt zu einer starken Verschulung und einer Einschränkung von Wahlfreiheiten. Man denke etwa nur an die in dem Konzept des "workloading" liegende Fiktion, alle Studierenden seien grosso modo gleich begabt und gleich vorgebildet. Wie gesagt, das muss gar nicht so sein. Wir wollen demgegenüber gerade die Spielräume nutzen, die Bologna auch bietet.

F&L: Sie suchen das Spezifikum der europäischen Bildung gerade nicht in einem fixierten Kanon, sondern in den Formen des Umgangs mit Tradition und Pluralität. Widerspricht das aber nicht der europäischen Tradition, die doch auf der Überlieferung "kanonischer Texte" und damit auch auf "Inhalten" beruht?

Hans-Joachim Gehrke: Natürlich gibt es kanonische Texte bzw. zahlreiche Versuche, bestimmte Texte als solche zu etablieren. Mit Jan Assmann spreche ich dann lieber von "fundierenden Texten". Es ist nämlich aus unserer Sicht gerade ein Charakteristikum europäischer Kultur, dass sich solche Tendenzen der Kanonbildung in Europa nicht wirklich durchgesetzt haben. Nicht einmal die Bibel, ein "heiliger Text", ist in dieser Hinsicht kanonisch. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen und Debatten um die großen Texte, die jederzeit um andere erweitert werden konnten. Dabei spielen die unterschiedlichen nationalen und regionalen Traditionen in Europa eine wichtige Rolle. Deshalb sprechen wir von einer Diskursgemeinschaft, die in bestimmten Bildern und Texten eine immer wiederkehrende Basis hat, sich aber in diesen nicht erschöpft. Eine Festlegung auf bestimmte Inhalte ist von daher nur bedingt möglich, und wir wollten diese nicht in den Vordergrund stellen um der kulturellen Offenheit nach innen und außen willen, die auch ein Charakteristikum europäischer Kultur ist.

F&L: Ideen Wilhelm von Humboldts spielen für die Formulierung des Kommuniqués eine wichtige Rolle. Welche sind gemeint?

Hans-Joachim Gehrke: Es geht hier ganz entschieden um Ausbildung durch Wissenschaft als Element der Bildung von Persönlichkeit, um die Offenheit der Neugier und des Fragens (statt der scheinbaren Gewissheit des passiven Lernens), um die Gemeinschaft der Erfahrenen und Jüngeren, die sich im Dialogischen des wissenschaftlichen Prozesses äußert.
F&L: Ein wesentliches Kennzeichen des klassischen Bildungsbegriffs ist seine scharfe Kritik der bloß nutzenorientierten, utilitaristischen Bildung. Davon ist in dem Kommuniqué nichts zu finden. Warum?

Hans-Joachim Gehrke: Wir sind der Meinung, dass unsere an der Wissenschaft und der Erkenntnis orientierte Didaktik durchaus einen Nutzen bringt, freilich nicht im Sinne kurzfristiger Verwertung. Es geht, mit Jacob Burckhardts Worten, darum, weise für immer, nicht klug für den einzelnen Fall zu machen; oder - um mit Thukydides noch weiter zurückzugreifen - um ein ktema es aei ("Besitz für immer").

F&L: Eine zentrale Aufgabe der bisherigen Arbeit des Netzwerkes lag darin, den Begriff "Schlüsselqualifikationen" schärfer als üblich zu fassen. Was sind "Schlüsselqualifikationen"?

Hans-Joachim Gehrke: Gerade von den eben gemachten Überlegungen her bestimmen wir die Schlüsselqualifikationen: nicht als konkrete technische Handlungsanweisungen, sondern als Fähigkeiten, sich eigenständig in einer Welt zu orientieren, die zunehmend unübersichtlich wird. Dabei geht es nicht nur um Denken und Wissen, sondern um Problemidentifizierung und -lösung bzw. die Kapazität dazu, nicht zuletzt aber auch um Verantwortung gegenüber sich selbst und den/dem jeweils anderen. Wie wichtig und nicht zuletzt auch nützlich das ist bzw. sein könnte, lehrt die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung besonders eindrucksvoll.

F&L: Sie versuchen, Elemente der "Klassischen Bildung" mit solchen der Naturwissenschaften und auch der Mündigkeit in politischen und gesellschaftlichen Fragen zu verbinden. Weil sie sich u.a. dieser Öffnung verweigerte, wurde die klassische Bildung zurückgedrängt. Warum sind Sie optimistisch, dass es zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelingen könnte?

Hans-Joachim Gehrke: Zum einen, weil ich ein unverbesserlicher Optimist bin, zum anderen, weil ich in den letzten Jahren immer wieder (gerade auch in der Erfahrung mit diesem Projekt, aber schon vorher vor allem während meiner Tätigkeit im Senat der DFG) gemerkt habe, wie sehr der wechselseitige transdisziplinäre Dialog gesucht wird, wie groß das Interesse vieler - und nicht der schlechtesten - Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure an der klassischen Bildung ist und wie sich auch Geisteswissenschaftler - etwa über Fragen der Methodik - gegenüber den Naturwissenschaften öffnen.

F&L: An dem Netzwerk beteiligen sich vierzehn europäische Universitäten, darunter sechs deutsche. Wie ist das Netzwerk entstanden?

Hans-Joachim Gehrke: Es ging auf eine Initiative der Guardini Stiftung zurück, und dann haben auch universitäre und internationale Kontakte der Beteiligten zunehmend gegriffen. Dank einer Unterstützung seitens des BMBF konnten wir in einer Serie von Konferenzen und dazwischen liegenden Konzeptualisierungen jetzt die im Kommuniqué fixierten Punkte vereinbaren.

F&L: Werden die Empfehlungen des Netzwerkes in den Curricula der Studiengänge der beteiligten Universitäten in den nächsten Jahren umgesetzt?

Hans-Joachim Gehrke: In der zweiten Phase geht es nunmehr um die konkrete Umsetzung in bestimmte Curricula an den beteiligten und weiteren interessierten Universitäten (die Zahl nimmt erfreulicherweise stetig zu). Dies geschieht zunächst auf dem Wege der Erprobung einzelner Module an einigen Universitäten. Danach müssen modellhaft Module entwickelt und den Studienbedingungen und -bestimmungen der verschiedenen Länder angepasst werden. Dann wird man merken, dass der Teufel im Detail steckt; denn Europa ist sich noch lange nicht so einig, wie Bologna signalisiert. Gerade da setzen wir ja an und sind deshalb optimistisch, weil wir schon einige "Detailteufel" beseitigen konnten.

Beteiligte europäische Universitäten
Freie Universität Berlin
Humboldt-Universität zu Berlin
Technische Universität Berlin
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Universität Erfurt
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Universidade Nova de Lisboa
Universidad Autónoma de Madrid
Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu
Universität St. Gallen
Université Marc Bloch de Strasbourg
Università degli Studi di Trieste
Università degli Studi di Urbino
Università degli Studi di Verona


Aus Forschung und Lehre :: November 2008

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