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Fragen Sie nie den Arzt! - Pharmafirmen in China


Von Angela Köckritz und Anne Kunze

Die chinesische Regierung ermittelt gegen westliche Pharmafirmen - im eigenen Interesse.

Fragen Sie nie den Arzt! - Pharmafirmen in China© Xuejun li - Fotolia.comKorruption im chinesischen Gesundheitswesen führt dazu, dass gesunden Patienten teure Medikamente verordnet werden
Der chinesische Pharmavertreter, den wir Herrn Xu nennen wollen, ist schon lange im Geschäft. Daher kennt er die Feinheiten der Bestechung. »Nur Anfänger«, sagt er, »gehen direkt zum Arzt im Krankenhaus und bieten Geld für die Verschreibung von Medikamenten.« Erfahrene Vertreter, wie er einer ist, seien da viel eleganter: Sie fangen die Ärzte auf dem Weg zur Arbeit ab, nennen nur ihre Firma und welche Medikamente sie im Angebot haben, dann halten sie ihre Hände hoch. »Fünf ausgestreckte Finger heißen: Für jedes verkaufte Medikament gibt es fünf Yuan Belohnung«, sagt Herr Xu. Im Normalfall erhalte ein Arzt zehn bis zwanzig Prozent vom Preis des Medikaments. Für welche Firma Herr Xu arbeitet, möchte er nicht sagen.

Aber dass es viele gibt wie Herrn Xu in China, zu viele, das steht fest. Chinesen klagen seit Langem über die Korruption im Gesundheitswesen, neuerdings macht sie auch internationale Schlagzeilen. Seit Juni wird in China gegen internationale Pharmakonzerne polizeilich ermittelt. Am bekanntesten ist der Fall des größten britischen Pharmaunternehmens, Glaxo SmithKline.

Die Vorwürfe lauten: Der Konzern soll mithilfe von Reisebüros und Beratungsfirmen Ärzte und Behördenvertreter geschmiert, beschenkt und auf Lustreisen eingeladen haben. Das Unternehmen kommentiert die konkreten Vorwürfe nicht, hat aber angekündigt, mit den chinesischen Behörden zu kooperieren. Die Verbindungen mit den unter Verdacht stehenden Reisebüros hat GSK bereits gekappt. Auch andere Pharmafirmen haben Grund zur Sorge. Die staatliche Behörde für Industrie und Handel hat eine Untersuchung in der gesamten Gesundheitsbranche angekündigt.

Big Pharma

Nach den USA und Japan ist China bereits der drittgrößte Pharmamarkt der Welt, nach Einschätzung von Analysten dürfte er aber bald auf Platz eins rücken. Folgende große Player sind auch in China tätig:

GlaxoSmithKline:

Das britische Unternehmen beschäftigt weltweit 99.500 Mitarbeiter und verzeichnete 2012 einen Umsatz von rund 32 Milliarden Euro;

Novartis:

Der Konzern mit Sitz in Basel machte vergangenes Jahr einen Umsatz von 43 Milliarden Euro und hat 128.000 Beschäftigte; Sanofi: Bei den Franzosen stehen 112.000 Menschen in Lohn und Brot. 2012 wurden Produkte im Wert von 35 Milliarden Euro verkauft;

AstraZeneca:

Gelenkt aus London, ist der Konzern das fünftgrößte Pharmaunternehmen der Welt. Umsatz 2012: 28 Milliarden Euro. Beschäftigte: 50.000;

Bayer:

47 Prozent seiner knapp 40 Milliarden Euro Umsatz machte der Riese aus Leverkusen im vergangenen Jahr im Gesundheitsbereich. Die Pharmasparte beschäftigt 55.300 Mitarbeiter.
Eine Insiderin wirft dem Schweizer Novartis-Konzern vor, sie zur Bestechung von Ärzten in großen Pekinger Krankenhäusern angestiftet zu haben, um Medikamente vertreiben zu können. Die frühere Angestellte forderte nach ihrem Weggang rund 800.000 US-Dollar Entschädigung, wie Novartis der ZEIT bestätigte. Zu weiteren Details wollte sich das Unternehmen nicht äußern.

Am 19. Juli hat die lokale Polizei schließlich einen Außendienstmitarbeiter der britischen Firma AstraZeneca in Shanghai befragt und festgehalten, wie das Unternehmen auf Nachfrage bekannt gab. Auch Deutschland könnte der Skandal bald erreichen: Bayer hat gegenüber der ZEIT erklärt, man sei von einer der Behörden kontaktiert worden. Zu Details über die Gespräche mit der Behörde wollte sich Bayer nicht äußern. Den Pharmafirmen war China bislang eine süße Verlockung.

Sie haben - auch weil ihre Umsatzentwicklung in den Industriestaaten schwach ist - massiv investiert und große Forschungseinrichtungen gebaut, oft für Krankheiten, die vor allem in Asien vorkommen. Dazu zählen etwa Hepatitis B und C, Leber- und Magenkrebs.

Schon jetzt ist China nach den USA und Japan der drittgrößte Pharmamarkt der Welt, dürfte aber nach Einschätzung von Analysten bald auf Platz eins rücken - schließlich wächst er jedes Jahr um 17 Prozent. Die Chinesen stellen eben mit wachsendem Wohlstand nicht nur höhere Ansprüche an ihre gesundheitliche Versorgung. Das Land steht auch vor einer gewaltigen Herausforderung, weil es zu altern beginnt, bevor Gesundheits- und Sozialsysteme ausgebaut sind. In diesem Wandel ergeben sich viele Ansatzpunkte für Korruption - einer davon sind die Mediziner.

Laut einer Umfrage der Ärztevereinigung sind 96 Prozent des Berufsstandes unzufrieden mit dem Gehalt, im Schnitt verdient ein Arzt nur etwa 19 Prozent mehr als ein Arbeiter. Eine Studie der Peking-Universität bescheinigt zudem jedem vierten Arzt eine Depression, und weniger als zwei von drei Ärzten glauben, dass sie von ihren Patienten respektiert werden. Grund genug haben sie: Mehr als 20.000-mal sollen Staatsberichten zufolge Ärzte vergangenes Jahr angegriffen worden sein. Gerade erst lieferte eine Familie aus der Provinz Fujian ein schwer krankes Kind in einem Krankenhaus in Shanghai ein. Es war zu spät, das Kind starb. Daraufhin stürmten 40 bis 50 Verwandte das Krankenhaus, griffen Mitarbeiter an, zertrümmerten Fenster, Türen, Möbel und Computer.

Fragen Sie nie den Arzt!
Früher, unter Mao, hat die chinesische Staatsführung eine rudimentäre Gesundheitsversorgung für alle organisiert, doch das änderte sich mit der Reformpolitik in den achtziger und neunziger Jahren. Da überließ der Staat die Krankenhäuser weitgehend sich selbst, und die Klinikchefs mussten in der neu entstehenden Marktwirtschaft für die Finanzierung sorgen. Schon wenige Jahre später, im Jahr 2000, galt das Gesundheitswesen laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation als eines der ungleichsten der Welt, China nahm den 188. Platz unter 191 Nationen ein. Wer Geld mitbrachte, wurde schnell behandelt, aber im Schnitt blieben nahezu zwei von fünf Kranken unbehandelt. Nur einer von zehn Chinesen verfügte über eine Krankenversicherung. Heute baut China sein Gesundheitssystem massiv aus. Der Staat investiert in Versicherungen und den Bau von Krankenhäusern, und das mit Resultaten: Die Weltbank schätzt, dass drei von vier Chinesen heute eine Krankenversicherung haben und viel mehr Kranke als zuvor wirklich in den Krankenhäusern behandelt werden.

Schaut man in die Kliniken hinein, findet man dort allerdings auch viele Gesunde in den Betten. Bis zur Hälfte der Patienten lägen ohne triftigen Grund dort, schätzen chinesische Gesundheitsfachleute. Erklären lässt sich das leicht: Krankenhäuser finanzieren sich noch immer zu 40 Prozent über Medikamentenverkäufe. In einigen Regionen beläuft sich der Anteil sogar auf 70 Prozent. Bedenkt man dann noch, dass viele Ärzte persönlich mitverdienen, wenn sie ein Medikament verschreiben, weil sie dafür von Pharmaindustrievertretern heimlich entlohnt werden, ist offensichtlich, warum Ärzte oft mehr tun als nötig, teure Diagnosen stellen und sogar unnötige Operationen durchführen. Ein kleines Beispiel meldete die Zeitung Guangzhou Daily: Ein Patient zahlte umgerechnet 80 Euro für Untersuchungen, Injektionen und ein Dutzend verschiedener Medikamente - weil er erkältet war.

Korruption im chinesischen Gesundheitswesen ist nicht neu. Das zeigt schon der Fall von Zheng Xiaoyu, Exdirektor der chinesischen Behörde für Lebensmittel und Medikamente, der 2007 mit einer Giftspritze exekutiert wurde, weil er unsichere Medikamente zugelassen hatte, nachdem er Millionen von Pharmafirmen erhalten hatte. Aber erst jetzt, da das korrupte System für den Staat teuer wird, soll es in großem Stil bekämpft werden. Bestechungsgelder verzerren am Ende nicht nur den Wettbewerb unter den Pharmakonzernen. Sie haben auch die Arzneimittelpreise in absurde Höhen getrieben. Pharmavertreter Xu zufolge machen Schmiergelder rund 40 Prozent des Medikamentenpreises aus, und so erklärt sich, dass Arzneien in China mitunter doppelt so viel kosten wie in Europa.

Solange das nur die Reichen zahlen mussten, fiel es nicht weiter auf. Aber nun fordert eben auch die restliche Bevölkerung eine medizinische Versorgung ein und leidet darunter, dass sie im Schnitt die Hälfte der Behandlungskosten tragen muss. Wenn aber in China ein Kampf gegen Korruption angekündigt wird, lohnt stets die Frage, wem das sonst noch nützt. Tatsächlich macht die Regierung ja beim Gesundheitswesen nicht halt, auch gegen Produzenten von Babymilchpulver und gegen ein Verpackungsunternehmen ermitteln die Behörden, und ständig veröffentlichen chinesische Medien neue Windungen der Skandale. Kontrolliert werden die Medien von der Partei, die damit die großen Defizite des chinesischen Gesundheitssystems eingesteht, aber gleichzeitig die Wut der Bevölkerung von sich auf die internationalen Unternehmen lenkt.

Außerdem liegt es nahe, dass die chinesische Führung die heimische Pharmabranche gegenüber der ausländischen Konkurrenz stärken will. Es würde zumindest in den großen Plan passen, heimische Unternehmen zu fördern, die nicht vom Export leben, sondern die Binnenkonjunktur stützen. Chinesischen Pharmafirmen hat die Regierung aufgetragen, 30 neue Medikamente bis zum Jahr 2015 zu entwickeln, und noch einmal weitere 70 bis zum Jahr 2020. Nach Ansicht von Branchenbeobachtern ist das im Moment unmöglich, weil der chinesische Pharmamarkt aktuell vor allem aus Firmen besteht, die eine Lizenz im Westen erwerben und bekannte Medikamente nachahmen - sowie aus einer großen Fälschungsindustrie. Also lässt die Regierung überall im Land Forschungszentren bauen, die sie mit mehr als einer Milliarde Euro fördert. Dazu kommen noch einmal rund drei Milliarden von Lokalregierungen und Industrie. Fest steht: China möchte seinen Pharmamarkt mit großem Nachdruck entwickeln.

Mitarbeit: Edda Grabar

Aus DIE ZEIT :: 22.08.2013

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