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Frauen müssen wählen: Hochstuhl oder Lehrstuhl?

Von Jeanette Otto

Kinder sind im Uni-Betrieb nicht vorgesehen, vor allem wenn es um höhere Positionen geht - vier Frauenporträts zwischen Alltag und Wissenschaft.

Frauen müssen wählen: Hochstuhl oder Lehrstuhl?Angelika Lohwasser, 41, hat ihre Habilitation mit drei Kindern geschafft
So richtig passt es nie: Ob das Kind nun vor oder nach dem Studium kommt, irgendwie stört es immer. Zuerst verhindert es, das Studium in der Regelzeit zu schaffen. Dann zögert es die Promotion über Jahre hinaus, und später kann es passieren, dass es die Professur vermasselt, weil die männlich dominierte Berufungskommission einer inzwischen vielleicht zweifachen Mutter nicht zutraut, ganz im Dienste von Lehre und Forschung zu stehen.

Fast nirgends sind Frauen so unterrepräsentiert wie in der Wissenschaft. Während im Durchschnitt 50 Prozent aller Hochschulabsolventen in Deutschland weiblich sind, sinkt die Zahl der Frauen an den Unis mit jeder weiteren Karrierestufe deutlich. Nur noch 40 Prozent von ihnen schaffen eine Promotion, rund 23 Prozent habilitieren sich. Nur zehn Prozent der vollen Professuren in Deutschland sind weiblich besetzt.

"Ohne Familie ist kein Staat und erst recht keine Hochschule zu machen", sagt Detlef Müller-Böling vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). In einem vom CHE und der Robert-Bosch-Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerb wurden vor Kurzem acht Hochschulen für ihre familienfreundlichen Konzepte ausgezeichnet und mit jeweils 100 000 Euro belohnt, darunter die FU Berlin, die Unis Jena und Marburg und die FH Potsdam.

Ein Uni-Kindergarten allein macht aber eine Hochschule noch nicht frauenfreundlich. Wenn Frauen in höhere wissenschaftliche Positionen gelangen wollen, haben sie oft immer noch schlechtere Karten, ob mit oder ohne Kind.

Eine aktuelle Studie über Berufungsverfahren zeigt, dass Männer von informellen Netzwerken profitieren, in denen Frauen oft nicht verkehren. Die Wunschkandidaten stehen oft schon vor dem Verfahren fest.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fordert nun, den Frauenanteil in Vollprofessuren in den nächsten fünf Jahren auf 15 Prozent anzuheben. Selbstverpflichtende Gleichstellungsstandards sollen dabei helfen. Fern jeder Quote. Ob das die unterschwellige Diskriminierung von Frauen in Berufungsverfahren verhindert, bleibt unwahrscheinlich.

Aber die gute Nachricht ist, dass sich die Frauen ihre Kinder trotzdem nicht ausreden lassen, wie die Porträts von Studentinnen und Wissenschaftlerinnen auf den folgenden Seiten zeigen.


Lesen Sie auf den folgenden Seiten vier Porträts von
Wissenschaftlerinnen mit Kindern

Paarlauf

ein Porträt über Angelika Lohwasser

Von Jeanette Otto

Natürlich wäre ohne die Kinder alles schneller gegangen. Die Habilitation wäre längst abgeschlossen, eine Festanstellung gesichert. Stattdessen kam alle drei Jahre ein Kind. "Wie Malaria", scherzt Angelika Lohwasser. Der älteste Sohn ist neun, die Tochter sechs und der Kleine drei Jahre alt. Und ihre Mutter nun arbeitslos.

Sie bewirbt sich auf Stellen in Museen und Professuren im Fach Ägyptologie im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Ägyptologie ist ein kleines Fach mit gerade mal zwölf Lehrstühlen in Deutschland. Die meisten sind von Männern besetzt. Bisher ist Angelika Lohwasser in allen Bewerbungsverfahren knapp gescheitert. Liegt es an den Kindern, dass sie am Ende nicht auf Platz eins landet?

Liegt es daran, dass sie wenig "Feldarbeit" vorweisen kann, weil sie in den letzten Jahren ihre Kinder nicht wochenlang allein in Berlin lassen wollte, nur um zu einer Ausgrabung in den Sudan zu fahren? "So habe ich das bis jetzt noch nicht interpretiert", sagt Angelika Lohwasser.

Aber "wie in Wellen" kommt manchmal dieses Gefühl über sie, es jetzt erst recht allen beweisen zu müssen, nur weil sie Mutter ist. In der Liste ihrer Veröffentlichungen ist keine Lücke zu entdecken. Niemand kann daraus entnehmen, dass sie in den letzten neun Jahren drei Kinder zur Welt brachte. Sie publizierte und arbeitete immer weiter, egal, wie klein die Kinder waren.

"Die Frage stellt sich natürlich, ob es gut ist, dieses System durch das eigene Verhalten zu unterstützen oder besser den Widerstand zu proben. Aber dann riskiert man, selbst vor verschlossenen Türen zu stehen. " Also versucht sie, die vorhandenen Strukturen so weit wie möglich auszureizen. "Wenn ich es schaffe, bin ich zumindest ein Vorbild dafür, dass es klappen kann", sagt sie. Damit wäre das Problem ihres Mannes allerdings noch nicht gelöst.

Denn auch er ist Ägyptologe und würde sich gerne habilitieren. Bisher hat er seiner Frau den Vorrang gelassen und selbst zurückgesteckt. Er arbeitet als Kunstbronzegießer im Schichtdienst. Das ist nicht die Erfüllung, aber nur so kann er verlässlich die Hälfte der Familienarbeit übernehmen. Demnächst wird seine Frau fünf Wochen lang im Sudan sein. Zum ersten Mal nach langer Zeit wird sie eine Ausgrabung leiten. Vielleicht ist dieses Projekt der Schlüssel zu einer gesicherten Stelle. Und dann wäre irgendwann er dran, so lautet der Plan.


Lesen Sie auf der nächsten Seite das Porträt von Susanne Schlünder, Juniorprofessorin an der Uni Osnabrück

Kraftakt

ein Porträt über Susanne Schlünder

Von Jeanette Otto

Susanne Schlünder hatte viel zu tun in den letzten neun Monaten. Sie hat ihr zweites Kind bekommen, mit Kollegen eine Tagung geleitet, Drittmittel eingeworben, wissenschaftliche Artikel geschrieben und verschiedene Bewerbungsverfahren durchlaufen.

Offiziell ist die Romanistin bis August in Elternzeit, aber ihr Arbeitspensum hat sich kaum verringert. "Spinnst du, warum tust du dir das an?", fragt ihr Mann sie manchmal. "Es ist eigentlich unmöglich, in der Elternzeit einfach auszusteigen ", sagt sie dann. "Die Projekte laufen weg, und am Ende muss ich etwas vorweisen."

Ihre Juniorprofessur an der Uni Osnabrück ist auf sechs Jahre befristet, nach drei Jahren erfolgt eine Evaluation. "Hätte ich jetzt ein Jahr ausgesetzt, wäre die in Gefahr gewesen", sagt Schlünder. Ein wenig neidisch blickt sie da nach Frankreich oder England: "Dort gibt es nach der Promotion entfristete Dauerstellen. Eine britische Kollegin in Elternzeit sagt konsequent alles ab."

Zehn Jahre lang hangelte sich Susanne Schlünder von einem Kurzvertrag zum nächsten. "Unter solchen Bedingungen gründet keine Frau guten Gewissens eine Familie." Sie war 36, als sie mit einer Stelle an der Humboldt-Uni zum ersten Mal eine Perspektive von fünf Jahren hatte. Da wagte sie es, ein Kind zu bekommen. Nach acht Wochen Mutterschutz ging sie zurück an die Uni.

Ihr Mann ist freischaffender Künstler, und so hat sie die Rolle des Hauptversorgers übernommen, während er sich um die Kinder kümmert. Er ist es, der das Baby zum Stillen ins Kongress zentrum bringt oder unbemerkt den Kinderwagen um die Ecke schiebt, wenn seine Frau einen Bewerbungsvortrag für eine Professur hält. "Wenn man Kinder hat, sollte man besser so tun, als hätte man sie nicht", sagt Susanne Schlünder. Sie wünscht sich, dass Kinder viel stärker "mitgedacht " würden. Es sollte möglich sein, Termine in Bewerbungsverfahren verschieben zu können.

"Damit niemand mehr eine Woche vor oder nach der Entbindung den entscheidenden Vortrag halten muss." Gerade in diesem letzten Jahr, das eigentlich ihrer Tochter gehören sollte, hat sich die Wissenschaftlerin bis an die Grenzen ihrer Kräfte ausgetestet. "Aber was wirklich an mir nagt", sagt Susanne Schlünder, "ist, dass ich meine Habilitation nicht auch noch in der Elternzeit abgeschlossen habe."

Lesen Sie auf der nächsten Seite das Porträt von Sandy Schneider, Studentin an der Hochschule Magdeburg-Stendal

Fehlstart

ein Porträt über Sandy Schneider

Von Alexandra Busse

Die ersten Jahre nach der Geburt ihrer Kinder stand Sandy Schneider unter großem Druck. Den Kleinen fiel die Eingewöhnung in die Kinderkrippe schwer, weshalb sie dauernd krank waren. Gerade in den Wintermonaten verging kein Monat ohne Schnupfen und Husten. An der Universität Magdeburg aber wusste kaum jemand von ihren Sorgen als zweifache Mutter.

Die Vorlesungen in Betriebswirtschaft gingen oft bis in den Abend hinein, aber die Kinderkrippe hatte schon um fünf geschlossen. Schneider hatte kaum Kontakt zu den Professoren. "Ich hab so vor mich hin gelernt", sagt sie. Wenn sie mit den Kindern an die Uni ging, wurde sie angestarrt, als käme sie vom Mond.

"In der Mensa gab es zwei Kinderstühle, aber das war auch alles in Sachen Kinderfreundlichkeit. " Sie hat viele Seminare und Vorlesungen verpasst in dieser Zeit. "Abends saß ich manch mal da und habe gesagt: Ich kann nicht mehr. Ich habe einfach keine Lust mehr."

Eine Lehre kam mit den Kindern allerdings auch nicht infrage. Schließlich lassen sich Familie und Ausbildung noch schlechter verbinden. Also entschied sich Sandy Schneider schließlich, die Universität zu verlassen. Seit drei Jahren studiert sie jetzt Gesundheitsförderung und Management an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Seitdem ist alles einfacher.

"Ich musste zwar noch einmal komplett von vorne anfangen, aber ich hatte einiges schon mal für BWL gelernt." Ihre beiden Kinder sind inzwischen vier und sechs und kaum noch krank. Wenn die Vorlesungen einmal später anfangen, kommen sie einfach mit an die Hochschule. Studenten im Fach Soziale Arbeit haben dort eine Kinderbetreuung auch für den Abend organisiert.

"Für die Kinder ist das ein Highlight, wenn sie mit der Mama an die Uni gehen dürfen", erzählt Schneider. Im Augenblick arbeitet sie an ihrer Bachelorarbeit. Das Thema: Anforderungen an die Kinderbetreuung im Setting Hochschule. Während ihrer Recherche an ostdeutschen Universitäten war sie vor allem positiv überrascht: "Die meisten bieten inzwischen eine Kinderbetreuung an und geben Eltern die Möglichkeit, in den Urlaubssemestern Prüfungen abzulegen. Das hätte ich mir auch gewünscht." Ab Herbst möchte Schneider am liebsten noch einen Master machen. "Jetzt, wo sich alles so gut eingespielt hat."


Lesen Sie auf der nächsten Seite das Porträt von Christina Schrage, Studentin an der Universität Wismar

Pflicht und Kür

ein Porträt über Christina Schrage

Von Alexandra Busse

Christina Schrage studiert vor allem zu Hause. Aber pünktlich um 15 Uhr muss sie fertig sein, um ihre zweijährige Tochter Romy aus der Kinderkrippe abzuholen. "Mir tut es ausgesprochen gut, dass ich mich so strikt organisieren muss", sagt sie. "Seit mein Kind da ist, arbeite ich viel effektiver."

Die 31-Jährige hatte nach dem Abitur zunächst einige Jahre als Medizinische Dokumentationsassistentin gearbeitet und sich erst mit Mitte 20 für die Hochschule entschieden. "Mir war klar, dass ich, wenn ich mit dem Studium fertig bin, schon relativ alt sein werde für das erste Kind", erzählt sie. Schrage studiert Kommunikationsdesign und Medien und hat sich ganz bewusst für eine Schwangerschaft im Hauptstudium entschieden.

Während im Grundstudium noch Anwesenheitspflicht herrscht, können sich die Studenten nach dem Vordiplom ihre Zeit frei einteilen. Die Hochschule Wismar gilt als besonders familienfreundlich und gehört zu den acht Gewinnern des vom Centrum für Hochschulentwicklung und der Robert-Bosch-Stiftung ausgeschriebenen Wettbewerbs "Familien in der Hochschule".

Wismar überzeugte mit seinen Modellen zu Mobilität und Flexibilisierung. So kommuniziert Christina Schrage meist per Mail und Telefon mit ihren Professoren. Ins 65 Kilometer entfernte Wismar fährt sie von ihrer Heimatstadt Rostock aus nur einmal pro Woche, um Seminare zu besuchen. Romy war sogar schon in einer mündlichen Prüfung dabei.

Während die Studentin ihre Bilder verteidigte, schlief das Baby in seinem Kinderwagen. "Wenn sie geweint hätte, hätte ich eben eine Pause gemacht." Gerade war Schrage in Berlin, um einen Preis in Empfang zu nehmen. Sie hatte bei einem deutschlandweiten Plakatwettbewerb des Studentenwerks den zweiten Platz gewonnen. Als Nächstes macht sie sich an ihre Diplomarbeit. Sie möchte eine Corporate Identity für Romys Kindergarten entwerfen - vom Logo bis zur Geschäftsausstattung.

"Ich erlebe gerade alles mit meinem Kind mit und möchte deshalb etwas gestalten, was mit ihm zu tun hat." Bis ihre Diplomarbeit fertig ist, wird es noch etwa ein Jahr dauern. Gerade hat sie ein Urlaubssemester beantragt, um die Regelstudienzeit nicht zu überschreiten. "Mir ist es wichtig, meine Nachmittage mit meiner Tochter zu verbringen und sie aufwachsen zu sehen", erzählt sie. "Das wäre so nicht möglich, wenn ich durchstudieren würde oder feste Arbeitszeiten hätte."

Aus DIE ZEIT :: 17.07.2008

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